Bild Lukas Kranzelbinder
Lukas Kranzelbinder (c) Severin Koller

„Es geht einfach darum, ein Medium zu finden, mit dem man das, was man als Musiker in sich hat, gut transportieren kann“ – LUKAS KRANZELBINDER (SHAKE STEW) im mica-Interview

Der geschüttelte Eintopf scheint zu schmecken! Das cinematische Allstar-Septett SHAKE STEW um den Kontrabassisten und Bandleader LUKAS KRANZELBINDER mauserte sich in der kurzen Zeit seit seinem Bestehen zu einem österreichischen Aushängeschild des modernen Jazz. Patrick Wurzwallner sprach mit dem Mastermind unter anderem über die Formel zum Erfolg.

Was für eine Verantwortung trägt man als Jazzmusiker?

Lukas Kranzelbinder: Seit etwa zehn Jahren, ungefähr seitdem ich begonnen hatte zu studieren – erst in Klagenfurt, dann in Wien und letztendlich in Linz bei Peter Herbert –, befasse ich mich mit der Frage, ob man mit dieser Musik bei Konzerten ein Ziel hat und etwas erreichen, bezwecken, auslösen oder bewegen möchte. Das meine ich in diesem Fall sehr analytisch. Also ist es das Ding, einfach Musik zu erdenken und zu erfinden, die man dann in Konsequenz aufführt, oder gibt ein größeres Ziel, wie eine Emotion auszulösen oder ein politisches Statement zu formulieren? Oder ist es eben schlichtweg die Intention, Komponiertes einfach bestmöglich wiederzugeben? Eine ziemlich interessante und komplizierte Thematik, weil sie die Frage impliziert, warum man Dinge überhaupt macht.

Beziehen Sie sich damit auf die Frage nach dem Warum, also warum man etwas macht? 

Lukas Kranzelbinder: Es geht weniger um das Warum, eher darum, dass immer mehr Veröffentlichungen in die Rolle gepresst werden, repräsentativ dafür zu sein, wie es denn zurzeit um den Jazz bestellt ist. Viele Veröffentlichungen werden rigoros auf diesen Blickpunkt hin geprüft, ohne dass eigentlich die Musik im Vordergrund steht – nur mal als vager Hintergrund für das, worüber wir hier sprechen. Ob es ein Bestreben gibt, das eben über das bloße Wiedergeben und Interpretieren eigener oder fremder Stücke hinausgeht, ist ein brisantes Thema, mit dem ich mich gerade in den letzten Jahren auf Tour sehr auseinandergesetzt habe. Nachdem die Musik, die ich oder eben die Kollegen komponiert hatten, immer mehr Anklang gefunden hat und bei den Konzerten auch dementsprechend mehr zurückgekommen ist, bin ich irgendwie daraufgekommen oder, besser, habe ich mich dazu entschieden, dass das zentrale Unterfangen meiner Arbeit darin besteht, bestimmte Emotionen von der Bühne auf ein Publikum zu übertragen. Ich glaube, dass es auch das ist, was mich bei meinen Kompositionen oder im dem Fall auch uns als Band ausmacht. Nämlich, dass es uns gelingt, am richtigen Ort und zur richtigen Zeit eine starke Stimmung zu erzeugen, die die Leute mitnimmt. Im Kontrast dazu stünde natürlich, irgendetwas auf konzeptioneller Ebene zu verschieben oder etwas Altes methodisch, formell oder inhaltlich in die Gegenwart zu versetzen, was natürlich genauso eine legitime Anstrengung sein kann. Es geht jedenfalls um die radikale Auseinandersetzung mit dem, was es eigentlich ist, das einen als Musikerin bzw. Musiker ausmacht, und was man damit bewirken kann. Eine extrem wichtige Reflexion. Meine Erkenntnis lag dann darin, dass es weniger darum geht, was man jetzt spielt, sondern eher darum, dass man mit den richtigen Leuten zum richtigen Zeitpunkt Energien entstehen und fließen lassen kann, die sich sehr stark auf das Publikum übertragen. Eine für mich wunderschöne Entdeckung, weil sich dadurch diese ewige Grenze zwischen Bühne und Publikum auf eine gewisse Art durchbrechen oder überwinden lässt. Früher war ich auf der Bühne viel fokussierter darauf, alles gut rüberzubringen, eine gute Interaktion zu haben und einfach einen guten Job zu machen – das war es dann auch. Inzwischen ist das Einbinden des Publikums in diesen gesamtenergetischen Prozess ein sehr wichtiges und spannendes Merkmal unserer Praxis, durch das meine Musik deutlich besser ihre volle Wirkung entfalten kann.

Manchmal macht man aber in jeder Hinsicht einen guten Job und trotzdem überträgt sich nichts, oder? 

Lukas Kranzelbinder: Ja, das gibt’s natürlich auch. Es gibt ja keine Garantie dafür, dass es immer funktioniert oder, besser gesagt, immer gleich funktioniert. Es hat ja auch immer mit den Leuten zu tun, mit denen man zusammenspielt. Bei Shake Stew ist es uns meiner Erfahrung nach wirklich fast immer gelungen, irgendeine Art des besagten Energietransfers auch tatsächlich herzustellen und auf eine starke Art und Weise Emotionen aufs Publikum zu übertragen. Eher gibt es Momente, in denen wir aus unserer Perspektive heraus das Gefühl haben, dass manche Dinge nicht aufgehen. Glücklicherweise werden unsere Zweifel jedoch im Nachhinein meist durch positives Feedback beseitigt oder zumindest signifikant überschattet. Shake Stew scheint in dieser Hinsicht ein optimales Vehikel dafür zu sein, um die emotionale Essenz unserer Art des Musikmachens erfolgreich zu transportieren. Um das zu bewerkstelligen, bedarf es natürlich eines ausgesprochen großen Maßes an sehr genauer und ehrlicher, individueller und gemeinsamer Reflexion sowie eines geschulten situativen Bewusstseins. Beides Fähigkeiten, die man sich nur sehr hart und im Zuge langfristiger Prozesse erarbeiten kann, welche aber auch die Grundlage dafür bilden, den vorher erwähnten energetischen und emotionalen Austausch auch angesichts manchmal suboptimaler Bedingungen und Befindlichkeiten trotzdem zustande kommen lassen zu können. Es geht einfach darum, ein Medium zu finden, mit dem man das, was man als Musikerin bzw. Musiker in sich hat, gut transportieren kann. Das zu schaffen ist in meinen Augen das höchste der Gefühle und zusätzlich auch der Grund für den Erfolg unserer Band, die es ja immerhin erst seit etwa zwei Jahren gibt. Shake Stew ist das Medium, mit dem es für mich gelingt, alle Beteiligten, in dem und mit dem, was sie sind, aufblühen und als großes Ganzes zusammenfließen zu lassen.

Haben Sie Shake Stew zusammengebraut? 

Lukas Kranzelbinder: Das, was wir sind, war damals eigentlich meine Wunschbesetzung. Ich war mit den musikalischen Charakteren ja bereits vertraut und hatte dann einfach den Wunsch, mit ihnen Musik zu machen, weil ich mir einfach dachte, dass ihre Art zu spielen, ihre Energie und ihr Selbstverständnis in Bezug auf gewisse Dinge sehr gut zu dem passen, was ich mir mit einer derartigen Band vorgestellt hatte. Es war jedenfalls nicht oberstes Ziel ein Set-up mit zwei Bässen und Schlagzeugen zu instrumentieren, vielmehr ist diese Zusammenstellung eine Konsequenz zwischenmenschlicher und künstlerischer Nähe.

Das war also gar nicht Thema? 

Lukas Kranzelbinder: Nicht primär. Natürlich macht man sich in weiterer Folge Gedanken und muss sich damit auseinandersetzen. Glücklicherweise ist es bei Manu [Manuel Mayr; Anm.] und mir der Fall, dass wir uns ausgesprochen gut ergänzen. An allererster Stelle standen aber tatsächlich die Persönlichkeiten.

Hat Shake Stew Big-Band-Charakter? 

Lukas Kranzelbinder: Eigentlich nicht. Ich möchte nicht sagen, dass ich kein Big-Band-Typ bin, aber mein Hören und mein Denken geschehen einfach in anderen Dimensionen und weniger im Big-Band-Sound. Ich höre mir das zwar manchmal gern an – alter Count Basie oder Andromeda Mega Express Orchestra sind großartig –, aber ich denke ja beispielsweise die beiden Drumsets eher wie ein einzelnes und auch die beiden Bässe eher als Ergänzung zueinander. Man kann sich das vom Denkansatz tendenziell am besten wie ein Quintett ohne Harmonie-Instrument vorstellen. Ich habe da seltener einen sehr gefüllten Klangkörper im Kopf, sondern eher die Vorstellung von etwas Transparenterem.

Warum der Name? 

Lukas Kranzelbinder: Es ging darum, einen Bandnamen zu finden, der relativ frei ist von Assoziation, der aber kein Fantasiename ist, sondern aus Wörtern besteht, die bereits existieren, was sich als gar nicht so einfach herausgestellt hat. Zusammen bedeuten die Wörter shake und stew nichts, was uns als musikalischer Entität dahingehend schon mal den Weg ebnet. Auf Einzelebene gefällt mir sowohl die Bedeutung von shake als auch jene von stew. Die Intention lag aber dennoch dezidiert nicht beim geschüttelten Eintopf.

„Musik ist einfach ein hervorragendes Mittel, eigene Reflexionen und Kontemplationen künstlerisch zu versinnbildlichen.“

Was beeinflusst Shake Stew außerhalb der musikalischen Domäne? 

Lukas Kranzelbinder: Viel! Das erste Album „The Golden Fang“ ist besonders inspiriert von Thomas Pynchons Buch „Inherent Vice“. Der gleichnamige, extrem stimmungsvolle Film von Paul Thomas Anderson hat mich zum Buch gebracht, welches mich sehr in Pynchons Kosmos hat eintauchen lassen. Beim aktuellen Album ist es nicht so konkret festzumachen. Überhaupt sind Filme eine große Inspiration für mich – ich gehe auch oft ins Kino, teilweise sogar allein, und es fällt mir sehr leicht, in diese Welten einzutauchen. Beim neuen Album ging es um den Wunsch, es in seiner Energie für mich „nutzen“ zu können, ohne mich dabei auf diese abwertende Konnotation von „etwas benutzen“ zu beziehen. Man lebt als Mensch das Leben ja immer in energetischen Zyklen. Manchmal muss man sich pushen, manchmal geht’s darum, wieder von etwas runterzukommen. Musik ist einfach ein hervorragendes Mittel, eigene Reflexionen und Kontemplationen künstlerisch zu versinnbildlichen. Gerade im Zeitalter von Playlists braucht man einen triftigen Grund, sich überhaupt für eine Veröffentlichung im Album-Format zu entscheiden – nämlich ein inhärentes Konzept und den Anspruch an eine gewisse geschlossene Kompaktheit, welche dieses Format auch rechtfertigen. Auf „2 Rise And Rise Again“ spiegeln sich in den Stücken grundlegend verschiedene Stimmungen wider, die mir in ihrer Zusammenstellung, Kontrastierung und Dramaturgie auch mehr von „etwas anderem“ geben, das über bloße künstlerische Kohärenz hinausgeht.

Bild Lukas Kranzelbinder
Lukas Kranzelbinder (c) Severin Koller

Wie wichtig ist die Kontextualisierung bzw. Inszenierung bei Shake Stew? 

Lukas Kranzelbinder: Sehr wichtig. Das darf man dann aber nicht nur auf die visuellen Oberflächlichkeiten, wie beispielsweise die goldenen Outfits oder Derartiges reduzieren. Das beginnt ja bereits im Moment, indem man die Komposition schreibt oder erdenkt, was sich bei mir meistens in irgendeiner Lebenssituation abseits des Schreibtisches abspielt – beispielsweise in der U-Bahn, beim Üben oder wenn ich mit der Familie unterwegs bin. Ich versuche, diese Ideen dann möglichst schnell zu konservieren und zu sammeln, und somit haben alle Stücke bereits einen bestimmten emotionalen Grundtenor, welcher mit der dazugehörigen Situation ihrer Genese in Verbindung steht. Dazu kommt dann oft auch schnell ein Titel, meist noch bevor das Stück konkrete Formen annimmt, weil sich die zu transportierende Atmosphäre zumeist bereits klar herauskristallisiert. Sobald die Stücke dann eingeprobt werden, gibt es von Beginn an für jedes Stück einen klaren performativen Kontext, der in seiner Konkretheit auch wieder eine ganz andere spielerische Freiheit und Raum zur Interpretation und Entfaltung eröffnet. Egal ob bei einem Konzert oder auf dem Album, es geht letztendlich darum, dass das Flair des kompositorischen Szenarios auch transportiert wird. Während ebendieses beim reinen klanglichen Erlebnis vom Tonträger erreicht werden soll, lässt es sich bei einem Konzert natürlich auch noch durch den Einbezug visueller und performativer Elemente verstärken. Outfits, Bühnenbild, Licht, der Fantasie sind in dieser Hinsicht ja keine Grenzen gesetzt. Es soll an dieser Stelle aber betont werden, dass es keinesfalls darum geht, das Publikum mit Effekthascherei zu blenden. Vielmehr lässt die emotionale Immersion ein bereits musikalisch etabliertes Stimmungsbild durch besagte Komponenten begünstigen und amplifizieren. Schließlich sollen möglichst viele Leute vom emotionellen Sog des Ereignisses erfasst werden. Das ist ja auch der Grund, warum man auf ein Konzert geht: um auf irgendeine Art berührt zu werden und etwas zu erfahren, was man sonst nicht erfahren würde. Das gilt ja außerdem auch für alle Beteiligten, nicht nur das Publikum.

Sind Kontext und Musik gleichberechtigt, sprich steht die nicht musikalische, inszenatorische Komponente auf Augenhöhe mit der Musik? 

Lukas Kranzelbinder: Das Bild ist zwar sehr wichtig, aber selbstverständlich erfüllt es letztendlich nur den Zweck, das, was der klare Protagonist – die Musik – als Gefühl vermitteln will, zu unterstreichen. Der einzige Grund, warum das bei uns vielleicht herausstechen mag, ist die Tatsache, dass es anscheinend in den letzten zwanzig bis dreißig Jahren im Jazz unüblich war, diese visuelle Komponente derart mitzudenken. Davor war das natürlich schon ganz anders, wenn man beispielsweise an alte Miles-Davis-Plattencover denkt oder seinen Bühnenhabitus in Erwägung zieht, steht das alles in klarem Kontext zur Musik und hat als absolut essenzieller Teil zu dieser faszinierenden Mythenbildung beigetragen. Zusätzlich überrascht mich eher, dass viele Leuten das bei uns überhaupt so auffällt. Ich glaube, dass viele Größen der Jazzgeschichte das Mysterium um ihren Erfolg und ihr Vermächtnis zu einem großen Teil ihres inszenatorischen Spleens oder Praktiken und dem damit transportierten Vibe verdanken. Es bleibt aber letztendlich auch nur ein Mittel zum Zweck und erscheint mir mehr wie eine logische Konsequenz. Wenn es dem Ganzen einen zusätzlichen Layer verpasst, der dabei hilft, mehr Leuten einen Anknüpfungspunkt zu geben, um in die Welt unserer Musik einzutauchen, desto mehr können auch auf die Reise mitgehen und dementsprechend geiler und schöner wird das Erlebnis für alle.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Patrick Wurzwallner

Rise And Rise Again – Release-Tour
01.05. THEaterOben, Kempten, Jazzfrühling DE
02.05. Stadtwerkstatt, Linz AT
08.05. Jazzlab, Hamburg DE
10.05. Privatclub, Berlin, XJAZZ Festival DE
11.05. Jazzclub Tonne, Dresden DE
21.06. Winnipeg Jazz Festival CAN
22.06. Saskatchewan Jazz Festival CAN
23.06. Vancouver Jazz Festival CAN
25.06. Ottawa Jazz Festival CAN
27.06. Rochester Jazz Festival US
25.07. Glatt & Verkehrt, Krems AT

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Traumton Records