Bild Dritte Hand
Dritte Hand (c) Severin Dostal

„Ein bisschen Tom Waits und ein bisschen Nirvana“ – DRITTE HAND im mica-Interview

„Kuchlsitzn“ (Dritte Hand Records) heißt das neue Album der Band DRITTE HAND, das Anfang März im Wiener CHELSEA präsentiert worden ist. Jürgen Plank sprach mit BERNHARD SCHEIBLAUER, ADELE KNALL, DAVID BERGSTÖTTER und MARIO SCHLAGER über die lustigsten Tour-Erlebnisse in Deutschland, die Bedeutung der Küche – und über ein mythisches, nicht durchgeführtes und ein spontan angesetztes Konzert in Oberösterreich.

Wie ist der Bandname Dritte Hand entstanden, es gibt ja auch das dritte Auge und den dritten Mann? 

Bernhard Scheiblauer: Also, das hat so begonnen, dass Mario und unsere damalige Bassistin Kati auf einer Rolltreppe in Paris gestanden sind. So voll gepackt, dass Kati gesagt hat: „Jetzt würde ich eine dritte Hand brauchen!“ Außerdem passt der Name gut als Steigerung von „zweite Hand“, das ist ja alles, was gebraucht und ein bisschen ranzig ist. Die Steigerung dazu ist „dritte Hand“, das ist einfach noch ranziger, das finde ich schön.

Eure aktuelle CD ist auf eurem Label „Dritte Hand Records“ erschienen. Warum habt ihr ein eigenes Label gegründet?

Adele Knall: Wir haben uns bei verschiedenen Labels umgehört und sind darauf gekommen, dass die meisten Deals fragwürdig sind. Die meisten Deals sind so, dass für die Bands am Ende wenig heraus kommt, weil sie mit Managementdeals und Ähnlichem verbunden sind. Wir haben uns deshalb dafür entschieden, alles selbst in die Hand zu nehmen und dafür auch alle Kosten und Risiken zu tragen. 

Wie war es, zusätzlich zu den Bandaufgaben auch die Labelaufgaben zu übernehmen?

Bernhard Scheiblauer: Diese Aufgaben fallen natürlich schon zusätzlich an, wobei ich die technischen Labelaufgaben für nicht so schwierig und aufwendig halte wie die umfassenden Labelaufgaben. Ein Label bringt normalerweise Kontakte für Bewerbungen und weitere Deals für Konzerte und weitere Zusammenarbeiten mit sich. Jetzt müssen wir uns um alles kümmern und alles selbst bewerben.

David Bergstötter: Dadurch können sich auch Synergien mit anderen Bands ergeben. Das Album haben wir bzw. haben Mario und Bernhard größtenteils selbst vorbereitet. Die Frage war dann, ob wir ein Label finden, das passt und einen guten Deal anbietet oder ob wir unseren eigenen Weg fortsetzen.

Adele Knall: Weil wir ohnehin alles selbst organisieren, war es ein kleiner Schritt hin zur Labelgründung. Organisatorische Aufgaben darf man aber nicht unterschätzen, unsere Gespräche drehen sich hauptsächlich um organisatorische Dinge.

Bernhard, du spielst auch in anderen Bands. Was darfst du denn bei Dritte Hand, was du in anderen Bands nicht darfst?

Bernhard Scheiblauer: Viel arbeiten! Und auch gestalten. Nachdem ich seit 2015 dabei bin, mache ich mir auch strategische, künstlerische und finanzielle Gedanken zur Band. Ich bin einfach stärker involviert als bei anderen Projekten, das ist aber gut so. Musikalisch macht das Songwriting hauptsächlich Mario, er kommt mit dem Text und den Akkorden und wir ergänzen dann. Das ist in anderen Projekten ähnlich. Über das Endprodukt entscheiden wir dann gemeinsam.

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Dritte Hand (c) Julian Van Urban

„Es ist selten so, dass ich eine Geschichte erzählen will, die ich im Kopf habe.“

Wie entstehen denn diese poetischen Liedtexte?

Mario Schlager: Vieles passiert unreflektiert beim Texten, die Texte hinterfrage ich nach dem Schreiben aber und schreibe sie noch um. Es ist selten so, dass ich eine Geschichte erzählen will, die ich im Kopf habe. Eher so, dass mir einzelne Sätze einfallen, um die herum ich Bilder baue. Es geht viel um die Bilder, die erzählt werden.

Ein Bild kommt mehrfach vor, denn die CD heißt „Kuchlsitzn“ und ein Lied trägt den Titel „Kuchl“. Was hat es mit der Küche auf sich?

Mario Schlager: Das hat damit zu tun, dass in meiner Küche extrem viel passiert. Das ist ein bisschen die Zentrale in meiner Wohnung. Das ist ein unverfänglicher Ort zum Musikhören und Biertrinken. Das Lied „Kuchl“ beschreibt das recht schön, es gibt natürlich auch einsame Momente in der Küche und es gibt die Party-Küche, etwa in einer Wohngemeinschaft kommen alle in der Küche zusammen. Die Küche kann aber auch ein einsamer Ort sein. Im Lied heißt es dann: „Du fehlst mir und ich fehle mir, nur die Küche ist da und leer.“ Man erinnert sich also daran, dass man eine gute Zeit in der Küche gehabt hat, die jetzt weg ist.

Adele Knall: Jede Party landet irgendwann in der Küche. Die Küche ist einfach der Ort, an dem man alles hat, was man braucht. Da gibt es die Erdäpfel, die man kochen und in einem Buttersee verschwinden lassen kann. Und es gibt den Kühlschrank mit Wein und Bier.

Wie geht es weiter, nachdem Mario ein Lied mit zur Probe gebracht hat?

David Bergstötter: Oft vermischt sich der konkrete Song dann mit Jams oder wir lassen die Riffs des Liedes in Jams einfließen. Es passiert aber auch konkrete Arbeit am Lied, wir machen uns an einen Song und überlegen uns, was man da machen oder variieren könnte. Mario gibt dann immer gutes Feedback und mir fällt es recht leicht, dem zu folgen. Das ist anregend, auch wenn es die Aussage ist: „Bitte spiele leiser.“ Das hört man als Schlagzeuger nicht so gerne. Aber das passiert auf konstruktive Weise und führt zu einem Ergebnis, das sonst nicht da gewesen wäre.

Leise zu spielen ist gerade für einen Schlagzeuger mit das Schwierigste. Ist das eine Herausforderung, die du annimmst?

David Bergstötter: Ja, genau. Ich würde sagen, dass ich in diese Richtung durch die Band viel gelernt habe. Leise zu spielen. Als ich eingestiegen bin, haben wir auch Gigs in Kaffeehäusern gespielt, in sehr kleinem Rahmen, oft nur mit einem Mischpult und zwei Boxen. Da ist das Schlagzeug dann der bestimmende Faktor für den gesamten Sound. Da ging es dann oft darum, leise zu spielen, und das war extrem lehrreich.

Gab es besondere Herausforderungen bei der Erarbeitung eures neuen Albums?

Adele Knall: Wir haben uns bemüht, dass alle vier Stimmen gleich viel Platz haben. Das ergibt natürlich Kompromisse, bei denen es aber nie so sein sollte, dass das Ergebnis einem von uns überhaupt nicht gefällt. Wir stimmen da also nie drei zu eins ab oder so. Es braucht natürlich von allen viel Zeit und Geduld. Aber wir versuchen schon, immer auf einen guten Nenner zu kommen, indem wir Dinge besprechen und ausdiskutieren.

„Bei uns ist das eher ein Freak-Zirkus, nicht der mit den Ponys und Elefanten“

Musikalisch habe ich bei eurem Album Faszinationen für Zirkus und für Punkrock herausgehört. Was sagt ihr dazu?

Adele Knall: Ich glaube, alle haben beide Faszinationen.

Mario Schlager: In Bezug auf Zirkus habe ich eher Angst. Bei uns ist das eher ein Freak-Zirkus, nicht der mit den Ponys und Elefanten.

David Bergstötter: Ein bisschen Tom Waits und ein bisschen Nirvana.

Bernhard Scheiblauer: Das sind schon Elemente, die enthalten sind, aber ich hätte unsere Musik noch nicht so zusammengefasst. Unsere Lieder haben viel Psychedelisches, sowohl textlich als auch in Richtung Soundästhetik. Wir haben mal zum Spaß das Genre „Donaurock und Stoner-Walzer“ genannt. Das finde ich nett, weil es ein bisschen nichtssagend ist, aber uns haben trotzdem Leute rückgemeldet, dass sie das als passendes Genre empfinden.

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Dritte Hand (c) Julian Van Urban

Ihr habt unmittelbar vor Beginn der Corona-Krise, also Anfang März, eine Album-Release-Show im Chelsea gespielt. Wie war dieser Abend und wie seid ihr durch die aktuelle Krise betroffen?

Mario Schlager: Im Chelsea war es extrem geil. Für einen Dienstagabend war es gesteckt voll. Wir haben noch gar nicht Zeit gehabt, den Abend zu reflektieren und zu feiern, aber es war ziemlich gut.

Adele Knall: Es wurden bereits Shows abgesagt, am 11. März haben wir noch in Innsbruck gespielt und am 12. März hätten wir eigentlich in Wels gespielt. Aber da gab es ein paar Komplikationen, deshalb sind wir nach Linz weitergefahren.

Was war los in Wels, warum konntet ihr dort nicht spielen?

Adele Knall: Da waren Bühnen-Viecher, die nicht am Sheet gestanden sind und sich da hineinmanövriert haben. Die haben es leider unmöglich gemacht, dort zu spielen.

Wenn ihr das nicht genauer erzählen wollt, frage ich nach dem schlimmsten Tour-Erlebnis.

Adele Knall: Da würde ich eher Berlin erwähnen. Abenteuerlich war das Hostel in Berlin. Mit Unterkünften ist das nicht immer so einfach, wenn man alles selbst organisiert, weil Unterkünfte oft zu teuer sind. Wir schauen darauf, dass wir wenigstens nicht mit einem Minus aussteigen. Im ganzen Hostel gab es eine Pfanne und einen Topf und in der Pfanne hat sich altes Fett angesammelt und es gab keine Kochutensilien. Ich habe dann mit einem Plastiklöffel eine Eierspeise gemacht, es haben aber alle herzhaft gegessen. Das war ein großer Liebesbeweis!

Bernhard Scheiblauer: Ich möchte noch ergänzen, dass Linz ein toller Abend war, denn wir sind ins CulturCafé Smaragd gekommen und haben gesagt: „Wir wären jetzt da und möchten gerne spielen.“ Der Besitzer hat noch jemanden für die Technik aufgetrieben und für den Abend war eine Jamsession angesetzt und es waren wirklich an Musik interessierte Leute da.

Habt ihr überlegt, als Ersatz für ausgefallene Konzerte online etwas zu machen?

Adele Knall: Wir als Band nicht. Ich mache aber eine Veranstaltungsreihe, die heißt „Kaffee Adele“. Da spiele ich mit verschiedenen Leuten und lade auch andere Bands ein, das passiert auf der Plattform Echoräume. Für uns ist es technisch relativ kompliziert, online zu spielen. Wenn man auf Streaming umsteigt, fände ich es gut, wenn man mit diesem Medium des Streams umgeht und nicht einfach versucht, auf diese Weise etwas auszugleichen. Dritte Hand ist einfach ein Live-Erlebnis, das kann man nicht in einen virtuellen Raum verlagern.

Bernhard Scheiblauer: Wir hatten spannende Konzert in Aussicht, bei einem Festival in der Cselley Mühle in Oslip oder im Theater am Spittelberg. Ich wünsche mir, dass wir einfach wieder Konzerte spielen können. Die Veranstalterinnen und Veranstalter bemühen sich insgesamt sehr, wenn es möglich ist, wird versucht, Termine zu verschieben.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Jürgen Plank

 

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