„Es geht immer gut aus.“ – FRANZ HAUTZINGER im mica-Interview

Ja, auch das gab es. Ein Interview findet während des ersten Lockdowns statt. Man spricht hauptsächlich über die Lage der Künstler*innen, weil zu diesem Zeitpunkt niemand weiß, wie es die nächsten Wochen und Monate weitergehen soll. Ob Künstler*innen für das verhängte Quasi-Berufsverbot entschädigt werden und wenn ja wie. Das Interview bleibt ein wenig liegen, und schon zwei Wochen später ist es völlig überholt, weil sich die Sachlage komplett geändert hat. Während man noch überlegt, was man damit anfängt, wie viel man davon in ein kommendes Gespräch retten kann, sind zwei Jahre vergangen. Aber frei nach Sepp Herberger: „Nach der Krise ist vor der Krise.“ Und FRANZ HAUTZINGER ist sowieso ein Dauerbrenner, nicht nur in der zeitgenössischen Improvisationsmusik. Seit einiger Zeit lebt der Weltenbummler wieder in Wien, was ein großer Gewinn für die heimische Szene ist. Markus Deisenberger verriet er Details zu seinem aktuellen Projekt Uruk“, wie man die Vergangenheit bewältigt und sich eine neue Welt zusammensucht.

Wie geht es Dir? Bist du entspannt?

Franz Hautzinger: Es geht so. Gigs gibt es wenige derzeit, man muss wirklich „anzahn“. Ich kenn das so nicht. Ich spiele zwei, drei Mal im Monat. Weißt du, mein Leben ist nicht besonders kostenintensiv, aber ich muss anschieben, es erfordert ein Mehr an Energie. Dem Großteil der Musiker*innen geht es so. Natürlich gibt es immer die, die gerade von der Presse entdeckt wurden, für die ist es egal. Für alle anderen ist es sehr schwer. Überall. Egal ob in Holland, in Paris oder Berlin. Nach dem Corona-Schock sind auch viele Leute nicht mehr zurückgekommen.

Ich habe mir heute noch einmal das Interview angehört, das wir vor ziemlich genau zwei Jahren geführt haben, das dann ein wenig liegen blieb und zwei Wochen später war die Welt komplett anders.

Franz Hautzinger: Eine völlig andere, ja.

Du hast damals auf das Live-Spielen bezogen wortwörtlich gesagt: „Vor 2021 wird sich da nichts spielen.“ Damals hat das in meinen Ohren sehr pessimistisch geklungen. Retrospektiv betrachtet war das eine realistische, eigentlich sogar sehr sogar positive Einschätzung der Sachlage.

Franz Hautzinger: So sehe ich das auch. Ich bin grundsätzlich kein pessimistischer Mensch. Ich glaub schon, dass alles weitergeht. Aber es gibt verschiedene Lebensabschnitte, und ich bin jetzt in einen ganz anderen gekommen, werde nächstes Jahr sechzig …

Was heißt das? Dass die Anstrengungen, die ein Musikerleben mit sich bringen, spürbarer werden?

Franz Hautzinger: Es wird anders. Am Anfang meiner Karriere dachte ich: Es interessiert mich alles, und das kann ich auch alles noch machen. Im Laufe der Jahrzehnte merkt man, dass man für einiges doch zu weit weg ist. Ich kann zum Beispiel nicht mehr in einem Orchester das Joseph-Haydn-Trompetenkonzert spielen. Das hat sich irgendwann einmal erledigt. Ich bin damit aufgewachsen und es war Teil des Plans, das zu spielen. Ein Auftrag.

Warum geht es nicht mehr?

Franz Hautzinger: Weil die Welten so verschieden sind, weil ich so weit weg von dem bin. Mein Leben mit meiner Lippe, die alte Geschichte, das ist einfach nicht mehr möglich, obwohl ich ständig am Instrument arbeite und den Standard erhöhe. Und man sieht auch ein, dass man Dinge nicht mehr braucht. Der Haydn ist eh in meiner DNA. Ich bin dort geboren, seine Töne sind in mir. Mein Leben sagt mir, dass ich seine Töne nicht mehr zu spielen brauche. Mein Leben ging und geht ja darum, meine eigenen Töne zu suchen, zu finden und zu spielen. Zum Glück hab’ ich irgendwann erkannt, dass das für einen Künstler etwas Wichtiges ist: Wenn man als Künstler bezeichnet werden will, ist es wichtig, die eigenen Töne zu finden.

Gibt es da Projekte, in denen es besser gelingt, die eigenen Töne zu spielen, oder ist das eine abstrakte Geschichte, die projektunabhängig ist?

Franz Hautzinger: Mit wem ich spiele, ist eine Seelengeschichte. Erst wenn ich mit jemandem ein gutes Gefühl habe, ist es überhaupt möglich, miteinander zu arbeiten. Ich habe Bandprojekte mitunter über Jahrzehnte im Kopf, bis ich die richtigen Leute finde, die das dann mit mir umsetzen. Mein Glück ist, dass ich immer ein gutes Gefühl dafür hatte, die richtigen Leute zu finden. 90 Prozent meiner Projekte funktionieren so. Bei 10 Prozent kenne ich die Leute nicht. Da werde ich eingeladen. Das riskiere ich. Ich habe die Musik, die ich spiele, so lange gespielt und unterrichtet, so viele Fragen gestellt, dass es auch möglich sein muss, ein Konzert, das nicht so gut anfängt, auf höchstem Niveau zu beenden.
Ich mag es gern, verschiedene Positionen einzunehmen und in einem Ensemble mitzuarbeiten, zum gemeinsamen Gelingen beizutragen. Es gibt vieles, das verhindert, dass etwas gut wird. Manches sieht man, manches merkt man halt erst nachher. Aber es geht immer gut aus.

„Das Soziale ist interessanter als das Einsame, speziell in diesen Zeiten.

Du hast damals gesagt, es wird Corona-bedingt eine Entwicklung geben, die für alle spannend ist. Hat sich diese, fast schon prophetische Ankündigung, für dich eingelöst? Hat es eine spannende Entwicklung gegeben, etwa indem sich Leute gefunden haben, Dinge ergeben haben, die sich sonst nicht gefunden/ergeben hätten?

Franz Hautzinger: Wenn wir von den harten Zeiten reden, als plötzlich alles nicht mehr da war, es aber die Hoffnung gab, es werde wiederkommen: Da haben wir gesehen, dass die Hoffnung nicht berechtigt ist. Dass nicht alles wiederkommt. Dass das Leben nicht mehr so ist, wie es einmal war. Dazu kommt die Kriegssituation. Wir sind definitiv ganz woanders als vor der Krise.
In der Krise haben sich sehr schnell viele Dinge entwickelt: Technologie, Lieferservice, Streaming. Da haben sich viele spezialisiert. Da wurde einiges weiterbewegt. Ich kann heute auf Knopfdruck Meetings mit hunderten Leuten abhalten. Es wurde auch viel produziert, und es wurde viel gedacht. Ob die Musik aber besser wurde, weil die Leute mehr Zeit hatten, sich intensiver mit ihr beschäftigten, wird man erst später auswerten können. Was definitiv ist: Das “Fantasy-Life”, in dem ich aufgewachsen bin – immer besser, immer freier – hat ein jähes Ende gefunden. Wir werden gegen Ende des Jahres unter Umständen ein echtes Energieproblem bekommen. Ohne es negativ zu sehen: Die Auswirkungen sind nicht abzusehen. Also: Es hat sich viel verändert. Viele Musiker*innen haben das Schiff verlassen oder leben im Zwiespalt, ob sie das nicht besser tun sollen. Ich bin seit 35 Jahren in dem Betrieb, und ich kann dir sagen. So schwierig war’s noch nie. Nach Australien und Japan kann man immer noch nicht reisen. Das ist nur ein Beispiel. So viele Konzerte, so viel Austausch, so viele Budgets sind einfach weg. Die Veränderungen sind nachhaltig: Jeder schaut, dass er sein Leben zusammenbaut, um weiter als Künstler leben zu können. Und das funktioniert nur mit Ideen. Ich habe ein paar Jahre in Frankreich auf dem Land gelebt. Ohne Kalender, ohne Termine. Jetzt hab’ ich aber auch wieder genug davon. Das Soziale ist interessanter als das Einsame, speziell in diesen Zeiten. Die Musik, das Forschen und Weiterproduzieren müssen bleiben. Es kann ja nicht sein, dass man plötzlich, nur weil weniger Geld vorhanden ist, kein Künstler mehr ist. Das kann doch nicht die Wahrheit sein.

Nicht, wenn man’s macht, weil man’s machen muss.

Franz Hautzinger: Der Aufwand ist 24 Stunden, fast sechzig Jahre lang. Trompete, Kunst, Komposition, Schauen, wo die Zeit ist, wie die Musik weitergehen kann – das ist ein 24-Stunden-Thema. Da kann man doch nicht mir nichts dir nichts sagen: Jetzt geh’ ich arbeiten, mache was anderes.

Lass uns über dein Leben im französischen Morvan reden. Du hast dort in relativer Abgeschiedenheit gelebt. Einmal im Monat bist du zu einer Konzertwoche aufgebrochen. Danach ging es wieder nach Hause in die idyllische Einsamkeit. Um zu komponieren und Musik zu produzieren. Wie läuft es jetzt?

Franz Hautzinger: Das hat sich geändert. Nach vier Jahren hatte ich genug von diesem Leben. Es war mir zu einsam. Mehr und mehr fehlte mir die Gesellschaft. Ich war oft mal zehn Tage allein, ohne mit jemandem zu sprechen. Dazu kam meine Trennung von Isabelle [Duthoit, Anm.]. Wir spielen zwar noch gemeinsam, sind aber nicht mehr zusammen. Für mich war aber schon seit letztem Frühling klar, dass ich wieder offensiv in meine Welt gehen will. Die Entspannung war gut, ist aber zu Ende. Seit Ende letzten Jahres bin ich wieder die halbe Zeit hier, die halbe Zeit noch dort in Morvan.
Mir ist abgegangen, mich um zehn Uhr zum Interview zu treffen. Um zwölf trifft man jemand anderes, um zwei geht eine Probe los. Am Abend geht man zum Konzert, danach noch ins Wirtshaus was trinken, sich austauschen. Das ist jetzt wieder mein Leben. In Wien hab’ ich immer in vielen verschiedenen Stilen gearbeitet. Im Pop, der Elektronik, bei den Abstrakten, in der Neuen Musik, bei den Jazzern und Avantgardisten, bei den Ethno-Leuten. Plus Tanz und Theater, Filmmusik, Hörspiele. Das ist mir abgegangen. Das nehm’ ich mir jetzt in Wien wieder heraus: Bei diesen ganzen tollen Geschichten wieder dabei zu sein. Eine Zeit lang war mir wichtig, um etwas zusammenzubauen, keinen Einfluss zu haben. Ich mag jetzt wieder die Einflüsse. Ich mag die Farben.

„Ich suche nach Kooperation zwischen unterschiedlichen Denkweisen, Stilen und Sprachen.

Hat die Abgeschiedenheit, das Auf-sich-selbst-zurückgeworfen-Sein deine Kunst verändert?

Franz Hautzinger: Burkhard Stangl hat einmal zu mir gesagt: „Du bist ein Einzelgänger, der die Gesellschaft liebt.“ Das trifft es ganz gut. Ich häng’ am liebsten allein herum, ob anonym, in der Stadt oder am Land. Insofern hat sich nichts geändert. Aber dass man plötzlich nicht mehr hingehen konnte, wohin man gehen wollte, das war neu. Phasen, wo ich drei Wochen niemanden sah, hatte ich immer in meinem Leben. Aber eingesperrt fühlte ich mich nie.
Im letzten Lockdown hab’ ich zehn Stücke geschrieben, die alle aus der Klassik, aus der Romantik kommen. Ein bisschen Satie, ein bisschen Chopin. Das war schon interessant, weil ich das nicht vermutet hätte. Ich habe lange Zeit abstrakte Musik gemacht. Das ist ganz wunderbar, aber irgendwann langweilt man sich auch ein bisschen. Ich suche nach Kooperation zwischen unterschiedlichen Denkweisen, Stilen und Sprachen.

Eine Kooperation, die man so auch nicht vermutet hätte, ist die mit dem Singer-Songwriter Martin Klein plus Sixtus Preiss und Jakob Schneidewind. Wie kam es zu der?

Franz Hautzinger: Ich habe bis 2008 an der Uni unterrichtet. All diese Leute, die meisten aus der Jazzwerkstatt, kenne ich deshalb. Es gab Zeiten, da kannte ich schon so 80 Prozent der jungen ostösterreichischen Szene. Martin Klein auch. Der war so scheu im Studium, ich kann mich gut an ihn erinnern. Mit Schneidewind hatte ich immer Kontakt. Irgendwann sagte Schneidewind zu mir, er gehe jetzt zu Martin Klein was produzieren. Da bin ich einfach mitgekommen. Ich war sehr überrascht von dem, was er macht. Toll, was er für eine Entwicklung genommen hat. Mit dem Sixtus habe ich gemeinsam Workshops unterrichtet. Ich suche derzeit Kontakte zu all diesen Leuten, habe jeden Tag zwei bis drei Treffen mit Leuten, die ich von früher kenne oder die ich einfach gut finde. Ich möchte wieder in Wien leben und arbeiten und suche mir eine Welt zusammen.
Ein sehr spannender Ort ist das Celeste. Was sich dort entwickelt hat, ist hochinteressant. Gerade gestern haben wir uns getroffen, um bei der Monday Improvisers Session dem leider verstorbenen Wolfgang Reisinger zu gedenken, der dort oft hinging. Voodoo Jürgens kam vorbei, den ich nicht kannte. Das finde ich interessant: Dass es anfängt, sich überall zu vermischen. Ich glaube, dass Musik Einfluss braucht, nicht von Einfluss geschützt entstehen kann.

Ist es nicht überhaupt eine Illusion, frei von Einflüssen sein zu können? Irgendwas beeinflusst einen doch immer.

Franz Hautzinger: Das ist eine Illusion, ja. Wenn gar nichts da ist, dann kommt halt die Vergangenheit daher, die dich beeinflusst. Das Hirn arbeitet permanent. Ich habe auch deshalb meine Meditation am Land beendet, weil ich gemerkt habe: Wenn du allein bist, reflektierst du nur mit dir selber. Es ist aber wichtig, dass der Ball auch mal woanders hingeht. Man wird nur einsam und traurig, wenn man allein ist. Ich habe darüber mit philosophisch gebildeten Menschen gesprochen. Die meinten, das hätten Philosophen immer schon so gesehen. Genau deshalb sei Gott erfunden worden. Um diese Situation leichter zu machen.

„Wie ein weißer Tropfen Farbe, den du ins Meer gießt.“

Gerade gestern bin ich auf das Fassbinder-Zitat gestoßen, wonach das Leben erst handlich und verfügbar werde, wo der Tod als das Eigentliche der Existenz akzeptiert wird. Erst dann werde – sinngemäß – das Leben sinnvoll, wenn man den Tod nicht mehr tabuisiert.

Franz Hautzinger: Das ist eine Meinung, die zu respektieren ist. Ich bin mir da aber gar nicht so sicher. Die einen laufen, um was zu hinterlassen. Die anderen laufen, um zu leben. Wieder andere schauen zu, und das ist alles gleich gut und gleich schlecht. Ich sehe das wie bei einem Computer: Du ziehst den Stecker raus, dann ist das zwar immer noch ein Computer, er kann sich aber nicht mehr erinnern, weil er kein Archiv mehr hat. So sehe ich den Tod. Es ist einfach aus. Traurigkeit ist nicht notwendig. Wie ein weißer Tropfen Farbe, den du ins Meer gießt. Der ist in ein paar Sekunden weg. So ist es. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Konsequenz dessen: Man ist frei. Man kann frei leben, frei entscheiden. Das sagen die Natur und der Geist. Die Gesellschaft sagt natürlich etwas anderes.

Warum bist du wieder nach Wien gekommen? Du hättest deine Zelte auch an anderer Stelle aufschlagen können. In Paris, Tokyo oder Neusiedl am See.

Franz Hautzinger: Weil hier der Boden so fett ist. Der hat so viel Künstlerisches wie nirgendwo anders ein Boden, den ich gesehen habe. Hier gibt es an jeder Ecke einen Künstler. In Paris und Berlin ist das schon schwieriger. Ich kenne keine Gesellschaft, in der die Künstler so weit vorne sind.

Mir hat neulich ein Countrymusiker von Nashville erzählt. Von Zeit zu Zeit fahre er dorthin, um sich inspirieren zu lassen. Er müsse dann aber auch wieder schnell weg, weil es zu frustrierend sei, wie gut und zugleich wirtschaftlich auf des Messers Schneide die Leute dort leben, erzählte er.

Franz Hautzinger: Und am Freitagabend wahnsinnig gut spielen. So ist die Welt, ja. Da fällt die künstlerische Entscheidung schon früh. Hier kann man ein künstlerisches Leben führen, ohne je ein Künstler gewesen zu sein. Das ist keine Kritik. Wenn du Blues spielen willst, musst du die Entscheidung fällen, bevor du auf die Bühne gehst, Und du träumst nicht davon, ein Star zu werden. Weil an jeder Ecke in Chicago spielen Stars. Die Traumwelt kannst du hier so leben wie nirgends anders. In der Musikschule unterrichten, ein paar Projekte, ein Förderungswesen, das gut ausgebaut ist. Dann gibt es Hilfen wie das mica und andere Institutionen. Man kann hier ein Leben leben, ohne jemals den Schmerz gefühlt zu haben. Wie großartig ist das?! Nirgendwo sonst gibt es das, glaub mir. Nimm Veronika Kaup Hasler: Wo sonst gibt es solche Politiker*innen? Ich habe von vielen Leuten gehört, dass sie sich von ihr echt unterstützt fühlen. Die steht mitten in der Kunst, hat man das Gefühl, redet direkt mit den Leuten in der Szene. Das ist außergewöhnlich. Eine Chance.

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Lass uns über dein Projekt „Uruk!“ sprechen und die hervorragende Live-Aufnahme eine eurer Konzerte, die gerade auf Trost Records erschienen ist. Was hat es damit auf sich? Wie entstand es?

Franz Hautzinger: Den Namen „Uruk“ trage ich seit vielen Jahren mit mir herum. Ich habe mich viel mit Menschheitsgeschichte beschäftigt. Da kam immer wieder Uruk, eine Stadt in Mesopotamien, vor. Die erste organisierte Stadt mit Schulen, Abflusssystemen. Gilgamesh hat das gut beschrieben. Ich hatte immer eine multi-stilistisches und multi-ethnisches Projekt im Sinn. Eines Tages sah ich Hamid [Drake, Anm.] und Isabelle [Duthoit, Anm.] gemeinsam spielen. Hamid und Michael [Zerang, Anm.] haben ein Duo, spielen zur Sonnenfinsternis in Chicago. Hamid spielte als Junger mit Don Cherry, ist ein großer Wächter der schwarzen Jazz-Kultur in der Linie von Don Cherry u. a. Michael ist ein Assyrer, der von dort kommt, und das, was ich gesucht hatte, in seiner DNA hat. Ja, und dann gab es ein gemeinsames Konzert und es hat genau gepasst. Wir spielten ein paar Konzerte, die mitgeschnitten wurden.
Das Konzert, dessen Mitschnitt nun auf Trost Records erschienen ist, fand zwei Tage vor dem ersten Lockdown statt. Der Prozess bei diesen Konzerten ist wie bei einem schamanischen Ritual. Es wird im Laufe des Konzerts immer ärger. Viel Trommelklänge, viel Schreien von Isabelle. Ein ethno-experimentelles Projekt.

Bild URUK
URUK (c) Dawid Laskowski

Ist alles improvisiert? Ich dachte, die Melodien seien komponiert?

Franz Hautzinger: Das ist Absicht. Wenn ich eine Melodie spiele, muss ich an eine Form denken, damit man die Melodie versteht. Ich mag Improvisieren nicht in der Form, alles zu spielen, was einem einfällt. Ich mag keine Beliebigkeit, ich mag das Konstruieren.

Kein Rauslassen also, sondern ein ständiges Abgleichen?

Franz Hautzinger: Ein ständiges Wechseln der Position, einmal erste, dann zweite Stimme, Dann Panorama, damit es am Schluss gut klingt. Das sind großartige Leute bei „Uruk. Die sind es gewohnt, so zu arbeiten. Dass man gute Musik spielt, ist wichtig. Ob sie geübt, geklaut oder auswendig erfunden ist, ist für den Zuhörer egal. Es muss gut und überzeugend sein.

Verrat uns doch zum Abschluss noch, was dich die nächsten Wochen und Monate beschäftigen wird.

Franz Hautzinger: Ein Projekt mit Philip Zoubek, einem Tullner Pianisten, der in Köln lebt, ist am Entstehen. In Nickelsdorf bin ich mit der Magda Mayas und dem Burkhard Stangl zu sehen. Und mehr und mehr bin ich mit dem ONCEIM, einem aus dreißig MusikerInnen bestehenden Pariser Orchester, unterwegs. Mit ONCEIM waren wir in Bologna auf einem Festival, hatten eine Produktion mit Jim O’Rourke in Paris – ein sehr interessantes Ding. Mit Brot und Sterne geht es weiter, und auch im Duett mit Isabelle arbeite ich weiter.
Kommendes Jahr möchte ich eine Solo-Tour machen. Ich habe ja Gomberg 1 und Gomberg 2 gemacht. 3, 4 und 5 hab’ ich zwar auch gemacht, aber nie veröffentlicht. Es wird also Gomberg 3–6 geben. Vielleicht nicht das ganze Material, sondern ein Best-of auf einer Doppel-CD. Auch ein paar Workshops werde ich geben. Du siehst: Ich drehe an allen Rädern und schaue mir die Welt von Neuem an. Ich hatte ja nie negative Gründe, von hier wegzugehen. Jetzt bin ich wieder da und finde ein anderes Wien vor. Die Stadt hat sich ein wenig verändert, und es ist interessant herauszufinden, was genau sich verändert hat. Ich hab unheimlich viel Lust, mich darauf einzulassen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Markus Deisenberger

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Termin:
Franz Hautzinger/Magda Mayas/Burkhard Stangl / Les Marquises / Black Top feat. William Parker & Hamid Drake
Jazzgalerie Nickelsdorf 
Untere Hauptstraße 13, 2425 Nickelsdorf 
Sa., 23. Jul. 20:00 Uhr

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Links:
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Franz Hautzinger (mica-Datenbank)