Gernot Wolfgang, der auch für den Grammy © nominiert war.
Gernot Wolfgang (c) Lefteris Photography

Ein Österreicher nahe am GRAMMY: GERNOT WOLFGANG im mica-Porträt

Spätestens seit der Flüchtlingswelle der 1930er-Jahre siedelten sich viele österreichische Musiker in den USA an und wurden dort geschätzte Lehrkräfte und Mitwirkende im Filmbusiness Hollywoods. Dass auch heutzutage Komponisten nach Kalifornien ziehen, ohne sich primär im Bereich der Zelluloid-Traumfabrik zu bewegen, ist aber eher ungewöhnlich. Ein Porträt des zuletzt sogar für den GRAMMY ® nominierten Amerikaners aus Salzburg GERNOT WOLFGANG.

Auch abseits der großen Traumfabrik

Dass österreichische Musiker in den USA reüssieren ist nicht wirklich neu – spätestens seit der durch den Nazi-Terror verursachten Flüchtlingswelle der 1930er-Jahre konnten sich viele Komponisten im Bereich der Filmmusik Hollywoods und als Lehrende an den dortigen Universitäten etablieren. Die Namensliste ist lang und enthält etwa Hanns Eisler, Erich Wolfgang Korngold, Ernst Krenek, Arnold Schönberg, Robert Stolz und Ernst Toch, um nur einige wenige zu nennen. Was sie mitbrachten war eine profunde Ausbildung und ein meisterhaftes Können, die auf einer jahrhundertealten mitteleuropäischen Tradition fußten. Nachdem sie damit (oft erst nach Überwindung von Widerständen des dortigen Establishments) in ihrem Exilland Fuß gefasst hatten, trugen sie nun das ihre zu einer derartigen Weiterentwicklung und Perfektionierung des amerikanischen Musiklebens bei, dass dieses seit Jahrzehnten einen spannenden Boden für Studierende und junge Absolventen aus Europa darstellt. Dass manche von Ihnen in den USA bleiben und dabei nicht ausschließlich im Bereich der Zelluloid-Traumfabrik ihr Hauptbetätigungsfeld finden, ist denn doch eher ungewöhnlich. Der 1957 in Bad Gastein geborene Gernot Wolfgang ist einer von ihnen.

Gitarre, Jazz und eine Hochzeit

Es mag eine günstige Konstellation der Sterne, des Schicksals oder einfach des Zufalls gewesen sein, dass sich der ehemalige Computerprogrammierer Wolfgang einst in Wien in die Fagott studierende, aus Pennsylvania stammende Judith Farmer verliebte – dies zu einem Zeitpunkt, als sich der damals 34-jährige Salzburger entschlossen hatte, sein Leben der Musik zu widmen und bereits beachtliche Erfahrung als Jazzmusiker gesammelt sowie gerade zwei Jahre an der Berklee School of Music studiert hatte. Die Übersiedlung in die USA als eine der ewigen Hochburgen des Jazz und Heimat seiner nunmehrigen Frau Judith lässt sich somit leicht erklären. Ebenso die Fakten, dass Gernot Wolfgang sich sowohl im Umfeld einer jazzgeprägten Konzertlandschaft etablierte als auch in seinem schöpferischen Œuvre eine Vielzahl an Werken für Fagott aufzuweisen hat. Für beide bedeutete die Verbindung auch, sich in hohem Maß in kammermusikalische Besetzungen zu vertiefen, um dem bisher weder im Jazz noch im Bereich von Solokonzerten allzu üppig bedachten Instrument einen neuen Schwerpunkt und eine deutlich hörbare Stimme in der zeitgenössischen Musik zu verleihen.

Aufträge aus der Alten und der Neuen Welt

Gernot Wolfgang (c) Lefteris Photography

Es dauerte nicht allzu lange, ehe sich der zunächst primär als Jazzgitarrist und -komponist aktive Wolfgang ein breiteres Feld erschloss. Das Fundament dazu lieferten ihm neben Berklee auch seine Studien an der Grazer Musikuniversität und die Teilnahme an dem Projekt „Scoring for Motion Pictures and TV“ an der University of Southern California. Mit seiner Musik, welche die Erfahrungen aus der intensiven Beschäftigung mit dem Jazz mit jenen einer klassischen Tradition verbindet, erschloss er sich ein dankbares Publikum – in den Vereinigten Staaten ebenso wie in Europa, Asien und Australien. Zu den Ensembles und Institutionen, die ihm Aufträge erteilten zählen das Los Angeles Chamber Orchestra und das Santa Barbara Chamber Orchestra, das Jazz Festival der EBU (European Broadcasting Union), das Verdehr Trio, das Debussy Trio, Martha’s Vineyard Chamber Music Society, die Österreichischen Kammersymphoniker, die Jazz Bigband Graz, Solisten wie die Klarinettistin Michele Zukovsky, der Klarinettist Gary Gray, die Pianistin Joanne Pearce Martin, die Flötistin Susan Greenberg und der Fagottist David Breidenthal sowie die Kammermusikzyklen Chamber Music Palisades, Pacific Serenades und die South Bay Chamber Music Society.

Dem GRAMMY ® nahegekommen

Nicht minder eindrucksvoll liest sich die Liste einiger jener Interpreten und Häuser, die seine Musik auch ohne spezifischen Auftrag auf ihre Programme setzten und setzen: Los Angeles Philharmonic, Los Angeles Chamber Orchestra, Seattle Symphony Orchestra, Santa Barbara Chamber Orchestra, Las Vegas Philharmonic, Kyushu Symphony Orchestra, Sydney Symphony Orchestra, das Münchner Rundfunkorchester und das Symphonieorchester Vorarlberg, die New Yorker Carnegie Hall, die Washingtoner National Gallery, das Prinzregententheater in München, nicht zu vergessen in Österreich das Wiener Konzerthaus und der Wiener Musikverein, die Wiener Festwochen und Wien Modern.

Die jüngste von bisher drei bei Albany Records erschienenen CDs mit Gernot Wolfgangs Kammermusik, „Passing Through“ wurde 2017 sogar für den renommierten GRAMMY® Award in der Kategorie „Best Classical Compendium“ nominiert. Stellvertretend sei eine Besprechung von Don Clark auf www.icareifyoulisten.com zitiert, der diese Produktion als „substantial, provocative, entertaining examples of the now and future of chamber music“ beschreibt. Auch viele weitere Labels haben seine Werke in ihre Kataloge aufgenommen. Nicht vergessen sei seine eigene Mitwirkung als Gitarrist bei dem österreichischen Jazzensemble The QuARTet, mit dem er zwei CDs einspielte und in den 1990er-Jahren ausgedehnte Europa-Tourneen unternahm. Kein Geringerer als die Jazz-Legende Dave Brubeck bezeichnete Wolfgangs Musik einmal als von „unkonventioneller Schönheit“.

Lektor und Festivaldirektor

Wer Gernot Wolfgang kennt, weiß dass er sich unendlich langweilen würde, wenn er zu lange nur in einem Bereich aktiv sein müsste. Dementsprechend nimmt es nicht Wunder, dass er neben dem Spielen und Gespielt werden auch Lektor für Jazzkomposition und Jazzharmonie an der Grazer Musikuniversität war und Kurse und Meisterklassen an Universitäten in Nordamerika und Österreich gab. Geschätzt werden in der Film- und Fernsehbranche seine Fähigkeiten als Orchestrator.

Nicht genug damit, gilt seine Leidenschaft auch „HEAR NOW – A Festival of New Music by Contemporary Los Angeles Composers“, dessen Associate Artistic Director er ist. Mit einigem Stolz vermeldet er, dass für die laufende Saison insgesamt neun Konzerte organisiert wurden, in denen ausschließlich seit dem Jahr 2000 komponierte Musik in Los Angeles lebender Komponistinnen und Komponisten zur Aufführung gelangte. Sehr sympathisch nimmt sich aus, dass „Intendant“ Gernot Wolfgang dabei nur in äußerst dezentem Ausmaß mit eigener Musik vertreten ist. Umso mehr darf man sich freuen, Wolfgangs Musik auch hierzulande immer wieder in Konzerten zu begegnen, zuletzt Anfang April 2017 in Linz und Wien, als sein 2011 entstandenes Klavierquartett zur Aufführung gelangte. Eindrücklicher könnte die Verknüpfung seiner beiden Lebenszentren sowie die Gleichwertigkeit von Film und Konzert in seinem Schaffen kaum deutlicher werden, als durch dessen Titel: „From Vienna With Love“

Christian Heindl

Links:
Gernot Wolfgang
Hear Now Music Festival