„Es soll für jeden etwas dabei sein, das ihm nicht gefällt“ – OTTO LECHNER IM MICA-INTERVIEW

Von 19. bis 22. Mai 2022 findet in Horn das Festival „Invention and memories“ statt, welches der Akkordeonisten OTTO LECHNER kuratiert. LECHNER tritt selbst bei den meisten Veranstaltungen auf, unter anderem mit ALEX MIKSCH, der wie LECHNER ursprünglich aus Niederösterreich stammt. Im Gespräch mit Jürgen Plank erzählt OTTO LECHNER, warum er sich im Rahmen des Festivals auch mit RAY CHARLES auseinander setzen wird und von den besonderen Locations: unter anderem eine Felswand am Fluss Taffa.

Was steht für dich hinter dem Titel des Festivals: „Invention and memories“?

Otto Lechner: Erstens: Ich bin jetzt doch schon 58 Jahre alt und ich will jetzt keine schreienden und originellen Titel mehr. Damit hat man sich schon 40 Jahre lang abgemüht. Ich wollte das so ehrlich und so korrekt wie möglich für mich und so ist es: Ich hole da jetzt Projekte zusammen, bei denen ich gerne mitwirke. Mit Menschen, mit denen ich gerne musiziere. Das sind zum einen Dinge, die in Traditionen stehen. Und ich habe mich ja nie abgrenzen können: was bin ich eigentlich? Bin ich eher ein Erfinder von Musik oder eher ein Nachempfinder? Das kann ich noch immer nicht wirklich sagen und mache alles Mögliche. Das Festival ist ein Abbild all dessen.

Was wird zum Beispiel abgebildet? Welche Programmpunkte wird es geben?

Otto Lechner: Es gibt einen Leonard Cohen-Abend und einen Abend zu meiner Beschäftigung mit Ray Charles. Und ich werde mit Alex Miksch ein Programm gestalten. Meine Zusammenarbeit mit ihm dauert nun auch schon eine Weile. Da spielen wir Lieder von ihm und von mir, Dialektlieder sozusagen. Und eine Geschichte mache ich dann doch in einer Kirche, denn heuer wäre eigentlich – das registriert nur niemand so richtig – ein John Cage-Jahr. Vor langer Zeit habe ich gehört, dass Cage europäischen Komponist*innen empfohlen hat, dass sie Meister Eckehart lesen sollen. Das war ein Mystiker, Philosoph und Theologe im 13. Jahrhundert. Nachdem ich mit meiner Frau, Anne Bennent, gerne Literaturexkurse mache, machen wir da ein Programm, das der Avantgarde verpflichtet ist. Der Dom-Organist von St. Pölten, Ludwig Lusser, wird dabei sein und der marokkanische Sänger Kadero Ray, mit dem ich auch immer wieder etwas gemacht habe. Und wir werden frei improvisierten arabischen Gesang mit Kirchenorgel kombinieren. Außerdem spiele ich noch ein Geräusch-Klavier, das auch dem John Cage gewidmet ist.

Bild Otto Lechner und Anne Bennet
Otto Lechner und Anne Bennet (c) Festival Horn

Wie funktioniert dieses Geräusch-Klavier?

Otto Lechner: Das ist ein wunderbares Ding! Der Hansi Tschiritsch hat das gebaut und das ist einfach die Tastatur und die Mechanik eines Pianinos und die Hämmer schlagen aber nicht auf Saiten, sondern auf verschiedene Gegenstände, auf Töpfe zum Beispiel. Das ist tonal befreit, die schwarzen und weißen Tasten haben mit Chromatik nichts zu tun und das Geräusch-Klavier erinnert durch den Klang wirklich immer wieder an die Stücke für präpariertes Klavier, die Cage gemacht hat.

„Eine Orgel ohne Kirchenakustik klingt ja jämmerlich“

Außer Akkordeon wirst du Klavier und Kirchenorgel spielen. Die Kirchenorgel hat nicht nur mehr Register als ein Akkordeon, sondern auch Fußpedale. Wie ist das für dich so eine Orgel zu spielen?

Otto Lechner: Mit den Pedalen bin ich nicht der Fitteste. Für die virtuoseren Dinge kommt dann eben der Ludwig Lusser. Ich werde mit Kadero Ray die Improvisationen machen. Orgel gespielt habe ich immer wieder, ich war schon Aushilfsorganist in Gansbach, wo ich herkomme. Damals war ich zehn Jahre alt, oder so. Wirklich gepflegt habe ich das Orgelspiel nicht, aber ich habe einen großen Respekt und doch eine Nähe zum Orgelspiel. Da hat man ein riesiges Instrument, dessen Resonanzkörper die ganze Kirche ist und die Leute sitzen im Resonanzkörper drinnen. Eine Orgel ohne Kirchenakustik klingt ja jämmerlich.

Besonders sind die Spielorte von „Invention and memories“: neben der Piaristenkirche und dem Kunsthaus Horn auch eine Felswand an der Taffa. Wie ist dieser Ort an der Felswand?

Otto Lechner: Horn liegt ja malerischer als man denkt, das liegt an der Taffa. Am Sonntagvormittag, am 22. Mai, macht man, meiner Vorstellung nach, eine Art Frühschoppen. Da spielen wir einfach am Flussufer ganz ohne Verstärkung Cajun-Musik. Mit dem Daniel Klemmer am Waschbrett und einem Bassisten aus Gars am Kamp, Andi Hadl. Wer noch mitspielen will, kann dabei sein.

Bild Otto Lechner
Otto Lechner (c) Festival Horn

Was ist das Besondere für dich an Cajun? Das ist ja eine regionale Musik aus dem Süden der U.S.A., aus Louisiana?

Otto Lechner: Ich hatte ja lange Zeit ein gestörtes Verhältnis zu Tanzmusik, weil ich die schon als kleiner Bub gespielt habe. Ich habe mich dann eher in Richtung Jazz entwickelt. Dann war ich in Australien und habe dort eine leiwande Zydeco-Band in Melbourne kennen gelernt. Da habe ich mir gedacht: so eine Tanzmusik, das ist es dann schon.

Wie ist deine Beschäftigung mit Cajun bzw. mit Zydeco, der blueslastigeren Variante von Cajun, weitergegangen?

Otto Lechner: Ich habe den Cajun-Akkordeonisten Clifton Chenier gehört und gemerkt, dass das etwas für mich ist. Ich komme ja doch vom Land und eine Blues-Verbindung war bei mir immer stark, da geht es auch darum, die Traurigkeit zu feiern. Mit Klaus Trabitsch und Peter Rosmanith haben wir seit Jahren ein Trio, das heißt Los Gringos, und da spielen wir auch Cajun-Covers. Das ist mir sehr nahe. Da habe ich das lustige Akkordeon wieder gefunden. Cajun ist sehr gut und man kann gut dazu jammen, weil die Nummern nicht schwierig sind.

Apropos jammen: Mir ist aufgefallen, dass mehrere Jam-Sessions im Rahmen von „Invention and memories“ angesetzt sind. Warum sind dir Sessions als fixer Programmpunkt des Festivals wichtig?

Otto Lechner: Das hat auch ein wenig mit den Räumlichkeiten zu tun. Geplant ist, dass die großen Abendkonzerte im Freien stattfinden. Es gibt im Kunsthaus Horn diesen Tonkeller, der eine schöne Club-Atmosphäre hat und da wird an jedem Tag mindestens ein guter Bassist und ein guter Schlagzeuger da sein. Und ich spiele auch gerne Klavier und dann werden wir wirklich Standards spielen. An einem Abend wird Alex Miksch die Session anleiten, eher in Richtung Tom Waits-Covers, sonst dreht es sich um Jazz im weiteren Sinne.

„Irgendwie hat Ray Charles mich aber immer beschäftigt“

Das Festival beschäftigt sich auch mit den Werken von Ray Charles und Leonard Cohen – warum?

Otto Lechner: Da gibt es viele Anknüpfungspunkte. Singen und Klavierspielen ist auf jeden Fall leiwand. Diese unglaubliche stilistische Breite und Frechheit, die Ray Charles gehabt hat! Als ich zirka 8 Jahre alt war, habe ich Ray Charles mit „I can see clearly now“ lustigerweise in der Hitparade von Ö3 gehört. Und er war mir als kleiner Bub nicht so sympathisch. Dieses Raue – und man weiß gar nicht, wie alt der eigentlich ist. Irgendwie hat Ray Charles mich aber immer beschäftigt. Vor zirka zehn Jahren haben wir im Miles Smiles mal einen Ray Charles-Abend gemacht, der Kontrabassist Hans Strasser und ich haben im Duo gespielt. Von diesem ersten Konzert damals im Miles Smiles kommt eine Vinyl-Platte heraus, die müsste Mitte Mai fertig sein, sodass ich sie am 21. Mai in Horn präsentieren werde können.

Du spielst selbst bei den meisten Programmpunkten mit, aber nicht bei allen.

Otto Lechner: Es gibt zwei Veranstaltungen bei denen ich nicht mitspiele, das ist zum einen die Eröffnung mit Anna Anderluh. Ihre Solo-CD finde ich wunderschön und aufrichtig, sie sticht angenehm hervor unter den Singer-Songwriter*innen. Und es gibt am Freitag den 20. Mai die Solo-Veranstaltung mit dem Pianisten Andreas Mayerhofer. Wichtig ist mir als künstlerischem Leiter bei einem Festival immer folgendes: Es soll für jeden etwas dabei sein, das ihm nicht gefällt.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Jürgen Plank

19. bis 22. Mai 2022
„Invention and memories“
Horn, verschiedene Locations
www.kulturimtonkeller.at
www.ottolechner.at