Petra Stump-Linshalm (c) Maria Frodl
Petra Stump-Linshalm (c) Maria Frodl

„Es bereitet mir ein Vergnügen, mir meine Welt als Musik vorzustellen“ – Petra Stump-Linshalm hat das Komponieren für sich entdeckt

Die international viel beachtete Klarinettistin Petra Stump-Linshalm wurde in der Schweiz geboren, wuchs in Vorarlberg auf und studierte in Wien und Amsterdam. Im Jahr 2012 hat sie ihren Lebensmittelpunkt nach Wien verlegt, um an der Musikuniversität Kammermusik zu unterrichten. Gemeinsam mit ihrem Mann Heinz-Peter Linshalm musiziert die Klarinettistin im Duo Stump-Linshalm. Ständig erweitert das allem Neuen aufgeschlossene Musikerpaar mittels Aufträgen das Repertoire für zwei Klarinetten und setzt auch mit neuen Werken für Bassklarinette Maßstäbe. Zahlreiche CDs spielte das Duo in den vergangenen Jahren ein. Im Sommer 2018 wirkten die Musikerin und der Musiker als Artists in Residence am Chulitna Lodge Research Institute in Alaska.

Die intensive Beschäftigung mit neuer Musik und die Zusammenarbeit mit Komponistinnen und Komponisten haben Petra Stump seit jeher inspiriert. Vor wenigen Jahren wagte sie den Schritt und startete als Komponistin durch. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Nun legt Petra Stump-Linshalm ihre Porträt-CD „Fantasy Studies“ mit eigenen Werken vor. Die Musik und die Musikwelt aus zwei völlig verschiedenen Perspektiven – nämlich als Musikerin und als Komponistin – zu betrachten, sei ein spannendes Thema für sie geworden, erzählt Petra Stump-Linshalm. Die Noten zu diesen Werken sind auch im music austria Notenshop erhältlich. Im Gespräch mit Silvia Thurner berichtet die Musikerin und Komponistin von ihren Inspirationsquellen und Überlegungen beim Komponieren.

Haben Sie früher auch schon komponiert oder hat sich diese Lust erst in den vergangenen Jahren einen Weg gebahnt?

Ich habe über die letzten zwanzig Jahre sehr viel zeitgenössische Musik kennengelernt und interpretiert. Bei der Zusammenarbeit mit Komponistinnen und Komponisten versucht man auch immer wieder gemeinsam Neues zu entdecken und Wünsche oder Vorstellungen umzusetzen. Dadurch wurde ich angeregt zu überlegen, wie meine eigene Musik klingen könnte. Es dauerte dann aber noch einige Zeit, bis mein erstes Stück entstand. Weil es mir soviel Spaß bereitet hat und sich meine Kolleginnen und Kollegen über meine ersten Stücke sehr positiv geäußert haben, habe ich dann gerne weitergemacht.

Der Charakter ist wichtig

Alle Ihre Stücke leben von nuancierten Tonqualitäten, die miteinander in Beziehung gesetzt werden. Schwebungen, Reibungen, aufgeraute Flächen und Linienverläufe bestimmen das Geschehen. Welche grundsätzlichen Überlegungen leiten Sie?

Es sind weniger Überlegungen, sondern ein Hören nach Innen und Herausfinden, was für mich stimmt. Als langjährige Interpretin der zeitgenössischen Musik habe ich genaues Hin- und Zuhören gelernt und trainiert. Für mich sind der Ausdruck, Charakter und die passende Emotion sehr wichtig. Die Tonhöhen sind bei mir nicht absolut festgenagelt und ich ändere sie auch gerne, wenn es der Spielbarkeit hilft.

Leichtigkeit kommt ins Spiel

Ihr Werk UISGE BEATHA für Solokontrabassklarinette bezieht sich auf Aromen unterschiedlicher Whiskysorten. Ich nehme an, es hat viel Spaß gemacht, die verschiedenen Geschmacksrichtungen in Musik zu fassen. Zeigt sich darin auch Ihr spielerischer Zugang zum Komponieren?

Generell ist das Komponieren für mich ein Spaß und eine Freude. Ich glaube, beim Komponieren kommt eine Leichtigkeit, ein Witz oder eine Art Humor aus mir heraus, den ich als Musikerin leider eher nicht habe.

Ihre bisherigen Kompositionen sind meistens für Holzbläser und Cello gesetzt. Haben Sie sich schon mit Streichern und Blechblasinstrumenten auseinander gesetzt und wo liegen die Herausforderungen?

Anfangs war mein Plan, dass ich überhaupt nur für die Klarinettenfamilie schreibe, denn in diesem Bereich kenne ich mich aus. Dann hat mich aber eine Kollegin – Katharina Lugmayr – öfters gefragt, ob ich nicht ein Duo für zwei Blockflöten komponieren möchte. Dieser Schritt war wichtig, denn es hat mir Mut gegeben und ich habe so festgestellt, dass es doch nicht so schwierig ist, auch für andere Instrumente zu schreiben. Als Vorbereitung habe ich viel zeitgenössische Blockflötenmusik gehört, Partituren gelesen, mir Genaueres über die Flöten erzählen lassen und Klänge probiert, die mich interessieren. Das fand ich dann eine sehr schöne Arbeit und so kam und kommt immer wieder ein Instrument dazu. Mich interessiert es zu erfahren, wie ein Instrument funktioniert, um meine Ideen möglichst spielbar – vor allem mit Freude spielbar – zu formulieren. Für mein nächstes Stück ist die Harfe, Bratsche und der Kontrabass und eventuell auch die Posaune zum Erforschen dran.

Meistens entsteht die Musik absichtslos

Die auf der CD versammelten Stücke illustrieren, dass sowohl Sinneseindrücke als auch Literatur, die Malerei sowie Naturbeobachtungen Inspirationsquellen sein können. Sind Sie eine Synästhetikerin?

Nein, das bin ich nicht. Es bereitet mir einfach Vergnügen, mir die Welt beziehungsweise was mich umgibt und mir begegnet, als Musik vorzustellen. Ich überlege mir gerne, wie etwas klingen könnte und horche in mich hinein, ob Musik, Klänge oder Geräusche dazu auftauchen. Oft ist es auch umgekehrt: Es begegnet mir etwas und es taucht in mir eine Musik dazu auf. Meistens passiert das absichtslos, bis ich dann einen konkreten Plan daraus mache.

Wie wichtig ist Ihnen die Praktikabilität Ihrer Musik, denken Sie bereits beim Komponieren an die ausführenden Musikerinnen und Musiker?

Ja, das ist mir sehr wichtig – aus eigener Erfahrung. Musikalische Ideen dürfen schwierig sein, aber sie müssen am Instrument funktionieren. Die Musikerinnen und Musiker sollen nicht zu „Fakes“ gezwungen werden. Wenn ich die Interpretinnen und Interpreten kenne, versuche ich auch, die speziellen Fertigkeiten und Vorlieben einfließen zu lassen.

Musik und Goldfische

Das Cover und die Fotos zu Ihrer CD sind originell und regen zum Weiterdenken an. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihr kompositorisches Schaffen mit Goldfischen zu assoziieren?

Das war unter anderem eine Idee der Fotografin Maria Frodl. Ein Text von Sudabeh Mohafez – der „WÄNDELESEN“ inspiriert hat – handelt von einem Blätterfisch. Mein Wunsch war, etwas Surreales zu schaffen, schlussendlich wurde daraus die Goldfischserie. Ein Fisch ist Symbol für Unterschiedliches – von der Religion bis zum Sternzeichen. Aber in meinem Fall würde ich ihn als die psychologische Interpretation von der Seele, dem Unbewussten, dem Inneren, Kreativen deuten.

Was sind Ihre nächsten Vorhaben?

Im Moment stelle ich das Stück „TANALIAN SOUNDS“ für Piccolo und zwei Bassklarinetten fertig. Die Uraufführung wird im Januar 2019 im Mumok in Wien sein. Im November erarbeite ich mit einer amerikanischen Flötistin ein Stück mit dem Titel „WINDGESCHENKE“, nach einem Gedicht von Hilde Domin. Danach setze ich im Auftrag des exxj – ensemble des xx. jahrhunderts die Arbeit für ein umfangreicheres Ensemblewerk mit dem Arbeitstitel „OCEAN“ fort. Das Werk wird ebenfalls 2019 uraufgeführt.

Danke für das Gespräch.

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft 2018 erschienen.

Veröffentlichung:
„Fantasy Studies“ von Petra Stump-Linshalm. Orlando records, 2018.
Die Noten zu den Werken sind auch im music austria Notenshop erhältlich.

Links:
Petra Stump-Linshalm
Petra Stump-Linshalm (Musikdokumentation Vorarlberg)
Orlando Records
Petra Stump-Linshalm (music austria Datenbank)
Petra Stump-Linshalm (music austria Notenshop)