Bild Emre Sihan Kaleli
Bild (c) Emre Sihan Kaleli

„EIN KONTINUIERLICHER STROM UNTERSCHIEDLICHER UND KONTRASTIERENDER MUSIKALISCHER SZENEN.“ – EMRE SIHAN KALELI IM MICA-INTERVIEW

Der erfolgreiche Jung-Komponist EMRE SIHAN KALELI stammt ursprünglich aus der Türkei, seit einigen Jahren lebt er mit seiner Familie nun schon in Wien. Michael Franz Woels hat er von seinem überkontinentalen Ausbildungsweg, sich verändernden Kompositionsansätzen und magischen Richtungswechseln in seiner Musik erzählt. 

Du hast bis jetzt in vier verschiedenen Ländern gelebt und studiert. Was waren für Dich markante Unterschiede? 

Emre Sihan Kaleli: Ursprünglich komme ich aus der Türkei. Mein Bachelor-Studium habe ich in Usbekistan abgeschlossen. Danach habe ich vier Jahre in den Niederlanden studiert.

Da würde ich gerne nachhaken, wie kam es dazu, dass Du nach Usbekistan gegangen bist? 

Emre Sihan Kaleli: Aus praktischen beziehungsweise finanziellen Gründen. Ich wollte im Alter von 16 Jahren Komposition studieren. Aber in der Türkei wollte ich nicht länger bleiben. Und ein Studium in Europa war für mich damals aus ökonomischen Gründen unmöglich. Ein Lehrer meines Konservatoriums in Antalya hat mir empfohlen, in Usbekistan zu studieren, weil es günstig und dort eine „starke sowjetische Schule“ sei, um technische Grundkenntnisse der Musikkomposition zu erwerben.

Das Konservatorium war eigentlich sehr konservativ und die aktuellen Tendenzen in zeitgenössischer Musik waren für die Kompositionslehrer nicht so interessant. Allerdings gibt es dort ein Ensemble zeitgenössischer Musik, das Omnibus Ensemble mit jungen Musikerinnen und Musikern. Wir haben sehr viel zusammengearbeitet und ich hatte die Gelegenheit, meine Musik auf regulärer Basis zu hören. Das ist eine sehr wichtige Sache für junge Komponistinnen und Komponisten. Dieses Ensemble organisierte auch jährliche Meisterkurse und dort habe ich den Koordinator der Kompositionsabteilung am Konservatorium von Amsterdam kennengelernt. Ein weiterer war vom Königlichen Konservatorium in Den Haag. Beide wollten mich an ihren Konservatorien und ich habe auch beide Prüfungen bestanden. Aber meine Präferenz war dann Amsterdam. 

Wie war der Wechsel in die Niederlande für dich?  

Emre Sihan Kaleli: In Usbekistan hatte ich mich daran gewöhnt, einen bestimmten kompositorischen Ansatz zu verfolgen. In Amsterdam war plötzlich alles möglich. Ich habe plötzlich sehr viel Neues gesehen – alle Arten von verschiedenen Denkweisen. Außerdem war das Motto des Konservatoriums oder auch generell in den Niederlanden ja Toleranz und Diversität. Hier habe ich dann begonnen, mit unterschiedlichen kompositorischen Ansätzen zu experimentieren.

Und deine aktuelle Station ist nun Wien…   

Emre Sihan Kaleli: Ja, seit beinahe sechs Jahren bin ich hier. In dieser Stadt habe ich sehr gute Konditionen für meine Arbeit und auch für meine Familie gefunden. Meine bisherigen Erfahrungen waren einerseits natürlich sehr bereichernd, wenn man diese kulturell sehr unterschiedlichen Länder kennenlernt. Andererseits kann es aber auch verwirrend sein: Jedes Land, indem ich gelebt habe, hat eigene Gegebenheiten, eine eigene Kultur, eine eigene Mentalität und selbstverständlich eine eigene Musikszene. Als junger Komponist habe ich stets das Gefühl gehabt, dass ich mich anpassen soll. Integration ist ja eine komplexe Sache – es erfordert viel Zeit und Energie. Aber, wie gesagt, ich fühle mich hier wohl und auch unterstützt – ich möchte weiterhin in Wien leben und auch meine Karriere hier weiterverfolgen.

„ICH MAG ES, WENN DIE ZUHÖRERINNEN UND ZUHÖRER DIE RICHTUNG DER MUSIK NICHT VERFOLGEN KÖNNEN“

Intuition und Magie sind für dich wichtige Aspekte des Musikschaffens. Man sollte natürlich die Tricks nicht verraten, um die Magie nicht zu zerstören. Aber vielleicht magst du trotzdem etwas dazu erzählen?

Emre Sihan Kaleli: Ich meine Magie im folgenden Sinne: Um sich von einem Trick beeindrucken zu lassen, muss man nicht verstehen, wie er funktioniert. Ich strebe nach einem ähnlichen Effekt in meiner Musik – ich mag es, wenn die Zuhörerinnen und Zuhörer „die Richtung der Musik“ nicht verfolgen können; dass sie sich hingeben und sie nur erleben können, ohne zu rationalisieren. Das ist genau der intuitive Aspekt meines Ansatzes. Eine Komposition von mir ist oft wie ein kontinuierlicher Strom unterschiedlicher und kontrastierender musikalischer Szenen, und die Szenen ändern sich auch ziemlich oft und abrupt.

Ich habe einige Zeit bei Beat Furrer studiert. Er nimmt oft eine kleine Idee und konstruiert eine wirklich beeindruckende, große Architektur daraus. Das ist für mich faszinierend, allerdings kann ich das selbst nicht machen. Der Grund dafür ist, dass meine Interessen im Allgemeinen und im Besonderen an Musik sehr breit gefächert sind und sich auch oft ändern. Ich möchte in der Lage sein, ganz unterschiedliche Materialien in ein Stück einfließen zu lassen. Ich will aber keineswegs eine Art Pasticcio zusammenstellen, und genau das ist die Herausforderung hier: Völlig unterschiedliche Materialien müssen so ausgearbeitet werden, und ihre Beziehungen zueinander müssen so gut konstruiert sein, dass sie dennoch gemeinsam ein Gefühl der Einheit hervorrufen.
(Adjacent rooms, for Borges performed by Ensemble Reconsil by Emre Sihan Kaleli)

Du hast dann auch begonnen, szenisch zu arbeiten. Wie zum Beispiel bei dem Stück „Musica Pura – A Diptych for light, conductor, and ensemble in white“

Emre Sihan Kaleli: Im Video sieht man einen Ausschnitt aus dem multidisziplinären Projekt „A Sensorium“, das insgesamt zirka 45 Minuten dauert. Ich habe gemerkt, dass meine Musik, auch wenn ich für Ensembles schreibe, eine visuelle Dimension hat. Die ständigen und abrupten Veränderungen innerhalb der Stücke erzeugen einen theatralischen Effekt, als ob die „Szenen“ sich ständig verändern. Seit Usbekistan arbeite ich auch sehr intensiv und individuell mit Musikerinnen und Musikern zusammen. In Usbekistan eben mit dem Omnibus Ensemble; in den Niederlanden habe ich lange Zeit mit dem Nieuw Ensemble gearbeitet; auch in der Organisation.

Zwei Jahre habe ich auch mit einem anderen Ensemble gearbeitet, mit Modelo62. Ich konnte die einzelnen Musikerinnen und Musiker jeweils gut kennenlernen. Ich habe einfach viele Proben besucht und beobachtet, wie sie spielen, wie eine gewisse Musikerin oder ein gewisser Musiker sich bewegt, welche Mimik und Gestik zeigt sie oder er während des Spielens. So wurde die individuelle Physiognomie und die Physis zu einem wichtigen Aspekt für mich. Wenn ich Musik schreibe und mir Musik vorstelle, stelle ich das in Zusammenhang mit der visuellen Dimension von Musikerinnen und Musikern.

2014 habe ich ein Stück „No.11 for Two Trios, Live Electronics, and Light“ für das Nieuw Ensemble geschrieben. Die Harfenistin spielt mit unterschiedlichen Objekten auf den Saiten. Jedes Mal, wenn sie ein anderes Objekt holt, hat das eine starke visuelle Wirkung. Das wollte ich dann auch thematisieren. Wie sie die Objekte holt und mit welcher Geschwindigkeit; wie sie sich zuerst zu den Saiten und dann zurück zu den Objekten bewegt. So ist mir erstmals eingefallen, dass die physische Aktivität der Klangerzeugung allein ein sehr gutes Material für ein szenisches Werk sein kann.

Emre Sihan Kaleli – [No.11] for Two Trios, Live Electronics, and Light from Yoshiaki Onishi on Vimeo.

„MUSIKERINNEN UND MUSIKER SCHÄTZEN MEINE ZIELORIENTIERTHEIT.“

Nach ein paar Jahren hatte ich in den Niederlanden durch eine Subvention für das Ensemble Modelo62 die Möglichkeit ein großes Werk zu schaffen, bei der die physische Ebene der Klangerzeugung weiter thematisiert wird. Man sieht am Anfang die Gesten und Bewegungen der Musikerinnen und Musiker – sie führen die Bewegungen aus, die sie normalerweise ausführen würden, während sie Klänge auf einem Instrument erzeugen. Sie erzeugen jedoch gar keine Klänge. Das war zum Beispiel eine Möglichkeit für mich, auf diesen physischen Aspekt hinzuweisen und ohne den Klang ein musikalisches Ergebnis zu erzielen. Ich muss hinzufügen, dass die Szene unter Schwarzlicht gespielt wird – ein wichtiger Faktor, unter normalem Licht hätte es nicht diesen Effekt erzeugt.

An dem Projekt „A Sensorium“ habe ich von Anfang an mit den zwei anderen Künstlerinnen, der Dramaturgin Luz Lassizuk und der Künstlerin Yolanda Uriz Elizalde, zusammengearbeitet. Musik ist für mich auch eine Kommunikationsmöglichkeit. Ich bin zwar auch gerne alleine zu Hause, aber die Proben oder die Zusammenarbeit mit Musikerinnen und Musikern macht mir doch sehr viel Spaß und ich fühle mich dann sehr lebendig. Und die Musikerinnen und Musiker schätzen meine Zielorientiertheit.

Es gibt auch ganz kurze „Corona-Miniaturen“. Wie kam es dazu und was waren denn für dich in dieser Zeit des Lockdowns die größten Herausforderungen?

Emre Sihan Kaleli: Wir, meine Frau Aleksandra Bajde – sie ist Komponistin und Performerin – und ich, haben zwei kleine Kinder und wenn ich dann von anderen Kolleginnen und Kollegen auf Social Media gesehen habe, dass sie auf einmal so viel Zeit zur Verfügung hatten, konnte ich das nicht so nachempfinden. Natürlich ist die gemeinsame Zeit mit den Kindern sehr schön, sie sind drei Jahre und acht Monate alt. Aber meine Frau und ich mussten beide zu Hause arbeiten, denn die Abgabefristen sind ja geblieben. Für das Klangforum Wien habe ich einen Kompositionsauftrag und auch für das ensemble XX. jahrhundert.

Dann gab es diese Anfragen für das Ensemble Assonance aus Armenien: diese sympathische Idee, innerhalb von 24 Stunden eine Komposition zu schreiben. Ich habe eine Miniatur für Bratsche und Flöte geschrieben. Eine zweite Anfrage für Violine kam aus der Türkei von der kulturellen Einrichtung Gedik Sanat. Dort arbeitet ein sehr guter Violinist, der in Deutschland lebt. Sie hatten die Idee, 24 türkische Komponistinnen und Komponisten anzufragen, ein kurzes Stück unter einer Minute zu schreiben. An einem Tag während der Corona-Lockdown-Zeit hat er dann jede Stunde ein Stück in Form eines Kurzvideos präsentiert.

Du arbeitest gerade an drei Uraufführungen. Welche sind das, magst Du sie kurz beschreiben?

Emre Sihan Kaleli: Einmal für das ensemble XX. jahrhundert. Es feiert nächstes Jahr sein 50 Jahr Jubiläum. In diesem Ensemble arbeite ich auch in der Organisation. Unser Direktor Peter Burwik wollte ein Stück von mir aufführen, und ich bin für diese Möglichkeit dankbar. Dieses neue Stück für neun Musikerinnen und Musiker wird am 21. September 2020 im Architekturzentrum Wien uraufgeführt. Dort gibt es ein Podium und die Akustik in diesem kleinen Saal ist sehr gut – wir spielen unsere Konzerte regelmäßig dort. Im Februar 2021 gibt es eine Uraufführung vom Klangforum Wien im Rahmen des impuls Festivals. 2019 konnte ich bei sechs internationalen Wettbewerben Erfolge erzielen.

Und impuls, diese internationale Plattform für junge Komponistinnen und Komponisten, war dabei sehr wichtig für mich. Ein gutes Showcase für mich, sozusagen. Dann gibt es noch einen Kompositionsauftrag für ein Ensemble in der Schweiz. Das Quartett Makrokosmos aus Genf, mit der speziellen Instrumentierung von zwei Klavier- und Schlagzeugspieler*innen, wird mein Stück auch im Februar uraufführen. Und für das Ensemble airborne extended soll ich ebenfalls ein Stück schreiben. Das Aufführungsdatum steht allerdings noch nicht fest. Weiters plane ich für 2021 gerade ein Projekt mit dem Riot Ensemble aus England und hoffentlich werde ich ein großes szenisches Werk in Zusammenarbeit mit dem Black Page Orchestra realisieren können. Also bis Ende 2021 habe ich gerade genug Kompositionsaufträge.

„MAN WEISS JA NICHT, OB DIE ZUKUNFT STÄNDIG SO VIELE KOMPOSITIONSAUFTRÄGE BRINGEN WIRD.“

Durch deine Organisationsarbeiten bekommst du auch einen Blick hinter die Kulissen?

Emre Sihan Kaleli: Ja, das ist schon interessant für mich. Wie kann man Ideen implementieren? Finanzielle Ressourcen sind nie unbegrenzt und es ist sehr komplex. Meine Erfahrungen, die ich schon beim Nieuw Ensemble sammeln konnte, kann ich nun beim ensemble XX. jahrhundert anwenden. Auch die Recherche-Arbeiten finde ich spannend. Ich bin hier eigentlich sehr glücklich, kann mir aber auch vorstellen, in der Zukunft parallel zu meiner kompositorischen Tätigkeit in der Organisation einer kulturellen (Musik-)Einrichtung zu arbeiten. Man weiß ja auch nicht, ob die Zukunft ständig so viele Kompositionsaufträge bringen wird.

Du hast auch ein Duo mit deiner Frau Aleksandra Bajde. Welche Bedeutung hat dieses Projekt für dich?

Emre Sihan Kaleli: Es war sehr wichtig für mich, auch als Komponist. Ich habe mir bis dahin immer die Musik im Kopf vorgestellt und dann erst aufgeschrieben. Als ich begann, mit ihr zusammen zu arbeiten, habe ich ihren ganz anderen Ansatz als Improvisatorin und Jazzsängerin kennengelernt. Ihr Ansatz ist sehr praktisch nach dem Motto: „Improvisieren wir einfach ganz frei und schauen dabei, was wir finden.” Ich habe ihr anfangs gesagt: „Aber so geht das nicht! Du musst dir die Klänge zuerst erdenken und vorstellen und dann kann man das ausführen.“ Durch diese Clashes am Anfang habe ich dann begonnen, auch sehr viel zu experimentieren.

Ich habe mir eine billige Violine gekauft. Meine Arbeitsweise hat sich dadurch geändert: Ich improvisiere, nehme die Stellen, die mir gefallen auf und schreib die interessanten Improvisationsstellen danach auf. Ähnlich arbeite ich nun auf dem Klavier. Das Stück für das Klangforum Wien ist auch so entstanden. Sehr viel habe ich selbst auf den Instrumenten entdeckt. Meine älteren Stücke waren noch mehr harmonie- und melodieorientiert, weil ich das Material auf den Tasten des Klaviers gefunden habe. Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich durch die direkte Erforschung und das Experimentieren mit den Klangquellen auf dem Weg zu einer persönlicheren musikalischen Sprache bin.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Franz Woels

 

Link:
Emre Sihan Kaleli