Bild Low Potion
Low Potion (c) Ben Raneburger

„Es ist cool, wenn man nicht immer cool ist“ – LOW POTION im mica-Interview

LOW POTION sind ANNA WIDAUER und CHRIS NORZ. 2019 erschien mit „Silk Blue“ das Debütalbum des Tiroler Duos – eine Platte, die vor Pop-Appeal nicht zurückschreckt, die Finger über den Synthesizer zappeln lässt und rhythmische Ausreißer provoziert, bei denen der Dubstep-Geist aus der Flasche für angewandte Stilbrüche purzelt. Beim poolbar-Festival in Feldkirch haben LOW POTION am 7. August 2020 ein Open-Air-Konzert gespielt. Gelegenheit für ein Gespräch über die Heimat, das Aushalten und Gefühlszustände zwischen High- und Lowlights.  

Low Potion gibt es seit 2017. Das Debütalbum kam 2019. Ihr spielt aber schon Jahre länger zusammen. Was sind eure frühesten Erinnerungen ans gemeinsame Musikmachen? 

Chris Norz: Wir haben am Tiroler Landeskonservatorium einen Jazzlehrgang besucht, später in Basel studiert …

Anna Widauer: Und gemerkt, dass wir die musikalische Zusammenarbeit weiterverfolgen wollen. Obwohl es gar nicht klar war, wie es sich entwickeln würde oder welche Instrumentierung wir genau haben werden. Das hat sich verselbstständigt – auch der Prozess, wie wir zusammenarbeiten. Entweder Chris kommt mit einer Instrumentalidee und ich schreibe dazu einen Text. Oder ich schick ihm das Gerüst eines Songs und er komponiert ihn weiter. Es ist eine einfache Aufteilung – und wie wir es zusammenfügen. Es braucht selten Kompromisse, weil wir uns schnell einigen.

Ihr tretet als Duo auf. Warum gerade diese Formation? 

Chris Norz: Wir haben unterschiedliche Setups und verschiedene Instrumentierungen ausprobiert. Das hat zu zweit von Anfang an funktioniert. Deshalb hatten wir nie den Drang, noch jemanden dazuzuholen.

Anna Widauer: Am Anfang haben wir uns bewusst auf Percussion und Schlagzeug reduziert. Dadurch fangen wir minimalistische Momente ein. Wir haben aber auch die Möglichkeit, die Stücke größer aufzuziehen. Das Drumherum wächst – aber klar: wenn man als Duo Popmusik macht, darf man sich nicht fürchten, dass der Sound reduzierter ist.

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Low Potion (c) Ben Raneburger

Ihr habt eure Zeit in Basel angesprochen. Wie habt ihr die Ausbildung in Erinnerung? 

Chris Norz: Ich kann mir keinen cooleren Ort für ein Jazz-Studium vorstellen. Wo gibt es schon 40 Räume, in denen jeweils ein Schlagzeug steht, mit dem du ganz einfach proben kannst? Gemeinsam mit den Studierenden und Dozenten war das ein super Umfeld!

Anna Widauer: Für mich war es die richtige Wahl. Ich hatte eine super Professorin, der Austausch war wertvoll. Aber lustig, dass wir jetzt so viel über Basel reden. Das ist doch gar nicht so wichtig.

Nach Basel seid ihr nach Tirol zurückgekehrt. Welchen Bezug habt ihr zur Heimat? 

Anna Widauer: Einen sehr zwiegespaltenen! In Tirol zu leben ist wirklich schön. Wenn ich woanders bin, habe ich immer die ersten drei Tage Heimweh. Das ändert sich aber schnell, weil ich merke, wie engstirnig und festgefahren manche Dinge in den Köpfen von den Menschen in Tirol sind. Wir haben das Glück, diese Dinge zu reflektieren, weil wir viel unterwegs sind. Fern- und Heimweh wechseln sich bei mir ab.

Trotzdem freut man sich, nach Hause zu kommen? 

Anna Widauer: Wenn der Zug über die Innbrücke rollt, ist das ein gutes Gefühl. Für mich ist Tirol die Basis, die große weite Welt ist gar nicht so weit weg.

„Es braucht die Reibung, ein Gefühl von Unbehagen oder die Erfahrung, sich an einem unbekannten Ort neu zurechtfinden zu müssen.“

Gibt es Momente, in denen ihr wegen der Musik aus Tirol wegziehen würdet? 

Anna Widauer: Manchmal habe ich das Gefühl, es nicht mehr auszuhalten, weil man alles schon gesehen hat. Das zeigt sich in der Begrenzung. Man kann nicht mehr so viel mitnehmen und etwas daraus machen. Das letzte halbe Jahr war deshalb extrem. Ich war nur an einem Ort, vor dem Wald, eigentlich total schön und die perfekte Umgebung für eine Dichterin – müsste man meinen! Aber ich konnte kaum arbeiten. Ich war dann für einen Tag in Wien, schau auf eine Hausmauer und plötzlich geht wieder was. Ich brauche die Reibung, ein Gefühl von Unbehagen oder die Erfahrung, sich an unbekannten Orten neu zurechtfinden zu müssen.

Die Reibung ermöglicht für dich neue Zugänge? 

Anna Widauer: Zuhause in Tirol ist das Zentrum die Natur. An anderen Orten ist es die Straße. Es passieren andere Dinge, bei denen man sich fragt, warum sie passieren. Der menschliche Einfluss ist viel größer als im Wald. Hat man als Gegenspieler nur die Natur, hat man nichts zu melden.

Chris Norz: Bei mir ist das Fernweh nicht so stark ausgeprägt. Ich bin – allein schon wegen der Musik – genug unterwegs. Deshalb habe ich nicht wirklich das Verlangen wegzufahren, wenn ich in Tirol bin.

Dialekt ist bei euch ein kleines aber auffallendes Thema in der Musik. Neben englischsprachigen Stücken findet man auch einige Mundart-Verse in euren Liedern. Ein ästhetischer Bruch oder eine Identifikation mit der eigenen Herkunft? 

Anna Widauer: Es gibt drei Songs im Dialekt, in denen es um die Phasen der Trauer geht. Ich hätte das nicht in einer anderen Sprache ausdrücken können.

Chris Norz: Du hattest auch das Gefühl, diese Wörter nicht nochmal übersetzen zu wollen, oder?

Anna Widauer: Der Text kam so raus, ich habe ihn nicht infrage gestellt. Dialekt ist eine reduzierte Sprache im Vergleich zum Englischen, bei dem ich als Nichtmuttersprachlerin aus allen Farben auswählen kann. Den Dialekt kann ich nicht künstlicher machen. Ich muss mit so wenig Worten auskommen, wie es die Sprache hergibt.

Ist das Schreiben im Dialekt nahbarer?

Anna Widauer: Der Text von „Suchen“ ist nicht näher bei mir als alle anderen Stücke. Aber: Es gibt keine Zweideutigkeit. Ich kann den Text nicht anders interpretieren, er steht so da, sagt alles. Andere Stücke lassen sich viel weiter deuten.

Verändert sich die Bedeutung von Titeln für euch? 

Anna Widauer: Das ist interessant. Wenn wir Songs performen, verändert sich die Bedeutung. In den englischsprachigen Titeln geht es oft um etwas Politisches oder um eine Stimmung, die ich während des Schreibens einfangen wollte. Bei „Suchen“ ist es eher ein persönlicher Prozess. Ihn live zu spielen, habe ich teilweise kaum ausgehalten, weil ich permanent daran erinnere, an welchem Punkt ich mich in diesem Prozess befinde und wie ich mich weiterentwickelt habe.

Du sprichst deine persönliche Weiterentwicklung an. Man merkt auch, dass eure Songs nicht als starres Konstrukt ausgelegt sind, sondern sich weiterentwickeln. 

Chris Norz: Beim Album „Silk Blue“ gibt es natürlich fertig auskomponierte Stücke. Wir werden im Herbst eine EP rausbringen, auf der nur akustische Instrumente vorkommen – ohne Elektronik, ganz einfach und durchsichtig. Das unterscheidet sich von Stücken auf „Silk Blue“, weil sie nicht produziert sind.

Wer ist für den Namen Low Potion verantwortlich? 

Chris Norz: Wir hatten eine ziemlich lange Excel-Liste mit unterschiedlichen Namen, die wir an Freunde und Bekannte geschickt haben. Low hat uns zwar gut gefallen, ist aber schon vergeben. Mit der Erweiterung um „Potion“ kommen zwei Dinge zusammen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben.

„Man wird die Platte eher nicht auf einer Party auflegen.“

Low Potion erschließt die Assoziation zum „Love Potion“, zum Liebestrank. Braucht man die Erfahrung des „Low“, der Tiefen des Lebens, um das „High“ der Liebe zu spüren? 

Chris Norz: Auf dem Backcover unseres Albums steht: „Don’t approach with a heavy heart.“ Man muss in einer guten Verfassung sein, damit dich der Sound nicht runterzieht. Wenn man das Album bewusst hört, geht es einem danach nicht super.

Anna Widauer: Man wird die Platte eher nicht auf einer Party auflegen. Deshalb passt der Name so gut. Er vermittelt ein bisschen das Gefühl von Trinken. Das geht mit der Musik einher. Man muss sie sich geben wollen. Als Hintergrundmusik hat sie keinen Sinn.

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Low Potion (c) Ben Raneburger

Die Gegensätzlichkeit wirkt bei euch als Konzept. 

Anna Widauer: Ja, das spiegelt sich auch im Arrangement und im Text wider. Wir vermitteln Gefühlszustände.

Gleichzeitig braucht es das Extrem, um das „andere“ zu definieren. Schwarz bedingt Weiß – ohne Licht, kein Schatten.

Anna Widauer: Leute präsentieren sich gerne von ihrer besten Seite und zeigen nur die „Highs“.

Chris Norz: Dadurch hat man kein komplettes Bild. Es gehören genauso die „Low Lights“ dazu.

Die aber weniger Likes generieren. 

Anna Widauer: Was dazu führt, dass man sich nicht mehr traut, zuzugeben, dass es einem auch schlecht gehen darf. Alle sind gezwungen, sich von der besten Seite zu zeigen und fröhlich zu sein. Das ist schlimm.

Anna, auf Facebook veröffentlichst du immer wieder Textzeilen von euren Songs, wie zum Beispiel kürzlich zu „Birth“. „Ein Lobgesang auf die Zarten, die Empfindlichen. Über das Gerührt sein“, schreibst du. Welche Rolle spielt Zärtlichkeit in eurer Musik? 

Anna Widauer: Bei „Birth“ geht es um einen Ballon und wie dünn seine Haut sein kann. Eigentlich sollte ein Ballon Freude machen. Aber er ist froh, so eine dünne Haut zu haben. „I’m happy that I didn’t grow a thicker skin“ – das lässt sich aufs Leben umlegen. Es ist cool, wenn man nicht immer cool ist.

Mut zum Ausbruch aus der Konvention lässt sich im Spannungsbogen eures Albums nachvollziehen. An manchen Stellen kommt es zu stilistischen Ausreißern: das Stück „Indigo“ endet mit überdrehtem Dubstep, „Artificial“ hört sich an wie eine laute Hommage an Koenigleopold. Wie wichtig sind diese Formveränderungen?

Chris Norz: Ich habe leider keine Toolbox, aus der ich einen bärigen Rhythmus rausholen kann. Es passiert. Im Idealfall entsteht etwas, das Anna ergänzt.

Anna Widauer: In unserer Musik gibt es viele Elemente, die ästhetisch oder natürlich sind. Du sprichst Songs an, in denen es zu Momenten des Aufbruchs kommt. Sie dienen nicht der Schönheit, sondern der Aufstachelung. Es ist ein Ausdruck des inneren Zwiespalts, der in der Musik weiterwirkt.

Chris Norz: Alle Gefühle müssen Platz haben. Deshalb versuchen wir diese Momente nicht zu vermeiden, sondern lassen sie zu, wenn sie passieren.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Christoph Benkeser

 

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