„Es geht bei uns darum, alle Frauen, die im Musikbereich arbeiten, zu connecten und ihnen einen Platz zu verschaffen“ – SISTERS OF MUSIC im mica-Interview

SISTERS OF MUSIC nennt sich das neue Netzwerk für FLINTA*s in der Live-Musik-Branche. Das Netzwerk organisiert Network-Meetings, Shadowing Days und Workshops. Auf der Website von SISTERS OF MUSIC befindet sich zudem ein Crew-Pool, in dem man FLINTA*-Branchenmitglieder angefangen von Techniker*innen über Stagehands bis zu Arbeiter*innen in Catering und Artist Care findet. Hauptinitiatorin KARIN TONSERN und SISTERS OF MUSIC-Mitglied CONNI ETTINGER haben mit Itta Francesca Ivellio-Vellin darüber gesprochen, warum das Netzwerk so wichtig ist.

Wie habt ihr, also das Netzwerk Sisters of Music, euch gegründet?

Karin Tonsern: Prinzipiell kam die Idee 2018/2019, dass ich irgendwie das Gefühl hatte, bei der Arbeit nie Kolleginnen zu sehen, zumindest auf der Bühne nicht. Man sieht Frauen in der Gastro, im Büro oder vielleicht noch beim Merch-Stand, oder Sängerinnen, aber sehr selten Technikerinnen. Und da habe ich mich gefragt, wo diese Frauen denn alle sind. Warum kennen wir uns nicht? So ist die Idee vom Netzwerk Sisters of Music entstanden.

Neben der Organisation von Netzwerk-Events, was macht ihr noch?

Karin Tonsern: Genau, wir organisieren Netzwerktreffen, damit sich die Kolleginnen untereinander kennenlernen und austauschen können, sodass da neue Synergien entstehen. Wir hätten außerdem die Frauenbühne am Donauinselfest 2020 übernehmen sollen, jetzt wird das wegen COVID-19 erst 2022 der Fall sein -das Donauinselfest wurde letztes Jahr ja abgesagt. 2022 übernehmen wir Booking, Produktion und technische Leitung bei der Ebner-Eschenbach-Bühne, und die ganze Crew kommt aus dem Netzwerk.

Conni Ettinger: Von Anfang an haben wir auch Shadowing Days organisiert, bei denen Frauen aus dem Netzwerk, auch Studierende, erfahrene Technikerinnen einen Tag bei der Arbeit begleiten dürfen. Mir haben auch einen Tag lang junge Frauen und Studentinnen von mir bei einem Gig im WUK bei der Arbeit zugesehen. Das ist gerade angelaufen bevor die Pandemie losging, weshalb es auch erstmal nicht ausgeweitet wurde.

Karin Tonsern

Karin Tonsern: Diese Shadowing Days sind gerade für Anfängerinnen oder Neueinsteigerinnen, die sich vielleicht unsicher fühlen, sehr wichtig. Grade am Anfang hat man noch nicht viel Erfahrung und gerade in diesen Männer-dominierten Berufen traut man sich dann vielleicht nicht zu fragen. Bei den Shadowing Days kann man aber eben mit einer erfahrenen Kollegin mitgehen und zuschauen und Fragen stellen. Da kann man dann auch gut schauen, ob das ein Beruf ist, den man vielleicht ergreifen möchte.

„Sonst steht man in der Branche halt als 20-jährige Frau neben 50-jährigen Männern, die zwar alle lieb sind, aber dann traut man sich vielleicht nicht so richtig, Fragen zu stellen.“

Conni Ettinger: Vor allem bei den ganz jungen kommt das super an. Ich betreue ja die Studierenden auf der SAE. Denen erzähle ich gerne davon und die sind immer super begeistert von Live-Technik, weil sie oft nicht wissen, dass es die Möglichkeit gibt, mit Frauen zu lernen. Sonst steht man in der Branche halt als 20-jährige Frau neben 50-jährigen Männern, die zwar alle lieb sind, aber dann traut man sich vielleicht nicht so richtig, Fragen zu stellen. Viele sind dann eingeschüchtert und man bekommt schnell das Gefühl, dass man da überhaupt nicht hinpasst. Da hilft es enorm, jemanden zu haben, an dem man sich orientieren kann.

Was machst du genau am SAE, Conni?

Conni Ettinger: Ich bin Audio-Supervisorin. Wir sind ein Team, das die Studierenden betreut und ihnen im Studio hilft, wir kontrollieren ihre Arbeiten und helfen beim Warten des Equipments, etc. Hin und wieder unterrichte ich auch.

Ansonsten bist du auch noch selbstständig, nicht wahr?

Conni Ettinger: Ja genau. Hauptsächlich arbeite ich als freischaffende Tontechnikerin.

Karin, du genauso?

Karin Tonsern: Ja, ich bin selbstständig und arbeite als Produktionsleiterin und Tour- und Stagemanagerin, national und international.

Vor ca. vier Jahren gab es am Waves Vienna Festival eine all-female Technikerinnen-Crew. Im Nachhinein haben aber einige Technikerinnen gemeint, sie würden Crews bevorzugen, in denen alle Gender vertreten sind. Wie seht ihr das?

Karin Tonsern: Es geht nicht unbedingt nur um das all-female-Element, sondern das ist einfach der erste Schritt, um zu zeigen: Wir sind da! Und es dient dazu, uns einfach mal Gehör, Platz und Sichtbarkeit zu schaffen. Generell bin ich es gewöhnt, immer als einzige Frau auf der Bühne zu stehen, und es geht darum, das zu ändern. Denn es macht nun mal einen Unterschied, ob man die einzige Frau im Tourbus oder auf einem Konzert ist.

„Es geht nicht unbedingt nur um das all-female-Element, sondern das ist einfach der erste Schritt, um zu zeigen: Wir sind da!“

Conni Ettinger

Conni Ettinger: Ja, bei der all-female-Bühne beim Donauinselfest geht es eben darum, Präsenz zu zeigen. Wir sind da, es gibt uns. Wir wollen auch das Netzwerk selbst promoten, vor allem unseren Crew-Pool. Das Resultat soll sein, dass die Frauen aus unserem Netzwerk, die sich da engagieren, dadurch Jobs bekommen.

Karin Tonsern: Man muss jetzt auch dazu sagen, dass das Netzwerk nicht nur aus Techniker*innen besteht. Ich würde mich jetzt auch nicht als Technikerin bezeichnen, auch wenn ich manchmal technische Leitung mache. Ich stehe nicht hinter einem Pult. Es geht bei uns darum, alle Frauen, die im Musikbereich arbeiten, zu connecten und ihnen einen Platz zu verschaffen. Wir haben auch Labelfrauen, eine Bühnenbauerin, Frauen, die im Artist Care arbeiten. Wir arbeiten alle in derselben Branche und es ist egal, ob du jetzt Catering machst oder Technikerin bist – es gehört alles dazu.

Aber keine Musikerinnen, oder?

Karin Tonsern: Eher nicht. Musikerinnen sind generell schon sehr gut vernetzt. Klar, es geht immer noch mehr, aber Musikerinnen sind wesentlich sichtbarer als andere Branchenmitglieder.

Es liegt halt in der Natur der Arbeit von Techniker*innen, Stagehands, etc., dass sie weniger sichtbar sind.

Karin Tonsern: Genau.

Ihr habt den Crew-Pool erwähnt. Wie darf man sich das vorstellen, handelt es sich da um eine Datenbank?

Conni Ettinger: Im Grunde ja.

Karin Tonsern: Wir sind mittlerweile fast 150 Menschen im Netzwerk. Es gibt natürlich noch viel mehr, aber das sind jetzt einmal diejenigen, die wir erreichen konnten. Der Crew-Pool, den wir gerade starten, ist eine Datenbank, in der sich die Mitglieder des Netzwerks untereinander finden können, aber natürlich auch Leute, die auf der Suche nach Crew-Mitgliedern sind.

Quasi so wie die Frauendomäne.

Conni Ettinger: Genau, nur eben auf unsere Branche fokussiert.

Conni, du bist ja in engem Kontakt mit Studierenden der Musikbranche, vor allem mit denen der Audio Production am SAE. Wie viele weibliche bzw. nicht-männliche Studierende sind da so ca.?

Conni Ettinger: Pro Klasse gibt es ungefähr ein bis zwei weibliche Studierende, würde ich sagen. Es gibt aber auch Klassen mit nur männlichen Studierenden.

Karin Tonsern: Es gibt ja auch in Österreich die Lehre der Veranstaltungstechnik, da ist der Schnitt sehr ähnlich.

Woran liegt das eurer Meinung nach?

Conni Ettinger: Ich habe darüber tatsächlich sehr viel nachgedacht. Es ist in der Branche irgendwie noch nicht so richtig angekommen, dass das nicht nur Männer machen können.

Karin Tonsern: Ich glaube, es liegt auch ein bisschen daran, dass Role Models einfach fehlen. Das schlechteste Argument, das man aber oft hört, ist, dass der Beruf für Frauen schwerer ist, weil er körperlich zu anstrengend ist. Das ist Blödsinn.

Conni Ettinger: Es ist viel wichtiger, dass man geschickt ist!

„Wenn man die Leidenschaft für den Beruf hat, kann man ihn ausüben, egal welchem Geschlecht man angehört!“

Karin Tonsern: Genau. Wenn man die Leidenschaft für den Beruf hat, kann man ihn ausüben, egal welchem Geschlecht man angehört. Es ist aber auch eine Erziehungssache. Es gibt die Initiative vom Bundesministerium „Girls‘ Day“, wo Mädels einen Schnuppertag in Betrieben machen können, das Konzerthaus Wien macht da zum Beispiel mit. Das ist natürlich eine ganz tolle Sache, aber von solchen Projekten gibt es noch viel zu wenig. Das ist auch eine politische Sache. Mädels müssen mehr gepusht werden. Viele junge Frauen wissen auch gar nicht, dass es diesen Beruf überhaupt gibt. Es gibt zwar oft in Schulen eine Art Berufsberatung, aber ich weiß nicht, ob da vom Beruf der Technikerin erzählt wird. Das funktioniert natürlich auch umgekehrt: Ich glaube nicht, dass vielen jungen Burschen in der Schule Berufe nahegelegt werden, die eher mit Frauen in Verbindung gebracht werden.

Welche negativen Erlebnisse musstet ihr in euren Berufen schon erleben?

Karin Tonsern: Es gibt leider viele unangenehme Elemente. Zum einen ist es schwierig, wenn man die einzige Frau bei einer Veranstaltung ist – man steht sehr unter Beobachtung, das ist sehr unangenehm. Nicht nur von Kollegen, sondern teilweise auch vom Publikum. Oder, ich kenn da viele Geschichten von Kolleginnen, die alle ähnliches erlebt haben: Die Band kommt an bei der Location und geht einfach an dir vorbei, um zum nächstbesten männlichen Kollegen zu gehen.

Conni Ettinger: Voll. Wenn man als Technikerin mit einer Band mitfährt, wird man von der Local Crew auch nie ernst genommen, sondern die laufen dann zum – männlichen – Backliner mit Fragen, der ihnen dann immer sagen muss, dass sie doch bitte die Technikerin fragen soll. – Nur, dass sie danach gleich wieder zum Backliner mit der nächsten Frage laufen.

Karin Tonsern: Weil sie halt glauben, du bist die Sängerin, oder die Freundin von irgendeinem Bandmitglied. Ich glaube, vor allem wenn man sehr jung ist, ist das sehr schwierig. Man will sich halt einfach ein seinen Beruf fokussieren und man will die Arbeit gut machen und man wird aber permanent mit solchen Sachen konfrontiert.

„Ich musste mit Sachen kämpfen und über Dinge nachdenken, die männliche Kollegen überhaupt nicht beachten müssen.“

Conni Ettinger: Ich habe damit extrem gestruggelt, muss ich sagen. Mit 18 habe ich mit Live-Technik begonnen, bin frisch nach Wien gekommen und hatte noch nicht so viel Erfahrung. Fast jeden Abend habe ich irgendwo gearbeitet, meistens umsonst. Ich habe mich super reingehängt in die Arbeit, weil ich das Gefühl hatte, ich muss mich als weibliche Person in der Branche unbedingt beweisen. Ich musste mit Sachen kämpfen und über Dinge nachdenken, die männliche Kollegen überhaupt nicht beachten müssen. Zum Beispiel: Was ziehe ich bei der Arbeit an? Es muss hochgeschlossen sein, geschminkt darf ich nicht sein – aber ich schminke mich nun mal einfach gerne! – aber ich musste mich einfach verstellen, weil mich keiner ernst genommen hat! Ich war sehr lange extrem unsicher. Mittlerweile habe ich viel mehr Erfahrungen gemacht und bin viel selbstbewusster, und habe auch Frauen getroffen, die mich inspiriert haben, einfach mein Ding zu machen. Und wenn ich jetzt die jungen FLINTA*s am SAE sehe, dann versuche ich, den ein oder anderen Impact zu geben, der mir damals vielleicht gefehlt hat.

Karin Tonsern: Das ist bestimmt ein Grund, warum viele gar nicht damit anfangen, oder eben früh wieder aussteigen.

Conni Ettinger: Es gibt viele, die es nicht durchziehen, obwohl sie voll das Talent und die Leidenschaft dafür hätten, aber von so etwas abgeschreckt werden. Und das wollen wir verhindern.

Karin Tonsern: Das ist ein ganz wichtiger Aspekt von Sisters of Music. Denn man beginnt dann leicht, an sich zu zweifeln. Und solange du nicht weißt, dass viele andere dieses Problem ebenfalls haben, und, dass das nichts mit dir als Person zu tun hat, ist es super schwierig. Deshalb sind das Netzwerk und dieser Austausch auch so wichtig.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Itta Francesca Ivellio-Vellin

 

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