„ES IST EIN UNWAHRSCHEINLICHES EREIGNIS, DASS ES DIESE BAND GIBT.“ – FAMILIE LÄSSIG IM MICA-INTERVIEW

Anfang Jänner 2022 erscheint das Album „Eine heile Welt!“ (Asinella Records) von FAMILIE LÄSSIG – Jürgen Plank hat mit MANUEL RUBEY und CLARA LUZIA über magische Momente im Wirken der Band, Schlager-Einflüsse und eine Albumproduktion in Lockdown-Zeiten gesprochen. Außerdem erzählen die beiden, warum die Gage des jeweils ersten Tour-Konzerts gespendet wird und was sie am jeweils anderen schätzen.

Wie habt ihr denn die Arbeit am neuen Album während Corona- und Lockdown-Phasen koordiniert?

Manuel Rubey: Es gab sozusagen einen Glücksfall: wir wollten vor Corona ein Jahr Pause machen und in dieser Zeit das Album machen. Der Plan dazu war also schon da. Wir alle sind durch die verschiedenen Lockdowns ein bisschen fauler geworden und wir haben das Album dann nicht so schnell fertiggebracht, wie eigentlich gedacht.

Clara Luzia: Wir haben es dieses Mal nicht so gemacht, dass wir gemeinsam in einem Raum beim Aufnehmen waren. Sondern wir haben Kleingruppen gebildet und so war dann jeder und jede für sein bzw. ihr Lied zuständig. Das war eine völlig neue Erfahrung, ging aber ganz gut, weil da die anderen auch gar nicht mitgesprochen haben. Erst im Mix haben wir alles zu einem Ganzen zusammengeführt. Es mussten sich also immer nur 2 bis 3 Leute koordinieren und das haben wir geschafft.

Familie Lässig (c) Jules Stipsits

Im Pressetext habe ich ein Joseph Beuys zugeschriebenes Zitat mit dem Titel „How to be an artist“ gelesen. Was hat es damit auf sich?

Manuel Rubey: Ich liebe diesen Text. Ein Pressetext ist ja immer eine noch größere Behauptung als ein fertiges Album. Ein fertiges Album ist auch eine Behauptung. Insofern braucht man den Text auch nicht zu erklären. Auch Songtexte erkläre ich ungern, weil ich das nicht kann. Mich spricht Beuys da wahnsinnig an, das bringt vieles zum Klingen, und vieles davon kann man auf das übersetzen, was wir bei Konzerten vermitteln wollen.

„Lade wen Gefährlichen zum Tee ein“, heißt es da. Wer könnte das denn für dich sein?

Manuel Rubey: Ich habe ein paar sehr spannende Menschen in meinem Leben, das können auch alte Freunde sein, die auf den ersten Blick so ungefährlich sind, dass sie sehr gefährlich sein können. Die würde ich immer wieder zum Tee bitten.

Wenn wir schon bei Zitaten sind: das Album beginnt mit einem Schüttelreim, den ihr allen Liedern voranstellt. „Ich wünsch’ mir eine heile Welt, die eine Weile hält“.

Manuel Rubey: Der Schüttelreim ist irgendwann mal live auf der Bühne passiert, bei einer so genannten Gunkelung. Wir fragen die Leute immer nach Themen und Gunkl sagt dann etwas dazu. Irgendwann hat er diesen Schüttelreim rausgehauen. Jahre vor Corona, ich fand den gut und habe mir gedacht, dass das ein Refrain ist.

Der Reim und der Albumtitel „Eine heile Welt!“ steht einer kompliziert gewordenen Welt gegenüber: Klimakrise, Corona, Finanzkrise, eine multipolare Weltordnung mit China als neuem Player usw., wie ist da eure Position mit dem Album?

Clara Luzia: Gerald wird nicht müde zu betonen, dass der Titel ein Ausruf ist. Da steht ja ein Rufzeichen. Es ist eine Hoffnung, eine Forderung. Die heile Welt gibt es ja nicht bzw. man kann versuchen, sie zu schaffen und das ist sehr subjektiv. Für mich ist der Anspruch, dass wir zumindest für 40 Minuten das Angebot einer heilen Welt machen, mit dieser Platte und generell mit unserem Schaffen.

„Ich habe es selten erlebt, dass Leute so wahnsinnig glücklich aus einem Konzert gehen“

Wie meinst du das?

Clara Luzia: Bei Familie Lässig wird es live sehr deutlich, was Musik schafft. Ich habe es selten erlebt, dass Leute so wahnsinnig glücklich aus einem Konzert gehen. Und das schließt uns mit ein. Das war für mich in dieser Intensität neu und da habe ich erst erkannt, was für eine Kraft da entstehen kann, sowohl für uns als auch fürs Publikum.

Was ist das für eine Magie, die du da ortest?

Clara Luzia: Da kriege ich eine Ahnung davon, dass es stimmt, dass wir alle miteinander verbunden sind. Sonst tu ich mir oft schwer, das zu fühlen. Aber bei Familie Lässig-Konzerten kriege ich eine Idee davon, wie sich das anfühlt, wenn man sich mit allen verbunden fühlt. Und das finde ich sehr schön.

Manuel Rubey: Das finde ich wunderschön und mehr ist auch nicht drinnen, mehr kann Kunst und Unterhaltung nicht machen. Wenn der Anspruch größer wird, dann wird es auch irrational. Wir können beim Weltgeschehen nicht eingreifen, aber wir können für ein paar Menschen inklusive uns das subjektive Empfinden für kurze Zeit bessern. Und das ist gar nicht so wenig.

Kunst ist im besten Fall eine heile Welt.

Familie Lässig (c) Jules Stipsits

Manuel Rubey: Absolut. Meine Reaktion auf diese Zeiten ist, dass ich mich in jeder freien Sekunde mit Kunst umgebe. Das ist ein elitärer Standpunkt, den muss man sich auch erlauben können. Ich versuche, ins Museum zu rennen und noch mehr Filme zu schauen, ich versuche, mich besser zu kleiden als sonst, um das alles zu ertragen. Das ist meine Strategie und die funktioniert sogar.

„Familie Lässig ist so anders als alle Projekte, die ich sonst mache.“

Du hast bereits in verschiedenen Konstellationen auf Bühnen agiert, was ist nur bei Familie Lässig möglich?

Manuel Rubey: Ich bin recht gut organisiert und kann Dinge recht gut planen. Ich mache gerne Pläne, mache gerne Listen und Familie Lässig ist nichts davon. Es ist ein unwahrscheinliches Ereignis, dass es diese Band gibt. Und es ist noch unwahrscheinlicher, dass es sie immer noch gibt. Ich stolpere da so mit und bin wirklich im wahrsten Sinne des Wortes einfaches Bandmitglied. Ich bin ein Sechstel der Band und genieße diese Zeit. Privat würden wir uns nicht treffen, weil wir so unterschiedlich sind, ich glaube aber, dass alle einander gerne treffen und wir genießen es auch auf Tour zu sein. Familie Lässig ist so anders als alle Projekte, die ich sonst mache. Ich würde Vieles anders machen, aber ich gebe mich dem Prozess hin. Es ist halt so, wie es ist, und es ist gut, wie es ist.

Clara Luzia: Totale Resignation. (lacht)

Am Album covert ihr die Nummer „Büro Büro“ von Britta, die ich sehr schätze. Wer hat denn das Lied ausgesucht?

Clara Luzia: Ja, das habe ich mal angeschleppt, weil der Frauenanteil bei den Covers sehr niedrig war. Diesen Anteil wollte ich nach oben schrauben. Ich liebe Britta und finde, dass Britta total gut zu uns passt. Inhaltlich passt das Lied auch gut, wir spielen es schon einige Jahre lang live und es kommt immer gut an.

Gibt es eine besondere Nummer, die ihr gerne mal covern wollt, an der ihr aber bisher gescheitert seid, weil sie zu schwierig ist?

Clara Luzia: Zu schwierig ist gar nichts.

Manuel Rubey: Ich habe, seitdem ich auf Bühnen gehe, einen ganz geheimen Wunsch: wahrscheinlich wird es noch 20 Jahre dauern, aber ich würde gerne mal „Blackbird“ von den Beatles singen. Vielleicht ist das auch Gotteslästerung, vielleicht sollte man das auch nicht tun. Wir haben das noch nicht probiert, ich spreche es nur immer wieder aus.

Clara Luzia: Das wird immer ignoriert. Man muss aber auch sagen, dass wir immer weniger Covers spielen.

Kürzlich habe ich ein Interview mit Fuzzman gemacht, seine Musik ist – würde ich sagen – von Schlager inspiriert und wird mit Indie-Instrumenten gespielt. Diesen Touch gibt es bei euch auch. Was hat es denn mit diesem Schlager auf sich?

Manuel Rubey: Wir stehen schon alle auf Melodien und vielleicht fehlen die Mittel und dann wird es schlageresk. Ich würde da auch Element Of Crime als Band nennen, die mein Leben begleitet und ich finde, dieser Anspruch auch immer ein wenig zu unterhalten, ist mir schon ein Anliegen. Das Schlagereske plant man ja nicht, das kommt eher in der Nachbetrachtung heraus.

Clara Luzia: Ich habe auch das Gefühl, dass das ein bisschen passiert ist. Auch wegen der Covers, die am Anfang da waren. Catharinaliebt Mainstream und Schlager und sie hat das eingebracht. Bei der deutschen Sprache kippe ich beim Texten leichter ins Schlagerähnliche und bei Familie Lässig lasse ich das auch zu. Es hat sich bald herauskristallisiert, dass es – wie du immer sagst, Manuel – Unterhaltung mit Haltung ist. Unser Anspruch ist der, dass wir nicht einen elitären Elfenbeinturm bauen, sondern in die Breite gehen. Der einfachste Weg in die Breite ist über recht simple Melodien und das muss ja deswegen nicht platt sein. Wir versuchen, mit den Texten etwas gegen zu steuern. In unseren anderen Projekten sind wir eh sehr tiefsinnig unterwegs.

Manuel, wenn du mit „Unterhaltung mit Haltung“ von Clara zitiert wirst: welche Haltungen schwingen denn mit?

Manuel Rubey: Ich glaube, dass wir bei Familie Lässig Heterogenität total zulassen und dass sich jeder aus dem Spektrum, wie früher bei den Boygroups, seinen Charakter herauspicken kann. Ich hoffe, dass das Ganze von einem feministischen Humanismus durchzogen ist, der sich als gemeinsamer Nenner durchzieht. Es gibt gewisse Parameter, auf die wir uns einigen können. Allein, dass da eine Band ist mit vier Typen und dass wir als Behauptung sagen: wir haben Matriachat. Das werfen wir den Leuten einfach hin.

Erste Gage: Spende

Ihr seid als Band durch einen Benefiz-Abend entstanden. Gibt es noch Anfragen in diese Richtung?

Clara Luzia: Wir haben es seitdem immer so gehalten, dass das erste Konzert der Tour gespendet wird. Unsere Gage wird gespendet und es werden Spendenboxen für das Publikum aufgestellt. Das behalten wir bei, weil das die Geburtsidee der Familie Lässig war.

Was schätzt du an deiner Bandkollegin Clara?

Manuel Rubey: Ich bin noch immer in der über mein Leben staunenden Fanboy-Perspektive hängengeblieben. Dass wir gemeinsam musizieren, ist für mich in jeder Sekunde ein Geschenk, das ich in Dankbarkeit annehme und das ist es.

Wie ist das umgekehrt?

Clara Luzia: Ich habe von Manuel viel darüber gelernt, was man dem Publikum tatsächlich schuldig ist, wenn man auf der Bühne steht und Eintritt kassiert hat. Das habe ich mir vorher nie so überlegt, ich habe mir nie wahnsinnig viele Gedanken über das Publikum gemacht. Manuel hat mich gelehrt, dass das Publikum das Allerwichtigste bei dieser Unternehmung ist. Und das hat dann ermöglicht, dass ich wahrnehmen kann, dass da eine Verbindung ist, die wirklich magisch ist. Insofern: Danke, Manuel!

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

++++

Familie Lässig live
07.-09.01.2022 Stadtsaal, Wien
21.01.2022 Salzhof, Freistadt
22.01.2022 KIKAS, Aigen-Schlägl
27.01.-28.01.2022 CasaNova Wien
29.01.2022 Tischlerei Melk
03.02.-04.02.2022 Treibhaus Innsbruck
05.02. Spielboden, Dornbirn
12.02. Nexus, Saalfelden
18.02. Orpheum, Wien

++++

Links:
Familie Lässig
Familie Lässig (Facebook)
Asinella Records