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„Es geht nur um die Stimmung des Songs“ – LAUT FRAGEN im mica-Interview

MAREN RAHMANN und DIDI DISKO, besser bekannt als LAUT FRAGEN, haben ihr zweites Album fertig: auf „Facetten des Widerstands“ (Numavi Records) vertonen die beiden historische Gedichte aus dem Widerstand. Im Interview mit Jürgen Plank erzählen die beiden, wie sie das Textmaterial ausgewählt haben und warum es für sie wichtig, diese Texte zu vertonen – zum Teil punk-rockig, zum Teil als Balladen. Und was sind eigentlich die Schlurfs? Hier die Antworten von LAUT FRAGEN.

Wie hat euer Projekt Laut Fragen begonnen?

Didi Disko: Ich habe einen Film, eine Dokumentation, über Obdachlosigkeit gedreht und bei einer Demonstration hat Maren mit dem Akkordeon ein paar passende Lieder gespielt. Vertonungen von Jura Soyfer hauptsächlich. Das war ungefähr im Jahr 2014. Für den Film hat sie für uns ein paar Lieder zum Thema Obdachlosigkeit gespielt. Danach, beim Falafel-Essen…

Maren Rahmann: …habe ich gefragt, ob jemand aus der Filmcrew Musik macht. Denn ich mache schon lange Vertonungen von Widerstandsliedern und von Liedern aus Konzentrationslagern. Ich hatte die Idee, solche Lieder mit Beats umzusetzen und weil Didi sofort gesagt hat, dass er Musik macht und Bock darauf hatte, hat unser gemeinsames Projekt begonnen. Wir haben dann eigene Texte geschrieben und die CD „Utopie und Untergang“ gemacht.

Im Herbst 2020 erscheint euer Album „Facetten des Widerstands“, auf dem ihr historische Gedichte vertont. Was war der Reiz dabei?

Cover Facetten des Widerstandes
Cover “Facetten des Widerstandes”

Didi Disko: Wir haben Interviews mit Zeitzeuginnen und -zeugen gemacht und da tickt einfach die Zeit. Die Interviewpartnerinnen und -partner waren zwischen 93 und 95 Jahren alt und leben glücklicherweise noch. Das Text-Material ist nicht leicht zu finden und wir wollen es dem Vergessen entreißen. Wir haben viele Texte gesammelt, gesichtet und ausprobiert.

Wo findet man solche historischen literarischen bzw. widerständigen Texte von relativ unbekannten Autorinnen und Autoren?

Maren Rahmann: Zum Teil im Internet. Es gibt zu Ravensbrück eine sehr gute Webseite, die auch Kunst und Gedichte aus dem Konzentrationslager aufbereitet. Zum Teil in Büchern. Peter Ulrich Lehner hat das Buch „Freiheits- und Widerstandslieder“ geschrieben, der hat auch Texte gesammelt. Auch in einem Buch der Theodor Kramer-Gesellschaft haben wir einiges gefunden.

Gibt es insgesamt viel Material, aus dem ihr nun 11 Beispiele auf eurem Album interpretiert oder gibt es nur wenig Material?

Didi Disko: Es gibt extrem viel Material. Aber nicht jeder Text ist liedtauglich.

Maren Rahmann: Wir wollten Texte finden, die nicht nur über das Leiden und die Grausamkeiten berichten, sondern auch ein Fünkchen Hoffnung geben.

Das ist euch jedenfalls gelungen, meine ich. Was vereint denn die ausgewählten Texte?

Maren Rahmann: Wir wollten eigentlich die Verschiedenheit finden, deswegen heißt das Album auch „Facetten des Widerstands“: von Desertion bis zu einer Wienerin, die freiwillig zu den Partisanen geht. Oder Herbert Traube, der als jüdischer Bub Wien verlassen muss und in Frankreich in den Widerstand geht. Es geht um Sabotage-Akte und auch um die Jugendkultur der Schlurfs, die Kleidung und Musik mochten und damals nicht anerkannt waren.

„Wenn die Alternative die Hitlerjugend wäre, dann wäre ich hoffentlich ein Schlurf.“

Die Schlurfs haben sich extravagant gekleidet und US-amerikanische Swing-Musik gehört und sich selbst aus dem Mainstream der Gesellschaft herausgenommen. Das haben Jahrzehnte später die Punks auch wieder über die Kleidung und die Musik gemacht. Waren die Schlurfs für euch ein interessanter Anknüpfungspunkt, weil ihr ja musikalisch eine Mischung aus Elektro- und Punk macht?

Didi Disko: Ich habe nicht das Bedürfnis mich aus der Gesellschaft herauszunehmen. Das war vielleicht im Alter von 16 Jahren so. Heute versuche ich lieber in der Gesellschaft zu wirken und Ideen zu verbreiten.

Maren Rahmann: Wir sind ja heute zum Glück nicht in einer Gesellschaft wie damals, in der alles gleichgeschaltet war und in der die etwas zu langen Haare ein Oppositionsmerkmal waren. Ich glaube, dass wir beide unkonventionell, aber in gewissem Sinn schon sehr in der Gesellschaft drinnen sind.

Didi Disko: Aber: wenn die Alternative die Hitlerjugend wäre, dann wäre ich hoffentlich ein Schlurf.

Wie habt ihr euer Lied „Schlurf“ musikalisch aufgebaut?

Didi Disko: Es basiert auf einem kleinen Sample von Swing-Musik von früher.

Maren Rahmann: Und der zweite Teil des Songs ist original, mit dem Text: „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei.“ Das haben die Schlurfs zum Durchhalteschlager „Es geht alles vorüber“ von Lale Andersen dazu gedichtet. Das Lied war eigentlich an die Soldaten gerichtet.

Bei mehreren Liedern am Album habt ihr O-Töne aus Interviews verwendet, bei „Combat“ wird ausschließlich Material aus einem Interview mit Herbert Traube verwendet. Wie hast du da die Musik produziert, Didi? 

Didi Disko: Ich bin tagelang gesessen und habe aus einem eineinhalb Stunden langen Interview etwa 3 Minuten herausgeschnitten und so begradigt, dass es zum Beat passt. Da steckt viel Arbeit dahinter, danach haben wir mit einem verstimmten Klavier dazu gespielt. Wir waren besorgt, dass es dem Herrn Traube nicht gefallen könnte, aber er ist ein sehr aufgeschlossener Mensch und war begeistert.

Bei eurer Musik musste ich zum Teil an Rammstein denken und an Laibach. War es euer Plan, diesen „schwierigen“ Texten, eine brachiale musikalische Ebene gegenüber zu stellen? Also: nicht folkige Protestsongs zu machen, sondern auch mal zu schreien, weil das nationalsozialistische Regime damals auch brutal war?

Didi Disko: Rammstein war nicht unser Vorbild, schon eher die Post-Punk-Ecke von Anfang der 1980er-Jahre. Oder so Riot Grrrl-Sachen, die schon mal die Sau herauslassen. Es gibt schon einige Vertonungen solcher Texte, die sind eher klassisch instrumentiert. Die akustische Gitarre ist, glaube ich, das am häufigsten verwendete Instrument. Es gibt pathetische Vertonungen solcher Texte. Wir wollten etwas Neues machen.

Maren Rahmann: Und wir wollten immer wieder diese Widerstand-Komponente herausarbeiten. Ich finde, „Nie wieder!“ gehört geschrien, weil es so oft überhört wird. Es wird zwar oft bei Gedenkveranstaltungen gesagt, aber es gehört ganz ganz oft geschrieen. Wenn man den soundsovielten Einzelfall bei einer österreichischen Partei hat, dann habe ich auch ein Bedürfnis, das mal zu schreien.

Worum ist es euch noch gegangen?

Didi Disko: Diese Texte, in die Gegenwart zu holen. Sie nicht als historisches Relikt zu sehen, sondern sie ganz konkret jetzt zu hören und mit dem Heute zu verbinden. Das wird nicht mit jedem Text gelingen, aber manche der Texte passen erschreckend gut ins Heute. Etwa wenn man an Entwurzelung und an Flucht denkt.

„Jura Soyfer ist gleichzeitig widerständig und aktuell, politisch und witzig.“ 

Maren, du hast schon vor einigen Jahren ein Album mit Vertonungen von Jury Soyfer veröffentlicht. Warum lässt dich dieser historische Kontext des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Zeit nicht los?

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Maren Rahmann: Jura Soyfer ist einfach großartig. Er ist schon vertont worden, aber ich finde man kann ihn immer wieder vertonen und an die Oberfläche bringen. Das sind tolle Texte, die haben trotz ihres Alters eine unglaubliche Frische und Aktualität. Bei Soyfer haben mich die Intelligenz und der Widerstandsgeist interessiert und ich bin weiterhin auf der Suche nach solchen Texten. Ich bin froh, dass wir jetzt auch eigene Texte schreiben. Weil ich das Gefühl hatte, das wir da nicht mitkommen, denn: Jura Soyfer ist gleichzeitig widerständig und aktuell, politisch und witzig. So etwas muss man erst mal hinkriegen.

Woran seid ihr aktuell noch dran?

Maren Rahmann: Auf unserer ersten CD haben wir einen Text von Fritz Brügel, das ist der Autor von „Arbeiter von Wien“, gemacht. Über eine Untergrund-Widerstandsbewegung im Austro-Faschismus. Wir haben Texte von Erich Fried ausgegraben und vertont und auch Texte von Ingeborg Bachmann.

Wie geht ihr an die Vertonung solcher Texte heran?

Didi Disko: Wir überlegen uns miteinander: Was braucht dieses Lied? Machen wir daraus eine Ballade oder ein Hörspiel oder einen Punk-Rotzer? Es geht vom Gefühl des Textes aus, das versuchen wir, so exakt wie möglich umzusetzen. Die Instrumente sind mir eigentlich völlig egal: Ob ich da eine E-Gitarre oder Synthesizer spiele oder eine Singende Säge von jemand anderem spielen lasse, ist eigentlich vollkommen egal. Es geht nur um die Stimmung des Songs.

Maren Rahmann: Zwei Lieder am Album basieren auf Akkordeon-Versionen von mir, das ist fragmentarisch bei der Vertonung von Antonia Bruha noch zu hören.

Habt ihr euch etwas Besonderes für die Album-Präsentation im Chelsea überlegt?

Maren Rahmann: Ja, am Ende, beim letzten Song „Karneval der Elenden“ von Hugo Sonnenschein sollen alle Beteiligten auf die Bühne kommen. Wir haben einen Saxophonisten dabei, Rainer Krispel wird dabei sein und als Vorband Gran Bankrott, unsere Labelkollegen bei Numavi Records.

Wie wichtig war euch das Labelumfeld und wie seid ihr zu Numavi gekommen? 

Maren Rahmann: Die hatten einen Stand beim Popfest und ich habe sie angesprochen und das hat von Anfang an gefunkt. Ich glaube, die freuen sich, etwas sehr Politisches zu veröffentlichen. Wir fühlen uns bei Numavi gut aufgehoben.

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

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Laut Fragen live:
28.08.2020: Chelsea, Gürtelbogen 29-30, 1080 Wien,
20:30h
www.chelsea.co.at

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Numavi Records