Veronica Kaup-Hasler (c) PID / Christian Jobst
Veronica Kaup-Hasler (c) PID / Christian Jobst

„Es geht jetzt darum, den nächsten sozialen Schritt zu gehen“ – VERONICA KAUP-HASLER im mica-Interview

Was brauchen MusikerInnen, um zu überleben? Was braucht es für ein angenehmes Leben? VERONICA KAUP-HASLER sprach mit Markus Deisenberger knapp vor Ausbruch der Corona-Krise über „Fair Pay“ – ein Thema, das uns garantiert auch nach der Krise beschäftigen wird. Die Erhöhung des Kulturbudgets sei erst der Anfang einer fundamentalen Weichenstellung in der Kulturpolitik gewesen, sagt die amtsführende Stadträtin für Kultur und Wissenschaft. Ein Gespräch über die notwendige Abkehr vom Denken in Wahlperioden, kluge Stadtentwicklung und europaweite Solidarität. 

Eine Weile schon wird über „Fair Pay” diskutiert, wobei sehr unterschiedliche Auffassungen darüber bestehen, was genau „Fair Pay“ ist. Was verstehen Sie eigentlich darunter? 

Veronica Kaup-Hasler: Das ist eine gute Frage, weil es selten bis nie diskutiert wird. „Fair Pay“ ist eigentlich ein Begriff, der bewusst macht, wie Gehälter im künstlerischen Bereich bezahlt werden sollten. Und bei dem Wort „gerecht” landen wir nicht nur in einer sozialen, sondern auch in einer philosophischen Debatte: Was ist künstlerische Arbeit wert? Woran bemisst sich das? Schwer zu sagen. Ich glaube, dass sich die jeweiligen künstlerischen Szenen diesen Begriff erarbeiten müssen. Sie müssen ausfüllen, was es für sie bedeutet, fair bezahlt zu werden, was sie selbst als Künstlerinnen und Künstler sowie Kulturschaffende als angemessen empfinden. Ich glaube nicht, dass die Politik ein strenges Raster vorlegen kann. Dafür sind die Sparten und Arbeitsweisen zu unterschiedlich. Wie könnte ich die Stunde des Nachdenkens einer Schriftstellerin bzw. eines Schriftstellers bewerten? Das entzieht sich uns. Wir können nur mit mehr oder weniger unbeholfenen Versuchen sagen, was notwendig wäre für ein Buch. Was empfindet eine Autorin bzw. ein Autor als gerechtfertigten Lohn für ihre bzw. seine Bemühungen? Das ist eine schwierige Angelegenheit, die immer wieder neu verhandelt werden muss.

„Sprecht darüber! Vermeidet das Thema nicht! Ihr müsst versuchen, ein Regelwerk zu finden, das einigermaßen euren Bedürfnissen entspricht!“

Das heißt also, die einzelnen Szenen müssen ein Bewusstsein dafür erarbeiten, was die eigene Arbeit wert ist. Gerade da stößt man immer wieder auf eine merkwürdige Scheu. Wenn es darum geht zu beziffern, was ein Bild, ein Buch oder eine Platte wert sein soll, begegnet man einer gewissen Reserviertheit. Über Geld spricht man nicht, heißt es im Volksmund. Demgegenüber weiß alle Managerinnen und Manager ganz genau, was ihre Leistung wert ist, oder sie haben sich zumindest eine plausible Antwort zurechtgelegt. 

Veronica Kaup-Hasler: So ist es. Denken Sie auch an politische Beratungsfirmen oder Menschen, die das Coaching als Beruf gewählt haben. Da begegnen sie Fantasiezahlen, die im Raum herumschwirren und mit großem Selbstbewusstsein vor sich hegetragen werden. Veranstalterinnen und Veranstalter, ausführende Künstlerinnen und Künstler, Musikerinnen und Musiker müssen versuchen, in einem offenen Dialog und in Überwindung dieser Schamschwelle über Geld zu sprechen. Es geht darum, faktisch zu sagen, was sie erstens einmal brauchen, um zu überleben, und zweitens, was es braucht, damit sich eine Zufriedenheit einstellt. Dass das, was sie tun, ihnen ein angenehmes Leben ermöglicht. Darum geht es. Was es letztlich wirklich wert ist, was mir z. B. gute Literatur oder gute Musik wert ist, ist unschätzbar. Das ist unbezahlbar. Aber das bringt uns nicht weiter. Wir müssen einen pragmatischen Zugang entwickeln. Sprecht darüber! Vermeidet das Thema nicht! Ihr müsst versuchen, ein Regelwerk zu finden, das einigermaßen euren Bedürfnissen entspricht!

Das Wiener Kulturbudget wächst 2020 um circa zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr, das sind ungefähr 26 Millionen Euro mehr für Kunst und Kultur. Das war ein toller politischer Erfolg. In den Medien war zu hören, dass diese Erhöhung auch eine Fair-Pay-Maßnahme beinhaltet. Wie genau soll das funktionieren? Und was muss passieren, damit das Geld, das jetzt mehr ausgegeben wird, auch bei denen ankommt, die es am notwendigsten brauchen? Man könnte es ja – überspitzt dargestellt – auch in die Hydraulik der Bühnentechnik stecken. Das wäre dann schön für die Bühne, schlecht für die Schauspielerinnen und Schauspieler, die weiterhin unterbezahlt wären. 

Veronica Kaup-Hasler: Das ist ein wichtiger Aspekt. Das Gute ist, dass wir unterschiedliche Töpfe generiert haben: Investitionstöpfe für Kleinstvereine in den Bezirken, wo es um die Anschaffung eines Mikros oder eines Lautsprechers geht. Aber auch einen Investitionstopf für mittlere und größere Institutionen. Wenn etwas, was dringend notwendig ist, erneuert werden muss, kann man hier einreichen und die nötigen Gelder abholen, damit die tatsächliche Erhöhung in die Produktion geht, in die künstlerische Produktion und in die Kunst.

Generell kann ich es aber nicht verordnen. Ich würde es auch für problematisch halten, wenn die Politik zu stark in die Autonomie von Kulturbetrieben eingreifen würde. Aber nehmen Sie die Filmfestivals, die besonders prekär arbeiten und deshalb besonders laut geklagt haben. Wir haben gesagt: „Gut, wir geben euch mehr Geld, wollen aber nicht, dass ihr mit diesem Geld noch eine zusätzliche Programmschiene einführt, sondern nehmt das Geld bitte für die Bezahlung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, der Künstlerinnen und Künstler, die ihr eingeladen habt.“

Wie verbindlich ist das? 

Veronica Kaup-Hasler: Das kann ich nur in Bitten und Maßgaben formulieren, aber auch meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind instruiert, auf die Fördernehmerinnen und Fördernehmer dementsprechend einzuwirken und ihnen klarzumachen, dass das Geld in allererster Linie den Kunstschaffenden zugutekommt und nicht in Quantifizierung oder Marketingbudgets gesteckt wird, sodass man ein Jahr später die gleichen Probleme wieder hat. Wir haben hier in Wien eine unglaubliche Fülle an Kulturveranstaltungen. Wir müssen daher zuerst einmal danach trachten, dass die Kulturveranstaltungen voll sind und dass ein anderes Publikum erreicht wird als das angestammte.

Ich selbst habe in der freien Szene tolle Vorstellungen erlebt, die nach fünf, sechs Abenden vorüber waren. Schade. Es könnte um diese einzigartigen Vorstellungen, so sie nur öfter stattfänden, ein regelrechter Hype entstehen, der Geld in die Kassen der Institutionen spielen würde. Wir haben eine erstaunliche Anzahl an Stücken und Performances, die herausragende Qualität haben, aber nur einmal oder wenige Male aufgeführt werden. Das ist ein überhitztes Business. Ich bin davon überzeugt, dass das beharrliche Bestehen darauf, dass nicht mehr gemacht werden soll, sondern dass das, was passiert, besser vermittelt und besser bezahlt werden soll, die richtige Politik für diese Stadt ist. Ich kann niemanden dazu vergattern, aber es ist der einzige Weg aus der Überhitzung, glaube ich. Und viele Einreichungen nehmen das schon mit auf. Man kann es also schon ein wenig steuern. Man wirkt ein und hofft, dass man Gehör findet. Über die Förderschiene kann man auch gezielt lenken. Jurys und Beiräte sind dazu angehalten, das in den Blick zu nehmen. Ein Stück mit zwanzig Leuten auf die Bühne bringen zu wollen, wenn die budgetären Voraussetzungen dafür gar nicht gegeben sind, macht wenig Sinn. Da muss ich mir dann halt eine Aufgabe stellen, die adäquater finanzierbar ist. Es braucht die Arbeit aller, um das vernünftig auf den Weg zu bringen.

Es gab in den Jahren 2008 und 2018 jeweils eine Studie über die soziale Lage der Künstlerinnen und Künstler. Eine zentrale Schlussfolgerung – das hält der aktuelle Abschlussbericht gleich zu Beginn fest ­– auf die Diagnosen der sozialen Lage habe darin bestanden, „dass die soziale Situation der Kunstschaffenden in ein breites, von mehrfachen Faktoren geprägtes Setting eingebettet ist, das nicht alleine durch kulturpolitisches Handeln im einzigen Sinn bewältigt werden kann, sondern die Kooperation verschiedener Ressorts und Akteure verlangt.“ Klingt ein wenig nach Entschuldigung, nach dem Motto „Na ja, allein können wir‘s halt nicht richten”, aber die Kulturpolitik allein wirds wohl tatsächlich kaum richten. Aber was braucht es als flankierende Maßnahmen anderer Player, damit eine Erhöhung der Mittel nicht ein Tropfen auf dem heißen Stein ist, weil, einmal salopp gesagt, alles andere nicht passt?

Veronica Kaup-Hasler: Es braucht vor allem von Veranstalterseite großes Engagement. Als ich selbst noch veranstaltete, haben wir uns z. B. beim steirischen herbst einen internen Ethik-Kodex auferlegt.

„Man muss alle Akteurinnen und Akteure, die im Feld einen Einfluss auf diese Maschinerie Kulturpolitik haben, mit auf den Weg nehmen und erklären, warum man das macht.“

Was regelte der?

Veronica Kaup-Hasler: Wer sponsert etwa. Wir haben auch Sponsoren, darunter die Novomatic, abgelehnt. Und wir haben uns selbst eine Mindestlohngrenze auferlegt. Darunter gab es keine Gagen. Es gibt immer wieder Künstlerinnen und Künstler, die für jeden Preis auftreten würden und das auch so kommunizieren, weil sie es für die Vita brauchen oder um den Fuß in die Tür zu kriegen. Diese Form der Selbstausbeutung habe ich nie ertragen. Das nicht zuzulassen ist die Verantwortung der Veranstalterinnen und Veranstalter. Am Ende des Tages ist etwa der Leiter von Wien Modern verantwortlich dafür, welche Gagen ausbezahlt werden. Wenn er als Parole ausgibt, dass es nicht sein darf, dass es Menschen gibt, die an einem Abend nur 50 Euro verdienen, dann wird da schon einmal etwas vorgegeben. Veranstalterinnen und Veranstalter sind essenzielle Player. Wenn sie ihr Verhalten ändern, indem sie eine Veranstaltung im Jahr weniger machen, dafür alle anderen ein wenig besser bezahlen, ist etwas gewonnen. Man muss alle Akteurinnen und Akteure, die im Feld einen Einfluss auf diese Maschinerie Kulturpolitik haben, mit auf den Weg nehmen und erklären, warum man das macht. Auch ich muss Verwaltung und Gemeinderat mitnehmen auf meinen Weg. Sie werden mit Zahlen konfrontiert, die höher sind, gleichzeitig aber wird weniger produziert. Das muss man rechtfertigen. Das ist mein Job.

Wenn ich höre, was eine Solistin bzw. ein Solist an der Staatsoper für einen Auftritt bekommt, muss ich mich allerdings fragen, ob sich hier nicht schon eine Praxis an absolutem Lohn-Dumping für Spitzenarbeit etabliert hat, die nur allzu schwer umkehrbar sein wird. 

Veronica Kaup-Hasler: Da spekuliert man offenbar damit, dass der Ruf eines Hauses und eines Ensembles adelt. Das ist eigentlich nicht in Ordnung. Und das wäre auch ein schönes Thema für meine Gespräche mit Lunacek & Co. Offensichtlich schwelt da etwas, und Wien kommt hier, nachdem es zweimal diese Studie gegeben und außer großem Erstaunen wenig Konsequenzen ob der horriblen Zahlen gegeben hat, eine Vorreiterstellung zu.

Was tun? 

Veronica Kaup-Hasler: Ich versuche es mit einer Mischung aus Rigorosität und Bescheidenheit, weil es schwer ist, Versprechungen zu geben, die man dann nicht halten kann. Aber wir gehen dieses Thema massiv an. Ich versuche etwa, unterschiedliche Gefäße für die freie Szene aufzumachen.

Frau Lunacek hat in den ersten Statements, die sie als neue Kulturstaatssekretärin abgab, viel über „Fair Pay“ gesprochen. Hat sich da aus Ihrer Sicht eine Tür aufgetan? Will man – Stadt und Bund – gemeinsam an einem Strang ziehen? 

Veronica Kaup-Hasler: Ja, natürlich. Ich habe aber auch mit Herrn Blümel das Gespräch gesucht. Ich bin in der Situation, in der ich das tun muss. Wenn es leichter geht als früher, freue ich mich. Lunacek hat ein Herz für Künstlerinnen und Künstler. Aber ganz egal, wer mein Visavis ist: Mein Job ist es, einen sachlichen Dialog herzustellen und für eine faire Entlohnung der Künstlerinnen und Künstler zu kämpfen. Seit Lunacek ihr Amt angetreten hat, bin ich in gutem Austausch mit ihr. Da gab es schnell einen guten Draht. Dass sie erkannt hat, dass an der sozialen Lage der Künstlerinnen und Künstler etwas zu verändern ist, freut mich. Das bedeutet aber auch eine eklatante Erhöhung der Budgets.

Das galt ja auch für uns in Wien. Die Erhöhung des Budgets war erst ein erster Schritt. Im Grunde genommen ist das der Anfang einer fundamentalen Weichenstellung in der Kulturpolitik. Dass wir sagen: „Wir müssen hier anders agieren, weil wir uns sonst ein Feld kaputt machen.“

„Wenn alle, die ihre Steuern zahlen müssten, ihre Steuern auch zahlen würden, hätten wir in dem Bereich überhaupt keine Debatte.“

Die Erhöhung eines Budgets ist immer nur so gut wie das, was folgt. Was ich meine, ist: Wenn jetzt zehn Jahre lang nichts mehr passiert, liegt die Erhöhung 2020 retrospektiv über den gesamten Zeitraum betrachtet unter Umständen sogar unter der Inflation. 

Veronica Kaup-Hasler: Genau. Und genau da wird es schwer, weil es mit anderen gesellschaftliche Feldern zusammenhängt, wo es ebenso Unterdotierungen und Nichtvalorisierungen gibt. Da ist ein großes gesellschaftliches Zusammendenken notwendig. Ich z. B. bin stark dafür, dass sich Touristinnen und Touristen über einen Kultur-Euro daran beteiligen, dass das Budget entlastet wird.

Und: Wenn alle, die ihre Steuern zahlen müssten, ihre Steuern auch zahlen würden, hätten wir in dem Bereich überhaupt keine Debatte. Wir hätten keine Bildungsdebatte. Wenn die Gesellschaft dafür Sorge tragen würde, dass jene, die steuerpflichtig sind, auch ihre Steuern entrichten. Wir könnten unsere Universitäten, Krankenhäuser und Kultureinrichtungen locker bezahlen, auch die großen industriellen Player. Solange das nicht der Fall ist, werden wir immer in den Grabenkämpfen bleiben. Mir war immer unverständlich, warum man hier keine europaweite Solidarität und eine gemeinsame Steuerpolitik zustande bringt. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich gönne allen, die fleißig sind, ihr Gehalt. Aber warum die größten Player verhältnismäßig am wenigsten zahlen, verstehe ich nicht. Das ist durch nichts zu rechtfertigen. Wären wir solidarisch, hätten wir viele Probleme nicht. Was es braucht, ist ein gesamtgesellschaftliches Konzept. Aber ich muss den Blick dann auch wieder verengen und schauen, was ich in meinem Feld tun kann. Aber das große Ganze darf man nicht aus den Augen verlieren. Da gäbe es eine Debatte zu führen, die mindestens ebenso wichtig wäre wie der politische Wille, an den schlechten Zahlen der Studien 2008 und 2018 etwas zu verändern.

Blieben wir da: Der Wille, an den schlechten Zahlen der Studien 2008 und 2018 etwas zu verändern, war ja durchaus erkennbar. So wurden nach Bekanntwerden der Ergebnisse von 2008 mehrere interministerielle Arbeitsgruppen gegründet, die in unterschiedlichen thematischen Zusammenhängen versuchten, Lösungsvorschläge zu erarbeiten, etwa im Bereich der Sozialversicherung. Und auch neue Förderinstrumente wurden entwickelt. Von durchschlagendem Erfolg waren aber alle diese Initiativen nicht gekrönt. Der aktuelle Abschlussbericht fasst es wörtlich so zusammen: „Insgesamt führten die Bemühungen zu einigen kleineren Verbesserungen in der Durchführungspraxis und brachten ergänzend Informationsaustausch auf allen beteiligten Seiten, hatten aber keine größeren strukturellen Veränderungen zur Folge. Die letzte Sitzung fand 2014 statt.“ Warum versanden solche positiven Initiativen so sang- und klanglos?  

Veronica Kaup-Hasler (c) PID / Christian Jobst
Veronica Kaup-Hasler (c) PID / Christian Jobst

Veronica Kaup-Hasler: Das ist einmal die Kurzfristigkeit des Denkens bzw. das Denken in Wahlperioden. Wir müssen auch ungeachtet der eigenen Ernte handeln. Dann muss man in Wien Dinge initiieren, auch ohne zu junktimieren, was der Bund macht, weil „wenn der Bund nichts macht, dann mach ich auch nichts …“ Das führt doch zu nichts. Wir haben gemerkt, welche fatalen Änderungen es im Verhältnis zwischen Bund und Stadt gab, nachdem die blau-schwarze Regierung 1999 an die Macht kam. Da hat sich der Bund aus vielem verabschiedet und ist nie wieder zurückgelehrt. Da wurde die Stadt zunehmend belastet. Der Vorwurf, die Stadt profitiere so viel vom Bund, ist einerseits richtig, aber es hält sich gut die Waage mit dem, was die Stadt vom Bund als Last übernommen hat. Oft fehlt auch die Verpflichtung zur Kontinuität. Ich empfinde meinen Weg schon als Fortsetzung eines Weges, den Marboe und Mailath-Pokorny vor allem in der Theaterreform eingeschlagen haben. Es geht jetzt darum, den nächsten sozialen Schritt zu gehen.

Dazu kommt noch die Angst vor der Tatsache, der man aber ins Gesicht zu blicken hat, dass nämlich Kultur in einer wachsenden Stadt auch ein wachsender Sektor ist, der kostet. Punkt.

Alle klugen Stadtentwicklungen in Berlin oder Paris haben Kultur essenziell in all ihren Konzepten als selbstverständlichen gestalterischen Faktor inkludiert. Das kommt jetzt allmählich auch in Wien an. Dieser Bürgermeister hat es verstanden, dass Kultur, vor allem auch zeitgenössische Kultur, für diese Stadt wichtig ist.

Es gibt ja nicht nur die Wiener Klassik. Auch die Wiener Schule der Moderne etwa ist ein Seller.

In der Musikszene entfaltete die elektronische Musik der 1990er eine internationale Wirkung, man denke nur an Kruder & Dorfmeister, Fennesz, Mego etc. Es passiert unfassbar viel in dieser Stadt. Als Bundesland ist das Asset von Wien nun einmal nicht der Gebirgssee, sondern es sind Kunst und Kultur. Dann muss man ab er auch in dieses Asset investieren. Davon bin ich überzeugt. Wenn zwei Prozent eines Gesamtbudgets in die Kultur gehen, ist das schon ganz gut.

Der Bund ist bei 0,6 Prozent des Gesamtbudgets und damit bei Weitem nicht dort, wo die Stadt Wien mit ihrem Commitment ist. 0,6 Prozent? Das ist für eine selbsterklärte Kulturnation eine Schande. Anders kann man das nicht sagen. Wenn es um Marketing geht, gibt es immer die im Wasser eines Sees baumelnden Beine, gutes Essen und Kultur. Da zaubern wir sie dann immer aus dem Ärmel, die Kultur. Geld aber haben wir immer noch zu wenig für sie. Da ist etwas falsch bewertet. Diese Marke muss man stärken, und die kann man nur stärken, indem man dafür Sorge trägt, dass die Institutionen anständig finanziert sind und ihre Arbeit machen können. Und dass Künstlerinnen und Künstler anständig bezahlt werden. Mehr will ich gar nicht.

Sie sind in intensivem Dialog mit der Initiative „Mit der Stadt reden“. Was muss passieren, damit diese Initiative nicht im Sand verläuft? 

Veronica Kaup-Hasler: Der Dialog darf nicht abreißen. Das ist wegen der limitierten Zeit der Beteiligten gar nicht so einfach. Aber es ist wie ein einer Beziehung: Man darf nicht lockerlassen. Bildlich gesprochen: Wir haben viele Bälle in die Luft geworfen. Jetzt muss man einige davon auffangen und in konkrete Schritte überführen. Sonst ist es nur ein freundschaftliches Treffen gewesen. Aber wir haben schon ganz konkrete Initiativen ins Leben gerufen: gemeinsam mit dem mica etwa die Vienna Club Commission, die vor allem für künstlerisch orientierte Clubs eine Erleichterung schafft. Dann das Fair Pay Symposium. Und die IG Kultur ist beauftragt, ein Symposium zum Thema Räume ins Leben zu rufen.

Aus dem gemeinsamen Erkennen dessen, was nötig ist, ausgehend von einer guten und durch die Szene abgesicherten Analyse, kann ich dann etwas vom Bürgermeister fordern. Freilich: Dass alle Bedürfnisse, die es gibt, gedeckt werden, geht nicht. Wir haben begrenzte Mittel. Aber ich kann Dinge in Bewegung bringen und priorisieren, je nachdem, welches von den vielen Bedürfnissen gerade das allerdringendste ist. Und dann nähern wir uns dem an. Meine Vorgehensweise ist es also, in einem ständigen Dialog zu bleiben, der konkrete Maßnahmen anstrebt.

Über die IGs wird mit den freien Szenen auch eine Honoraruntergrenze besprochen, die dann als Empfehlung dient. Wie weit ist das gediehen? 

Veronica Kaup-Hasler: Im Bereich der freien Theater sind wir da sehr weit. Da gibt es ganz klare Sätze, die erarbeitet wurden. Aber das sind Empfehlungen. Das heißt, dass man sich daran orientiert. Wenn man es nicht schafft, weil man sonst gar nichts veranstalten kann, dann muss man sich an uns wenden. Eine Überlegung ist es auch, Synergien zu initiieren, damit sich einige kleine Institutionen zusammentun, um sich einen professionellen Menschen für Presse und Marketing zu leisten. Das ist ein großes Anliegen.

Frauen – das haben beide Studien zur sozialen Lage gezeigt – haben es noch einmal schwerer als ihre männlichen Kollegen. Im Regierungsprogramm 2008 bis 2013 wurde explizit festgehalten, dass im Rahmen der Kunstförderung des Bundes der Frauenförderung besonderes Augenmerk geschenkt werden soll. Musik ist jedoch weiterhin – das zeigen die Zahlen – deutlich männlich dominiert. Was geschieht, um das zu ändern? 

Veronica Kaup-Hasler: Wir haben es stark in den Förderrichtlinien für den Film drinnen. Wir haben Leitlinien beim Film, aber die können nicht als Ausschlussgrund herangezogen werden. Aber da müssen wir den Ball flach halten und eine gute Mischung finden. Wenn es mal eine Boygroup gibt, die schon lange gut zusammenarbeitet, sollte man das so belassen. Bei den Beatles und den Beach Boys eine Frauenquote zu fordern, wäre sinnlos. Aber dass in den Beiräten und Jurys fünfzig Prozent Frauenanteil herrscht, darauf achten wir. Wir haben es generell sehr stark im Blick, dass auf die Frauen geschaut wird.

Gehen wir abschließend noch zur Musik. Was wird sich in Zukunft tun? 

Veronica Kaup-Hasler: Der Musikbereich erfährt 2020 eine Höherdotierung von insgesamt 1,5 Millionen Euro. Das sind sechs Prozent Steigerung gegenüber dem Vorjahr. Davon profitieren im Besonderen die kleinen Ensembles. Vor allem um die mittleren und kleinen Ensembles ging es uns. Für die kleinen bedeutet das eine dreißigprozentige Erhöhung. Aber auch die größeren profitieren: Das Klangforum machte einen längst fälligen Sprung, und auch das Porgy & Bess erhält 30.000 Euro mehr.

Wir haben versucht, nicht nur eine Institution zu heilen und die anderen verhungern zu lassen. Andererseits sind wir auch nicht mit der Gießkanne drübergegangen. Da die Waage zu halten ist schwer, aber ich glaube, es ist uns gut gelungen. Jetzt hätte ich fast die Kompositionsförderung vergessen: Die wurde von 15.000 auf 150.000 Euro erhöht. Das bedeutet eine tausendprozentige Steigerung, was schon außergewöhnlich ist.

Herzlichen Dank für das Gespräch! 

Markus Deisenberger

Link:
Veronica Kaup-Hasler (Stadt Wien)
Stadt Wien – Kultur