„FÜR MICH IST MUSIK ETWAS HEILIGES“ – RAMONA KASHEER IM MICA-INTERVIEW

RAMONA KASHEER beschäftigt sich in ihrem Musikmachen insbesondere mit der Vertonung von Gedichten der Kärntner Autorin Christine Lavant. Jürgen Plank hat mit KASHEER über die Poesie Lavants und die darin verhandelten Themen gesprochen. KASHEER erzählt außerdem über den Zusammenhang zwischen dem Leben Lavants und ihrem eigenen Leben und was sie am Werk von John Lennon fasziniert, dessen Lieder sie bei eigenen Konzertabenden interpretiert.

Wie erlebst du deine Auseinandersetzung mit den Gedichten von Christine Lavant?

Ramona Kasheer: Die Beschäftigung mit den Lavant-Gedichten und meine Vertonungen waren für mich am Anfang wie ein geheimer Ort, an dem ich verweilen, eintauchen und kompromisslos in die Tiefe gehen konnte. Es gab keine Erwartungshaltung. Ich war auch lange Zeit überzeugt davon, dass ich das niemandem vorspiele. Wenn etwas ohne irgendeine Erwartungshaltung entstehen kann, erst dann kann es sich so entfalten wie es eben ist. Das habe ich ganz am Anfang so gemacht und das hat sich bis jetzt gehalten, obwohl ich die Vertonungen mittlerweile schon für sehr viele Menschen gespielt habe. Das Vertonen der Gedichte ist ein wunderbarer Prozeß der mich auf sehr vielen Ebenen fordert.

Wie bist du auf die Poesie von Lavant gekommen?

Ramona Kasheer: Das geht vermutlich in meine Jugendjahre zurück – ich komme aus einer Wäscherfamilie und hatte unglaubliche Sehnsucht nach Bildung. Ich war ausgehungert, ich wollte wirklich lernen und hatte einen Drang zum Lernen. Ich habe gegen den Willen meiner Eltern maturiert und es war ein harter Weg, mich aus dieser groben und bildungsskeptischen Arbeiterfamilie herauszuarbeiten. Ich habe es für mich sehr weit gebracht, denn ich konnte Philosophie studieren. Für mich war das Studium, die Universität, ein Zufluchtsort. Ich habe so wahnsinnig gerne studiert, mit ganzer Leidenschaft. Ein Philosophieprofessor gab mir damals am Innufer den von Thomas Bernhard herausgegebenen Gedichtband und schickte mich auf die Suche nach den Engeln der Lavant – so habe ich Christine Lavant entdeckt.

Berührende Rückmeldungen

Du hast bereits drei CDs mit Lavant-Vertonungen veröffentlicht. Wie sind die Rückmeldungen dazu?

Ramona Kasheer: Rückmeldungen zu den CDs speziell gibt es nur direkt von den Leuten, die sie erworben haben und mir schreiben. Bei den Konzerten oder wenn meine Musik im Radio gespielt wird, gibt es immer sehr viele berührende Rückmeldungen. Es gibt zum Beispiel Leute in Kärnten, die die Lavant selbst noch gekannt haben und sehr angetan sind, dass sich da jemand so drüber traut. Nach den Konzerten gibt es immer gute Gespräche. Ich erinnere mich an ein Konzert, zu dem die Frau ihren Mann bestimmt mitgenommen hat, und er ist nachher auf mich zugekommen und hat gemeint, ich hätte ihm jetzt die bisher verschlossene Tür zu Lavant geöffnet. Er hätte nichts damit anfangen können, aber durch meine Musik hat er sich wahrscheinlich zum ersten Mal überhaupt in seinem Leben auf Lyrik einlassen können. Dafür war er mir dankbar und ich war sehr überrascht – das war schon ein älterer Herr und es war richtig berührend. Das höre ich immer wieder, dass Menschen durch meine Lieder einen Zugang finden zur Lyrik.

Gibt es noch ähnliche Erlebnisse?

Ramona Kasheer: Ein Herr kam nach einem Konzert zu mir und hat mir ein ganzes Gedicht von Christine Lavant vorgetragen – mit leuchtenden Augen: „Sind das wohl Menschen, wie man das vergisst…“ Nach diesem Konzert bin ich nach Hause und ich habe dieses Gedicht sofort vertont. Besonders bewegend war die Begegnung mit Elisabeth Wigotschnig – ihr verstorbener Mann war Lavants Neffe – und lange Zeit verwaltete er den Nachlass. Sie war sichtlich gerührt und hat gemeint, dass meine Musik wunderbar zu den Gedichten passt – dass meine Arbeit die Lavant sehr gefreut hätte.

Der Literaturwissenschaftler Klaus Amann hat mir nach einem Konzert im Literaturhaus Wien wohl die größten Komplimente gemacht und wir haben uns danach in einem Gespräch über die Zeit in Lavant-Gedichten unterhalten, über die vermutete Schreibgeschwindigkeit auch meiner Lieder – denn manche kommen tatsächlich völlig spontan in nur wenigen Augenblicken. Durch unser Gespräch habe ich sehr viel über Lavant erfahren, das in den Büchern nicht zu finden ist. Die Beschäftigung mit Lavant ist seit dem ersten Augenblick ein Abenteuer.

„Gedichte haben keine Zeit, sie sind irgendwie lose.“

Was ist das Besondere beim Lesen von Gedichten?

Albumcover "Fluchtwurzel"
Albumcover “Fluchtwurzel”

Ramona Kasheer: Man kann Gedichte nicht wie ein Buch lesen. Gedichte haben keine Zeit, sie sind irgendwie lose. Man weiß auch nicht, wie viel Zeit sich in einem Gedicht befindet. Wenn man Prosa liest, möchte man die Zeit vergessen, möchte man eintauchen in eine andere Zeit, möchte man im Fluss sein, durch die Worte unmerkbar getragen werden. Bei einem Gedicht gilt es immer wieder auch innezuhalten, stehenzubleiben, das Wort hat eine andere Aufgabe im Gedicht – manchmal kommt man nicht weiter und kann zwei, drei Gedichte lesen und dann geht’s nicht mehr – oder man überfliegt manche Worte und kommt in einen Zustand des Ahnens – der Sinn wird erahnt, erfühlt oder gehört. Gedichte haben sehr viel mit Musik gemeinsam.

Welche Themen hast du in den Gedichten von Lavant gefunden?

Ramona Kasheer: Es geht immer um Inneres. Stärke, Schwäche, Wut, Einsamkeit, Leidenschaft, unerfüllte Liebe, Sehnsucht nach menschlicher Nähe, Sehnsucht nach geliebtem Leben, Spiritualität und Naturverbundenheit. Interessant ist, dass jedes Gedicht das ich auswähle mit mir zu tun hat. Das kann ein Satz in einem Gedicht sein. Ich bin z.B. gerade dabei ein Gedicht zu vertonen, ich nenne es „Löwin meiner Schwäche“. Ich finde das ist ein sehr starkes Bild, da es die Gegensätze völlig leicht in sich vereint. Löwin – das Krafttier – meiner Schwäche. Da stolpere ich drüber und bleibe stehen und denke mir: Wie genial ist das? Was heißt „Löwin meiner Schwäche“? Wow! Dann komme ich drauf, dass mich menschliche Schwäche immer viel mehr beschäftigt hat als menschliche Stärke.

Die Schwäche ist das große Potenzial der Menschen, denn die Schwäche kennen wir doch alle. Menschen kommen als hilflose Schwächlinge zur Welt. Bei der Stärke landet man sehr schnell in einem hierarchischen Modell, mit Starken, Stärkeren und den Stärksten. In meiner Familie waren Tyrannen – sie waren Schwächlinge die sich stark machten – aber eben beides nicht vereinen konnten. Sie konnten ihre Schwäche nicht nehmen und folglich auch keine Stärke beweisen – sie waren jämmerliche Tyrannen. Schläge, so sagt man doch, sind Ausdruck von Schwäche, nicht von Stärke. Die Welt ist voll von Tyrannen. Sie haben Angst und zerstören alles um sich, das sie mit ihrer Angst konfrontiert. Die „Löwin meiner Schwäche“ sehe ich als Aufruf – sich der dunklen Seite zu öffnen, um die Balance immer und immer wieder zu finden und von innen heraus Stärke zu entwickeln.

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Stärke und Schwäche sind als Polarität zu sehen. Auf deiner CD und bei deinem Konzert im TAG ist mir aufgefallen, dass in den Lavant-Texten oft die Polarität von Sonne und Mond vorkommt. Sehr häufig der Mond und die Sterne. Wie deutest du dieses Sujet?

Ramona Kasheer: Der Mond ist für Christine Lavant, glaube ich, wirklich ein Gesprächspartner. Mit dem Mond redet sie über alles, worüber sie mit Menschen nicht redet. Sie beschimpft diesen Mond auch, vor ihm ist sie nackt – innen und außen. Dem zeigt sie sich, wie sie denkt, wie sie fühlt. Das ist ein Vertrauter, der eine dunkle Seite hat und deswegen ist er ihr wahrscheinlich auch so nah. Auch weil sie in der Nacht geschrieben hat, ist der Mond quasi die Sonne der Nacht. Und die Sterne – sie lassen uns ahnen, träumen, fühlen, dass es auch ganz anders sein könnte – funkeln uns die pure Relativität zu, nehmen uns mit im Dunkeln, hinein in die Weiten des Universums. Das irdische Leben eines einzelnen Menschen ist so winzig wie ein Stern am Himmel – und dennoch hat alles seinen Platz in der kosmischen Ordnung.

„Ich sammle die Texte zusammen und schaue dann, was zusammen passt.“

Das Gesamtwerk von Lavant liegt veröffentlicht vor, wie wählst du die Gedichte aus, die du vertonst?

Cover Du von draussen ich von drinnen
Cover “Du von draussen, ich von drinnen”

Ramona Kasheer: Begonnen hat es mit „Du von draußen, ich von drinnen“ – das war das allererste Lied. Auf der ersten CD „Du von draußen, ich von drinnen“ sind die ältesten Vertonungen von mir drauf, das ist alles rund 20 Jahre her. Ich lese die Gedichte und intuitiv verweile ich dort, wo ich Musik höre – manchmal suche ich ein bestimmtes Gedicht und dann lande ich bei einem anderen und schreibe die Musik auf, wie wenn sie zwischen den Zeilen wäre – später sammle ich die Vertonungen und schaue was zusammenpasst. Ursprünglich wollte ich nur eine Doppel-CD machen, weil ich gedacht habe, das Vertonen damit abschließen zu können. Damals wußte ich nicht, dass irgendwann eine unglaublich inspirierende Gesamtausgabe erscheint und dass ständig neue Lieder dazukommen.

Bei einem Auftritt im TAG hast du gesagt, dass die Lavant-Lieder sehr viel mit dir zu tun haben, auch mit deiner Kindheit. Welche Parallelisierungen siehst du da?

Ramona Kasheer: Die Lavant und ich könnten Verwandte sein. Sie hatte eine behütete Kindheit – wie meine Großmutter – und die Wildnis ist später über sie herein gebrochen. Bei mir war das genau umgekehrt: Ich hatte keine behütete Kindheit und mir war die Wildnis von Anfang an bewusst. Sie ist schwer damit klar gekommen, dass sie irgendwann alleine leben musste, dass der Verband der Familie weg war. Sie war das neunte Kind, das heißt, sie hat immer Geschwister und Eltern um sich gehabt, sie war nie alleine. Alle haben sie umsorgt, die Mutter hat um ihre Zerbrechlichkeit gewusst. Sie schreibt immer wieder über die Mutter, die sie trotz allem beschützt und gesagt hat: „Lasst sie schreiben!“ Die Mutter war auf ihrer Seite. Diesen Luxus hatte ich nicht. Ich bin groß geworden in einer Gesellschaft ohne Rückhalt und habe ganz früh gewusst, dass ich alleine weg muss. Die Einsamkeit war mir in die Wiege gelegt worden – und es ist eine enorme Arbeit Menschen zu vertrauen – quasi nicht alles alleine schaffen zu wollen. Die soziale Wildnis, in die sich die Lavant später geworfen gefühlt hat, ist mir sehr vertraut.

Ich würde es so sehen, dass Lavants Werk durch die Vertonungen auch zu deinem Lebenswerk wird.

Ramona Kasheer: Das berührt mich jetzt gerade sehr. Dazu muss ich sagen, dass für mich die Musik immer schon ein Anker war – meine Wahlheimat. Ich wollte nie Musik studieren, ich habe immer Angst gehabt, dass mir jemand wegnimmt, was mir so heilig ist. Ja, für mich ist Musik etwas Heiliges. Für Lavant war das Schreiben etwas Heiliges, sie hat immer gesagt: „Solange ich schreiben kann, schaffe ich alles.“ Das ist für mich auch so; solange ich Lieder schreiben kann – und ich schreibe Lieder seit ich 15 bin – solange ich musizieren kann, fühle ich mich ganz und getragen. Mittlerweile gibt es nicht nur eine große Lavant-Sammlung, sondern auch eine große Sammlung meiner Lieder. Daneben betreibe ich seit über 20 Jahren mit großem Erfolg meine „Musikschule“, wo ich mit Menschen aller Altersgruppen nach Gehör musiziere. Dass immer wieder neue Lavant-Lieder dazukommen, überrascht mich selber und wir werden sehen wohin die Reise geht.

Theremin: wie Zauberei

Du spielst zusammen mit Pamelia Stickney, die als eine der besten Theremin-SpielerInnen der Welt gilt. Wie hat diese Zusammenarbeit begonnen?

Ramona Kasheer: Ich habe sie bei Erwin Steinhauers „Die letzten Tage der Menschheit“ erlebt. Ich war sofort fasziniert – es ist Zauberei! Man sieht die Töne nicht – Pamelia zaubert sie aus ihrem Kasten heraus und das passt so gut zu Lavant, weil man bei ihr auch so vieles nicht sieht, sich vieles auch zwischen den Zeilen abspielt. Pamelia kann auf dem Instrument alles machen – sie kann Bass spielen, sie kann singen, sie spielt es so wunderbar und vor allem ist sie ganz Ohr, wenn sie musiziert. Sie spielt nach Gehör, wie ich auch, und das ist sehr berührend, wir schauen beide in das Narrenkastel und da drinnen sehen wir mit den Ohren – ein Fluss – es ist ein sehr lebendiges Miteinander. Gemeinsam mit der großartigen Cellistin Melissa Coleman sind wir jetzt im Trio. Das ist für mich eine musikalische Erfüllung, ein wahr gewordener Traum, denn wir ergänzen uns so gut, dass das Proben schon so ein Genuss ist. Und wir freuen uns sehr auf gemeinsame Konzerte.

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Neben den Lavant-Vertonungen gibt es von dir auch ein Live-Programm mit Liedern von John Lennon.

Ramona Kasheer: Ja, in der John Lennon Tribute Band spiele ich Akustikgitarre und singe auch ein paar Songs. Ins Leben gerufen wurde die Band von meinem Lebenspartner Robin Gillard und seinem Vater John Gillard – die beiden haben das lange geplant und seit 2020 sind wir damit unterwegs. Und es ist so eine Freude zu sehen wie viele Menschen sich mit Lennons Musik verbunden fühlen – und wie gut es tut seine Musik zu spielen und damit wiederum Menschen zu berühren. Gerade jetzt tut Vertrautes sehr, sehr gut.

Ich war zirka 14 oder 15 Jahre alt und habe mir von meinem Gitarrenlehrer eine John Lennon-Biographie ausgeborgt. Ich liebe seine Musik und die Beatles sowieso. Ihre Musik hat mich innerlich aufgerichtet. Die Beatles waren für mich eine Offenbarung, die Songs waren für mich Tore in eine andere Welt. Ich war wie Alice-im-Wunderland, ich hab mich auf die Musik eingelassen und wollte nicht mehr zurückkommen. Ich habe damals stundenlang Gitarre gespielt, die Platten auf und ab gehört und die Songs rausgehört. Bei Lennon habe ich immer gespürt, dass er eine tiefe Wunde hat. Er war der Verwundete bei den Beatles – Paul McCartney wirkte auf mich so unversehrt, hatte wohl starke Wurzeln, und ist ein Gentleman. Aber Lennon hat offene Wunden gehabt, ihm habe ich mich immer mehr verbunden gefühlt. Die ideenreichen Songs haben mich geprägt – ganz klar.

Verwundungen, die er in seine Musik kanalisiert hat.

Ramona Kasheer: Ja. „Help, i need somebody“. Ich habe immer gehört, dass das nicht nur ein Text ist. Es ist nicht egal, was da steht, ich lese Texte wie Botschaften. Und dieses Lied war mir immer schon so nah. Bei Lennon habe ich immer das Gefühl, er meint auch mich. Ich fühle mich immer persönlich von ihm angesprochen, und seine Lieder sind zeitlos – also stets aktuell.

So ähnlich wie bei Lavant.

Ramona Kasheer: Ja, genau.

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

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Ramona Kasheer live:
8.6.2022: Galerie Mana, 1070 Wien
24.8.2022: Minimundus, Klagenfurt
9.10.2022: Stadtsaal, 1060 Wien (John Lennon Tribute)
20.10.2022: Bühne im Hof, St. Pölten (John Lennon Tribute)
4.11.2022: Alte Schmiede, 1010 Wien

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