Porgy&Bess (c) Rainer Rygalyk
Porgy&Bess (c) Rainer Rygalyk

Einfach wieder hochfahren?

Die letzten Wochen haben gezeigt, dass es so etwas wie einen Notbetrieb für Kunst und Kultur nicht gibt. Denn die Kunst braucht die Bühne, KünstlerInnen brauchen ein Publikum. Was aber braucht die angeschlagene Branche, um wieder auf die Beine zu kommen? Darüber haben sich Kulturschaffende in den letzten Wochen intensiv Gedanken gemacht.

„Kultur ist halt nicht so wichtig wie ein Baumarkt.“ Wenn sich die Verbitterung der gesamten Kulturbranche über die mangelnde oder mangelhafte Unterstützung seitens der Politik in den letzten Woche und Monaten in einem Satz packen ließe, es wäre der, den Christoph Huber, künstlerische Leiter des Porgy & Bess, in einem Interview mit dem Standard unlängst formulierte. Aus ihm sprachen Verzweiflung und Wut darüber, wie schleppend, bürokratisch mühsam und unzureichend die bisherigen Hilfen für Kulturschaffende waren. Und auch das Unverständnis darüber, dass es klare Abstandsregeln zwar für U-Bahnen und Baumärkte gibt, man die Theater und Bühnen aber bis zum heutigen Tag vertröstet – teils mit wissenschaftlich unhaltbaren Theorien, wonach etwa Instrumente, in die hineingeblasen wird, besonders risikoreich für Infektionen seien. Was spricht dagegen, einen Saal wie jenen des Porgy & Bess – unter Einhaltung der geltenden Abstandsregeln freilich – wieder aufzusperren wie das Wirtshaus ums Eck? Huber, so sagte er, könnte dann das Porgy mit circa hundert Sesseln bestuhlen und Kultur fände wieder statt. Mit weniger Publikum freilich und unter anderen Voraussetzungen, aber sie fände statt.

Bild Christoph Huber
Christoph Huber (c )Wolfgang Gonaus

Wie wichtig das als Zeichen für einen Neubeginn wäre, weiß niemand besser als Harald Huber. Die Lage vor allem für die Freischaffenden sei fatal, fasst es der Präsident des Österreichischen Musikrates (ÖMR) zusammen. Der ÖMR vertritt 350.000 Musikschaffende. Huber weiß also, wovon er spricht, wenn er das Wort „Katastrophe“ in den Mund nimmt. Die meisten MusikerInnen hätten derzeit (aufgrund der bisherigen Absagen und unsicheren Zukunftsaussichten bis in den Herbst) „keine Perspektive, wie man irgendetwas verdienen könnte“. Viele KünstlerInnen haben beim Härtefall-Fonds bisher nichts bekommen, weil sie noch Honorare aus früheren Monaten erhielten – ein Grund, der die WKO mittlerweile veranlasste, die Bedingungen zu ändern. Auch die VeranstalterInnen haben bis dato noch keinen Fonds, der für gemeinnützige Vereine ließ zu lange auf sich warten, ist aber inzwischen eingerichtet. Der sei, so Huber, essenziell für KünstlerInnen, denn so lange die Vereine kein Geld hätten, könnten sie auch keine Gagen ausbezahlen. Und die Gutscheinlösung für abgesagte Konzerte sei, so Huber, zwar gut, komme aber zu spät, weil viele Kundinnen und Kunden ihre Tickets in der Zwischenzeit rückabgewickelt hätten.

Hunderte Betriebe hinter der Bühne

Matthias Naske, Intendant des Wiener Konzerthauses, erzählt uns, was das für ein Haus wie seines bedeutet. Seitdem der Spielbetrieb am 10. März 2020 „aus voller Fahrt unterbrochen“ wurde, wie er es formuliert, mussten 212 Veranstaltungen, die bis Ende Juli 2020 disponiert waren, entweder verlegt oder abgesagt werden. „Damit Sie sich eine Vorstellung der Dimension dieses Einschnittes machen können: Allein die abgesagten Vorstellungen sind ein Volumen von 118.000 Tickets, die rückabgewickelt werden müssen.“ Der Stillstand, so Naske, treffe sein Haus betriebswirtschaftlich enorm, „da es als privat getragene kulturelle Einrichtung in besonderem Maß unternehmerisch von seinem Spielbetrieb abhängig ist. Natürlich sind fast alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und auch der Vorstand in Kurzarbeit. Das hilft uns über diese Monate hinweg, aber das geht sich nicht lange aus.“ Denn: „Nur ein starker Spielbetrieb schafft die wirtschaftliche Basis für den Erhalt all der Wertschöpfungsketten im Betrieb und im betrieblichen Umfeld.“ Der vollständige Verlust jedweder Refinanzierung aus dem Markt, so Naske, lähme die gesamte kulturelle Szene. „Und dabei dürfen sie nicht nur an die Musikerinnen und Musiker denken, sondern an Hunderte Betriebe die ‚hinter‘ den Personen auf den Bühnen für die Kunst arbeiten. Von Agenturen über Veranstaltungstechnikerinnen und -techniker bis zu den vielen Dienstleistern in den gastronomischen Einheiten.“

Bild Birgit Denk
Birgit Denk (c) Carina Antl

Insgesamt fühlt sich die gesamte Kunst- und Kulturszene, aber auch – wie von Naske zutreffend ins Bild gerückt – die Veranstaltungsszene von der Politik im Stich gelassen. Die Sängerin Birgit Denk formuliert es drastisch: „Ich habe das ungute Gefühl, das wir jetzt alle teilen, die in der Kunst- und Kulturbranche arbeiten, vom Tontechniker über den Merchandise-Verkäufer bis hin zur Sängerin, dass wir, die wir uns eh schon immer nicht wertgeschätzt gefühlt haben von der Politik, jetzt von diesem Ding richtig in die Fresse geschlagen werden.“ Wie in jeder Krise stünden jetzt jene Dinge, die auch vorher schon nicht funktioniert hätte, im Brennglas, sagt Denk. Die Auswüchse des globalen Marktes etwa. „Man fragt sich, warum es keine einzige in Europa produzierte Atemschutzmaske mehr gibt.“ Aber eben auch die soziale Lage der KünstlerInnen. Die sei nicht erst seit gestern prekär.

Soziale Lage der KünstlerInnen

Wie recht Denk mit dem, was sie sagt, hat, belegen die zwei Studien „Zur sozialen Lage der Künstler*innen in Österreich“ aus 2008 bzw. 2018.

Die Kurzfassung: Für einen Großteil der Kunstschaffenden sei das Einkommen aus künstlerischer Tätigkeit „unregelmäßig, schwer planbar und von geringer Höhe“. Künstlerische Tätigkeit sie häufig durch Mehrfachbeschäftigung, hohe Selbstständigkeitsraten und fragmentierte, wenig planbare Erwerbsverläufe gekennzeichnet. Übergreifend über alle Sparten zeige sich eine zunehmende Belastung und es zeige sich auch, dass Frauen in allen Sparten ein höheres Belastungsniveau (ausgenommen des zeitlichen) angeben als Männer. Eine der schlimmsten Sätze aus der 2018er-Studie: „Das Recht auf Familie ist für Kunstschaffende nicht lebbar.“

Im Verhältnis zu den Gesamtstaatsausgaben wurde das Kulturbudget daher unterproportional erhöht. Und diese Erhöhung liegt auch unter der Inflationsrate. Dass der Bund derzeit ca. nur 0,6 Prozent des Gesamtbudgets für Kultur ausgibt, bezeichnete die Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler neulich im Interview mit dem mica als „Schande für eine selbsterklärte Kulturnation“.

Die Luft zum Atmen

Bild Nanni Malm
Nanni Malm (c) Deniz Saylan

Aber was braucht es, damit sich der Umgang mit der Kultur verbessert? Für Nanni Malm, Violinistin bei der Camerata Salzburg und dem Mahler Chamber Orchestra, ist das ganz klar: „Die Einsicht, wie wichtig Kultur ist.“ Erst einmal müssten alle kapieren, welchen Stellenwert Kunst hat. „Wir bezeichnen uns immer als Kulturnation, aber wenn es darum geht, die Kultur vor dem Fall ins Bodenlose zu retten, erweist sie sich als das letzte Glied in der Kette. Niemand kommt nur wegen des Schnitzels nach Wien. Die Leute kommen, um ins Theater, um ins Konzert zu gehen“, so Malm. Ähnlich sieht das Sepp Schellhorn. „Schöne Seen gibt’s überall“, meinte der Hotelier, Gastronom und Politiker neulich in einem Interview. Die Leute kämen zu uns, weil neben dem schönen See Theater gespielt wird oder andere Kultur stattfindet. In anderem Zusammenhang hat Schellhorn den plakativen, aber stimmigen Ausspruch getätigt, wonach in Salzburg der Tourismus das Herz und die Kultur die Luft zum Atmen sei. Kultur ist die Luft zum Atmen!

„Ohne uns wird es dunkel und still“, hat es der Kabarettist Lukas Resetarits neulich auf den Punkt gebracht. Und auch wenn man nicht mit allem, was er gesagt hat, einverstanden sein muss, so wird man doch einsehen müssen, dass in der Corona-Krise alles, was unser Leben in der Vergangenheit aufgewertet hat, das Konzert-, das Theatererlebnis oder der Besuch eines Restaurants, als das plötzlich nicht mehr möglich war, schmerzlich gefehlt hat. Es war streckenweise sehr dunkel und sehr still, und das hat sich alles andere als gut angefühlt.

Aber auch wenn einem Kultur egal sei, „sollte man sich wenigstens die Zahlen anschauen und die ökonomische Wichtigkeit von Kunst begreifen“, sagt Nanni Malm. Tun wir das doch einfach. Schauen wir uns die Zahlen an.

Die ökonomische Wichtigkeit von Kunst

Die Salzburger Festspiele etwa, von denen in den letzten Wochen immer wieder zu lesen war, sind nicht nur das wichtigste und größte Festival der Welt, was klassische Musik angeht, sie schaffen alljährlich direkt und indirekt eine Wertschöpfung von 183 Mio. Euro in Salzburg und 215 Mio. Euro in Österreich. Sie sichern damit in Salzburg eine Beschäftigung von 2.800 Vollzeitarbeitsplätzen (3.400 in Österreich). Und sie erbringen direkt und indirekt in ihrer Wirkung in anderen Branchen für die öffentliche Hand rund 77 Mio. Euro an Steuern und Abgaben.

Die Zahlen sind eindrucksvoll. Was man dabei aber manchmal vergisst, ist: „Für den kleinen Ort Litschau im Waldviertel ist das Schrammel.Klang.Festival genauso wichtig wie für Salzburg die Festspiele“, sagt Birgit Denk. Oder für Neusiedl und Umgebung das Nova Rock. Nicht nur für den Ort, für die ganze Region, bestätigt Zeno Stanek, Intendant des Schrammel.Klang.Festivals.

Genau deshalb auch könne man ein Festival nicht so einfach mir nichts, dir nichts absagen. Warum nicht? „Weil es um die Künstler geht. Und hinter jedem Künstler stehen fünfzig andere Künstler, Bühnenbildner, Gastronomen und letztlich auch Bauern, deren Produkte – von Wein bis Brot – im Rahmen des Festivals verkauft werden. Es ist eine lange, vielgliedrige Kette“, so Stanek. Geht es den Künstlerinnen und Künstlern schlecht, geht es auch den anderen schlecht.

Man könnte dem noch die hohe volkswirtschaftliche Relevanz der urheberrechtsrelevanten Wirtschaft hinzufügen. Die Kreativwirtschaft sichert im weiteren Sinn – von Kreativen, Produzentinnen und Produzenten, Darstellerinnen und Darstellern über Medien und Handel bis hin zu den Endkonsumentinnen und -konsumenten – in Österreich mehr als 293.000 Arbeitsplätze und löst in der heimischen Volkswirtschaft mittel- wie unmittelbar einen Produktionswert von 34,12 Mrd. Euro aus. Zudem stärken die Werke von Kreativen und Kunstschaffenden aller kulturellen Genres das Image Österreichs als Kulturnation und lösen auf diesem Weg zusätzlich mehr als eine Milliarde Euro an Produktion aus Tourismuseffekten aus. Diese Zahlen stammen aus einer Studie des Industriewissenschaftlichen Institutes, die im November 2018 für die unabhängige Plattform Austria Creative erstellt wurde. Eine weitere eindrucksvolle Zahl war während der letzten Pressekonferenz der SPÖ zu hören: Die Kulturbranche sorge in Österreich für 15 Prozent des BIP.

Das heißt, das, was Nanni Malm sagt, lässt sich auch eindrucksvoll mit Zahlen untermauern. Selbst wenn einem Kunst und Kultur – aus welchen Gründen auch immer – nicht nahestehen sollten, ist es schon aus rein volkswirtschaftlicher Sicht nicht sinnvoll, Kreative an der ausgestreckten Hand verhungern zu lassen. Und selbst die Kulturmuffel müssten spätestens dann, wenn sie alle Netflix-Serien gesehen hätten, merken, dass es jetzt keinen Content mehr gibt, gibt Birgit Denk zu bedenken. Und woher kommt dann neuer Content? Wer erzeugt ihn? Richtig. KünstlerInnen.

Streaming als Ausweg?

Vielfach sind die MusikerInnen, SchauspielerInnen, Kabarettistinnen und Kabarettisten in den letzten Wochen ins Netz ausgewichen. Die Konzepte waren verschieden, manche Auftritte muteten als reine Beschäftigungstherapie an, andere waren in hohem Maße professionell, wie etwa die Auftritte des Jazz-Pianisten David Helbock, der eben noch mit Trompeter Loren Raab ein gemeinsames Konzert auf der Bühne des Konzerthauses eingespielt hat, das am 28. Mai 2020 ausgestrahlt wird. Das Konzept: KünstlerInnen spielen im leeren großen Saal, die Konzerte werden später gratis gestreamt. Die KünstlerInnen bekommen eine Gage. Das Konzerthaus als Veranstalter geht zwar leer aus, bleibt aber im Gespräch. Das heißt, der Aufwand wird wohl unter Marketingmaßnahmen verbucht. Helbock hat aber auch schon Konzerte gespielt (zuletzt im Spielboden in Dornbirn und im Wiener Porgy), wo nach dem Pay-as-you-wish-Prinzip über ein virtuelles Ticketing-System Geld eingesammelt wurde. Auch da seien durchaus respektable Summen zusammengekommen, erzählt er. Trotzdem ist er zurückhaltend, was die Verheißungen der in Mode gekommenen Streaming-Konzerte anbelangt. „Die Frage ist, wie lange diese Bereitschaft, sich das online anzuschauen und dann einen solidarischen Beitrag zu leisten, anhält“, sagt er. „Ich halte das Konzept auf keinen Fall für längerfristig Erfolg versprechend.“

Aber was braucht es, damit die Kultur nach den erlittenen Einbußen wieder zu Kräften kommt?

Geld und Gutscheine

Zuerst einmal Geld. In der Schweiz, in Luxemburg und Deutschland wurden in den letzten Wochen Konzepte vorgelegt – das ging vom Rettungsschirm, der über die gesamte Kunst- und Kulturszene aufgespannt wurde (in der Schweiz) bis hin zu einem monatlichen Fixum von 1.000 Euro (in Bayern). In Österreich fehlt ein solches Konzept noch. Milliardenschwere Pakete wurden geschnürt, die Kunst spielte dabei bis dato keine Rolle.

In Wien wurden zur Wiedereröffnung der Gastronomie am Freitag Gastro-Gutscheine für alle 950.000 Wiener Haushalte ausgegeben. Warum sollte das, was für die Gastronomie möglich ist, nicht auch für die Kultur möglich sein? Eine ähnliche Aktion könnte man doch bundesweit für wieder aufgesperrte Kultureinrichtungen einführen, von kleinem Programmkino über Sommertheater bis hin zum Burgtheater. Eine Starthilfe für die angeschlagenen Kulturbetriebe wäre es allemal.

Klare Ansagen, Überbrückungshilfen

„Dringend nötig sind klare Indikationen, wann und zu welchen Bedingungen der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden kann“, fordert Matthias Naske. „Die Verantwortung ist gut bei den Menschen aufgehoben. Und wir sollten uns nicht vollkommen entmündigen lassen. Zudem wird offensichtlich mit unterschiedlichem Maß gemessen. Wenn sich Menschen, die nicht in einem Haushalt zusammenleben, an einem Wirtshaustisch versammeln dürfen, sollte das unter besonderen Hygienevorschriften auch für kulturelle Spielstätten gelten. Voraussetzung für die Wiederaufnahme eines angemessen attraktiven Spielbetriebs liegt darin, dass wir begreifen, dass wir alle im selben Boot sitzen, dass jeder für sich und wir alle gemeinsam Verantwortung übernehmen müssen und dass diese Phase besondere Flexibilität fordern wird. Mittelfristig erwarte ich Diskussionen und neue Lösungen für die Vertragsgestaltung von Künstlerverträgen und eine Überbrückungshilfe durch einen Non-Profit-Fonds, um die Integrität der kulturellen Trägerorganisationen zu erhalten und deren vorgelagerten Dienstleistungsbetrieb mit einzuschließen. Nur so können wir den tatsächlich drohenden substanziellen Schaden für die Kultur in Österreich zumindest abmindern.“

Bild Matthias Naske
Matthias Naske (c) Lukas Beck

Politischer Wille und gesellschaftlicher Wert

„Ideen wird es immer geben“, sagt Birgit Denk. Die würden in Selbstausbeutung weiterhin produziert werden. „Was es braucht, sind Wertschätzung und Ermöglichung – das sind die beiden Dinge, die uns retten.“ Denn die ersten KünstlerInnen strecken bereits die Waffen. Birgit Denk erzählt von einem Trompeter, der sich überlege, wieder im erlernten Beruf des Gärtners Fuß zu fassen. Nanni Malm erzählt von zwei Kollegen, von denen der eine bereits für Uber Taxi fahre und die andere Arbeit als Krankenschwester suche. Und wir reden hier nicht von Hobbymusikerinnen und -musikern, sondern von international anerkannten und weltweit tourenden Profis! „Eine Gesellschaft kann jetzt sagen: ‚Das ist mir wurscht, haben wir halt einen Gärtner mehr.‘ Eine Gesellschaft kann aber auch zu dem Schluss kommen, dass wir auch einen super Jazztrompeter [oder eine tolle Cellistin; Anm.] verloren haben“, bringt es Birgit Denk auf den Punkt. Diesen politischen Willen, was unserer Gesellschaft wert und wichtig sei, den brauche es.

„Wir werden der Wirtschaft alles ermöglichen“, habe es seitens der Politik geheißen, ruft Denk in Erinnerung. „Kultur ist auch Wirtschaft, uns muss man auch Dinge ermöglichen.“ Und etwas zu ermöglichen sei in Österreich gleichbedeutend mit einem Abbau der Bürokratie, so Denk. Es gebe wahnsinnig viele Hürden. In Maria-Enzersdorf werde seit Wochen um Auflagen gestritten, damit das dortige Autokino wieder aufsperren dürfe. „Seit Wochen findet da ein Tauziehen statt. Warum geht das nicht einfach und schnell, um einen offenkundigen Bedarf an Kultur abzudecken?“ Und vielleicht brauche man ja im Veranstaltungsrecht nicht jeden Abend einen, der für 300 Euro die Bühne abnehme. In Niederösterreich etwa, erzählt sie, benötige man, wenn man in einem Heustadl auftreten und einen fünfzig Zentimeter hohen Bühnenteil aufstellen wolle, der für sich TÜV-geprüft sei, eine Statikerin bzw. einen Statiker. „Das ist Wahnsinn. Und jetzt wäre ein gesunder Zeitpunkt, um mit diesem Wahnsinn aufzuhören.“ Und: „Braucht es die Einkommenssteuer auf Tickets? Die könnte man aussetzen, dann wird es ein bisschen billiger.“

Interessenvertretung und Spielstätten

Ein großes Manko ist: KünstlerInnen haben keine richtige Interessenvertretung, und das muss sich schnell ändern. Von selbst, das hat man in der Krise in aller Deutlichkeit gesehen, nehmen sich die Interessen nicht wahr. Von oben komme zwar immer der Einwand, man könne einen Opernsänger nicht mit einem Journalisten vergleichen, sagt Birgit Denk, „aber warum eigentlich nicht? Wir wollen doch alle das Gleiche.“ Und Angestellte seien doch auch eine durchaus heterogene Gruppe.

Katharina Klement, die Intendantin des Piano Festivals © Rania Moslam
Katharina Klement (c) Rania Moslam

Für bestimmte Bereiche, wie insbesondere die zeitgenössische Musik, werde es nach der Krise noch schwieriger sein als zuvor, denn „sie ist per se nicht kostendeckend bzw. auf Massenkonsumation und wirtschaftlich zweckorientiert ausgerichtet“, sagt die Komponistin Katharina Klement. „Sie ist und bleibt verletzlich.“ Man müsse daher gezielt Veranstaltungsorte für sie einrichten, Schienen bzw. Reihen fortführen und einführen. „Ein Festival wie Wien Modern ist jetzt schon völlig unterfinanziert, die Gagen für Künstler und Komponisten sind beschämend.“

Und man müsse sich, so Klement, generell fragen, welche Strategie man verfolgen wolle. Wien etwa stehe als Musikstadt für den Tourismus ganz oben. Deshalb scheine es verführerisch, jetzt auf die traditionelle Karte zu setzen und das gängige Klassik-Klischee (Beethoven, Mozart & Co.) fortzuführen. Es sei aber ungleich weitergedacht, die zeitgenössische Musik nicht mindestens ebenso zu fördern, damit sie nicht stagniere. „Es braucht Häuser und Locations, die auch Experimente zulassen, wo auch entwickelt und geprobt werden kann.“ Und diese Häuser sollten so finanziert werden, „dass auch Personen bezahlt werden können, die die Infrastruktur betreuen, organisatorisch und auch kuratorisch tätig sind.“ Es sollte neben dem Konzertraum auch Proberäume und Labore geben, mit einiger technischer Ausstattung. Eventuell müssten wir auch ganz generell über neue Konzerträume nachdenken, die Abstand gewährleisten würden. Größere Räume sind also gefragt.

Korridor für Ensemblemitglieder

Die Camerata sei ein international besetztes Orchester, erzählt Nani Malm. „Genau deshalb können wir uns derzeit nicht einmal ordentlich aufstellen.“ Um die Mitglieder aus dem Ausland holen zu können, um mit ihnen zu proben, brauche es Ausnahmegenehmigungen, „damit sie nicht zwei Wochen in Quarantäne müssen“. Die sich daraus ergebende Überlegung ist einfach: Wenn ein Korridor für rumänische Pflegerinnen möglich ist, sollte etwas Vergleichbares nicht auch für MusikerInnen möglich sein? Schließlich geht es doch auch hier darum, einen wirtschaftlich notwendigen Sektor am Leben zu erhalten und ein Bedürfnis zu decken. Das Bedürfnis nach Kultur, die manche Leute brauchen wie die Luft zum Atmen.

Bild David Helbock
David Helbock (c) Joanna Wizmur

Bildung und Dialog

Wie leichtfertig man mit Bildung umgeht, zeigt die Entscheidung, den Musikunterricht an den Schulen auszusetzen. Nanni Malm, die für die Camerata ein Bildungsprojekt betreut, findet die Entscheidung skandalös. „Man muss ja nicht singen. Es gibt Hunderttausende andere Dinge, die man machen kann. Zum Beispiel Musik hören.“

David Helbock hat während einer Tournee das skandinavische Modell kennengelernt. In diesen Ländern gebe es Förderungen z. B. für Tourneen, erzählt er. Die geförderten MusikerInnen müssten als Gegenleistung in die Schulen gehen und dort ihre Musik vorstellen. Ein in mehrfacher Hinsicht tolles Konzept, findet Helbock: Es sei gut für die Entwicklung der Kinder und man gebe der Gesellschaft etwas zurück. Gleichzeitig präsentiere man die Musik seinem zukünftigen Publikum. Etwas Vergleichbares fehle bei uns.

Und, das haben die letzten Wochen gezeigt, es braucht viel mehr Dialog zwischen der Politik und der Kultur. Vieles an Peinlichkeit hätte man sich ersparen können, hätte man seitens der Politik den ernsten und direkten Dialog mit den verschiedenen Kunstsparten gesucht, hätte man in puncto Abstandsregeln mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gesprochen oder – wie in Deutschland passiert – eigene Studien beauftragt. Wer in den Dialog mit der Kunstszene tritt, wird nicht nur über deren Interessen unterrichtet, es findet auch ein Transfer von Kompetenz statt, der der Politik nicht schlecht zu Gesichte stünde.

Ein Vorbild dafür könnte die Initiative „Mit der Stadt reden“ sein. Seit Herbst 2017 findet in Wien ein ebenso breiter wie offener Dialog zwischen freien Musikschaffenden und politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern statt. So ein institutionalisierter Dialog ließe sich in anderen Städten auch einführen. Man muss aufeinander zugehen. Es braucht die Kunst, und zwar in jeder Stadt. Für viele ist sie wie die Luft zum Atmen. Jedenfalls aber prägt sie eine Region, an ihr hängen Arbeitsplätze.

Markus Deisenberger