Wolfgang Mitterer

„Es ist ja immer das Nächste das Interessanteste“ – WOLFGANG MITTERER im mica-Interview

Der international erfolgreiche Tiroler Komponist, Organist und Improvisator WOLFGANG MITTERER hat sich auf die Methode des Samplings, des Komponierens mit Klängen, spezialisiert. Seine Mischklänge erzeugen eine unverkennbare Unmittelbarkeit. Der lebende Charakter der Sounds ist ihm dabei sehr wichtig: „Jedes Ereignis wurde irgendwann gespielt oder ist real erklungen.“ Mit Michael Franz Woels sprach WOLFGANG MITTERER noch vor der Absage sämtlicher Veranstaltungen durch die Corona-Krise über die womöglich erste Singer-Songwriterin der Musikgeschichte, das ägyptische Totenbuch und den nackten Beethoven.

Im Rahmen des Abends „Visionen vom ewigen Licht“ beim Festival Imago Dei gibt es eine Begegnung mit dem Grazer Chor Cantando Admont. Du hast dich vorab für dein neues Stück „am morgen, als die sonne aufging“ auch mit dem ägyptischen Totenbuch und dem Sonnengott Re beschäftigt, stimmt das?

Wolfgang Mitterer: Es geht um die Überfahrt, den Gedanken der Grenzüberschreitung zwischen Leben und Tod. Das hat mich in diesem Zusammenhang interessiert. 1996 habe ich das Stück „Ka und der Pavian“ [Uraufführung mit dem Ensemble Modern und dem SWR Vokalensemble Stuttgart im Rahmen der Klangspuren Schwaz; Anm.] komponiert. Dort war das ägyptische Totenbuch ein zentrales Thema für mich. Ich mag es deshalb so gerne, weil es – natürlich abhängig von den Übersetzungen – so kernige Sprüche beinhaltet wie beispielsweise: „Ich hänge in meinem zerzausten Baum.“ Hier sehe ich richtig die Frisur des Herrn, der das von sich gibt.

„am morgen, als die sonne aufging“ ist für sieben Sopranstimmen komponiert. Animierte Samples werden einen Surround-Sound erzeugen, der in verschiedenen Richtungen um das Publikum kreist. Die Sängerinnen werden im Laufe des Stückes mit Headsets durch den Publikumsraum gehen, sich unter die Menschen mischen und am Ende auch wieder verschwinden. Das Stück ist offen notiert, nicht vertaktet. Dadurch ergibt sich ein Schwebezustand. Der Klavierpart ist auch nur angedeutet, um die Tonalitäten festzuhalten. Da werde ich improvisieren. Das Tempo wird natürlich von den vorbereiteten Samples bestimmt, die geben klarerweise keine Sekunde nach. Aber rundherum sind wir freier. Die Samples werden von der Lead-Sängerin trackweise gestartet, das greift alles ineinander. Es gibt Abschnitte, in denen ich Claudio Monteverdi mit den Stimmen des Cantando Admont als Klanggewebe zitiere oder remixe. Diese Canzonetten für drei Stimmen, die im ersten Teil des Konzertabends gesungen werden, fließen dann später bei „am morgen, als die sonne aufging“ mit ein. Am Ende gibt es einen sehr langgezogenen Cluster, zwei Minuten nach oben glissandierend und die Sängerinnen gehen von der Bühne ab.

Dieses Stück ist ähnlich notiert wie zum Beispiel meine Oper „massacre“, die auch Time-Code-mäßig mit vorbereiteten Samples gesteuert wurde. Die Sängerinnen und Sänger und das Ensemble werden sozusagen in diese Samples hineindirigiert. Das hat immer den Vorteil, dass auch die Sängerinnen und Sänger die Melodien jeden Tag rhythmisch ein bisschen anders singen können und das mögen sie ganz gerne. „massacre“ war in Frankreich sehr erfolgreich, wurde auch erst unlängst in Melbourne, Australien, in einem Radiosender zur Gänze gesendet. Das hat mich sehr überrascht.

Wolfgang Mitterer: “am morgen, als die sonne aufging”, Ausschnitt aus der Partitur (c) Wolfgang Mitterer

Welche Stücke von dir werden denn noch häufig gespielt?

Wolfgang Mitterer: Ein Dauerrenner ist auch „Das tapfere Schneiderlein“, die „kleine Oper“ für Kinder. Für diese gibt es in der Oper Zürich eine Neuinszenierung. Die Kinderoper „Schneewittchen“ wurde lange in der Staatsoper Berlin und der Staatsoper Hamburg aufgeführt. Es ist wichtig für Komponistinnen und Komponisten, dass ein paar Stücke auf Bühnen laufen, damit man nicht immer bei null beginnen muss.

Was bedeutet Improvisation für dich als Musiker?

Wolfgang Mitterer: Vieles, was man improvisieren kann, muss man auch nicht aufschreiben. Das Improvisieren mit anderen Musikerinnen und Musiker ist gut für Körper und Geist, macht gesund, es ist eine Labsal, entkrampft das Gehirn. Und das kann beim Komponieren helfen. Nicht immer natürlich.

Wie hältst du es generell mit der Dramatik in deinen Stücken?

Wolfgang Mitterer: Es geht immer um Aufmerksamkeitspunkte in einem Stück. Ein Stück ohne Aufmerksamkeitspunkte wäre eine schwebende Fläche. Aber bei der Dramatik beginnt ja die Schwierigkeit, da scheiden sich auch die Geister in der Neuen Musik. Laute dramatische Musik zu komponieren ist aufwendiger als ein leises Stück, das nur ein Gewebe darstellt und „nichts zeigt und nichts zugibt“. Bei einem Knall und weiteren lauten Ereignissen beginnen die Dinge, gegeneinander zu kämpfen. Das kann packender werden.

Und was ist mit der Provokation?

Wolfgang Mitterer: Es ist nicht so leicht, ein heutiges Mittel zu finden, das provoziert. Selbst unser Friedrich Gulda war der mit Ursula Anders im Wiener Konzerthaus schon nackt auf der Bühne.

Vielleicht muss man das Publikum ausziehen?

Wolfgang Mitterer: Das passiert ja gerade in der Tanzszene.

„Vielleicht war Hildegard von Bingen die erste Singer-Songwriterin?“

Zurück zum Imago-Dei-Abend „Visionen vom ewigen Licht“. Cantando Admont werden auch einstimmige liturgische Gesänge von Hildegard von Bingen präsentieren. Den Abend eröffnen die Kompositionen „Nunc gaudeant materna“ und „O rumor sanguinis“, entstanden Mitte des 12. Jahrhunderts. Hast du dich mit Hildegard von Bingen als Komponistin auch schon einmal spezieller auseinandergesetzt?

Wolfgang Mitterer: Zur Komponistin bzw. zum Komponisten wird man dann, wenn man mehrere Stimmen zueinander und übereinander setzt. Hildegard von Bingen wird als erste Komponistin gehandelt, so habe ich das einmal gelesen. Ich finde es jedoch interessanter, die Fugen von Bach zu studieren, denn dort finde ich Melodien, die so klingen, wie Hildegard von Bingen komponiert hat. Es ist die Frage, ob jemand, der eine Melodie und einen Text komponiert, bereits ein Komponist ist. Vielleicht war Hildegard von Bingen die erste Singer-Songwriterin? Aber es wird schon irgendwann früher auch einmal eine Frau „ein Liedl gepfiffen haben“. Aber bei Hildegard von Bingen geht es ja um das Gesamtpaket. Sie hat auch Medikamente gemischt, sich mit Kräutern beschäftigt und eine gesamtheitliche Philosophie zu Papier gebracht. Prägender für mich ist im Zusammenhang mit diesem Projekt mit dem Chor Cantando Admont das berühmte Chorwerk „Lux Aeterna“ von György Ligeti.

György Ligeti, eine Lichtgestalt in der Musikgeschichte?

Wolfgang Mitterer: Vor allem als letzter, großer „notistischer“ Monolith, der die traditionelle Notenschrift benutzt hat, um eine neue Sprache zu finden. Das 20. Jahrhundert ist voll von guten Komponisten. Gustav Mahler, Igor Stravinsky, die ganzen Russen – Korsakow und Schostakowitsch vor allem –, da kann man nicht aufhören, auf die Knie zu gehen. Ich bewundere, was sie geschafft haben, auf Papier zu bringen. Ich kann auch einer Welt von Helmut Lachenmann etwas abgewinnen, obwohl es in dieser Ecke der Neuen Musik schon etwas trocken wird. Mein musikantisches Jazzblut bleibt da etwas auf der Strecke.

Filmmusik ist immer auch wieder ein Thema für dich. Du hast heuer wieder den Österreichischen Filmpreis in der Kategorie „Beste Musik“ für den Film „Die Kinder der Toten“ von Kelly Copper und Pavol Liska gewonnen.

Wolfgang Mitterer: Es sind angewandte Jobs, die man zum Überleben braucht. Ich habe ein gut funktionierendes Studio, und als Freischaffender kann ich mich aus finanziellen Gründen nicht nur auf die Neue Musik konzentrieren. Aber man kann auch sehr viele Erfahrungen für das Komponieren von Opern sammeln. Ich mache jetzt nicht mehr so viel Musik für Film oder Theater. Filme werden vielleicht noch auf Festivals gezeigt, da kommen ein paar Tantiemen. Aber bei einer Theaterproduktion, wenn sie einmal abgespielt ist, kommt vom generierten Werk ja nichts mehr zurück. Ich habe mehr von einer Kinderoper wie „Das tapfere Schneiderlein“, die dann Opernhäuser nach zehn Jahren wieder aufgreifen und von meinem Verlag das Material buchen.

Ja, ich habe jetzt schon zum zweiten Mal den Austrian Film Award für „Beste Musik“ gewonnen. Wirklich erstaunlich fand ich die Laien-Darsteller aus der Steiermark. „Die Kinder der Toten“ war kein leichtes Projekt, da es ja eigentlich ein Stummfilm ist. Es musste schon ein Jahr vor der Fertigstellung ein Pre-Screening für die Produzenten gemacht werden. Da war der Film noch zwanzig Minuten länger. Ich habe dafür schon im Vorfeld eine Version produziert, die hundert Minuten gedauert hat. Ich finde den Film leider immer noch fünf bis zehn Minuten zu lang. Die Musik ist bei Filmen oder im Theater extrem wichtig, sie wird nur leider oft stiefmütterlich behandelt. Die Komponistinnen und Komponisten sind Urheberinnen und Urheber, sie erhalten Tantiemen, aber sie kommen erst ganz unten in der Abspann-Liste vor. Beim Austrian Film Award wird die Musik gleich einmal um 18 Uhr abgehandelt, die Hauptdarsteller kommen natürlich am Ende des Abends.

Du hast dein eigenes Studio, aber kannst du auch an anderen Orten komponieren?

Wolfgang Mitterer: Ich sitze schon im Flugzeug oder im Zug und stelle mir Fingerübungen im Kopf vor: zum Beispiel schnelle Triolen, mehrstimmig,  mit einem Tempo von 136. Das ist keine uninteressante Übung. Und wundere mich, wie langsam ich mit meinen 62 Jahren noch immer bin. Aber vielleicht hat das auch sein Gutes. Sich das Orgelspiel im Geist vorzustellen und Musik schnell zu denken, das haben ja Genies wie Mozart, Schubert und Beethoven wirklich beherrscht, nehme ich an. Viele sind auch daran verbrannt, an ihrer Hitzigkeit im Kopf? Manchmal denke ich mir dann: „Es ist eh okay, dass ich langsamer bin.“

Wenn man das Komponieren an Computerprogramme auslagert, könnten die das doch alles viel schneller ausführen. Wie siehst du diese Mensch-Maschine-Frage?

Wolfgang Mitterer: Es ist interessant, was eine Maschine ausspucken kann, aber es ist noch viel interessanter, wie ein Mensch es schafft, zum Thema Musik etwas – Dinge, die in seinem Kopf vorgehen – auf Papier zu bringen oder einem Gerät „aufzudrücken“. Da spielen viele Faktoren eine Rolle: Was hat er gelernt? Was hat er gegessen? Welche Liebesbeziehungen hatte er oder hatte er nicht? Das fließt alles ein. Bei einer Maschine wird es so gesehen schnell fad.

Ich habe jetzt den Vorteil, dass ich mit meinen Computern alles, was relativ normal klingt, sehr gut simulieren kann. Ich springe da nicht ins kalte Wasser, und ich bin auch ein begeisterter Fan vom Komponieren am Computer. Obwohl ich sehr viel mit der Hand grafisch gearbeitet habe. Ich sehe das ganz pragmatisch. Durch das Vorhören beim Simulieren der Komposition habe ich einen Teil meines Hirns frei, es muss sich nicht mit Vorstellungen des bereits Komponierten beschäftigen. Da schaffe ich Kapazitäten für mich. Komponieren kommt vom lateinischen Wort „componere“, also „zusammenstellen“. Und wenn ich die technischen Möglichkeiten habe, viele Dinge gleichzeitig zusammenzustellen, dann macht das richtig Spaß. Das geht in Richtung Malen und Übermalen.

Vor eineinhalb Jahren habe ich meine ganze „Computerei“ völlig erneuert. Da gehen schon mal drei Monate drauf, nur um das alles wieder in den Griff zu bekommen und neue Dinge zu entdecken. Es ist ja immer das Nächste das Interessanteste. Das Vergangene kann man gut verwenden, um es zu remixen oder zu verändern und in einen neuen Zusammenhang zu bringen. Es macht für mich keinen großen Sinn, über Stücke nachzudenken, die ich vor drei Jahren komponiert habe. Das ist Schnee von gestern und meistens würde ich es heute schon wieder ganz anders machen.

„Wenn man eine Stimme hört, springt man mit dem Ohr sofort hin.“

Im Beethoven-Jubiläumsjahr kommt man schwer darum herum, dich nicht auf dein Beethoven-Album „Nine in One“ anzusprechen, das dich über viele Jahre hinweg beschäftigt hat.

Wolfgang Mitterer: Meine Beethoven-CD „Nine in One“ kam schon vor zwei Jahren auf den Markt. Col Legno hat mir davor die Rechte an allen neun Sinfonien zur Verfügung gestellt und so konnte ich sie über Jahre hinweg bearbeiten. Ich habe anfangs begonnen, alle ersten, zweiten, dritten und vierten Sätze „nackt“ übereinanderzulegen, um zu sehen, was denn da irgendwie zusammengehen könnte.

Diese Brüche machen ja die Sinfonien von Beethoven so phänomenal stark. Er spannt etwas auf und springt dann in eine andere Richtung. Ohne groß herumzutun, wechselt er die Harmonien. Nach ein paar Monaten kam ein Produkt heraus, von dem ich gefunden habe, dass es für einen Beethoven-Kenner zu arg und für einen Beethoven-Nichtkenner zu wenig „gschmackig“ ist. In der ersten Fassung der Arbeit an den Beethoven-Sinfonien waren die Brüche noch unerträglich, diese Wirkung hat sich ja verzehnfacht.

Ich habe das Projekt dann erst einmal liegen lassen und nach einem Jahr wieder begonnen, die Strukturen nochmals aufzubrechen, selbst dazu zu spielen und mit eigenen Samples die Stücke zu würzen. Das hat mir dann auch noch nicht zugesagt und so musste es noch weitere Jahre reifen. Im letzten Satz kamen dann Stimmen dazu, rund um den Schluss von „Freude, schöner Götterfunken“. Diese Stimmen-Samples sind teilweise bei der CD-Produktion „Sopop“ [mit Birgit Minichmayr, Anm.] entstanden. Über Hörspiele und andere Produktionen hatte ich viele weitere Samples angesammelt. Stimmen sind ja immer ein „Ear-Catcher“, sie helfen, um die Aufmerksamkeitskette eines Stückes zu gestalten. Wenn man eine Stimme hört, springt man sofort mit dem Ohr hin. Gut platziert hilft das, um dem formalen Gefühl zu folgen.

Zurzeit arbeite ich an einem Remix meiner Beethoven-CD „Nine in One“ für eine Eröffnungsveranstaltung am 1. Mai im Café Restaurant Oktogon. Wenn ich bei Spotify schaue, was am häufigsten von dieser CD gehört wird, dann sind es doch die Stücke „Beethoven – Schicksal“ oder „Beethoven – Tristesse“ – und damit die Stücke mit den meisten eigenen Samples; und bei denen ich nicht versuche, Beethoven nackt sein zu lassen. Für das moers festival zu Pfingsten spiele ich mit Wolfgang Puschnig und Herbert Pirker im Trio – eine Premiere, die sich dieses Jazzfestival gewünscht hat. Wir spielen Beethoven, aber nicht „Nine in One“, sondern „Nine for Three“, die neun Sinfonien für drei Musiker. Auf einem Jazzfestival soll ja kein Auge trocken bleiben, da kann man schon eine versampelte Beethoven-Demontage machen. Ich freue ich mich schon sehr darauf!

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Franz Woels

Dieses Interview wurde bereits vor der Corona-Krise geführt.

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