Bild Thomas Desi
Thomas Desi (c) Bernhard Schramm

„EIN FILM HINTER EINEM DICKEN GLASAQUARIUM.“ – THOMAS CORNELIUS DESI IM MICA-INTERVIEW

Der Komponist und Regisseur THOMAS CORNELIUS DESI kann auf unzählige Produktionen im Bereich des neuen Musiktheaters zurückblicken. Der in Bludenz geborene, in Wien lebende Theatermacher, künstlerischer Leiter der 2014 gegründeten Musiktheatertage Wien, wurde 2018 für das Stück „Tarkovsky – Der 8. Film“ für den Fedora-Opera-Prize nominiert. Vor kurzem wurde die Verfilmung des Stückes „Die Verwechslung“ veröffentlicht, für die THOMAS CORNELIUS DESI die Musik komponierte. Christoph Benkeser und Michael Franz Woels trafen ihn zu einem – auch gedanklichen – Dérive, um über den heiligen Theaterraum, ikonisches Läuten analoger Telefonapparate und große Plüschsäle zu räsonieren.

Abgesehen von Videos über die Zubereitung des perfekten Milchschaums findet man auf deiner YouTube-Seite auch ein Video zum „Theater als heiligen Raum“. Ein Bekenntnis zur physischen Präsenz?

Thomas Desi: Die Transferierung von allem ins Internet ist keine Modeerscheinung, sondern ein Surrogat, eine Ersatzhandlung nach dem Motto: “Wenn alles vorbei ist, kommen wir wieder raus und es geht weiter wie davor”. Gleichzeitig trifft der Begriff des Fortschritts bei der Transferierung ins Internet nicht zu. Es ist kein Fortschritt, sondern ein Seitensprung in die Technologie. Die Virtualisierung ist keine neue künstlerische Entwicklung. Man kennt den Begriff des Cyberspace seit den 1980er Jahren. Bereits damals gab es Versuche, Cyber Operas zu produzieren. Theater und Musik im Internet laufen parallel.

Meinst du mit der Parallelität die Entwicklung des Internets und jene des Musiktheaters?

Thomas Desi: Genau. Das Kino hat ja auch nie das Theater abgelöst, obwohl das manche in den 1920ern behauptet haben. Wenn man heute über das Theater, das Konzert oder die physische Präsenz des Publikums spricht, kommt man schnell in einen esoterischen Bereich. Einer Gesellschaft, die alles messen und quantifizieren möchte, ist das aber suspekt. Dabei meine ich mit dem „Theater als heiligen Raum“ nicht, dass der Raum als solcher heilig ist. Ich spreche mich für die Anwesenheit des Publikums aus; für die warmen Körper. Durch die Anwesenheit passiert etwas unter den Zuseher*innen, bei den Schauspieler*innen, im Raum. Das Theater wird zu einem heiligen Raum, weil man hingeht, eine Erwartungshaltung hat und vor Ort etwas passiert, das außerhalb des Alltagsgeschehen stattfindet – das ist eine kultische Handlung.

„IM INTERNET WIRD DAS HIER UND JETZT AUFGEWEICHT.“

Das Internet verhindert diese kultische Handlung?

Thomas Desi: Im Internet wird das Hier und Jetzt aufgeweicht. Alles ist aufgezeichnet. Man bekommt dadurch einen anderen Bezug zur Ereigniszeit. Es fallen Momente weg: zum Beispiel der Ortswechsel verbunden mit körperlicher Bewegung. Man ist zu Hause in einem anderen Körpermodus, als wenn man diese Schwellen überschreitet und auf Menschen trifft. Außerdem weiß das Publikum vor Ort nicht, ob etwas zum ersten Mal passiert oder ob es lange vorbereitet wurde. Das Dabeisein ist ein Teil des Lebens. Wenn ich nicht mehr überprüfen kann, ob etwas aus der Konserve kommt, also nicht direkt an mich gerichtet ist, verschwindet die Spannung – als würde man vor einem leeren Saal spielen. Das sind alles Faktoren, die sich schwer quantifizieren lassen.

Was verändert in der Kunst die Verlagerung des Theaters ins Internet?

Thomas Desi: Nehmen wir unser Gespräch. Wir treffen uns zum Spaziergang im Freien und nicht im Kaffeehaus, weil wir dazu gezwungen sind. Vielleicht gefällt uns das so gut, dass wir das – auch wenn Kaffeehäuser wieder aufsperren – beibehalten.

Man ist zur Entwöhnung gezwungen und entwickelt neue Gewohnheiten, die später vielleicht nicht mehr mit früheren Bedingungen konform gehen. Gebrochene Gewohnheiten führen zu Veränderungen im Neuen.

Thomas Desi: Gewohnheiten für bestimmte Rezeptionsformen können sich verändern. Ich habe beim Betreten großer Konzerthäuser immer das Gefühl, dass sie in ihrer Dimension und für unsere Zeit inadäquat sind. Für das, was geboten wird, sind Opernhäuser wie Kirchen – sie sind zu groß. Das hat sich langsam entwickelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine Generation, die die zerbombten Opernhäuser aufgebaut hat, weil sie das Theater zurückhaben wollte. Inzwischen ist es leer. Die Frage ist: Wird man nach der Corona-Pandemie woanders hingehen wollen? Das ist eine Frage, die wir uns stellen werden müssen. Ich sehe zum Beispiel den Sinn riesiger Theaterarchitektur nicht mehr.

Man erhält sie als monumentales, begehbares Denkmal.

FAKTISCH IST ES ABER KEINE VERFILMUNG EINER OPER, SONDERN EINE FILMOPER.”

Aktuelle Entwicklungen haben aus der Inszenierung „Die Verwechslung“, dem letzten Teil des siebenteiligen Musiktheater-Festivals von sirene operntheater, eine Filmoper werden lassen.

Thomas Desi: Nachdem es sich nicht mehr vor Ort ausging (Anm. geplant waren Aufführungen im November 2020 im Veranstaltungsort F23) ist die Idee eines Films entstanden. Wir haben geprobt, geschneidert, gebaut und komponiert, um die Oper filmtechnisch umzusetzen. Faktisch ist es aber keine Verfilmung einer Oper, sondern eine Filmoper.

DIE VERWECHSLUNG from sirene on Vimeo.

Sieht man sich das Video an, muss man sich daran gewöhnen, dass manche Szenen, manche Mundbewegungen der Sänger*innen asynchron sind. Handlungsgeräusche kommen dafür manchmal in deiner Komposition vor.

Thomas Desi: Im Libretto steht zum Beispiel an mehreren Stellen „Telefonläuten“. Ich wollte dafür ursprünglich ein echtes Telefon verwenden, weil ich mit den Geräuschen vom Schlagzeug nicht zufrieden war. Ein Telefonläuten hat etwas Ikonisches, vor allem die alten Telefone mit einer echten Klingel.

Mich hat das Läuten des Telefons in diesem Kontext an die Szene in Tarkowskis „Stalker“ erinnert.

Thomas Desi: Genau, in Tarkowskis Film läutet es einfach so, das ist wunderbar. Mit „Die Verwechslung“ hat es aber nichts zu tun, weil das Libretto von Helga Utz stammt. Trotzdem erkenne ich mich darin wieder, ich habe ein Faible für Telefonläuten. Da schwingt etwas Geheimnisvolles mit, weil man nicht weiß, wer anruft.

Dieses Läuten hat auch etwas Alarmierendes.

Thomas Desi: Es ist auch eine Alarmglocke.

„ES IST EIN STUMMFILM, EIN FILM HINTER EINEM DICKEN GLASAQUARIUM.“

Im Kontext des Films bringt das Telefon außerdem eine gewisse Tragik mit sich. Wenn es läutet, passiert nichts Gutes.

Thomas Desi: Ich habe unlängst einem Aufsatz von Dieter Mersch über John Cage gelesen. Stille, die es nicht gibt, war bekanntlich ein großes Thema für Cage. Künstlich gemachte Sounds und Klänge standen neben zufälligen Sounds. Bekannte Stücke wie „4’33“ waren der Versuch, eine Aufhebung von Hierarchien zu propagieren. Im Film von „Die Verwechslung“ sind die Geräusche auch weg, aber nicht wegen eines philosophischen Konzeptes. Es ist ein Stummfilm, ein Film hinter einem dicken Glasaquarium. Man wird mit Sound und Gesang versorgt, der eigentlich nicht real sein kann.

Das erinnert an den Begriff der Schizophonie, den Murray Schafer für elektroakustisch reproduzierte Klänge verwendet hat, die vom ursprünglichen Kontext getrennt wiedergegeben werden. Ein Musiktheaterfilm und ein Musiktheater für Menschen vor Ort sind konzeptionell unterschiedliche Herangehensweisen.

Thomas Desi: Helga Utz hat in ihrem Libretto am Ende der Szenen immer „Bläck“ geschrieben. Sie hat das auf einen Filmschnitt bezogen. Im Theater kommt es immer wieder vor, dass man so etwas will. Aus mehreren Gründen funktioniert das aber nicht. Das Ausblenden des Lichtes im Theater führt zu einer Gewöhnung der Augen an die Dunkelheit. Im Saal strahlt auch Notlicht. Es ist also nie wirklich dunkel im Raum. Die Vorstellung des Filmrisses gibt es im Theater nicht, weil eine Aufführung ein Kontinuum ist. Ein Film ist dagegen eine Montage, auch wenn manche Regisseure wie Tarkowski davon geträumt haben, einen endlosen Film zu drehen. Trotzdem gibt es Versuche, den Film zurück ins Theater zu bringen. Deshalb habe ich mir überlegt, wie sich das in der Musik widerspiegeln könnte. Schließlich enden die Szenen ja sehr abrupt.

Als harter Schnitt.

Thomas Desi: Ja. Das Problem ist, dass es etwas anderes ist, ob man einen Ton am Mischpult abschneidet oder man in einer Halle mit neun Sekunden Nachhall aufhört zu spielen. Das führt zurück zur Frage der Raumerfahrung. Der Raum spielt mit. In einem „Kastl“, egal ob mit 8K oder am Handydisplay, gibt es keinen Raum.

Der Bildschirm ist ein zwischengeschaltetes Medium mit einer Zweidimensionalität, die man nicht umgehen kann.

Thomas Desi: Ich zitiere den erwähnten Dieter Mersch erneut: Der Computerbildschirm ist kein eigentliches Medium, weil ein Medium ein Teil des Inhalts, der Aussage, der Form und des Materials ist. Ein Bildschirm soll möglichst nicht sichtbar sein. Ein Bildschirm fügt, egal ob bei einer Zoom-Konferenz oder Oper, nichts hinzu, sondern entfernt etwas.

Man sollte das nicht unter dem Blickwinkel des Ersetzens sehen, sondern eher als Ergänzung oder Surrogat, wie du erwähnt hast.

Thomas Desi: Das sirene Operntheater möchten den Film „Die Verwechslung“ gerne auf einer großen Leinwand spielen. Man strebt quasi die Qualität einer Live-Aufführung an.

Das führt uns zur Vertonung eines Stummfilmes …

Thomas Desi: Der Film „La voix Humaine“ von Francis Poulenc ist auch ein Opernfilm, aber wie gemacht dafür. Das Telefon ist hier auch wichtig, die Protagonistin hängt sich später mit der Strippe auf. Das Telefon ist ein altes Holzteil und wird von einem Xylophon gespielt. Recht anachronistisch.

Es gibt auch die Umkehrung, die Adaption der Oper für den Film, die Filmopern.

Thomas Desi: Ja, es gibt Filme, die durchwegs gesungen sind. Michel Legrand komponierte zum Beispiel dafür. Die Filmoper tut wie ein Hollywood-Musical, ist es aber nicht. Aber „Die Verwechslung“ war ursprünglich nicht als Film-Musiktheater vorgesehen.

Am Schluss des Filmes „Die Verwechslung“ wechselt die Einstellung von der Handlung in den Saal. Man sieht die Musiker*innen, Sänger*innen und den Dirigenten.

Thomas Desi: Die Regisseurin Kristine Tornquist hat das entschieden. Das Stück endet durch die Flucht in den Westen, die durch einen Zufall passiert. Im Libretto steht, dass in einem phantastischen Moment die Türen aufgehen und ein riesiger Sternenhimmel sichtbar werden solle. Im Film gibt es aber keinen Sternenhimmel, sondern das Bild des Orchesters.

„BEIM UMSCHWUNG INS VIRTUELLE VERÄNDERT SICH UNSERE WAHRNEHMUNG.“

Trotzdem steht deine Musik im Film nicht so stark im Vordergrund wie sie bei der Aufführung vor Ort gestanden wäre. Der Film weist ihr eine Rolle zu – jene der Stimmungsmacherin.

Thomas Desi: Das ist der Eindruck, den ich über die bisherigen Kritiken bekommen habe. Der Film wird als Film und die Musik als Filmmusik wahrgenommen. Beim Umschwung ins Virtuelle verändert sich unsere Wahrnehmung. Man kann nicht mehr von Realität sprechen. Man sieht anders, man hört anders. Musik soll Emotionen wecken, aber gleichzeitig „unhörbar bleiben“.

Wie hat das deine Herangehensweise an die Komposition verändert? Wie hat sich das Thema der DDR auf deine Recherche ausgewirkt? 

Thomas Desi: Wenn du „Sound of DDR“ bei YouTube eingibst, entdeckst du schreckliche Schlager. Und es gibt Leute, die das auch noch nachsingen.

Ja, das ist bei Sammler*innen begehrt. Punk existierte ja auch, obwohl es den faktisch nicht hätte geben dürfen.

Thomas Desi: Man merkt schon, dass sie versuchten, einen Anschluss an den Westen zu finden. Mit Marsch und Volkslied haben sie aber auf die falschen Karten gesetzt. Mir fällt da immer Hanns Eisler ein – er versuchte, die Ideale des Kommunismus mit Musik zu unterstützen. Letztlich ging er damit baden. Schließlich lässt sich Musik nicht auf ein, zwei allgemeingültige Modelle vereinfachen … wo wir darüber sprechen: Ich hätte auch die ehemalige DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“ von Hanns Eisler zitieren können. Eine Hanns Eisler Variation einer Hymne eines Landes, dass es in der ursprünglichen Form nicht mehr gibt …

Nun, wie hat die DDR in den 1980er Jahren geklungen? Mir fiel dabei ein, dass die Systemkritiker in der protestantischen Kirche vernetzt waren. Außerdem habe ich die Thomaskirche in Leipzig besucht. Mir wurde klar, dass es etwas mit Bach zu tun haben muss. Als ich mir die Handlung von „Die Verwechslung“ angesehen habe, fiel mir auf, dass es eine Version des Passions-Spiels ist – der rebellierende Junge wird gefoltert, ist am Schluss zwar nicht Gottes Sohn, der in den Himmel aufsteigt, aber er darf in den Westen reisen. Diese Parallele hat zu meiner Betonung des Protestantismus für die DDR, mit der Johannes-Passion von Bach als untergründige Musik geführt.

Welche Aspekte interessieren dich nach über fünfzig Musiktheater-Eigenproduktionen, die du mittlerweile als Erfahrungsschatz aufweisen kannst?

Thomas Desi: Es ist eine Hate-Love-Relationship zum Theater als Raum und Bauwerk. Und dem Theater draußen, im Sinne des „Unsichtbaren Theaters“ eines Augusto Boal, als anderem Pol der Wirksamkeit von Theater. Schließlich könnte man auch in Zeiten der Pandemie Theater spielen, im Freien verteilt. Außerdem habe ich Pläne, eine mobile Fahrrad-Oper aufzuführen. Der Plüschsaal ist jedenfalls überholt. Von 2009 bis 2013 und auch davor habe ich Theater ohne Sitzplätze veranstaltet. Das interessierte vielleicht die Hälfte der Leute, aber Projekte, bei denen sich das Publikum im „heiligen Raum“ des Theaters befindet, sind wichtig. Wenn man ihn hinausträgt, wird die ganze Welt ein heiliger Raum werden.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Christoph Benkeser und Michael Franz Woels

 

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