„Ein Künstler erzählt eine Geschichte, das entspricht einem menschlichen Bedürfnis.“ – STEVEN SCHESCHAREG IM MICA-INTERVIEW

Mit einem neuen Programm wird der amerikanisch-österreichische Bariton STEVEN SCHESCHAREG am 4. Dezember 2022 in Klagenfurt aufhorchen lassen. Zwei Schwerpunkte seiner Arbeit, Musik einst verfemter Komponisten und Neues heutiger Komponistinnen, stehen dabei im Zentrum des Auftakts zu seinen vielfältigen Vorhaben der nächsten Zeit. Christian Heindl sprach mit dem Künstler in Zeiten allgemeiner Unsicherheit auch im klassischen Bereich.

Ich weiß nicht mehr, wann und in welcher Partie ich Steven Scheschareg zum ersten Mal erlebt habe: Viele Auftritte in dichter Aufeinanderfolge waren es und jedes Mal eindrucksvolle Erlebnisse. Seit gut drei Jahrzehnten ist er ein fixer und unverzichtbarer Bestandteil im heimischen Musikleben. Der Bariton gehörte zu jenen, die die vielfältigen Aktivitäten der freien Wiener Opernszene so intensiv mitgestalteten wie nur wenige andere. Kaum eine Produktion, in der er nicht wesentlich zum – meist höchst gelungenen – Ergebnis beitrug. Wie verschlug es den gebürtigen Austro-Amerikaner mit dem recht österreichisch klingenden Namen nach Wien und wie prägt seine eigene Geschichte sein künstlerisches Arbeiten?

Steven Scheschareg: Meine Eltern stammen aus der Steiermark, aus Kapfenberg, aber ursprünglich kommt die Familie aus der Gottschee, also dem deutschsprachigen Gebiet im heutigen Slowenien. Da gab es verschiedene Phasen von Verfolgung, Vertreibung und Flucht. Sie sind dann noch vor dem Zweiten Weltkrieg in die USA ausgewandert, wo ich geboren wurde. Ich selbst bin praktisch mit der deutschen Sprache aufgewachsen, Englisch wurde zu Hause kaum gesprochen. Jedenfalls war es sicher eine schreckliche Erfahrung für meine Eltern mit der Situation des Exils konfrontiert zu sein. Das hat sicher auch bei mir das Interesse geweckt, mich heute in meiner Arbeit intensiv mit dem Thema Exil-Komponisten auseinanderzusetzen.

Du hast noch in den USA studiert, bist aber dann zur weiteren Ausbildung nach Wien gekommen.

Steven Scheschareg: Ich weiß nicht, ob ich Talent habe, aber ich habe immer gute Lehrer gehabt. Meine Anfänge waren im Musical auf dem Broadway, wo es irgendwann hieß: „Du singst so laut, du solltest Oper machen.“ – Also habe ich an der Juilliard School studiert. Später hatte ich einfach Neugier auf das „Ausland“. Wie sieht es anderswo musikalisch aus. Und so ging ich nach Wien.

Was waren deine ersten Engagements als aktiver Sänger hier in Österreich?

Steven Scheschareg: Ich habe zunächst vor allem im Rundfunkchor [dem 1995 aufgelösten ORF-Chor, Anm.] gesungen, da kamen bald auch Solosachen mit Erwin Ortner, und dann erste Engagements an den Landes- und Stadttheatern, etwa in Linz und in Baden. Ein Schwerpunkt wurde dann schließlich meine Arbeit mit der Neuen Oper Wien. Im Ausland war vor allem das Nationaltheater Mannheim wichtig, die Bayerische Staatsoper Bayreuth; im Inland die Salzburger Festspiele, Tiroler Festspiele Erl und vieles mehr.

„Österreich ist ein kleines Land, aber Musik ist im Vergleich zu manchen anderen Ländern hier viel wichtiger.“

Dein Repertoire ist beeindruckend. Ich zähle rund drei Dutzend Partien quer durch das klassische und romantische Repertoire und demgegenüber noch mehr – rund fünfzig – Opern aus dem 20. Jahrhundert, darunter eine große Zahl an Uraufführungen. Wie siehst du die zeitgenössische österreichische Musik verankert?

Steven Scheschareg: Man darf sie absolut nicht unterschätzen. Es ist großartig, was hier produziert wird. Georg Friedrich Haas, Olga Neuwirth, Johannes Maria Staud und andere sind international bekannt. Österreich ist ein kleines Land, aber Musik ist im Vergleich zu manchen anderen Ländern hier viel wichtiger. Fast jedes Kind hier begeistert sich für Musik. Darauf lässt sich wunderbar aufbauen.

Kommen wir zu deinen aktuellsten Projekten. In wenigen Tagen hat am Museum Moderner Kunst Kärnten in Klagenfurt dein neues Programm im Rahmen der Ausstellung „Menschheitsdämmerung“ Premiere.

Steven Scheschareg: Das ist eine Liedermatinée am Sonntag, 4. Dezember 2022, zu Mittag in der Burgkapelle. Die Ausstellung „Menschheitsdämmerung“ zeigt Bilder aus der Zwischenkriegszeit, und zwar nur von Männern, und demgegenüber Arbeiten junger Künstlerinnen. Ich werde nun mit Lisa Gonnella ein Programm gestalten, bei dem zum einen Komponisten aus dieser Zeit wie Richard Strauss und vor allem meinem speziellen Anliegen entsprechend auch vertriebene Komponisten wie Alexander Zemlinsky, Korngold und Krenek erklingen sollen, zum anderen aber neue Lieder gezielt von Komponistinnen, darunter Olga Neuwirth und Martina Claussen; als Verbindung von Exil und Komponistin singe ich Alma Mahler. Also eine Aussage in zwei Richtungen.   

„Das Schöne am Neuen ist: Man trifft die Komponisten, mit denen man eng zusammenarbeiten kann. Die sind noch am Leben!“

Du warst von Anfang an im Neuen zu Hause.

Steven Scheschareg: Ja, aber auch im Klassischen. Ich singe „Graf von Luxemburg“ oder „Hoffmanns Erzählungen“ genauso gerne wie Neues. Das Schöne am Neuen ist: Man trifft die Komponisten, mit denen man eng zusammenarbeiten kann. Die sind noch am Leben!

Einer der vielen Komponisten, mit denen du gerne arbeitest, ist Bernhard Lang. Da steht in relativ kurzer Zeit erneut Großes bevor. Und erneut in Klagenfurt.

Steven Scheschareg: Genau. Am 9. Februar 2023 findet am Stadttheater Klagenfurt die Premiere seines „Hiob“ statt. Vielleicht bin ich auch deshalb gerne in Kärnten, weil es nahe an der Gottschee liegt. Am 27. Februar 2023 gibt es dann ebenfalls dort ein Konzert mit der Winterreise-Bearbeitung „Cold Trip“ von Bernhard Lang, einem Liederzyklus von Olga Neuwirth und einer Uraufführung von Bruno Strobl. Und dann ist auch ein Lang-Porträtkonzert am Stadttheater Klagenfurt geplant.   

Ist es für dich wichtig, welche musikalische Ästhetik ein neues Werk hat?

Steven Scheschareg: Nein. Letztlich ist es ja mein „Job“, die Sachen zu machen. Heute bin ich wirklich froh, wenn ich Neues machen kann. Das ist doch in gewissem Sinn eine Ehre. Ich mache gerne „Don Giovanni“, aber wenn man etwas Neues gestaltet, kann man diese Figur wirklich neu kreieren. Das hängt auch damit zusammen, dass ich Menschen bewundere, die komponieren oder dichten können.

Arbeitest du auch mit Komponisten bzw. Komponistinnen während des Kompositionsprozesses zusammen?

Steven Scheschareg: Fallweise kann es schon sein, dass man im Entstehungsprozess Vorschläge macht. Im Wesentlichen gibt es kein „will ich nicht“, aber ein „kann ich nicht“ kann es schon geben. Dann spricht man darüber und die meisten sind froh, wenn sie durch eine Änderung das Problem lösen können.

Wie siehst du die Tatsache, dass ein neues oder völlig vergessenes Stück oft nur ein einziges Mal inszeniert wird und nach ein paar Aufführungen verschwindet.

Steven Scheschareg: Das ist natürlich sehr schade. Dann muss man es vor allem als Lernprozess verstehen: Man lernt, das Handwerk zu verbessern. Man lernt Menschen kennen – die Komponisten, Regisseure. Ja, das ist eine kleine Plattform, aber hier in Wien gibt es doch Aufmerksamkeit. – Und dann gibt es Stücke, wie z. B. „Der Idiot“ von Mieczysław Weinberg, den wir in Mannheim gemacht haben, die dann da und dort wiederkommen. In diesem Fall im nächsten Frühjahr am Theater an der Wien. Das ist großartig bei einem so tollen Werk.

Die Frage, die man im Rahmen eines Interviews jedem Sänger oder Schauspieler stellt, der ein so großes Repertoire hat: Welche Partie fehlt dir noch, was würdest du gerne einmal machen?

Steven Scheschareg: „Fliegender Holländer“! Das würde mich sehr reizen. An Neuer Musik möchte ich „Soldier Songs“ von David Little machen, ein sechzigminütiges Multimedia-Stück für Bariton und verstärktes Septett.

„Ich halte mich an den Walt Whitman zugeschriebenen Satz ‚Be curious, not judgmental.‘“

Ein wichtiger Teil deiner Arbeit sind neben all den vielen szenischen Projekten die Liederabende. Das reicht bei dir vom traditionellen Konzertsaal bis zum Kaffeehaus, von Schubert bis zur Uraufführung. Wie konzipierst du diese Programme?

Steven Scheschareg: Das baut ebenfalls auf der eigenen Erfahrung, auf meinem familiären Hintergrund auf. Ich mache sehr gerne Programme mit Exilkomponisten. – Warum waren Kálmán, Leopoldi, Korngold, Jurmann, Stolz, Spielmann, Benatzky und viele andere in den USA und was haben sie dort gemacht? Einiges davon konnte ich auch auf CD herausbringen. Es interessiert mich eben nicht, „nur“ „Winterreise“ oder „Schöne Müllerin“ zu singen. Ich halte mich an den Walt Whitman zugeschriebenen Satz „Be curious, not judgmental“.

Steven Scheschareg in "Mutzenbacher" von Ruth Beckermann
Steven Scheschareg in „Mutzenbacher“ von Ruth Beckermann

Kommen wir abschließend zu einem Bereich, der fast alle Künstlerinnen und Künstler betroffen hat bzw. betrifft: den Krisen der letzten beiden Jahren, beginnend mit Corona, Lockdowns, enormen Preissteigerungen, Inflation, einem Krieg in unserer Nähe, dessen Folgen unabsehbar sind und – vielleicht aus all dem folgend – die gerade aktuelle und sogar in einer offiziellen Studie in Untersuchung befindliche Frage des teils dramatischen Publikumsschwundes auch oder gerade in den großen Häusern. Wie siehst du das? Wie gehst du damit um?

Steven Scheschareg: Gottseidank lebe ich hier. In Amerika war alles am Broadway geschlossen, es gab keine Unterstützung für Künstlerinnen und Künstler. Für Fixangestellte mag es leichter gewesen sein, weil sie ihre Gehälter bekommen. Aber für Freischaffende war und ist es vielfach eine Katastrophe. Hier in Österreich gab es einige Bemühungen, die Leute zumindest materiell aufzufangen. Ein Grundproblem ist die mangelnde Solidarität zwischen Künstlerinnen und Künstlern. Es gibt keine Gewerkschaft, die einen da effektiv vertritt. Man ist letztlich allein. In meinem Fall wurde etwa die Produktion der Lang-Oper zwei Jahre verschoben, ehe sie nun im Februar stattfinden wird. Andere Produktionen wurden ganz abgesagt, aber dann wurden immerhin oft alternative Projekte als Ersatz angeboten. Das war je nach Theater verschieden – manche waren fair, manche nicht. Ich habe mich bemüht, für mich in dieser Phase auch mehr den Bereich des Darstellerischen zu erarbeiten und als Schauspieler zu agieren. Beispielsweise wurde ich angefragt, im „Mutzenbacher“-Film von Ruth Beckermann mitzuwirken und einige Zitate improvisierend zu singen. Ich fand es ja auch interessant, dass durch die neuen Streaming-Angebote teils viele Leute zusätzlich erreicht werden konnten, die sonst wahrscheinlich nicht in ein Theater oder einen Konzertsaal gehen würden. Das ist schon sinnvoll. Aber das kann alles das Live-Erlebnis nicht ersetzen. Ein Künstler erzählt eine Geschichte, das entspricht einem menschlichen Bedürfnis. Und diese Geschichte gemeinsam mit dem Publikum zu erleben, ist das Wesentliche.

Vielen Dank für das Gespräch!

Christian Heindl

Links:
Steven Scheschareg
Steven Scheschareg (music austria Datenbank)
Stadttheater Klagenfurt: „Hiob“ von Bernhard Lang
Museum Moderner Kunst Kärnten: Liedermatinée