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Waldeck (c) Darius Edlinger

„Es würde mich reizen, Musik ganz konkret auf einen Film zu schneiden” – WALDECK im mica-Interview

Eigentlich hat WALDECK Jus studiert, danach hat er aber seine Musikkarriere gestartet. Der Erfolg gibt ihm Recht: seine Musik wurde etwa in der Fernsehserie „Grey’s Anatomy” verwendet und mehr als 100 Millionen Mal gestreamt. Jetzt hat WALDECK mit „Grand Casino Hotel“ (Dope Noir) ein neues Album am Start. Im Gespräch mit Jürgen Plank erzählt er, warum es ihm als Elektronikmusiker wichtig ist, echte Streichinstrumente zu verwenden, von seinem neuen Projekt WALDECK SEXTETT und welche Macht Algorithmen bei der Veröffentlichung von Musik heute haben.

Für das neue Album „Grand Casino Hotel“ hast du als Referenzrahmen das Filmgenre Roadmovie gewählt. Warum?

Waldeck: Man versucht auch immer, etwas so zu verpacken, dass es beim Publikum möglichst nahe an der Vorstellung ist, die man selbst hat. Ich habe teilweise Titel aufs Album gepackt, deren Bestandteile ich seit dem Jahr 2003 mit mir herumschleppe. So arbeitet man wie an einem Puzzle und wahrscheinlich muss man einen Hang zum Masochismus haben, wenn man die Sachen immer wieder aufschnürt. Das bringt natürlich auch die Produktionsweise am Computer mit sich.
Musikmachen hat oft nicht mit einem Mangel an Antrieb zu tun. Sondern eher damit, dass man die verschiedensten Konzepte nicht unter einen Hut bringt. Ich bin noch immer jemand, der ein Album – vielleicht ist das ein aussterbendes Format – als Ganzes denkt, es ist mehr als die einzelnen Bestandteile. Deshalb ist es mitunter schwierig homogen ein Album mit Titeln zu füllen.

Was fasziniert dich am Topos Roadmovie?

Waldeck: Ein Thema ist natürlich Freiheit. Ich habe sofort Bilder von Landschaften vor mir, nicht Bilder von geschlossenen Räumen. Es hat auch ein bisschen mit dem Bild eines versunkenen Amerika zu tun, das es so nur noch in der Erinnerung gibt. Sehr viel davon wird eigentlich eifrig von Trump & Co. demontiert, obwohl sie behaupten das Gegenteil zu tun.
All das verbinde ich mit einer bestimmten Soundästhetik. Ich sage jetzt: Surfgitarren. Denn darunter kann man sich etwas vorstellen. Oder die gedoppelten Basslinien, wenn Bass und Gitarre das Gleiche spielen.

Dein 2016er-Album „Gran Paradiso“ trägt bereits den Titel eines Films und darauf befindet sich der Track „Rio Grande“, so heißt natürlich auch der klassische Western mit John Wayne.

Waldeck: Vielleicht habe ich die Thematik damals schon gestreift und war noch nicht ganz fertig damit und habe sie jetzt – weg vom Spaghetti-Western – hin zu einem allgemeiner gültigem Bild behandelt. Mir fallen Filme ein wie „Twin Peaks“ oder „Lost Highway“ von David Lynch, oder „Blue Velvet“. Da kommen auch Bilder und Musikstile vor, die ich damit verbinde. 

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„Meine Musik hat offensichtlich etwas, was sich für Filme eignet” 

Deine Affinität zum Film zeigt sich auch darin, dass du bereits Filmmusik gemacht hast.

Waldeck: Filmmusik selbst habe ich eigentlich nicht gemacht, aber es ist oft Musik von mir für Filme verwendet worden. Meine Musik hat offensichtlich etwas, was sich für Filme eignet. Es würde mich reizen, Musik ganz konkret auf einen Film zu schneiden. Falls ich diesbezüglich kein Angebot bekomme, habe ich mir schon überlegt, ob ich nicht den Umweg gehe und selbst einen Film drehe, um dann meine Musik unterzubringen. Das wäre ein großer Umweg, aber ich habe schon Videokamera und Schnittcomputer besorgt.

Das wäre ohnehin meine nächste Frage gewesen: ob du schon an einem Drehbuch arbeitest?

Waldeck: Ein Drehbuch habe ich noch nicht. Es gibt immer einzelne Fragmente, zu denen ich mir denke: das wäre eine gute Idee! Vor kurzem wollte ich ein Musikvideo machen, aber da ist mir Corona ein bisschen hineingegrätscht. Der Kameramann mit dem ich arbeite, hat sich geweigert, das Haus zu verlassen, obwohl das damals zulässig gewesen wäre. Ich wollte am Zentralfriedhof, zwei Tage vor Beginn des Lockdowns, die Veilchen filmen.

Zum Stück „Look at me Joe“ vom neuen Album habe ich mir als Assoziation Latino-Popmusik notiert, ganz konkret Musik von Manu Chao, auch aufgrund der Gitarrenläufe und des spanischen Textes, der in einer Subspur mitläuft.

Waldeck: Lustig ist, dass diese Nummer eigentlich am Klavier entstanden ist und in der endgültigen Version wird durchgehend Klavier gespielt. Für mich war es ein Aha-Erlebnis, dass dieser typische Wechselbass sowohl in der Polkamusik als auch in dieser Latino-Ethnomusik vorkommt. Das hat sich im Studio ergeben, als ich überlegt habe, wie man das Klavier noch mit anderen Instrumenten wie dem Bass verbinden könnte. Vor langer Zeit habe ich ein Video zum so genannten Atkinson-Bass gesehen, das ist eine Technik zum Bassspielen in der Country-Music, bei der man Ostinati spielt. Ich habe Thomas Hechenberger gebeten, sich diese Technik anzueignen und jetzt ist sie zum Einsatz gekommen. Mir ist dann erst klar geworden wie sich diese Latino-Einflüsse zunächst unbewusst breit gemacht haben. Im Hintergrund hört man die Sängerin reden, die hinuntergepitched wurde. Sie hat irgendetwas gesagt, das wie Spanisch klingt.

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Beim Stück „Run, Run, Run“ habe ich an eine trashige Batman-Fernsehserien aus den 1960er-Jahren als Querverweis gedacht.

Waldeck: „Run, Run, Run“ ist aus einer instrumentalen Nummer entstanden, die ich für ein Musical geschrieben habe. Das Musical habe ich gemeinsam mit meinem Bruder gemacht, „Fantomas“ wurde im Rabenhof aufgeführt, insofern passt das mit dem Bösewicht. Fantomas und Batman sind eine ähnliche Referenz. Das Stück wurde damals mit einem anderen Arrangement, einem anderen Text gespielt. Patricia Ferrara, mit der ich seit 2018 zusammenarbeite, ist spontan ein Text dazu eingefallen. 

Du hast vorhin erzählt, dass du in der Produktionsphase eines Albums auch mal auf ältere Tracks oder Versatzstücke zurückgreifst. Hörst du dann auch andere Musik?

Waldeck: Nein, dann will ich mich komplett von anderer Musik entkoppeln, weil mich das eher nervös macht. Ich weiß, es gibt Musikerinnen und Musiker, die hören sich immer gerne Referenzproduktionen an. Diesen Vergleich scheue ich immer und gehe den Weg, mich im eigenen Saft schmoren zu lassen. Manchmal geht relativ viel Zeit beim Tracklisting drauf. Das ist dieses Mal glücklicherweise leichter von der Hand gegangen. Oft geht es auch darum, wie man verschiedene Stimmfarben von Sängerinnen und Sängern soweit in eine Dramaturgie bringt, dass es sich sowohl in Bezug auf die Geschichte als auch auf die wahrgenommene Intensität ausgeht.

„Das Waldeck Sextett ist mein neues Projekt, das ist ohne Elektronik und wird nur mit Jazzmusikern umgesetzt” 

Am aktuellen Album hast du echte Streichinstrumente im Einsatz. Warum war es dir wichtig gleichsam als Gegenpol zur Elektronik, reale Instrumente einzusetzen? Die Streicher hättest du auch mittels MIDI-Keyboard einspielen können.

Waldeck: Ich finde, ehrlich gesagt, dass man den Unterschied hört. Das ist eine Entwicklung von mir, die sich über die Jahre immer stärker manifestiert hat: ich versuche alles, was an Elektronik dabei ist, zu reduzieren, aber trotzdem eine Sprache, oder einen Code, zu finden. Das ist dann mehr ein Querverweis, eine gewisse Soundästhetik, aber eher als Referenz und nicht mehr so brachial. So würde ich das jetzt beschreiben. Der Begriff elektronische Musik ist heute irreführend, weil ja jede Form von Musik heute elektronisch bearbeitet wird, bevor sie veröffentlicht wird. 

Im Jänner 2020 gab es im Porgy & Bess das Waldeck Sextett zu sehen. Was ist das?

Waldeck: Das Waldeck Sextett ist mein neues Projekt, das ist ohne Elektronik und wird nur mit Jazzmusikern umgesetzt. Da spielt Florian Klinger Vibraphon und Philipp Moosbrugger spielt Kontrabass. Insgesamt besteht das Projekt aus zehn Leuten, aber ich habe mir gedacht, dass Sextett einfach besser klingt. Das haben wir im Porgy & Bess im Jänner aufgeführt und es war ausverkauft, mit 500 Leuten. Ich wollte es abtrennen und unter Waldeck Sextett veröffentlichen. Wenn ich das aber mache, beginne ich bei Null und erreiche nicht die Leute, die ich eigentlich erreichen möchte und würde das Projekt ökonomisch in den Sand setzen. Das ist in der heutigen Zeit schwierig. Früher wäre es im Plattenregal trotzdem daneben gestanden und die Leute hätten es gesehen.

Und heute?

Waldeck: Eigentlich wird man heute von Spotify und Konsorten in eine Richtung gezwängt, man wird künstlerisch in ein Korsett gezwängt. Abgesehen von den Algorithmen, die den Musikkonsum steuern bzw. vorschlagen. Alles, was von der Erwartungshaltung abweicht, auf der der Algorithmus basiert, kommt weg. Das ist eine Entwicklung, die ich sehr traurig finde und die sich auch gegen das Albumformat richtet, weil alles nur mehr Track-basiert gestreamt wird. Bis zu einem gewissen Grad muss man eh mit dem Markt gehen. Man kann ja nicht gegen den Markt gehen und produzieren. Außer man sagt: es ist egal, ob das Projekt wirtschaftlich erfolgreich wird. Nur: dann tut man auch den beteiligten Musikern nichts Gutes.

„Deine Musik hat mein Leben verändert”

Gibt es ein Erlebnis in deinem Leben, dass du ohne Musik, nicht gehabt hättest?

Waldeck: Ein schönes Erlebnis nach einem Konzert in Paris – und das war gleich bei meinem ersten internationalen Erfolg, gleich zu Beginn, im Jahr 1996 – war mal, dass nach dem Konzert eine jüngere Dame aus dem Publikum zu mir gekommen ist und gesagt hat: Deine Musik hat mein Leben verändert. Da dachte ich: aha, das ist ja doch eine gravierende Ansage. Ich war fast ein bisschen geschockt. Wahrscheinlich muss man die Aussage relativieren, trotzdem hat es mich sehr gefreut. 

Du hast im Zuge deiner Karriere irgendwann wieder Klavier-Unterricht genommen und komponierst zum Teil am Klavier. War es jemals eine Option für dich ein Singer-Songwriting-Album zu machen?

Waldeck: Das hebe ich mir dann für die Pension auf, denn das klingt gemütlich.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Jürgen Plank

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Waldeck live
4.  Juli 2020, 20 Uhr, Unser Weidlinger, Hauptstraße 190, 3400 Weidling, Klosterneuburg
11. Juli 2020, 20 Uhr, Rahofer Bräu, Dumba Pk. 1, 2523 Tattendorf

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