Bild Christina Ruf
Christina Ruf (c) Marion Lachmayr

„Für mich war immer klar, ich will nicht am Cello ‚Cello spielen‘, sondern ich will am Cello Musik machen“ – Christina Ruf im mica-Interview

Die experimentelle Cellistin und Komponistin CHRISTINA RUF hat am 5. Mai  als ihren dritten Solo-Release das Album „TØ“ veröffentlicht, dem gingen innerhalb eines Jahres ein Album und eine EP voraus. Ihre Musik und ihr Zugang dazu sind ungewöhnlich, voller Bilder und Emotionen, aber stets weg von Klischees und hin zu Neuem, Unbekannten. Sie macht einfach das, was sie fühlt – bei ihren Entscheidungen und in ihrer Musik. CHRISTINA RUF im Interview mit Yvonne-Stefanie Moriel.

Du hast ja im Mai 2020 dein neues Album „TØ“ veröffentlicht. Gibt es eine Geschichte zur Entstehung?  

Albumcover “TØ”

Christina Ruf: Das war ein ganz natürlicher Prozess. Dadurch, dass ich Anfang 2019 mein erstes Soloalbum und im Dezember die EP veröffentlicht habe, war es für mich irgendwie ganz klar dieses nächste Soloalbum zu machen. Ich habe dann die bereits bestehende Aufnahme von „Ooze“ wiederentdeckt, das hat mir einen Motivationsschub und auch die Inspiration für die weiteren Stücke gegeben. Innerhalb von zwei Monaten ist dann das gesamte Album entstanden. Ich habe meine ganze Energie da reingelegt, es war plötzlich ein sehr starker Drang da „mein Ding“ zu machen, das was ich eigentlich machen will im Leben, ohne Kompromisse. Ich habe mich auch intensiv mit Designer Rubén Chumillas ausgetauscht, der das Cover des Albums gemacht hat und zurzeit in Island in einem 150 Einwohner-Ort lebt. Ausgehend vom Titel, dem ersten Stück „Ooze“ und meinen mit ihm geteilten Gedanken hat er den Prozess des Schmelzens von Eis und Schnee beobachtet und fotografiert und mir schon während des Entstehungsverlaufs des Albums seine Fotos und Ideen geschickt. Das fertige Design ist aus einzelnen Photographien entstanden, wirkt aber 3D. Sehr spannend…

Wie entsteht deine Musik, hast du ein Grundgerüst oder dominiert die freie Improvisation?  

Christina Ruf: Oft entstehen die Kompositionen aus einer Improvisation heraus, die Grundidee und die Form entstehen so meistens relativ schnell. Auf einem Element bauen sich dann die anderen Elemente und der ganze kreative Prozess auf. Komposition, Arrangement, Einspielen etc. mache ich alles selber. Aufgenommenes wird bearbeitet und wieder aufgenommen, manipuliert, arrangiert und so entsteht dann schlussendlich die Produktion.

Deine Musik ist sehr bildgewaltig. Was inspiriert dich? 

Christina Ruf: Die Bilder sind irgendwie einfach in mir und meiner Musik drin, das ist gar keine Absicht. Meistens inspiriert mich dabei die Natur die uns umgibt, was in ihr passiert, sich verändert. Ich liebe die schroffe Deformation der Erde. Das hat mich schon immer angesprochen. Ich beobachte einfach gerne Details und ich mag es auch in der Musik, die kleinen Details zu bearbeiten und dann doch die große Form, die Zusammenhänge und das Gesamtbild anzusehen.

„Bei mir war nie eine Abneigung gegen Klischees im Vordergrund, sondern eher einfach dieses grundsätzliche Interesse an Neuem, das mich angetrieben hat.“

Wie hat sich dein doch sehr intuitiver Bezug zu Musik und zur elektronischen Musik entwickelt?  

Christina Ruf: Angefangen hat das mit dem großen Wunsch als zehnjähriges Mädchen, Cello spielen zu wollen. Mich hat aber nie eine klassische Cello-Sonate interessiert, sondern es war der Klang dieses Instrumentes, der mich fasziniert hat. Ich mochte das Tiefe daran. Ich habe meinem Bruder zugeschaut, wir er am Cello herumgequietscht hat, obwohl er eigentlich viel lieber Schlagzeug gelernt hätte, und mir gedacht „Wow, das ist es. Dieses Instrument will ich spielen“. Für mich war immer klar, ich will nicht am Cello „Cello spielen“, sondern ich will am Cello Musik machen. Das war ganz stark da, genauso wie der Drang zu komponieren und nicht nur Instrumentalistin zu sein, sondern eigene Musik zu machen.
Ich habe damals in unterschiedlichen Bands gespielt und bin dann auf die Idee gekommen, mir ein E-Cello zu kaufen. Zu dieser Zeit war ich allerdings noch nicht an einem Punkt angelangt, wo ich dieses elektronische Instrument voll ausschöpfen konnte und war fast ein wenig enttäuscht davon. Einige Jahre später habe ich mir dann ein 6-saitiges E-Cello gekauft, um mehr Höhen und mehr Tiefen zu haben und erst durch diese erweiterte Range und meine beginnende Beschäftigung mit Effektgeräten konnte ich das E-Cello dann wirklich als eigenes Instrument begreifen und war fasziniert davon. Früher habe ich viel mit Präparation am Cello gearbeitet und die Elektronik auch genau so genutzt, beobachtet, was es mit dem Klang macht und wie ich dann wieder „neu“ spiele durch diese anderen Klänge. Dieses „Interesse am Neuen“ war immer ein treibender Faktor. Ich habe auch bei meinem Studium an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien den Schwerpunkt „Freie Improvisation und neue Musikströmungen“ gewählt, der sehr prägend für mich und für alle meiner weiteren Schritte war, sowohl musikalisch als auch menschlich. Ich habe damals sehr viele neue und interessante Menschen kennengelernt, viele eigene Projekte begonnen, mit verschiedensten Bands gespielt und mich dabei eigentlich nie auf bestimmte Genres beschränkt. Ich liebe wirklich so viele Arten von Musik, das geht von Bach bis hin zu Aphex Twin. 

Bild Christina Ruf
Christina Ruf (c) Saleh Rozati Photography

Du hast ja bereits sehr viele unterschiedliche und spannende Projekte gemacht, unter anderem auch mit der Indie-Pop-Band Hearts Hearts. Werden weitere Kollaborationen folgen? 

Christina Ruf: Ja das stimmt, spannende Kollaborationen habe ich schon immer sehr genossen und da hab’ ich auch noch viel vor. Mit Hearts Hearts habe ich damals in Kooperation an ihrem ersten Album gearbeitet und das war wirklich sehr schön. Jetzt steht dann ein Release mit der Sängerin Petra Steinkogler bevor, wo wir ein Album im Bereich Experimental Pop herausbringen werden. Hier habe ich mir die Freiheit genommen, fast alle Instrumente am Album selber einzuspielen. Das ist auch wieder ein Pop-Projekt, aber mit sehr speziellen Seiten. Ich habe auch ein Trio im Bereich freie Improvisation und elektronischer Musik mit Erik Emil Eskildsen an der 8-saitigen Gitarre, mir am 6-saitigen E-Cello und Tobias Leibetseder an der Stimme und mit deutschen Texten, wo auch bald ein sehr spannendes Album erscheinen wird. Dann noch die Cello-Performance mit Ahoo Maher, eher ein performativer Akt, wo wir auch bald wieder nach Auftrittsmöglichkeiten suchen werden.

Wirst du in Zukunft deinen Fokus stärker auf solistische Tätigkeit legen? 

Christina Ruf: Ich liebe es nach wie vor mit anderen gemeinsam Musik zu machen, aber gerade jetzt wo ich viel auf mich alleine gestellt bin durch die Social-Distancing Situation habe ich das Gefühl, dass solistisch sehr viel weiter geht. Das ist jetzt aber nicht wirklich eine Gewichtung, beides ist sehr wichtig für mich und befruchtet sich gegenseitig. Früher habe ich schon dazu geneigt, sehr viele Dinge zuzusagen – mein Fokus hat sich insgesamt aber auf jeden Fall in eine Richtung entwickelt wo ich viel stärker darauf achte, was ich wirklich will und wo ich etwas sehe, das wachsen kann. 

Wie hat sich die Corona-Zeit denn generell auf deine künstlerische Arbeit ausgewirkt? 

Christina Ruf: Ich habe eigentlich schon seit einigen Monaten gemerkt, dass sich in mir was verändert und ich mir Gedanken darüber mache, wo es hingehen soll. Dieses In-sich-Gehen hat bei mir also schon vor Corona begonnen und einen Prozess in Gange gesetzt, der die Isolation dann gar nicht so schlimm bzw. zu einer großen Veränderung gemacht hat für mich.

„Die Bilder sind irgendwie einfach in mir und meiner Musik drin, das ist gar keine Absicht.“

Was kommt als nächstes bei dir? 

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Christina Ruf (c) Saleh Rozati Photography

Christina Ruf: Einerseits eh gleich wieder weiter an den nächsten Kompositionen und Soloalben arbeiten. Dann hat sich mein Konzert in der Alten Schmiede in Wien, wo ich mein Album bzw. Soloprojekt präsentiert hätte, in den Oktober verschoben, auf das freue ich mich sehr und hoffe, dass es auch stattfinden kann. Ich möchte auch in Zukunft gerne mehr live und auch mehr Solo auftreten, durch Corona ist eine Vorausplanung von Live-Auftritten momentan eher schwierig finde ich und auch durch die Organisationsarbeit für das vorher angesprochene Pop-Album hat sich das einfach ein bisschen nach hinten verschoben. Aber ich habe sehr viel vor, da sind sehr viele Projekte und Veröffentlichungen, die vor mir liegen und hoffentlich bald das Licht der Welt erblicken. Es gibt so viele Dinge die schon richtig lodern!

Deine vorhergehenden Solo-Alben sind ja in relativ kurzer Abfolge erschienen, wird sich das so fortsetzen? 

Christina Ruf: Ich habe jetzt keine genaue Deadline für mich gesetzt, aber es ist absolut klar für mich, dass ich da bald wieder intensiv daran arbeiten werde, also vielleicht kommt da im Herbst wieder etwas. Ich habe ja bis jetzt nur als DIY-CD, online und ohne Label released, da ich nicht wollte, dass eine Label-Suche das Ganze verzögert oder beeinflusst. Aber für mein nächstes Album möchte ich mich durchaus gerne nach einem passenden Label umsehen, auch um eine entsprechende Plattform für meine Musik zu haben.

Abschließend: Was war einer deiner spannendsten musikalischen Momente? 

Christina Ruf: Als ich letzten Februar gemeinsam mit meinem Mann Erik Emil Eskildsen und Tobias Leibetseder für das vorhin erwähnte Album aufgenommen habe, sind einige sehr spezielle Momente entstanden. Dinge sind mit so einer Leichtigkeit passiert – die Erinnerung daran ist sehr besonders.

Vielen Dank für das Gespräch!

Yvonne-Stefanie Moriel

Links:
Christina Ruf
Christina Ruf (bandcamp)
Christina Ruf (Instagram)