
So wurde auch heuer nach neuen, zeitgenössischen Kompositionen sowie Innovationen im Umgang mit aktuellen Mitteln der elektronischen Musikproduktion gesucht. Zentrales Kriterium für die Vergabe der Preise ist dabei eine konzeptionelle und formale Innovation sowie eigenständiges Sounddesign und eine professionelle technische Umsetzung. Neben Auszeichnungen in der “allgemeinen Kategorie” vergab “Elektronikland” auch heuer wieder einen Sonderpreis für “elektronische Musik als Teil eines interdisziplinären Projektes”. Damit entspricht die Ausschreibung einem wesentlichen Bereich der künstlerischen Arbeitspraxis, da elektronische Musik häufig für Installationen, Filme, Videos, Performances etc. komponiert und eingesetzt wird. Dementsprechend gross war heuer die Zahl der Einreichungen gerade auf diesem Gebiet, die zudem durchwegs eine hohe inhaltliche wie formale Qualität aufwiesen. Für die Jury, bestehend aus Bernhard Flieher (Salzburger Nachrichten), Eva Jantschitsch (Gustav), Didi Neidhart (mica-Salzburg), Gianni Stiletto (FH Salzburg), ein nicht immer leichtes Unterfangen, sich gerade hierbei auf FavoritInnen zu einigen.
Wie sich so eine Juryentscheidung quasi in “real time” abspielt konnte jedoch Mitte September in der ARGEkultur im Rahmen einer öffentlichen (und durchaus gut besuchten) Jury-Sitzung unter der Moderation von Markus Grüner-Musil (ARGEkultur) mitverfolgt werden. Vergeben wurden dabei (nach durchaus heftigen Diskussionen) jeweils € 1.500.- an die PreisträgerInnen, von denen einige dann auch ihre Werke im Rahmen des “TubeKlub” Mitte Dezember präsentieren konnten.
In der Kategorie “interdisziplinäre Projekte” wurden dabei gleich zwei Preise vergeben.
Einmal an das Projekt “Repetition” des KünstlerInnen-Kollektivs WASH. Dahinter stecken Fabio Cannalonga und Marko Sulz (Musik, Sounds) sowie Alexander Goll und Nicola Lieser (Visuals), die sich während der Arbeit an einem Masterprojekt auf der FH Salzburg im Fachbereich Multi Media Art getroffen haben.
Ausgangspunkt war dabei die Beschäftigung mit dem Musikvideo des gleichnamigen Songs der englischen Band The Fall. Sowohl der Song wie dessen visuelle Umsetzung dienten dabei als “praktisches Fundament und inhaltliche Inspirationsquelle”. Herausgekommen ist dabei eine multiperspektivische Mischung “aus abgeschlossenem Musikstück und offener, loopbarer Soundatmosphäre”, die ebenso wie die visuellen Artefakte des Ausgangsmaterials (Musikvideo) isoliert und ihrer ursprünglichen Narration enthoben werden.
Beeinflusst von der Repräsentationstechnik des französischen Philosophen Gilles Deleuze, die dieser u.a. in seinem einflussreichen Buch “Differenz & Wiederholung” erörtert, sind Begrifflichkeiten wie Wiederholung, Identität und Differenz zu Inspirationsquellen und Determinanten ihrer gemeinsamen Arbeit geworden.
Neben dem “fundierten theoretischen Ansatz” und der “klugen Auseinandersetzung” im Rahmen von “Repetition” hob die Jury in ihrer Begründung vor allem die ausgeklügelte “Affinität zu den Strömungen des Minimalismus und Konstruktivismus” hervor. Ebenso die Vielschichtigkeit der Arbeit, die sich nicht zuletzt auch in ihrer mannigfaltigen Verwendbarkeit an gänzlich unterschiedlichen Orten manifestiert. “Die Funktionalität dieser Installation gelingt sowohl im Ausstellungskontext eines White-Cube als auch als Visuals im Club. Die Struktur von Bild und Ton fordert und fasziniert in der Suche nach der Systematik und dem Code der Wiederholungen.”, so die Jury abschliessend.

Die schon im Frühjahr 2013 in der Galerie 5020 in Salzburg gezeigte und hochgelobte Arbeit begeisterte jedenfalls auch die “Elektronikland”-Jury vollauf. “Diese Arbeit ist eine hoch reflektierte Auseinandersetzung mit dem unpopulären Thema des Sterbens, realisiert als eine aufwändige, aber leise, offen begehbare Installation, vorgelegt inklusive umfangreicher Materialien und einer sehr anschaulichen Videodokumentation. (…) Die Jury sieht in dieser Einreichung die Umsetzung der Ausschreibung für interdisziplinäre Projekte mit elektronischer Musik besonders gelungen. ‘Memento mori’ ist formal-technisch wie auch inhaltlich grenzüberschreitend und in der Lage, mit Hilfe von elektronischer Musik etwas zutiefst menschliches zu vermitteln. Dieses Projekt ist beispielhaft dafür, wie eine Generation, deren Kommunikation hauptsächlich auf digitalen Medien beruht, in der Lage ist, mit genau diesen Mitteln Emotionen zu reflektieren, zu verarbeiten und zu vermitteln.
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Viermal vergeben wurden dann auch noch die Preise für elektronische Musik.
So an die junge Musikerin Tanja Fuchs. Ihn ihren Tracks “Peppamind” und “About Us In Space & Time” sah die Jury “eine kluge und eigenständige Konzeption mit gesellschaftspolitischen Bezügen”, aus denen sich “subtil ein akustisches Hörspiel entwickelt, welches eine Sehnsucht von Entschleunigung und Intimität spürbar macht. (…) Das Sounddesign ist reduziert und transparent, eine akustische Luftdusche mit verwunschenen Ambientsounds”.
Derzeit studiert sie an der FH Salzburg (Multi Media Art) und absolviert ein Auslandsstudium (Music & Performance Art) an der Istanbul Bilgi University. Bei den eingereichten Arbeiten ging es ihr laut eigener Aussage um “die Vision, den Zauber von Musik mehrdimensional erlebbar zu machen, ihn dem Kontext des Schönen und Wohlklingenden zu entreißen und ihm sowohl im Performativen als auch im Raum Bedeutung zu geben”.
Charakteristisch für den Sound des in München geborenen Felix De Graeve ist hingegen die Integration der digitalen und der akustisch-analogen Welt. Zuerst in eher traditionellen Bandkontexten tätig, entdeckte De Graeve während eines Südafrika-Aufenthaltes die elektronische Musik (und hier vor allem die Bereiche Experimental/IDM) für sich. Seit dem experimentiert er “mit den Grenzen der Genres”.
Seine Stücke zeichnen sich durch eine detailgetreue Komposition von Synthesizersounds, Field recordings, Atmosphären und Alltagsgeräuschen, Klavier & Gitarrenarrangements bis hin zu vielschichtigen und durchschneidenden Beats aus und verarbeiten dabei gekonnt Einflüsse zwischen modernen Jazz, Experimental/IDM und Glitch-Hop.
Zum preisgekrönten Track “We Won’t Even Be Digital” schreibt die Jury: “Der Preisträger präsentiert in seiner Einreichung ein kluges, ironisches Konzept in der konsequenten Überhöhung von Störgeräuschen des Alltags, hin zum inszenierten musikalischen Konflikt zwischen digitalen und analogen Sounds. Die Umsetzung erfolgt in einer umfangreichen Soundauswahl von anklingenden Bläsern bis zu 8Bit Game Sounds und Mobilfunkgeräuschen. Diese Dualität ist ausgezeichnet eingebettet in einen transparent entspannten Groove, die kluge Dramaturgie wird dosiert aber nicht zu theatralisch umgesetzt”.

Auch in der Jurybegründung klingt diese “Wucht” nach, wenn es dort heißt: “Die Einreichung hat alle Mitglieder der Jury gleichermaßen beeindruckt. Konzept und Umsetzung sind ausgezeichnet gelungen. Drei Klavierminiaturen werden mittels Granulation und weiteren Bearbeitungsprozessen transformiert zu in sich schwingenden Soundräumen, eine intelligente und originelle Arbeit jenseits bekannter Bearbeitungsmethoden mit experimentellem und ausdifferenziertem Sounddesign. Das Ergebnis schafft in beeindruckender Weise die Balance zwischen reduziertem Klangmaterialismus und emotionaler Tiefe”.
Als „Krachmacher für Film und Fernsehen, Vinylfanatiker, Käsebrotfreund und Langschläfer“, bezeichnet sich hingegen Johann F. Steiner (a.k.a. joanesk). Der gebürtiger Steirer, den es über Graz und Wien nach Salzburg verschlagen, um hier an der Fachhochschule Multi Media Art zu studieren und abzuschließen, hat mit “A Little Lofi Love Affaire” und “Sometimes It Rains Outside” zwei “unprätentiös und fein sinnig arrangierte Minimalkonstrukte” (Jurybegründung) abgeliefert. Durchzogen mit Artefakten, Fehlern und Störgeräuschen evozieren die Tracks dabei dennoch ein Gefühl von Harmonie und Wärme im Zeichen “hoffnungsvoller Melancholie gepaart mit komplexen Rhythmuselementen”. Vor allem das “aktuelle Sounddesign” und der “abstrakte elektronische Funk mit überraschenden Soundfaltungen” überzeugte dabei die Jury.
Lobende Erwähnungen fanden schließlich noch Martin Loecker (“Schön!”), Sebastian Kober (“Ballaststoffe”) sowie Arthur Mröz (“Kaleidoskop”), die ebenfalls auf der CD “Elektronikland 2013 – Electronic Music From Salzburg” zu hören sind (die prämierten “interdisziplinären Projekte” finden sich hier als MP4-Tracks wieder).
Die CD “Elektronikland 2013 – Electronic Music From Salzburg” ist in der ARGEkultur Salzburg erhältlich.
http://www.argekultur.at