Bild Alexander Kaiser
Alexander Kaiser (c) Benno Feichter

„Es geht mir um eine gewisse Art von Brachialität.“ – ALEXANDER KAISER im mica-Interview

ALEXANDER KAISER ist ein vielbeschäftigter Komponist, der seine ursprüngliche Punk-Sozialisation in kontrastierende, hochenergetische Stücke transformiert. Der Südtiroler lebt und arbeitet mittlerweile schon seit vielen Jahren in Wien. Wann und durch welchen Komponisten ihm die Neue Musik offenbart wurde, wo er ein Stück mit einem Bergwerksknappen-Chor aufführen wird und wie man auch ohne virtuelle Visitenkarte zu Aufträgen kommt, hat er Christoph Benkeser und Michael Franz Woels anvertraut.

Man denkt sofort an Dramatik, wenn man deine Musik hört. Ist dir das Dramatische wichtig?

Alexander Kaiser: Das kommt von der Musik, die ich vor dem Komponieren gemacht habe. Ich habe in einer Punk-Band und in einer Indie-Rock-Electro-Band gespielt – das waren ganz andere Musikstile, von dort kommt ein Teil der Dramatik mit der ich momentan komponiere. Diese Einflüsse in meinen zeitgenössischen Musikansatz hineinzubringen, hat lange gedauert. „Prism“ war 2014 das erste Stück, bei dem ich diese Art der Energie und Dramatik einbinden konnte.

Geht es um die Transformierung der Energie?

Alexander Kaiser: Ja genau, dabei arbeite ich zur Zeit viel mit Beats, die ich auf einer Korg-Drum-Machine produziere. In „Prism“ habe ich versucht, diese Ideen in ein Drum Set zu überspielen. Da kommen Breakbeats oder Jazzrhythmen vor, aber auch gerade Punk-Grooves. Ich spiele damit herum und versuche, meine Einflüsse neu zu betrachten.

Wie lässt sich der Punk-Einfluss auf zeitgenössische Komposition umlegen?

Alexander Kaiser: Eigentlich gar nicht… Es hat auch nichts mit dem Materiellen zu tun. Es geht mir um eine gewisse Art von Brachialität. Diese Stellen in meinen Stücken sind dann meist laut und sehr dicht, es wird alles aus den Instrumenten rausgeholt. Das ist der Einfluss. Ich habe kein Interesse, einen „Punk-Sound“ in meine Komposition zu integrieren. Mir geht es darum, zu erkennen, was mir diese Art von Musik gibt, um sie in meine persönliche Sprache umzumünzen.

Die Brachialität braucht ein Gegenstück. Wie gehst du damit um?

Alexander Kaiser: Das Brachiale braucht Zeit, um wirken zu können. In diesen Momenten nehme ich die Musik zurück. Es kommen langsamere und weniger dichte Stellen vor, die den lauten Raum zur Wirkung und Entfaltung geben. Ansonsten wäre es nur ein Sog, in dem ich zehn Minuten durchhämmern lasse… was nicht unbedingt schlecht wäre; aber für mich dann doch zu wenig. Denn die Arbeit mit stark kontrastierenden Teilen ist mir trotz allem sehr wichtig.

Zu welchen Instrumenten greifst du gerne?

Alexander Kaiser: Angefangen hat bei mir alles mit dem Schlagzeug, Gitarre und E-Gitarre. Während des Studiums kam dann das Klavier hinzu. Aber beim Üben fehlt mir das Durchhaltevermögen. Ich schaffe lieber was Neues. Bastle an Sounds, spiele mit Synthesizern herum, versuche mich an der Elektronik und produziere Tracks, die mit meiner Instrumentalkomposition zusammenpassen. Live-Auftritte sind daher schon länger her: Ich glaube vor acht Jahren das letzte Mal mit meiner Band im Fluc.

„Ich wusste überhaupt nicht mehr, was hier musikalisch passiert.“

Du hast deine Band-Geschichte erwähnt. Wie bist du musikalisch sozialisiert worden?

Alexander Kaiser: Mein Vater ist Musiker, er spielt Kontrabass. Deshalb war Musik bei mir zu Hause immer präsent. Ich habe als Kind mehrere Sachen probiert. Ich habe in einem Chor gesungen, Schlagzeug gelernt usw. Aber richtig gefesselt hat mich alles erst, als ich mit 13 oder 14 angefangen habe in Bands zu spielen. Als ich dann nach Wien gekommen bin, habe ich begonnen, Musikwissenschaft zu studieren, wusste aber nicht genau, was ich machen sollte. Ich hatte zu dieser Zeit von „Neuer Musik“ noch keine Ahnung. Auf einmal saß ich in einer Vorlesung mit dem Titel „Komponieren Heute“ von Peter Oswald. Er spielte uns etwas von Edgar Varèse vor. Ich war nicht nur überrascht, ich wusste überhaupt nicht mehr, was hier musikalisch gerade passiert. Das war ein Erlebnis für mich! In Südtirol bin ich auf ein Gymnasium mit musikalischem Schwerpunkt gegangen. Der Unterricht hörte dort mit der Musikgeschichte des Zweiten Weltkriegs auf. Ich wusste natürlich, dass es Zwölfton- und Serielle Musik gibt. Von der tatsächlichen Musik hatte ich aber keine Ahnung!

Die Vorlesung von Peter Oswald war eine Offenbarung für dich.

Alexander Kaiser: Und was für eine. Es war ein Aha-Erlebnis. Kurz danach wurde mir die Indie-Rock-Musik, die ich mit meiner Band damals in Wien machte, zu limitiert. Ich stieg aus der Gruppe aus und spezialisierte mich ganz auf zeitgenössische Komposition.

Wie lange hat es gedauert, bis du diesen Übergang geschafft hast?

Alexander Kaiser: Die Aufnahme an der Musikuni ist nicht ohne, mir haben Kenntnisse gefehlt. Wie man so etwas aufschreibt. Auch weil es inzwischen viele Ansätze gibt, Kompositionen aufzuschreiben.

Welchen Ansatz hast du dabei verfolgt?

Alexander Kaiser: Ich habe begonnen, mir Noten zusammenzusuchen und Partituren zu studieren. So viel wie möglich… Das war ein zweijähriges Selbststudium. Schließlich habe ich erst mit 23 Jahren das Kompositionsstudium aufgenommen.

Du hast an der MUK in Wien und später in Graz studiert. Welche Unterschiede hast du wahrgenommen?

Alexander Kaiser: Graz ist mehr auf Neue Musik spezialisiert. Im Kompositionsinstitut ist die zeitgenössische Musik der zentrale Ausgangspunkt. Das Klangforum Wien hat dort auch ihre Studierenden. Dadurch ist der Austausch mit Gleichgesinnten größer als zum Beispiel in Wien. Die MUK war für mich aber ein guter Einstieg. Ich habe dort bei Christian Minkowitsch studiert.

In Graz warst du bei Beat Furrer, der gerne szenisch arbeitet. Wäre das interessant für dich?

Alexander Kaiser: Ja, ein Musiktheater oder eine Oper zu komponieren gehört allerdings zu den schwierigsten Herausforderungen. In Graz gab es ein Projekt namens „Oper der Zukunft“, im Zuge dessen man Kurzopern inszenieren konnte. Mit dem Theatermacher Ernst Binder habe ich an einem Libretto gearbeitet, aber das Projekt wurde zu groß. Wir wollten trotzdem weiter daran arbeiten. Leider verstarb Binder in der Zwischenzeit. Seitdem liegt das Projekt brach. Es weiterzuverfolgen ist zeitintensiv.

Und ohne finanzielle Sicherheit schwierig umzusetzen. Die Pandemie hat sicher keine positiven Auswirkungen auf die Auftragslage. Wie empfindest du die aktuelle Lage?

Alexander Kaiser: Nachdem ich familiären Kontakt zu Italien habe, war es zu Beginn ein gewisser Schock. Die Situation war absurd, weil die Welt in eine kollektive Starre verfallen ist. Das kannte man zuvor nur aus Hollywood-Filmen. Allerdings musste ich diese Schockstarre überwinden. Ich hatte Aufträge, quasi keine Ausfälle – nur Verschiebungen von Projekten.

Du hast deine Nähe zu Italien angesprochen. Wie weit kannst du deinen Aktionsradius derzeit Richtung Süden ausweiten?

Alexander Kaiser: Nach Südtirol habe ich gute Kontakte. Weiter südlich konnte ich bisher noch nicht viel arbeiten. Ich bin unmittelbar nach der Matura nach Wien gezogen, konnte also keine Beziehung zu italienischen Ensembles aufbauen. Das müsste ich erst angehen…

Was hat bisher gefehlt?

Alexander Kaiser: Ich habe nicht einmal eine Homepage. Meine virtuelle Visitenkarte ist „under construction“.

Du hast allerdings auch ohne Homepage und Social Media-Auftritt eine konstante Auftragslage.

Alexander Kaiser: Ich nutze Social Media, bin aber passiver Beobachter. Auf Twitter verfolge ich das Tagesgeschehen, auf Facebook einige Ensembles, Musikerinnen und Musiker und Kolleginnen und Kollegen – und über Instagram schaue ich mir schöne Bilder für die gute Laune an. Aktiv poste ich aber so gut wie gar nichts.

Interessant, dass die Uni gar nicht in die Richtung der Selbstpräsentation kommuniziert.

Alexander Kaiser: Sie betonen schon, dass man sich selbst vermarkten müsse! Ich bevorzuge aber die persönliche Variante, den direkten Kontakt zu den Musikerinnen und Musikern, den Austausch mit den Ensembles. Das hält länger. Aber wer weiß, vielleicht wird die aktive Social Media-Nutzung irgendwann zur Notwendigkeit.

Für dich war es noch nie notwendig?

Alexander Kaiser: Irgendwie war ich bisher immer mit Projekten ausgelastet. Insbesondere nach dem Studium.

Wie gestaltete sich der Übergang von Studium zu Berufsalltag?

Alexander Kaiser: Der Übergang von der behüteten Zone des Studiums, in der man mehrere Male im Jahr gespielt wird, hin zum Berufsleben ging für mich erstaunlich einfach. Vielleicht auch weil ich persönliche Beziehungen mit Musikerinnen und Musikern aufgebaut habe. Natürlich müsste man mehr verdienen, damit es leichter geht. Der finanzielle Ausgleich steht selten in Korrelation zum Zeitaufwand. Aber das ist nichts Neues.

Wie gut siehst du dich in Österreich als Komponist vertreten?

Alexander Kaiser: Eigentlich bist jetzt ganz gut. Es könnte selbstverständlich immer mehr sein. Aber ich bin mit der momentanen Situation recht zufrieden. 2019 bekam ich zudem das Staatsstipendium, das es mir ermöglichte, mit einer gewissen finanziellen Sicherheit vorzuplanen. Allerdings muss man sich langfristig die Frage stellen, wohin der Weg führen soll: Macht man den nächsten Schritt und verdient mehr – oder sucht man sich einen Job, der die künstlerische Arbeit subventioniert.

„Für junge Künstlerinnen und Künstler ist die finanzielle Sicherheit das größte Problem.“

Was wäre der nächste Schritt für dich?

Alexander Kaiser: Ein Mehr an größeren und besser entlohnten Aufträgen. Wenn du zwei Monate für ein Stück arbeitest, am Ende aber nur 1000 Euro übrigbleiben, hast du langfristig keine Chance. Für junge Künstlerinnen und Künstler ist die finanzielle Sicherheit das größte Problem.

Welche Wahrnehmung hat die Neue Musik in Österreich? Wie siehst Du den Stellenwert der Neuen Musik?

Alexander Kaiser: Vorneweg, es ist ein Nischenprodukt. Das ist die Realität und damit muss man sich abfinden. In städtischen Gegenden ist schon ein Publikum vorhanden, eine Szene konnte dort über gewisse Jahre wachsen. Deshalb ist die Neue Musik dort auch relativ gut vertreten. In ländlichen Gegenden gibt es mit Sicherheit noch Nachholbedarf. Trotzdem ist Österreich generell wahrscheinlich besser aufgestellt als so manche andere Region in Europa. Es gibt Festivals und Ensembles von Vorarlberg bis Wien. Das ist schon mal gut. Dennoch gilt auch hier: es geht mehr.

„Ich wollte aus meiner Komfortzone, in der die Stücke meist schnell und energetisch sind.“

Wie sieht es bei dir in diesem Jahr noch mit Aufträgen aus?

Alexander Kaiser: Diese Woche am Donnerstag spielt das PHACE Ensemble mein Stück „go in and you’ll never come out“. Ursprünglich habe ich das Stück vor zwei Jahren für das Interface Ensemble komponiert. Ich war zufrieden, aber es war nicht das, was sich während dem Komponieren in meinen Kopf festgesetzt hatte. Ich habe das Stück nun umgearbeitet und mit Elektronik kombiniert. Am 4. September gibt es eine Uraufführung einer neuen Komposition für Chor von Cantando Admont: Kontrabassklarinette, Akkordeon, präparierte Violine und Elektronik während der Gustav Mahler Musikwochen in Südtirol. Für dieses Stück habe ich bewusst ganz anders wie sonst gearbeitet. Es ist eine sehr langsame Komposition. Ich wollte raus aus meiner Komfortzone, in der die Stücke meist schnell und energetisch sind. Dann gibt es ein neues Werk für das ensemble XX. jahrhundert im Oktober. Später eines für das oh ton-ensemble aus Deutschland in Oldenburg. Im Februar 2021 wird dann im Rahmen der impuls Akademie in Graz mein neues Ensemblestück „FEED ME!“ durch das Klangforum Wien uraufgeführt. Ein paar Tage darauf bin ich Composer in Residency im Zentrum zeitgenössischer Musik in Klagenfurt. Auch dort wird es eine Uraufführung geben. Für das Transart Festival in Südtirol komponiere ich dann ein sehr raumspezifisches Werk, welches in einem Bergwerksstollen in Ridnaun gespielt werden wird: Mit Bergknappen-Chor, Licht, Elektronik und ein im Stollen quer verteiltes Ensemble.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Christoph Benkeser, Michael Frank Woels

Termin:
27. August, Reaktor, Wien, 19.30
https://www.reaktor.art/programm/phace

Link:
Alexander Kaiser (Soundcloud)