„Entscheidend für uns ist immer, dass sich die Nummern am Ende natürlich anfühlen […]“ – BARTOLOMEYBITTMANN im mica-Interview

Zehn Jahre ist es nun her, dass sich mit MATTHIAS BARTOLOMEY und KLEMENS BITTMANN zwei Musiker mit eigener Vision zusammengetan haben, um den Versuch zu starten, den Klang ihres klassischen Instrumentariums (Cello, Violine, Mandola) in einen modernen musikalischen Kontext zu überführen. Der Sound des Duos BARTOLOMEYBITTMANN reicht von mächtigen schweren Rockriffs über im rasenden Tempo gespielte Unisono-Passagen bis hin zu stillen gefühlvollen Passagen, die wahnsinnig viel Stimmung erzeugen. Rechtzeitig zum zehnjährigen Bandjubiläum ist nun das vierte Album „z e h n“ erschienen.  Im Interview mit Michael Ternai erzählten MATTHIAS BARTOLOMEY und KLEMENS BITTMANN über die Erfahrungen, die sie in den zehn Jahren des Zusammenspielens gesammelt haben, ihre unterschiedlichen Sichtweisen in Bezug auf die musikalischen Einflüsse und die noch immer vorhandene Motivation, das gemeinsame Projekt weiterzuführen.

Mit „z e h n“istnun euer viertes Album erschienen. Ich kenne euch schon seit eurem Debüt und habe das Gefühl, dass ihr mit „z e h n“ euer vielleicht komplettestes Album abgeliefert habt. Könnt ihr damit etwas anfangen?

Matthias Bartolomey: Es ist immer schön, so etwas von außen zu hören. Selber ist man so stark in den Prozess involviert, dass es einem oft schwerfällt, einen Blick von außen zu bekommen. Aber eigentlich sind auch wir uns darin einig, dass die Stücke auf dem neuen Album am meisten am Punkt sind und wir musikalisch eigentlich dort angelangt sind, wo wir mit BartolomeyBittmann immer hinwollten. Wir haben das Gefühl, dass sich die Art unseres Komponierens nach zehn Jahren eingegroovt hat. Wir haben unser Tempo gefunden und die Rollenverteilung ist klar. Wir wissen, wer von uns wann einmal die Führung übernimmt oder wer sich wann etwas zurücknimmt. Wir haben den Entstehungsprozess dieses Mal wahnsinnig genossen und ich denke, wir sind an dem Punkt angelangt, wo wir mit jeder Nummer des Albums total happy sind. Es gibt dieses Mal wirklich keine Nummer, bei der wir sagen, dass sie uns nicht gelungen und eine Schwachstelle ist. Das ist auf den vorigen Alben da und dort schon einmal vorgekommen. „z e h n“ ist für uns eine total abgerundete und stimmige Sache.

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Das heißt, das Album ist auch Ergebnis einer gewachsenen Erfahrung.

Klemens Bittmann: Man kann sagen, dass sich die Kompositionsform bzw. die musikalische Dialogform, die wir seit zehn Jahren praktizieren, jetzt konkretisiert hat. Und da hatte sicher die Pandemiezeit eine Rolle gespielt. Wir hatten plötzlich Zeit bekommen, die wir sonst aufgrund unserer vielen Spieltätigkeit nicht gehabt hätten. Es war, wenn man zurückblickt, für uns – wie natürlich auch für viele andere Menschen – eine schwere und herausfordernde Phase, aber sie hatte den Nebeneffekt, dass uns Zeit geschenkt wurde, die wir für die kreative Tätigkeiten nutzen konnten. Das Schöne war, dass wir eigentlich sehr rasch in den Komponierprozess hineingekommen sind und es überraschend stimmig und schnell vorangegangen ist. Ich glaube, es gab mit „Intellektomat“ vielleicht eine Nummer, bei der wir länger gebraucht haben, sie auf den Punkt zu bringen. Bei den anderen ist es von der Abstimmung der Instrumente bis hin zur Rollenaufteilung sehr reibungslos vonstattengegangen. Und hier spiegelt sich sicher die Erfahrung wider, die wir in den letzten zehn Jahren gemacht haben. Manche Dinge ergeben sich jetzt logischer, weil wir diese BartolomeyBittmann-Tonsprache mit der Idee, unsere Instrumente größer klingen zu lassen, mehr konkretisieren konnten.

Ich kann mich an ein früheres Interview mit euch erinnern, in dem ihr gemeint habt, dass bei euch sehr viel aus dem Improvisieren heraus entsteht. War das dieses Mal auch so?

Matthias Bartolomey: Ich glaube, daran hat sich nicht viel verändert. Der improvisatorische Faktor nimmt bei uns beim Komponieren eine ganz essenzielle Rolle ein. Es ist vielleicht ein anderes Improvisieren, als man es vom Jazz her kennt. Und es ist bei uns auch nicht so, dass wir zusammenkommen, einfach loslegen, die Sachen aufnehmen und uns am Ende dann die besten Stellen herauspicken. Es verhält sich bei uns eigentlich genau umgekehrt. Wir beginnen mitkleinen Ideen, mit einem Riff oder einem Groove. Und mit diesen spielen wir dann herum. Wir suchen neue Teile, verwerfen andere wieder, nehmen Dinge auseinander und setzen sie in anderer Form wieder zusammen. Das ist auch Improvisation. Weil wir spielerisch mit dem Material umgehen und ausprobieren, was funktioniert und was nicht.

Inwieweit gilt heute noch das übergeordnete Motto, „den Klang alter Instrumente in einen modernen musikalischen Kontext zu überführen“? Das war in gewisser Weise euer Aufhänger, euer Werbeslogan. Hat sich an dieser musikalischen Schwerpunktsetzung etwas geändert?

Klemens Bittmann: Um genau zu sein, war das der Werbeslogan bzw. die inhaltliche Definition vor allem unseres zweiten Albums „Neubau“.Bei unserem ersten Album „Meridian“ ging es vor allem umdiese künstlerische Linie zwischen Matthias und mir, um unsere gemeinsame musikalische Philosophie. Bei unserem dritten Album „Dynamo“ dagegen drehte sich alles sehr stark um dieses impulsive und theatralische Element, das bei uns vor allem auf der Bühne zum Ausdruck kommt. Aber du sprichst es richtig an. Natürlich bleibt das Grundkonzept unseres zweiten Albums, neues Repertoire für alte Instrumente zu entwickeln und sie in der Klangästhetik unserer Zeit aufgehen zu lassen, auch weiterhin bestehen. Man kommt als Streicher auch nicht wirklich los von der Magie, ein solch altes Instrument in der Hand zu halten.

Bild BartolomeyBittmann
BartolomeyBittmann (c) Stephan Doleschal

Es ist halt eine spannende Geschichte, wenn man mit einem 1727 gebauten Cello Metal-Grooves spielt. So viele Generationen von Musiker*innen davor haben auf diesem Instrument ein gänzlich anderes Repertoire gespielt. Das ist ein spannendes Element, das wir auf keinen Fall aufgeben wollen. Auf „z e h n“ ist das jetzt aber nicht mehr der zentrale inhaltliche Aufhänger, weil das Album das langjährige Commitment von Matthias und mir zum Thema hat. Wir fanden, dass es – vor allem in einer so schnelllebigen und projektorientierten Zeit wie heute – durchaus wert ist, diesen Umstand zu zelebrieren. Wir haben es zehn Jahre lang miteinander ausgehalten, wir haben zehn Jahre lang miteinander Musik gemacht und wir haben einen Weg gefunden, zehn Jahre lang im Dialog zu bleiben. Unternehmerisch und künstlerisch.

„Wie weit man das noch treiben kann? Wahrscheinlich noch ziemlich weit.“

Das Schöne an eurer Musik ist, dass sie auf der einen Seite eigentlich sehr komplex und instrumental sehr anspruchsvoll ist, auf der anderen dieser Aspekt aber nicht spürbar wird. Eure Musik befindet sich richtig schön im Fluss. Wie weit kann man das noch treiben?

Matthias Bartolomey: Das ist nicht etwas, was wir beabsichtigen oder bewusst tun. Wir haben eigentlich nicht unbedingt den Anspruch, etwas unglaublich Kompliziertes zu machen. Wenn etwas komplex wird, passiert das aus einer natürlichen Intuition heraus. Aber ja, ich gebe dir schon recht, dass manche Nummern rhythmisch komplex sind und eine verschachtelte Form aufweisen. Auf der anderen Seite gibt es auf der Platte aber auch Stücke, die meinem Empfinden nach weniger komplex sind. Entscheidend für uns ist immer, dass sich die Nummern am Ende natürlich anfühlen und sie auf einer Platte eine abwechslungsreiche Geschichte erzählen. Abwechslungsreich insofern, als dass man als Hörer*in durch Komplexität durchmuss, aber dann auch belohnt wird mit einer relativ klaren Struktur oder schlichteren Form.
Wie weit man das noch treiben kann? Wahrscheinlich noch ziemlich weit. Wir haben nach wie vor Lust zu komponieren. Erst bei unserem letzten Soundcheck für ein Konzert hat Klemens wieder etwas Neues auf der Bühne ausprobiert und ich habe gemerkt, wie er richtiggehend in die Idee hineingekippt ist. Und solche Sachen passieren oft. Gerade bei Soundchecks. Da entstehen immer wieder Ideen, die abgespeichert werden und später als Ausgangspunkt für eine neue Nummer herhalten.

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Ihr stammt ursprünglich aus der Klassik. Was sind die konkreten Einflüsse auf diesem Album?

Klemens Bittmann: Bezüglich der Einflüsse hörst du von Matthias und mir jetzt wahrscheinlich zwei vollkommen unterschiedliche Antworten. Aber zuerst zur Frage der klassischen Herkunft. Matthias entstammt einer der renommiertesten klassischen Wiener Familien, in der das Philharmonikersein, das Orchester- und Kammermusikersein und das Solistensein in der DNA verankert sind. Das ist bei mir in der Form nicht der Fall. Ich bin natürlich auch ein klassisch geprägter Musiker, weil du das mit einem Streichinstrument eigentlich immer bist, und du das Instrument zu einem gewissen Grad auch klassisch erlernen musst, weil du es sonst technisch nicht spielen bzw. du dir die Räume, die die Magie des Streichinstruments ausmachen, nicht eröffnen kannst. Wir haben also schon unterschiedliche Karrieren. Matthias spielt in anderen Projekten auch mit den namhaftesten Vertretern der klassischen Szene in Österreich. Ich dagegen habe mich vielleicht mehr in die Jazzecke orientiert und mit großen Namen aus diesem Bereich zusammengespielt.

Was die Einflüsse betrifft, sind wir sehr verschieden, auch weil wir zwei unterschiedliche Generationen sind. Wir haben sehr viele musikalische Identifikationsüberschneidungen, wenn es darum geht, was wir gut finden. Diese Dinge würde ich sehr essenziell mit Groove- und Time-Aspekten in Verbindung setzen. Wenn sich Ensembles sehr stark über Rhythmusgruppen definiert haben und in ihrer Time- und Pulsverarbeitung sowie Klangästhetik mit etwas Besonderem aufwarten, sind die sicher in unseren beiden Hörerfahrungen aufgetaucht. Aber wie gesagt, wir entstammen schon unterschiedlichen Generationen. Der Anteil an Jazz, Swing, Fusion oder Bebop ist bei mir sicher um einiges größer als bei Matthias. Bei ihm spielen wahrscheinlich mehr die Rock- und Metal-Aspekte eine große Rolle.

Matthias Bartolomey: Ich glaube auch, dass wir uns da irgendwo in der Mitte treffen bzw. irgendwo in einer Mitte. Zu den Einflüssen auf diesem Album: Da gibt es eine witzige Anekdote. Es gibt ein Stück, dass den Titel „Zehn“ trägt. In diesem Stück gibt es einen kurzen Moment, ein kurzes Rockgitarren-Phrasing, das ich geschrieben habe. Und schon während des Komponierens dachte ich mir, dass ich das von irgendwoher kenne. Nur kam ich nicht drauf. Erst vor Kurzem ist es mir plötzlich klar geworden. Es war ein Song von Creed aus den frühen 2000er-Jahren, den ich damals die ganze Zeit gehört habe. So gesehen sind diese Beeinflussungen sehr intuitiv, weil ich viele Sachen längst wieder vergessen habe. Ich bin in den 1990er-Jahren mit so vielen Rockbands aufgewachsen. Unter anderem auch mit Radiohead, die auch Klemens sehr gemocht hat. Von da her kommen sicher auch gewisse Einflüsse unterbewusst zur Geltung. Diese Vorlieben haben sich irgendwann einmal abgespeichert und Jahrzehnte später kommen sie dann irgendwie wieder zum Vorschein. Eine andere Band, die ich ebenfalls sehr geschätzt habe, war Deftones. Von meinem Gefühl her, kommt von dieser Band viel in meinen Riffs durch.

Klemens Bittmann: Von meinem Gefühl her kommt da ganz was anderes durch [lacht].

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“Wir fühlen uns in diesem Duo erfüllt […]

Ihr habt BartolomeyBittmann von Anfang an als ein langfristiges Projekt angelegt. Wenn ihr jetzt zurückblickt: War es für euch damals wirklich vorstellbar, dass ihr zehn Jahre zusammenbleibt?

Klemens Bittmann: Ich glaube, man kann nie sagen, wie lange man so ein Commitment leben kann und wie lange man sich künstlerisch noch etwas zu sagen hat. Ebenso ist es ganz schwer vorherzusagen, wie lange man sich unternehmerisch aneinanderbinden kann, weil auch viele andere Lebensaspekte eine Rolle spielen. Der Wohnort, die Familie, andere berufliche Orientierungen usw. Aus meiner Sicht ist es ein Glücksfall, dass Matthias und ich uns zu einem Zeitpunkt zusammengefunden haben, an dem wir beide auf künstlerischer, wirtschaftlicher und menschlicher Ebene das Gleiche gesucht haben. Wir haben damals schon jeder für sich Erfahrungen in der Arbeit mit anderen Ensembles gemacht. Und diese waren in dieser Hinsicht nicht immer positiv. Es kommt vor, dass das Commitment in einem Ensemble, das anfänglich da ist, verloren geht und die Dinge, die davor gut waren, beginnen sich aufzulösen. Aus diesem Grund haben wir schon von Beginn an sehr klar miteinander kommuniziert und eine sehr klare Sprachkultur entwickelt. Und so hat sich eine Perspektive ergeben bzw. es hat sich eine Tür zu etwas Längerfristigem geöffnet.

Cover z e h n (c) Matthias Bartolomey
Cover “z e h n” (c) Matthias Bartolomey

Aber dass es jetzt zehn Jahre so dahingehen wird, konnten wir zu Beginn nicht vorhersagen. Und ich kann auch nicht sagen, dass es noch einmal zehn Jahre so dahingehen wird. Aber wir sehen im Moment kein Bedürfnis danach, das Projekt zu stoppen. Wir fühlen uns in diesem Duo erfüllt, sowohl im Austausch mit dem Publikum wie auch im Austausch mit den Veranstalter*innen. Wir haben nach wie vor ein sehr gutes Feedback von dem, wie unsere Musik aufgenommen wird. Und das gibt uns schon das Gefühl, dass wir doch etwas richtig gemacht haben. Ich habe auch das Gefühl, dass diese zehn Jahre irrsinnig schnell vergangen sind. Wir waren von Beginn an viel unterwegs und das Duo hat sich relativ schnell zum Projekt Nummer eins entwickelt. Und daran hat sich nichts verändert. Jetzt sind eben die ersten zehn Jahre vergangen, ein Ende ist noch überhaupt nicht in Sicht. Wir schauen, wo es noch hingeht.

Matthias Bartolomey: Ich finde es schön, dass es trotz der intensiven Zusammenarbeit in den letzten zehn Jahren und mancher Meinungsverschiedenheiten, die wir hatten und ausbügeln mussten, niemals zur Debatte gestanden ist, ob das Duo weitergeht oder nicht. Wir waren beide schon sehr früh in diesem Duo verwurzelt. Es war klar, dass wir auch einmal Sachen ausdiskutieren müssen. Aber wir hatten das gegenseitige Vertrauen, dass sich dabei keine Grundsatzfrage stellt. Das ist etwas, was uns als Duo sehr zusammengeschweißt hat.

Klemens Bittmann: Und eines muss man auch dazusagen. Eine ganz große Rolle haben auch unsere drei Instrumente gespielt. Ich bin kein Esoteriker, aber dennoch bin ich überzeugt davon, dass die inhaltliche Aussage unserer Instrumente und das, was sie erklingen lassen wollen, schon sehr stark mitschwingen. Die haben mit Sicherheit noch etwas vor mit uns.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

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