Alexander Yannilos (c) Matthäus Anton Schmidt

Freigeist im Schallfeld der Jetztzeit-Musik – ALEXANDER YANNILOS im mica-Porträt

Der Schlagzeuger, Produzent, Toningenieur, Veranstalter und Komponist ALEXANDER YANNILOS hat viel vor: Mit dem Verein FREIFELD wirkte er an der Etablierung einer Szene im Feld des neuen Jazz und der improvisierten Musik mit. Allein heuer erscheinen auf seinem Label FREIFELD TONTRAEGER zehn Alben. Neben vielen anderen Projekten stehen Konzerte und CD-Einspielungen mit seinen Formationen EXISTENZHENGSTE, P:Y:G und MOTHERDRUM auf seiner Agenda.

Firmenstandort, Werkstatt, Wunderkammer

Die Ausrichtung der Mischpulte und Lautsprecherboxen, das Schimmerlicht der Monitore sorgen für eine Art Bühnensituation. Der Firmenstandort von Alexander Yannilos für Audioproduktion im 16. Wiener Gemeindebezirk ist Büro, Wohnung, Übungsraum, ein Alleskönn-Raum, eine Art Wunderkammer. Historische tontechnische Geräte türmen sich einer Installation gleichend auf einem winzigen Raum im Raum, gerade so groß, dass das Schlagzeug und sein Drummer darin Platz finden. Vor allem aber ist es das Tonstudio für die Post-Produktion der Aufnahmetätigkeit von Yannilos, die an unterschiedlichsten Locations der Stadt stattfindet. Häufig in von ihm selbst akustisch adaptierten Räumen.

Bild (c) Thomas Ladstätter

Selbstständigkeit

Musik hat Alexander Yannilos immer schon fasziniert, vor allem Schlagzeug. Als Kind erhält er Klavier- und Gesangsunterricht. Mit zehn Jahren hat sein erstes Engagement als Künstler. Als junger Sänger steht er unter anderem mit Angelika Kirchschlager auf der Bühne der Wiener Staatsoper. Als er elf Jahre alt ist, verstirbt seine Mutter. Ein verständnisloser Vater steht seinem Wunsch nach einer intensiven Auseinandersetzung mit der Musik im Weg. Als Jugendlicher, sobald es ihm möglich ist, zieht er von zu Hause aus. Nun kann er damit beginnen, sich ernsthaft mit seinem Instrument zu beschäftigen. Immer autodidaktisch. Nach der Matura übt er täglich stundenlang, bis ihm sein damaliger Proberaum gekündigt wird. Den Nachbarn ist es zu viel geworden. Mit 17 zieht er in seine eigene Wohnung und baut den Raum im Raum, der auch jetzt noch seine Übe-Kammer ist. „Das hier ist meine erste Wohnung, eigentlich mein erster wirklich eigener Platz, an dem ich tun und lassen kann, was ich möchte.“ Von Beginn an nimmt er sich beim Spielen auf, um sein Schlagzeugspiel auch unterwegs mit Kopfhörern analysieren zu können, daraus zu lernen. So macht er auch seine ersten tontechnischen Erfahrungen. Er besucht unzählige Konzerte und lernt MusikerInnen aus der Jazz- und Improvisationsszene kennen.

Bild (c) Thomas Ladstätter

Power und Flower – autodidaktische Lehrjahre

Yannilos bereitet sich auf die Aufnahmeprüfung für das Schlagzeug-Studium am Konservatorium vor. Er spricht den Schlagzeuger Michael Prowaznik an, um bei ihm Unterricht zu erhalten. Daraus wird eine Freundschaft und gegenseitige Wegbegleiterschaft, aber kein Studium am Konservatorium, sondern ein Selbststudium in vielfältigen Feldern. Er eignet sich ein immenses Wissen über Aufnahmemöglichkeiten, Akustik und Tontechnik an und beginnt, seinen Fundus an Equipment aufzubauen. Er sammelt altes tontechnisches Gerät, zerlegt es, repariert und studiert es und verdient sich mit dem Handel von Vintage-Bauteilen etwas dazu. 2010 entsteht mit dem so angeeigneten Know-how seine erste Arbeit als Produzent und Aufnahmeleiter.

Cover “Flower”

Das Album „Flower“ mit Georg Vogel, Raphael Preuschl und Michael Prowaznik wird veröffentlicht. Im selben Jahr beginnt seine Kooperation mit dem Jazzclub Porgy & Bess. Diese mündet in die Initiierung der später „Strenge Kammer“ genannten kleinen Bühne des Clubs, für deren Konstruktion und Akustikdesign er verantwortlich zeichnet.

Engagement und Entwicklung

Zur selben Zeit gründet er mit Georg Vogel den Verein Freifeld als eine Plattform zur gemeinnützigen Förderung fortschrittlicher Musik im Bereich des neuen Jazz und der improvisierten Musik. Das Format der „Freistunde“ wird entwickelt: eine wöchentliche Konzertreihe, die am 6. Oktober 2011 im Porgy startet. Von Beginn an werden alle dort stattfindenden Konzerte von Yannilos professionell aufgenommen und im von Freifeld betriebenen Onlinearchiv zum Download zur Verfügung gestellt. Das Team von Freifeld erhält ab 2012 die Gelegenheit, die „Freistunde“ in den Seminarräumlichkeiten von mica weiterzuführen. Auch dort wird der Raum akustisch adaptiert und eine professionelle Bühnen- und Aufnahmesituation wird geschaffen. Noch einmal zieht die „Freistunde“ um und findet ab 2015 im Café Siebenstern statt. Bis 2016 gehen 160 „Freistunde“-Konzerte über die Bühne. „Das war meine Studienzeit. Sechs Jahre lang. Alles, was jetzt kommt, beruht auf dieser Arbeit.“

Die Gründung des Labels „Freifeld Tontraeger“ ist eine für Yannilos logische Konsequenz, um die Idee und die Ideale der „Freistunde“ fortzuführen, Bands und KünstlerInnen längerfristig zu unterstützen und zu betreuen, ein neues Publikum zu erschließen. Der Katalog wächst stetig, die Alben 24 bis 28 werden noch heuer präsentiert.

Expertise, Zweifel und (Selbst-)Bestätigung

Beginnend mit der ersten „Freistunde“ hat Yannilos bis heute über 200 Konzerte veranstaltet, mehr als 400 Konzerte als Toningenieur betreut und aufgenommen, 60 Alben produziert, unterschiedliche Räume als Probe- und Konzerträume akustisch adaptiert. Über keinen Studienabschluss zu verfügen sorgte lange für Selbstzweifel und für eine gewisse Anstrengung, diesen Umstand kompensieren zu wollen. Andererseits war da immer der Wunsch im Vordergrund „die eigene Sache auf die eigene Art zu machen“. Die unzähligen Lektionen musikalischer, technischer und kulturpolitischer Natur, die er in den letzten Jahren lernte, hätten ihn, so sagt er, künstlerisch stark geprägt und mit vielen Menschen und Künstlerinnen und Künstlern zusammengeführt, mit denen er heute intensiv zusammenarbeite. Das Startstipendium des Bundeskanzleramtes gebe ihm zusätzlich die Bestätigung, als Künstler anerkannt zu werden. „Es wird immer schwieriger für mich, mich in der eigenen Unsicherheit zu verlaufen, weil ich viele praktische Beweise dafür habe, was ich kann. Das ist es auch, was ich anderen mit meiner Arbeit ermöglichen möchte: Erfolgserlebnisse sammeln. Die Zweifel stehen einem am Anfang im Weg. Man muss es sich erlauben und ermöglichen, das zu tun, was man tun möchte.“

Plakate “Freistunde”

Der Tontechniker kann auch Schlagzeug?

War Yannilos der Szene bis 2013 hauptsächlich als Tontechniker und Veranstalter ein Begriff, tritt er seither immer mehr auch als Drummer und Komponist in unterschiedlichen Bandprojekten in Erscheinung. Auch als Schlagzeuger ist der Soundaspekt – neben Spieltechnik und Groove – sein größtes Anliegen. Sein Quartett Existenzhengste mit Andreas Broger (Saxofon), Alexander Kranabetter (Trompete) und Tobias Ennemoser (Tuba) hat sich gerade erst in neuer Besetzung im RadioKulturhaus präsentiert, mit den Cute Crackers – Mario Rom (Trompete), Lorenz Raab (Trompete), Alois Eberl (Posaune), Vinnicius Cajado (Bass) – war er im Sommer im Studio, mit dem Vorarlberger Ensemble Lintu steht eine Theaterproduktion an.

Im Dezember steht er mit dem Improvisations-Trio P:Y:G gemeinsam mit dem Vokalensemble SOMA für das aufwendige Projekt „Illusion:Isolation“ von Robert Pockfuß auf der Bühne. Im Projekt MOTHERDRUM kann Yannilos all seine Interessen bündeln. „MOTHERDRUM ist keine Band im konventionellen Sinn. Es ist ein Kollektiv ohne fixe Besetzung, mit mir – quasi – als Dirigent. Eine Plattform für eine ganze Reihe moderner Instrumentalistinnen und Instrumentalisten. Live wollen wir kein fixes Repertoire spielen, sondern in unterschiedlichen Besetzungen Klangexplosionen freisetzen. Basis für die Performances sind aus Sessions heraus produzierte kompakte Tracks, die wir im Konzert mit Free Funk, Broken Beat, Techno-Elementen und improvisierter Musik verschmelzen. Wir sorgen für tanzbare Irritation. Die Kraft von Jazz und improvisierter Musik soll auch für ein Publikum spürbar sein, das aus einer ganz anderen Richtung kommt.“ Zusätzlich sorgt er mit der Produktion von Videoclips auch für die visuelle Ästhetik des Projekts.

Über das Künstlerische hinaus

Alexander Yannilos möchte sich mit der ihm eigenen unangepassten Haltung und Arbeitsweise seine Selbstbestimmung bewahren. Hartnäckig vertritt er die Ansicht, „das, was ich tun will, so zu tun, wie ich es will. Auf den dabei selbst gelegten Stolpersteinen kann man etwas aufbauen.“

Der Wunsch nach Kollaboration, das Netzwerken, eine Form von gemeinnützigem Denken und Tun zieht sich als Leitfaden durch seine Arbeit. Die Gründung von Freifeld ist geprägt von der Überzeugung, dass gebündelte Eigeninitiative mehr erreichen kann als Konkurrenzdenken. Seine Mitwirkung an der Initiative Fraufeld, initiiert von engagierten Musikerinnen um die Pianistin Verena Zeiner, hat mit der Sicht- und Hörbarmachung von Künstlerinnen im Feld des neuen Jazz und der improvisierten Musik sowohl künstlerische wie auch kulturpolitischen Ziele.

„Musik hat im Unterschied zu anderen Kunstformen einen entscheidenden Faktor: Die intensive Auseinandersetzung der Künstlerinnen und Künstler mit ihrem introvertierten Selbst trifft auf ihre Entscheidung, mit vielen Leuten ganz intim zusammenzuarbeiten, das Ergebnis zu teilen, es zu vermitteln.“ 

Stimmen über Alexander Yannilos:

„Alex ist einer der gebildetsten und intelligentesten Menschen die ich kenne und hat sich unzählige Fähigkeiten im Selbststudium beigebracht… Ich kenne niemanden, der so fleißig ist, so viel kann und so viel für andere geleistet hat wie Alex – und das über lange Strecken ohne dabei was zu verdienen… Idealismus gepaart mit Knowhow und unglaublicher Kreativität beim Lösen von Problemen.“ 
Michael Prowaznik, Schlagzeuger, Komponist

„Alex ist für meine Arbeit ein wichtiger Partner geworden, dessen Fähigkeiten ich voll und ganz vertraue. Weil er sich alles, was er anpackt, mit großer Ausdauer von der Pike auf selbst beibringt – egal ob Tontechnik, Schlagzeug oder das Leben an sich. Er findet persönliche Zugänge zu den Dingen, kann die Materie auf eine Weise verinnerlichen, die ihm voll entspricht und bringt dadurch Kreationen hervor, die erfrischend anders sind; die Ecken, Kanten und Charakter haben und vor wunderbarer Lebendigkeit strotzen.”
Verena Zeiner, Pianistin, Komponistin, Initiatorin von fraufeld

„Er verkörpert das Berufsbild eines Musikers der Gegenwart. Alexander Yannilos prägt die Wiener Improvisationsszene in vielfältiger Hinsicht… strebt nach (nicht nur künstlerischer) Selbstbestimmung, vermeidet jene oftmals verlockenden Fremdbestimmungspositionen ins seinem (nicht nur) künstlerischen Leben, hartnäckig und unbeugsam. Das ist kein leichter Weg. Für niemanden.“ 
Ronald Deppe, Musiker, Komponist, Lehrbeauftragter MDW, Anton Bruckner Universität Linz,…

Thomas Ladstätter

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Termine:

18.11. Freifeld Tontraeger #24, Release Show – Purple Is The Color „Unmasked“; Wien, Hamer´s Bar, 20:30

11.12. Konzert – P:Y:G & Ensemble SOMA „Illusion:Isolation“ (Konzert für Improvisations-Trio und Vokalensemble von Robert Pockfuß); Wien, Lorely-Saal, 18:00 Werkeinführung, 19:30 Konzert

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Thomas Ladstätter, 48, ist stellvertetender Leiter des ZENTRUMS FÜR MUSIKVERMITTLUNG WIEN 14, dessen Konzertprogramm er kuratiert und veranstaltet. Dieses Porträt entstand als Seminararbeit im Rahmen des Master-Lehrgangs Kulturmanagement an DER UNIVERSITÄT FÜR MUSIK UND DARSTELLENDE KUNST.

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Links:
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