„Ein bisschen Blues, ein bisschen James Bond …“ – KLAUS WALDECK im mica-Interview

Schon zehn Jahre ist es her, dass KLAUS WALDECK sein internationales Erfolgsalbum  „Ballroom Stories“ veröffentlichte. Nun präsentiert er uns zum Jubiläum sein neuestes Werk „Atlantic Ballroom“ (DOPE NOIR), welches gekonnt zeigt, wie man swingende und elektronische Sounds verbindet und dabei starke Atmosphären schafft. Der Albumrelease bzw. die Premierenshows am 14. und 15. Oktober 2018 im Wiener RABENHOFTHEATER nahm Alexander Kochmann zum Anlass, um mit dem Künstler ein bisschen über seine Arbeit, sein Leben und die Entwicklungen am Musikmarkt zu plaudern.

Mit „Atlantic Ballroom“ feiern Sie das zehnjährige Jubiläum Ihres sehr erfolgreichen Albums „Ballroom Stories“. Was hat sich seither in der Szene des Electroswing verändert?

Klaus Waldeck: Dazu muss man sagen, dass ich mich selbst – so wie wahrscheinlich viele – gar nicht so als Teil einer Szene gesehen habe. Die Aufnahmen, die ich für „Ballroom Stories“ verwendet habe bzw. die dort Eingang gefunden haben, gehen eigentlich bis auf das Jahr 2003 zurück. Natürlich dachte ich mir damals schon, dass das etwas Besonderes ist, war dann aber trotzdem überrascht, da plötzlich in was hineingefahren zu sein, was dann so explodiert ist. Erst vor Kurzem habe ich im Zuge von Recherchearbeiten gesehen, dass auf Wikipedia mein Name als einer der Wegbereiter für den Electroswing auftaucht. Das fand ich schon interessant,  weil ich nie etwas mit dem Begriff zu tun hatte und mir auch bestimmte Teile des Electroswing zu einfach gestrickt sind. Meistens gibt es so einen durchgehenden „House-Beat“, während die richtigen Swing-Nummern ja eigentlich ein anderes Tempo haben. Es ist halt ein bisschen für den Massengeschmack getrimmt.

Da gibt es auch ein Linzer Protagonisten, der extrem erfolgreich ist.  Der hat das eben mehr in diese Richtung betrieben, während ich das ein bisschen anders gesehen habe. Aber das ist ja legitim.

Die Szene hat sich insofern verändert, als dass sie sich todgeswingt hat. Wie alles, was extrem ausgereift und gehypt wird, verglüht das dann irgendwann einmal. Daneben gibt es ja aber auch die etwas puristischere Swing-Bewegung mit Lindy Hop etc. Ich glaube, dass es hier nach wie vor eine treue Fangemeinde gibt, die auch weniger schnell verschwinden wird.

In Bezug auf Electroswing … Vielleicht findet sich ja auch ein neuer Begriff. Selbst habe ich mir überlegt, mit dem Begriff „Electro Blues“ zu arbeiten, aber das war mir dann ehrlich gestanden auch zu blöd. Wie man unschwer erkennen kann, ist es mir bei „Atlantic Ballroom“ darum gegangen, eine Referenz zu „Ballroom Stories“ zu schaffen, aber mich gleichzeitig genügend abzugrenzen, damit nicht gesagt wird, dass sei das gleiche Zeug noch mal – nur in einer anderen Verpackung. Ich glaube, das ist auch ganz gut gelungen, weil die Nummern bis auf ein, zwei Ausnahmen stilistisch relativ wenig mit „Ballroom Stories“ zu tun haben. Ein bisschen Blues, ein bisschen James Bond …  Schon beim letzten Album, „Gran Paradiso“, habe ich ja ein bisschen mit den Publikumserwartungen zu kämpfen gehabt. Man stellt es sich auf der einen Seite schön vor, wenn ein Album gut ankommt. Und es hat sich nach zehn Jahren sogar besser verkauft als im Jahr der Veröffentlichung. Das ist natürlich eine erfreuliche Entwicklung. Aber es weckt dann auch Erwartungshaltungen von Fans, die sich immer wieder melden und sagen: Mach doch noch mal so etwas Geniales!“ Irgendwie schreckt man davor zurück. Beim letzten Album hab ich mir gedacht, dass ich die Notbremse ziehen sollte, und bin in eine komplett andere Richtung gegangen. Auch um überhaupt diese Erwartungshaltung zu brechen. Meiner Vorstellung nach hätte das dann so funktioniert, dass die Fans sagen: Okay, jetzt macht der Waldeck nicht dies, sondern jenes und jetzt folgen wir ihm dorthin.“ Aber das hat nicht so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt habe, weil die Leute dann doch zu stark auf das hoffen bzw. pochen, was sie eben schon kennen. Auch die Musikvertriebsmethoden, heute geht ja fast alles nur mehr übers Streaming, verstärken diesen Umstand noch in einem Ausmaß, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Diese festgefahrenen Muster werden ja durch Algorithmen fast einzementiert. Das heißt, sobald du etwas veröffentlichst, was nicht dem Muster entspricht, wird es vom Algorithmus eigentlich wieder ausgeschieden. Ein bisschen hart ausgedrückt, aber meiner Meinung nach stimmt das in seiner Essenz so.

Inwiefern haben sich Ihr Leben und Ihre Arbeit seit „Ballroom Stories“ verändert?

Klaus Waldeck: Sie meinen, jetzt kommt der S-Klasse-Mercedes [lacht]?

Na ja, ich habe drei Kinder. Natürlich verändert sich der Zugang zum Musikmachen eigentlich schon in einem früheren Moment. Nämlich in dem, wo man sagt: Von jetzt an ist es nicht nur ein schönes Hobby, sondern von jetzt an bestreite ich meinen Lebensunterhalt damit.“ Damit beginnt irgendwie ein Prozess der Professionalisierung. Aber man muss halt sehr aufpassen, dass die ursprüngliche Euphorie und Freude nicht unter die Räder kommen. Da sollte man sich sehr oft an der Nase nehmen und sich darüber Gedanken machen, warum man seinen Brotberuf, ich bin ja Jurist, an den Nagel gehängt hat. Und es gelingt natürlich auch nicht immer, dass man jeden Tag mit Spaß und Freude ins Studio bzw. ins Büro geht. Ich mach das noch dazu als One-Man-Show. Ich betreibe ja auch ein eigenes Label und einen eigenen Musikverlag. Über diese Entscheidung bin ich eigentlich sehr froh. Die ist 2001 gefallen, als ich mich damals vom Major-Signing verabschiedet habe und beschlossen haben, meine Wege eher selbstständig zu gehen. Bei dem erwähnten Linzer Kollegen war es umgekehrt.  Mir ist es halt einfach wichtig zu sagen, dass ich nur mir selbst gegenüber Verantwortung trage. Ich kann den Laden jeder Zeit zusperren, ohne dass dann jemand mit rechtlichen Ansprüchen kommt.

Wir haben jetzt eigentlich fast eine Situation, wie sie vor dem Boom der Independent Labels bestanden hat. 65, 70 Prozent des Marktes werden von Spotify kontrolliert, was ja in allen anderen Geschäftsfeldern massive Interventionen von politischer Seite zu Folge hätte. Das ist de facto eine Monopolstellung. Da gab es in den letzten Jahren auch wieder eine Konzentration der Major Labels, welche auch das Geschehen von Spotify kontrollieren, indem sie sich einkaufen. Das heißt, als kleines Label steht man dem wie einer Firewall gegenüber. Außer man schaut sich genau an, wie diese Algorithmen funktionieren, sonst hat man relativ wenig Einfluss.

Das ist natürlich sehr unbefriedigend , vor allem weil diese Algorithmen eher bestehende Trends verstärken. Sobald man etwas veröffentlicht, was außerhalb der Erwartungshaltung liegt, kommt es halt nicht so gut an. Man kann das extrem schwer aufbrechen.

„Dieses Sich-Entgegenstellen ist fast nicht mehr möglich.“

Sie sehen also die Entwicklungen durch Spotify etc.  eher kritisch?

Klaus Waldeck: Natürlich kann ich sagen, dass es ein Vorteil ist, wenn ich meine Musik überall hören kann. In der Dusche, am Klo etc. Aber nachdem das alles auf Handys und Smartphones stattfindet, konkurriert die Musik dann eigentlich mit anderen, wie soll ich sagen, Sucht auslösenden Applikationen. Mit irgendwelchen Videospielen… Es ist halt sehr beliebig geworden. Ein weiterer Effekt, der mir auch erst vor kurzer Zeit bewusst geworden ist, ist das Bild, welches man oft von einer Künstlerin bzw. einem Künstler hat. Das ist ja jenes, dass diese bzw. dieser gegen Trends arbeitet und sich irgendetwas entgegenstellt. Dieses Sich-Entgegenstellen ist fast nicht mehr möglich. Das wiederum bedingt, dass man in dem, was man irgendwann einmal kreiert hat, einfach weiterschwimmt. Das ist für mich eigentlich das Gegenteil von dem, was eine Künstlerin bzw. einen Künstler ausmachen sollte, und es geht sogar noch so weit, dass man scheinbar nicht nur an die eigenen Algorithmen von Spotify gekettet ist, sondern die auch noch schauen, wie aktiv diese Künstlerin bzw. dieser Künstler in anderen sozialen Medien ist. Und das wird dann quasi belohnt. Es passiert sozusagen das Gegenteil von Freiheit.

Ihr aktuelles Album wirkt sehr organisch und im positiven Sinn auch homogen. Die elektronischen Elemente sind diesmal auch eher dezent ausgefallen. Wie läuft bei Ihnen der Songwriting-Prozess ab? Komponieren Sie die einzelnen Parts für die Musiker oder geben Sie ihnen eher eine Vorstellung von dem, wie es klingen soll?

Klaus Waldeck: Da hat sich im Vergleich zu früher etwas geändert. Früher habe ich herumprobiert.

Ich habe mit irgendeinem Beat begonnen, dann geschaut, welche Bassline dazu passen könnte, dann habe ich mir vielleicht mal eine Sängerin ins Studio geholt und dann kamen noch irgendwelche Harmonien dazu. Jetzt hat es sich vielleicht ein bisschen in die Richtung verändert, als dass ich konkrete Vorstellungen habe, in welcher Soundästhetik ich jetzt diesen oder jenen Song machen möchte. Das hat schon mit „Ballroom Stories“ oder eigentlich schon mit saint privat begonnen. Da habe ich mich sehr stark von Stücken aus den 60er-Jahren inspirieren lassen und gezielt versucht, in diese Richtung zu komponieren bzw. zu arrangieren. Da wurde teilweise etwas gemeinsam mit den Musikern erarbeitet und teilweise habe ich mir dann eher Bruchstücke geholt, die ich noch weiterverarbeitet, und, salopp gesprochen, durch den elektronischen Fleischwolf gedreht habe. Vielleicht ist der elektronische Fleischwolf jetzt schon ein bisschen abgeschwächt und es überwiegt mehr die konzeptionelle Arbeit. Wobei es bei dem aktuellen Album für mich persönlich extrem schwierig war.  Deshalb freut es mich, wenn Zuschreibungen wie „homogen“ fallen. Denn für mich war es überhaupt nicht homogen und ich hab durch das Tracklisting wirklich versucht, eine Homogenität zu erreichen, die ich so bei den einzelnen  Stücken gar nicht gesehen habe. Wobei man natürlich dazu sagen muss, dass man als Künstlerin bzw. Künstler immer sehr viel kritischer ist. Aber was mich ein bisschen beunruhigt hat, war, dass ich bei „Ballroom Stories“ eigentlich schon eineinhalb Jahre vor Veröffentlichung wusste, wie das Tracklisting sein wird.  Bei „Gran Paradiso“ habe ich sogar noch nach der Veröffentlichung das Tracklisting geändert, weil ich dachte: „Um Gottes Willen, ich hab es falsch gemacht, ich hab versagt.“ Fast so wie der Eduard van der Nüll, der die Oper gebaut und sich dann umgebracht hat, weil er vergessen hat, einen Stiegenaufgang zu bauen. Da steigert man sich natürlich ein bisschen rein. Bei „Atlantic Ballroom“ ist dann der Termin fürs endgültige Tracklisting immer näher gerückt und da war ich dann natürlich auch dementsprechend nervös. Ich habe mich zurückgezogen, um mich nur mit dem Tracklisting zu beschäftigen.

Da gibt es auch eine lustige Anekdote. Selbst mein ältester Sohn Emil hat mir dann im Urlaub geholfen. Er hat sich den Computer genommen und gesagt: Papa, das machen wir schon. Jetzt lass einfach mal mich machen.“ Und er hat dann ein Tracklisting gemacht, welches sämtliche Hits am Anfang verbraten hat. Darauf meinte ich, dass er das so nicht machen könne, weil man bei seinem Tracklisting schon nach fünf Nummern irgendwie das Gefühlt habe, man sei voll und könne nicht mehr. Man habe keinen Appetit mehr.  Salopp gesprochen, müsse er auch langweilige Nummern einbauen, damit man sich wieder erholen könne. Er hat es dann verstanden und ein anderes Tracklisting gemacht, das wirklich gut war. Es ist zwar jetzt nicht das endgültige Tracklisting, aber er hat es dann „Emils Senioren-Tracklisting“ genannt [lacht]. Weil er gemeint hat, dann würde ich halt langweilige Nummern brauchen, wenn ich schon so alt bin.

[…] oft reicht es dem Publikum, wenn sich irgendwer vor seinen Laptop hinstellt, ein anderer stellt sich daneben mit einem Saxofon und dann wird irgendeine Sängerin dazugestellt.“

Ich habe gelesen, dass Ihre ersten Produktionen „relativ einsam“ waren. Ist es jetzt einfacher bzw. angenehmer mit Band?

Klaus Waldeck: Das Livespielen mit einer Band macht natürlich viel mehr Spaß. Gleichzeitig ist es in der heutigen Veranstaltungsszene viel schwieriger, überhaupt Veranstalterinnen und Veranstalter zu finden, die auch bereit sind, eine große Besetzung zu honorieren. Da ist natürlich auch die Frage, ob es vom Publikum honoriert wird. Dann oft reicht es dem Publikum, wenn sich irgendwer vor seinen Laptop hinstellt, ein anderer stellt sich daneben mit einem Saxofon und dann wird irgendeine Sängerin dazugestellt. Das Ganze ist dann irgendwie Electroswing. Das ist mir irgendwie zu wenig , da kann man dann gleich eine Platte auflegen. Daher ist mein Anspruch schon, das Live-Element auf- und auszubauen. Unter diesem Aspekt ist jetzt auch die Albumpremiere im Rabenhoftheater in Wien zu sehen. Da spielen wir mit großer Besetzung: drei Bläser, Schlagzeug, Bass, Gesang und Klavier. Außerdem werden im nächsten Frühling sicher einige Konzerte im restlichen Europa folgen.

Bei Ihren Alben geht es ja oft um Vorstellungen einer Ära.

Klaus Waldeck: Ja, oder einer Epoche bzw. eines Lebensgefühls. Diesmal war ich selbst gespannt, wo ich mich da hinbewege. Das hat sich erst durch die Zusammenstellung der einzelnen Tracks ergeben. Mir sind ja nach wie vor 30 unveröffentlichte Stücke übrig geblieben. Teilweise hätte es auch einen „Las-Vegas-Ballroom“ geben können, etwas mehr in Richtung Roadmovie, Westküste USA. Dann hat es auch Material für so eine Art „Balkan-Ballroom“ gegeben, aber irgendwie war nichts für mich befriedigend. Ich bin dann eher auf einen Hauch von Blues bzw. Soul gekommen. Und auch die Eröffnungsnummer „Rough Landing“ hat sehr stark etwas von einem James-Bond-Titeltrack . Dieses Schwebende, leicht Bedrohliche …

Das Spiel mit der Bedrohlichkeit bzw. Ungewissheit hat auch was Spannendes.

Auf „Atlantic Ballroom“ ist der offensichtliche Elektro-Sound geringer geworden. Wäre für Sie auch ein Album bzw. Projekt denkbar, bei dem Sie ganz auf elektronische Elemente verzichten?

Klaus Waldeck: Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Wobei man vorsichtig sein muss, mit dem Ausdruck „elektronische Elemente“, weil ja sowieso alles, was heute produziert wird, eine elektronische Soundbearbeitung durchlaufen hat bzw. dadurch gefärbt wurde. Ich kann mir auf jeden Fall eine weitere Reduktion des spürbaren Anteils der Elektronik vorstellen.

Bei „Ballroom Stories“ waren es die 1920er– und 1930erJahre. Bei „Gran Paradiso“ war es Italien, jetzt sind es die „Jazzer“ der 1960er und ein Balkan-Ballroom“ bzw. LasVegasBallroom“ war auch schon in Überlegung. In welche Gegenden könnte es Sie musikalisch noch verschlagen?

Klaus Waldeck: Vielleicht könnte ich in der Pension auf den Mars. Das wäre dann aber sicher kein akustisches Album [lacht].

„Mir ist sehr stark daran gelegen, Redundanz zu vermeiden und dabei gleichzeitig einen roten Faden zu behalten.“

Wo sehen Sie bei „Ballroom Stories“ und „Atlantic Ballroom“ Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede?

Klaus Waldeck: Mir war es wieder sehr wichtig, ein Tracklisting zu schaffen, das man von der ersten bis zur letzten Nummer in einem Fluss durchhören kann. Mir ist sehr stark daran gelegen, Redundanz zu vermeiden und dabei gleichzeitig einen roten Faden zu behalten. In diesem Spannungsverhältnis zwischen rotem Faden und Redundanz, in dieser Gratwanderung liegt eine Gemeinsamkeit. Ich glaube, dass mir das bei beiden Alben sehr gut gelungen ist. Der Ballroom ist für mich das verbindende Element. Wobei man das nicht eins zu eins als einen Tanzsaal sehen muss, sondern vielleicht eher als eine imaginäre Projektionsfläche, um aus dem Alltag ein bisschen herauszutreten. Ich glaube, das passiert bei beiden Alben.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Alexander Kochmann

 

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