„Es ist schon ein Denken – ein Denken ohne Worte“ – AGNES HVIZDALEK im mica-Interview

Die österreichische Stimmkünstlerin AGNES HVIZDALEK veröffentlichte im Februar 2017 ihr Soloalbum „Index“ und steht zurzeit international sowohl als Solistin als auch in zahlreichen Kooperationen auf der Bühne. Sie ist in den Bereichen zeitgenössische und improvisierte Musik sowie in anderen Kunstsparten aktiv. Ihr Solostück „Index“ wurde am Fuße eines 60 Meter hohen Fabrikschornsteins im Herzen von São Paulo aufgenommen. Ihre Stimmklänge verschmelzen mit – und bilden einen Kontrast zu – den Geräuschen der Fabrik und des Großstadtverkehrs. Judith Holl sprach mit AGNES HVIZDALEK über ihr neues Album, abstrakte Vokalmusik und die Funktion Neuer Musik.

Vor Kurzem ist Ihr Solostück „Index“ auf CD und Vinyl erschienen. Wie kam es dazu, dieses in Brasilien aufzunehmen?  

Agnes Hvizdalek: Das Stück hat sich über Jahre entwickelt. Ich habe viele Solokonzerte gespielt und Aufnahmen gemacht, aber das nie veröffentlicht. Ich war nie zufrieden mit dem Format. Das hat damit zu tun, dass ich sehr mit dem Konzertformat verbunden bin. In einem Studio einzuspielen – in einem so toten Raum – oder die Idee, dass man auf der Aufnahme so tut, als wäre man in einem anderen Raum, das war für mich immer unsexy. Nach Brasilien bin ich zufällig gekommen, weil mich Leute von dort kontaktiert haben, die mich gerne zu einem Festival für experimentelle Musik in São Paulo einladen wollten. Ich hatte eine Residency an einem Künstlerhaus und die Leute dort hatten Zugang zu dieser alten Fabrik.

„Das ist kein Studio, sondern ein Großstadtkonzentrat.“

Was machte die Aufnahme dort so besonders?

Agnes Hvizdalek: Dieser Schornstein. Ich stand allein in diesem Turm – ein sehr intimer Raum – sehr klein, sehr eng. Je lauter die Klänge werden, umso mehr Echo kommt von weiter oben – fast wie in einer Kirche, ganz anders als die badezimmerartige Atmosphäre unten. Dazu kommen die Geräusche von außen. Das ist kein Studio, sondern ein Großstadtkonzentrat. Ich mag, dass der Rest der Welt auch auf der Aufnahme ist – das Dröhnen des Verkehrs, das klanglich sehr nah an einem Atemgeräusch ist. Wenn sich die Geräusche von Hubschraubern mit der Stimme mischen – wenn sich das klanglich ähnelt und gegenseitig relativiert –, das macht mich glücklich.

Das Album heißt „Index“. Auf dem Albumcover ist ein Fingerabdruck. Ist es tatsächlich Ihrer?

Agnes Hvizdalek: Ja, mein Zeigefinger [engl. „index finger“; Anm.], mit dem man auch mein iPhone entsperren kann. Meine Mama war dagegen, weil es gefährlich ist.

„Es ist ein Abstract dessen, was mich fasziniert.“ 

Wie kam es zu dieser Idee?  

Agnes Hvizdalek: Die Idee entstand in Zusammenarbeit mit dem grafischen Gestalter Ellmer Stefan, dessen Geniestreich der Einfall mit dem Fingerabdruck und dem Titel „Index“ war. Das passt auf allen Ebenen und es hat extrem Spaß gemacht, an einem so klaren und gleichzeitig vielschichtigen Konzept zu arbeiten. Es ist ein Abstract dessen, was mich fasziniert. Es ist etwas sehr Persönliches. Es geht einerseits sehr um mich und andererseits überhaupt nicht. Der Fingerabdruck hat eine ähnliche Funktion. Einerseits bin das nur ich, andererseits haben alle einen Fingerabdruck. Alle verstehen sofort, was es ist. Allerdings sind die Assoziationen individuell unterschiedlich. Für viele ist es spooky – mit Sicherheit, Terror und moderner Technologie verbunden. Das hat viel mit Jetzt zu tun und die Musik ist auch ein bisschen spooky. Gleichzeitig ist sie das Harmloseste überhaupt. Ein Fingerabdruck ist auch nichts Gefährliches. Es gibt kaum etwas Ungefährlicheres als ein Stempelkissenabdruck auf einem Blatt Papier.

Aber er hinterlässt Spuren – nicht unbedingt etwas Gefährliches, aber es könnte einem durchaus zum Verhängnis werden.  

Agnes Hvizdalek: So ist Musik auch. Wenn man es sich genau anschaut, dann sind es Luftschwingungen – extrem ungefährlich. Musik kann sich trotzdem gefährlich anfühlen. „Index“ ist ein tolles Wort, weil es vieles gleichzeitig bedeutet: Es ist eine Referenzliste, was gut zur Form des Stückes passt, weil die Art, wie das Material präsentiert wird, sehr systematisch ist. Es ist eine Momentaufnahme in meinem künstlerischen Werdegang – auch eine Parallele zum Abdruck. Das Zoomen auf faszinierende und ästhetische Details passt zum Verstärken der Stimmklänge mit dem Mikrofon. Die Struktur, die sichtbar wird, erinnert wiederum an das Knattern, das Raue und Brutale, aber auch an das Fragile der Klänge.

Agnes Hvizdalek (Kongsberg Jazzfestival) (c) Odd Erik Skjolde

Wie erklären Sie Menschen, die Ihre Musik nicht kennen, welche Art von Musik Sie machen?  

Agnes Hvizdalek: Ich sage oft, ich mache komische Musik mit meiner Stimme als Instrument. Ich benutze Klänge, die ich interessant finde – teilweise sehr einfache, wie Atemgeräusche, teilweise komplexe, wo viel gleichzeitig passiert: stimmhafte Klänge in Kombination mit Klick-, Trill- und Reibelauten und verschiedene Arten von Mehrstimmigkeit.

Wobei es sich um etwas sehr Abstraktes handelt.  

Agnes Hvizdalek: Das Wort Abstraktion ist gut, ja. Obwohl ich viele Klänge benutze, die sowohl im klassischen als auch im Popular-Gesang, in Sprachen sowie im Alltag vorkommen, denke ich nicht direkt an Sprache oder konventionellen Gesang. Ich zitiere nicht. Trotzdem steht es natürlich im Zusammenhang und erinnert an ganz viele unterschiedliche Dinge. Ich möchte auf dem Detailniveau arbeiten, wo Referenzen in alle Richtungen da sind, ohne dass ich diese benennen muss, und wo die Musik auch ohne diese auskommt. Eben mehr ein Aufzeigen als ein Hinzeigen – ein freundliches Aufmerksammachen auf das Komplexe im Einfachen und umgekehrt.

„Zeit ist der Schlüssel zu meiner liebsten Trickkiste.“

Woran denken Sie beim Musizieren? Gibt es eine Geschichte im Kopf? 

Agnes Hvizdalek: Nein, ich denke wirklich extrem abstrakt. Das ist vielleicht ein bisschen ernüchternd. Beim Zuhören passiert so viel im Kopf, weil das Gehirn dazu erzogen ist, die ganze Zeit nach Ähnlichkeiten zu suchen und zu kategorisieren. Ich versuche, da kein Drama daraus zu machen, damit der Fokus bei dem bleibt, was mich interessiert. Ich möchte nicht dazu anstiften, sich zum Beispiel in emotionalen Assoziationen zu verlaufen. Der letzte Teil des Stückes könnte sehr leicht hysterisch rüberkommen, wenn man vom verwendeten Klang ausgeht. Ich bemühe mich, mit dem Material so umzugehen, dass der Fokus beim akustischen Phänomen bleibt. Meine Sammlung an Werkzeugen, die ich dazu gefunden habe, ist mittlerweile gut sortiert, würde ich sagen. Das Sortieren passiert aber nicht beim Musizieren, sondern hauptsächlich dazwischen. Zeit ist der Schlüssel zu meiner liebsten Trickkiste. Ich stehe auf der Bühne und erzeuge Stimmklänge und natürlich hat das einen Aufbau, natürlich hat das Struktur und Form und entwickelt sich. In meinem Kopf ist es sehr logisch, in welcher Reihenfolge die Dinge passieren, wann es Ecken und Sprünge braucht.

#intervent10 Agnes Hvizdalek from Leo Hemetsberger on Vimeo.

Dann ist es auch der Reiz, dass jeder Mensch seine eigenen Assoziationen hat oder versucht, es für sich selbst einzuordnen.  

Agnes Hvizdalek: Es ist schon ein Denken – ein Denken ohne Worte. Es gibt ganz viele Arten von Denken. Musik ist eine – eine gute.

Ist das auch der Grund, weshalb es Sie in diese abstrakte Richtung gezogen hat?  

Agnes Hvizdalek: Ja, ganz sicher. Es hängt damit zusammen, wie meine Musik entstanden ist. Ich habe sehr früh gewusst, dass ich Neue Musik machen will und dass mich Sachen interessieren, bei denen ich zumindest glaube, dass das noch niemand macht –  also wirklich im banalsten Sinne des Wortes „neue“ Musik. 

Ist abstrakte Vokalmusik als Neue Musik einzuordnen oder gibt es einfach noch keinen passenden Genrebegriff? 

Agnes Hvizdalek: Als ich vor ein paar Jahren den Begriff „abstrakte Vokalmusik“ gegoogelt habe, gab es ihn noch nicht. Ich habe dann gleich mal die Homepage abstractvocalmusic.com gekauft und die Facebook-Gruppe gegründet. Das bin alles ich. 

Dann sind Sie beinahe eine Pionierin der abstrakten Vokalmusik?

Agnes Hvizdalek: Wenn wir vom Begriff sprechen, vielleicht – den habe ich mir ausgedacht. Mit der Stimme Musik zu machen, ohne dabei eine Melodie über den Text zu stülpen – viele würden so Gesang definieren –, da bin ich nicht die Erste. Wenn man sich alte Musik oder andere Orte der Welt anschaut, findet man viele ähnliche Konzepte. Jodeln zum Beispiel. Da geht es auch um arge Sachen, die man mit der Stimme machen kann. Prinzipiell denke ich anstatt in Genres lieber in Funktionen von Musik: unterhaltende, inspirierende, zeitvertreibende, einsamkeitsverdrängende.

„[…] Musik, die nicht nur sagt, wie die Welt in etwa ist, sondern auch, wie sie sein könnte.“ 

Es ist eigentlich sehr schön, von Funktionen statt Genres zu sprechen.

Agnes Hvizdalek: Musik kann einen symbolischen Wert haben. Mich interessiert das identitätsstiftende Element – dass sich Menschen treffen, gemeinsam Sachen erleben, gemeinsam nachdenken. Ich schätze es, wenn Musik einen Alternativvorschlag macht – Musik, die nicht nur sagt, wie die Welt in etwa ist, sondern auch, wie sie sein könnte. Musik ist praktisch, weil man es sich ungefährlich einfach machen kann: die Welt ignorieren, eine andere Perspektive wählen oder nur einen Teil ganz genau betrachten.

Was ist also das Besondere an Neuer Musik?  

Agnes Hvizdalek: Sie erinnert daran, wie viele Möglichkeiten es gibt – auch sonst so im Leben. Es gibt immer viel mehr Möglichkeiten, als man eigentlich glaubt. Ich finde das sehr motivierend. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Judith Holl

 

Konzerttermine 2017:

August 2017: Prague Improvising Orchestra, Festival Ostrava Days, Ostrava, Tschechien
September 2017: Solokonzert, Ausland, Berlin
Oktober 2017: Fraufeld, Porgy & Bess, Wien
Oktober 2017: Projekt Denoise mit Klaus Filip, Alte Schmiede, Wien
November 2017: „Stimmprojektionen 4D“ mit Stefan Voglsinger, Wien Modern, rhiz


Links:

Agnes Hvizdalek
Nakama Records