FUGE – UNFUG – E (Dieter Kaufmann) und What next? (Elliott Carter) in der Wiener Kammeroper

FUGE – UNFUG – E (Dieter Kaufmann) und What next? (Elliott Carter) in der Wiener KammeroperAm Mittwoch ging in der Kammeroper die Premiere der jüngsten Produktion der rührigen “Neue Oper Wien” über die Bühne: Ein Doppelabend mit der Uraufführung von Dieter Kaufmanns Monodram für Sprecherin, Posaune und Orchester nach einem Stück von Elfriede Jelinek – eine Hommage an den die letzten 27 Jahre in Nervenheilanstalten verbringenden Schweizer Dichter Robert Walser. Und als österreichische Erstaufführung folgte darauf dann die erste und einzige Oper von Elliott Carter, die der damals noch jugendliche Komponist (er wird demnächst 100) im zarten Alter von neunzig für Berlin schrieb.  

Nach der erfolgreichen Uraufführung seines “Requiem für Piccoletto” 2006 hat Dieter Kaufmann sich erneut einem Bühnenstück gewidmet. Ausgangspunkt ist eine Musik, die allerdings ursprünglich ein Posaunenkonzert (für das ensemble reconsil unter Roland Freisitzer) werden sollte. Doch Jelineks Text über Walser ließ den Komponisten nicht mehr los, schlich sich mehr und mehr in das Konzert, und so entstanden mit “FUGE – UNFUG – E” laut Kaufmann “zwölf Variationen über einen großen Einsamen”.

Das Stück “er nicht als er” (dahinter verbirgt sich “Rob-ER-t Walser NICHT ALS Rob-ER-t Walser) schrieb Jelinek 1998 für ihren Schwerpunkt bei den Salzburger Festspielen, bei dem sie Dichter präsentierte, denen sie sich verwandt fühlte: Außenseiter, Verfolgte, Verstummte, Verstörte, Kranke – die alle etwas miteinander verband: das Sich-selbst-Fremdsein und zugleich die besessene Suche nach einer Präzision: “Der Schriftsteller soll endlich zur Sache kommen und sich ausdrücken!”. Das Ende Walsers: “Da liegt der Dichter tot im Schnee und der Hut ist ihm vom Kopf gefallen und liegt neben ihm, aber noch auf dem Foto drauf” [das es von ihm wirklich gibt]. “Der Titel des Titels ist aus den Silben seines Namens zusammengesetzt, doch das ergibt kein Ganzes und keinen Sinn. Rob-ert-t nicht als Wals-er, er nicht als er. Keiner. Alles. Von ihm, auch das meiste an diesem Text” (Elfriede Jelinek).

In der Programmbesprechung schreibt Pia Janke, Leiterin des Jelinek gewidmeten Forschungszentrums, über Kaufmanns Musik und Vertonung: Dieter Kaufmann hat dieses Sprechen unangetastet gelassen. In seiner musikalischen Fassung wird Jelineks Text von einer Sprecherin interpretiert, die dem Orchester gegenübersteht.

 

 
Die Musik fungiert als eine Art “akustisches Bühnenbild” für den Text. Sprache und Musik – ein Orchester mit solistischer Posaune – sollen einander mit Distanz begegnen. Kaufmann bezeichnet das Verhältnis zwischen ihnen als ein ,autonomes Gegenüber von zwei unterschiedlichen Persönlichkeiten’. Musikalische Formen wie Passacaglia, Fuge und Choral, die auch immer wieder ,Inseln freier Form- und Klanggestaltung und damit die Möglichkeit gegenseitiger Einflussnahmen’ einschließen, bestimmen die Komposition. So ist auch Kaufmanns Annäherung an Jelinek eine aus liebevoller Distanz, die den Text nicht vereinnahmt, sondern ihn in seiner Vielschichtigkeit zum Sprechen bringt.”

Viel Applaus für Gunda König, die den Dichter, der im Irrenhaus keine Zeile mehr geschrieben hat, in dieser vielschichtigen Situation als “Frau” verkörpert, neben ihr in einer stummen Rolle im Glaskasten Bili Baumgartner als “Mann”.

“Das Chaos beginnt, und die Ordnungen verschwinden.” Dieser Satz aus Elfriede Jelineks Stück charakterisiert treffend auch die Ausgangssituation in Elliott Carters “What next?”: In der 1990 entstandenen Oper Carters befinden sich sechs Personen im Schockzustand nach einem Unfall. Sie wissen nicht mehr, wer sie sind und wo sie sind, und vor allem wissen sie nicht mehr, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Jeder hält sich krampfhaft an seinen Erinnerungsresten fest, und nur mühsam finden sie sich selbst und ihre Sprache zurück. Durch die Sprachlosigkeit und die Entfremdung der Personen zeichnen Carter und sein Librettist Paul. Griffiths eine Parabel auf den Überfluss an Kommunikation in der heutigen Welt.

 
“What next?”, ein 40-minütiger Einakter enthält eine ungemein gute, komplexe Musik, die sich dem Genre Oper kompromisslos neu zuwendet. In einer New Yorker Kritik der Aufführung am Miller Theater im Dezember 2007 heißt es: “Mr. Carter’s Modernist musical language may be audaciously complex, but the sheer visceral impact, endless variety and myriad colorings make it effectively dramatic. The vocal parts, full of skittish leaps, are daunting to sing. Amid the fitfulness are tender episodes, wistful, dusky, harmonically tart passages that seem to comfort the characters, as when the sad mother, recalling her home, with its well-stocked refrigerator, sings: “The boiler below like the engine of our little ship/carrying us safely nowhere else/which is where we all wanted to be.” […]
What next? That’s the big question this little opera grapples with so affectingly.”

Rose, in Wien verkörpert durch Jennifer Davidson, die auch bereits etwa in “Bählamms Fest” von Olga Neuwirth sang, sagt: “Where did they all go? Why did the go? There has to be an audience” und versucht einen szenischen Auftritt. Und Stella (die sympathische und kompetent agierende Anna Clare Hauf) meint: “This apparent universe appears to be our home. It is as if designed for us. But we not for it.”

Johannes Erath inszenierte, Walter Kobéra leitete das bei Carter durch vier Schlagzeuger und Klavier angereicherte amadeus ensemble-wien. Der Spielortwechsel in die Wiener Kammeroper musste kurzfristig erfolgen und die Mitarbeiter des Hauses boten Unterstützung dabei. Weitere Vorstellungen ebendort sind noch am 6., 9., 11. & 12. Dez. 2008, 19.30 h, zu sehen.
Heinz Rögl (unter Verwendung der Presse- und Programmhefttexte)

Neue Oper Wien in der Wiener Kammeroper:
FUGE – UNFUG – E

Monodram von Dieter Kaufmann
nach Elfriede Jelineks Stück “er nicht als er (zu, mit Robert Walser)”

Uraufführung
Premiere: 3. Dezember 2008, 19.30 h
Weitere Vorstellungen: 6., 9., 11. & 12. Dez. 2008, 19.30 h
Spielort: Wiener Kammeroper
Einführungsgespräch mit Walter Kobéra und Dieter Kaufmann
jeweils vor den Vorführungen um 18.45 h, Wiener Kammeroper

Musikalische Leitung Walter Kobéra
Inszenierung Johannes Erath
Ausstattung Katrin Connan
Lichtdesign Christian Weißkircher
Dramaturgie Alexandra Noël

Frau Gunda König
Mann Bili Baumgartner
Posaune Renate Slepicka

amadeus ensemble-wien

What next?
Oper in einem Akt von Elliott Carter
Libretto von Paul Griffiths

Österreichische Erstaufführung

Premiere: 3. Dezember 2008, 19.30 h
Weitere Vorstellungen: 6., 9., 11. & 12. Dez. 2008, 19.30 h
Spielort: Wiener Kammeroper
Einführungsgespräch mit Walter Kobéra und Dieter Kaufmann
jeweils vor den Vorführungen um 18.45 h, Wiener Kammeroper

Musikalische Leitung Walter Kobéra
Inszenierung Johannes Erath
Ausstattung Katrin Connan
Lichtdesign Christian Weißkircher
Dramaturgie Alexandra Noël

Rose Jennifer Davison
Mama Christa Ratzenböck
Stella Anna Hauf
Zen Camillo dell’Antonio
Harry oder Larry Marco Di Sapia

amadeus ensemble-wien

Fotos © Neue Oper Wien