„Es ist immer zu intimen Sessions mit mir und einem Synth gekommen […]“ – CLEMENS BACHER (CID RIM) im mica-Interview

Vier Jahre nach seinem Debüt „The Material“ meldet sich der gefragte Produzent, Musiker und Songschreiber CID RIM aka CLEMENS BACHER nun mit dem Album „Songs of Vienna“ (Lucky Me) wieder zurück. Musikalisch knüpft der gebürtige Wiener – der heute zwischen seiner Heimatstadt, London und Los Angeles pendelt – mit seinem tanzbaren Mix aus Elektronik, Jazz und Pop dort an, wo er auf seinem Debüt aufgehört hat, wobei er es dieses Mal dennoch etwas anders angelegt und sich ein wenig mehr in Richtung Pop bewegt hat. Im Interview mit Michael Ternai erzählte CLEMENS BACHER, warum er bei der Entstehung dieses Albums einen zweiten Anlauf genommen hat, welche entscheidende Rolle Synthesizer gespielt haben und wie sein Zugang zum Songschreiben ist.

Deine Arbeiten für „Songs of Vienna“ begannen laut Pressetext im Jahr 2019 mit Sessions, die du mit befreundeten Musikerinnen und Musikern gespielt hast. Dann aber hast du dich entschieden, die ganze Sache neu und anders anzugehen. Warum kam es zu dieser Entscheidung?

Clemens Bacher: Ich kenne viele Musikerinnen und Musiker, unter anderem auch viele aus dem Umfeld der JazzWerkstatt Wien. Und ich kann mich wirklich glücklich schätzen, dass viele von ihnen auch immer sehr motiviert sind, wenn ich sie frage, ob sie nicht mir etwas machen wollen. Die Idee war, dass ich mit einigen dieser Leute im Studio von Sixtus Preis freie Sessions spiele und dass das Material, das aus diesen heraus entsteht, quasi das Fundament des Albums bilden sollte, mit dem ich dann weiterarbeiten kann.

Auf der einen Seite hat mir das wirklich getaugt, auf der anderen hat sich aber für mich relativ schnell herauskristallisiert, dass, wenn ich so weitermache, ein richtiges 1970er-Jahre-Fusion-Jazz-Rock-Album herauskommen würde. Und das war eigentlich nicht das, was ich wollte. Ich hatte schon auf meinem letzten Album „Material“ einige Nummern drauf, die in eine ähnliche Richtung gegangen sind. Sie waren etwas komplizierter und in ihnen passierte sehr viel. Von dem wollte ich weg. Daher habe ich das Album dann quasi verworfen. Wobei ich natürlich nichts verloren gehen habe lassen. Ich habe aus einem Teil des Materials zum Beispiel zwei neue Nummern gemacht [„Gathering I“ und „Gathering II“; Anm.], die im vergangenen Juni erschienen sind.

Wann hat es sich dann letztendlich herauskristallisiert, in welche Richtung du arbeiten willst?

Clemens Bacher: So richtig klick gemacht hat es bei mir 2019. Ich war damals dreimal in Los Angeles, um dort unter anderem an Writing-Camps teilzunehmen. Und da bin ich immer wieder in Studios gelandet, wo Synths gestanden sind, die ich wenig oder noch gar nicht kannte. So teures altes Zeug, an das man nicht so schnell herankommt. Es hat sich dann einfach manchmal ergeben, dass ich nach den Sessions kurz Zeit hatte, diese Synths auszuchecken und dabei immer auch Sketches mitzuschneiden. So bin ich auf Ideen gekommen, die viel simpler waren. Letztlich hat sich daraus ungeplant das Konzept für das Album entwickelt, das darin bestand, für mich einfach das meiste aus diesen Studios herausholen. Es ist immer zu intimen Sessions mit mir und einem Synth gekommen, aus denen Sketches entstanden sind, die in weiterer Folge die Grundlage für die Songs bildeten.

Gleichzeitig ist in mir auch die Idee herangereift, für das Album auch mehr zu texten und zu singen. Ich habe früher ja viel mit Featured Artists zusammengearbeitet und auch mitbekommen, wie sie ihre Texte schreiben. Irgendwann habe ich mich begonnen zu fragen, warum ich das immer so auslagern muss. Eigentlich war das ja etwas, was ich auch machen wollte. Ich texte grundsätzlich gerne, nur konnte ich diesen Aspekt mit dem Musikmachen davor noch nicht in meinem Kopf vereinen. Diesmal habe ich es einfach versucht. Zwar war ich am Anfang im Texten noch nicht ganz so geübt, aber ich bin da eigentlich recht schnell reingekommen.

„Es darf durchaus auch einmal poppiger klingen.“

Die Songs wirken im Vergleich zu den Sachen, die du davor gemacht hast, tatsächlich etwas leichter zugänglich, wobei sie natürlich immer noch anspruchsvoll sind. Aber es wirkt so, als würden sie etwas mehr in Richtung Song gehen, sprich hin zu einfacheren Strukturen.   

Clemens Bacher: Ich bekam während des Prozesses einfach mehr und mehr das Gefühl, dass die Ideen vor allem in ihrer Simplizität ihre Stärke hatten. Damit hat sich für mich quasi auch der Weg hin zu Songs eröffnet. Ich hatte zwar anfangs noch Berührungsangst gegenüber meiner eigenen poppigen Ader, weil meine Sachen davor doch mehr clubmäßiger und jazzbeeinflusster waren. Diese hat sich aber mit der Zeit gelegt. Es darf durchaus auch einmal poppiger klingen. Wobei man im Endeffekt nicht von einem klassischen Pop-Album sprechen kann. Dafür sind zu viele verschiedene Sachen vorhanden.

Was dein Album ebenfalls auszeichnet, ist vor allem auch die große musikalische Breite. Manche Songs sind sehr tanzbar, andere unglaublich atmosphärisch, wieder andere sehr gefällig.

Clemens Bacher: Diesen musikalischen Rahmen habe ich ganz bewusst gewählt. Das Tanzbare ist sicher meiner eigenen Historie geschuldet, da mich Clubmusik, egal ob nun Hip-Hop, House, Broken Beats oder Dubstep, durch viele Phasen meines Lebens begleitet hat. Ich habe in meinem Leben viel Zeit in Clubs verbracht. 2015 oder 2016 habe ich zwölf Gigs in der Pratersauna gespielt. Das gehört einfach zu mir. Und deswegen auch der Rahmen mit den tanzbaren Nummern am Anfang und am Ende des Albums. Dazwischen bilden sich die für mich ein wenig neueren musikalischen Entwicklungen ab.

Letztlich hat es sich alles richtig angefühlt, dieser, ich sage mal, clubigere Rahmen mit ein paar Ausreißern, wie etwa die Nummer „The Marod“. Die hat mich schon auch herausgefordert, weil ich sonst gerne Sachen mache, die für mich eher optimistisch und positiv klingen. Auch wenn ich etwas nur in Moll oder traurig schreibe. Bei dieser Nummer dagegen ging sich das nicht wirklich aus. Da musste ich mich in diese fast schon psychotische Horrorfilm-Welt hineinlassen. Aber zu der Zeit, als sie entstanden ist, habe ich mich einfach so gefühlt. Es war die Phase der Albumentwicklung, in der ich schon etwas gezweifelt habe, ob sich das mit diesem offenen Zugang ausgeht.

Was inspiriert dich zu deiner Musik? Woher stammen die Einflüsse? Welchen Effekt haben sie auf deine Musik?

Clemens Bacher: Zunächst einmal,Musik war immer ein Teil von mir. Meine Eltern waren immer schon sehr musikinteressiert und haben mich immer wieder zu diversen Konzerten – von Klassik bis Jazz – mitgenommen. Darüber hinaus war mein Vater ein Fan dieser 1970er-Jazz-Rock-Fusion-Funk-Ecke, dementsprechend sah auch seine Plattensammlung aus. Später war ich riesiger Hip-Hop-Fan. Dann entdeckte ich die elektronische Musik à la Kruder & Dorfmeister und die Sachen, die zeitglich aus London kamen. Ich habe als Kind aber auch irrsinnig viel Pop gehört. Das waren schon alles Einflüsse, die mich geprägt haben. Und es kommt auch schon mal vor, dass, wenn ich einen Song schreibe, ich mir irgendwann sage: „Das gibt es ja schon.“ Wenn man in so klassische Popakkord-Abfolgen hineingeht, passiert das schnell einmal.

Generell versuche ich aber, all diese Einflüsse gar nicht so sehr zum Thema zu machen, sondern einfach nur zu schauen, was sich in dem Moment richtig anfühlt und worauf ich gerade Bock habe. Ich gehe eher intuitiv an die Sache heran. Ich bewundere zwar auch Leute, die mit einer komplett vorgefertigten Idee in eine Platte hineingehen und relativ konkret wissen, was sie machen wollen. Aber das ist nicht mein Zugang. Ich versuche, die Dinge, die mir in diesem Moment taugen, in die Musik einfließen zu lassen. Das Gleiche gilt auch für meine Texte, die vor allem Themen behandeln, die mich in diesem Moment beschäftigen. Diesen Zugang finde ich sehr spannend, weil er einen sehr offenen Prozess zulässt.

„Ich mag es einfach, schnell und intuitiv zu arbeiten.“

Die Stücke klingen alle sehr durchdacht. Sie klingen so, als würdest du dich wirklich intensiv und lange mit ihnen beschäftigen. Inwiefern spielt Perfektionismus bei dir eine Rolle?

Clemens Bacher: Ich selber bin alles andere als perfektionistisch. Der Perfektionismus kommt eher am Ende hinzu.Rein soundmäßig arbeite ich nämlich immer mit Paul Movahedi [The Clonius; Anm.] zusammen, der alle meine Platten mastert und mir am Ende, wenn alles fertig ist, immer ein super Mix-Feedback gibt. Und der ist, besonders was den Klang betrifft, sehr perfektionistisch unterwegs.

Ich selber sehe mich eher als einen Pfuscher. Ich versuche, eine Idee so schnell wie möglich aufs Papier zu bringen oder etwas schnell zusammenzumischen, was ich mir sofort anhören kann. Das ist die Arbeitsmethode, die mir am meisten Spaß macht. Direkt aus dem Studio auf dem Heimweg die eigenen Sachen anhören. Ich mag es einfach, schnell und intuitiv zu arbeiten. Aber es freut mich, wenn du sagst, dass sich meine Musik gut durchdacht anhört, weil es bedeutet, dass ich auch ohne einen perfekten Plan zu einem Ergebnis komme.

Dein Album geht aber nicht nur musikalisch in die Tiefe, auch inhaltlich besingst du ernstere Themen. Unter anderem den Klimawandel.

Clemens Bacher: In meinen Texten verarbeite ich hauptsächlich Sachen, die mich beschäftigen, Gedanken, die ich einfach nicht mehr wegbekomme. Anhand der Nummer „Last Snow“ lässt es sich am einfachsten erklären. Ich fahre von klein auf Ski. Ich habe das sehr oft getan. Wenn ich heute sehe, wie sich die Lage in den Bergen entwickelt hat, wie sich die Gletscher zurückgezogen haben und es einfach nicht mehr so viel Schnee gibt, dann kann ich einfach nicht mehr mit derselben kindlichen Freiheit die Piste runterknallen. Das Skifahren hat für mich heute immer so einen schalen Beigeschmack, den ich einfach nicht wegdenken kann. Ich habe versucht, diesem Beigeschmack auf den Grund zu gehen. Im Endeffekt ist er eine zukünftige Nostalgie: Es tut mir schon jetzt leid, dass alles irgendwann einmal weg sein wird. Der Sketch zu dem Song ist gerade dann entstanden, als ich mir besonders viele Gedanken zu diesem Thema gemacht habe. Das Witzige ist aber, dass die Nummer im Grunde genommen eigentlich ziemlich happy klingt.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

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