Ein anderes Bewusstsein für Musik schaffen. Der musikalische Kosmos von Michael Floredo

Natur, das Naturerleben und der Umweltschutz sind dem Komponisten Michael Floredo bedeutende Anliegen und immer wieder auch Inspiration für seine Musik. Auf einen Symbolort, die Öflaschlucht, bezieht sich sein Trio für Gitarre, Flöte und Bratsche „Frühlingskreis“. Mit zwei Jahren Verspätung kam das Werk mit dem klingenden Titel im Mai im Rahmen eines musikalischen Spaziergangs in St. Arbogast sowie als Livestream des ORF Vorarlberg zur Uraufführung.

Zur Örflaschlucht hat der in Altach lebende Komponist eine langjährige, auch autobiografische Beziehung. Schon als Kind wanderte er zu jeder Jahreszeit gerne in diesem Naturjuwel bei Götzis und bereits vor dreißig Jahren war ihm sein persönlicher Kraftort Inspiration für das Klaviertrio „Örflaschlucht“. Ein ernüchterndes Erlebnis nach der übermäßigen Abholzung vor drei Jahren „nicht nur wegen Windwurf und schweren Wintern, vielmehr durch ein zunehmend wirtschaftliches Interesse“ gab neben anderem den Anstoß für das Gitarrentrio, das Michael Floredo im Auftrag von Klaus Christa komponierte.

Der Werktitel „Frühlingskreis“ soll auf größere Zusammenhänge aufmerksam machen. Er meine damit, dass es Kreisläufe gebe, die man einfach als selbstverständlich annehme, so der Komponist. Ob diese jedoch wirklich von beständiger Dauer seien, bezweifelt er und spricht in diesem Zusammenhang auch die Klimaveränderungen an und die damit verbundene Relativierung der klaren Abfolge der vier Jahreszeiten.

Fast das Klangfarbenspektrum eines Kammerorchesters

Mit dem Trio „Frühlingskreis“ hat Michael Floredo zum ersten Mal ein Werk für Gitarre komponiert. Den damit verbundenen Herausforderungen stellte er sich gerne. Der enorme Klangfarbenreichtum und die Vielfalt, die dieses Instrument bieten, faszinieren den Komponisten. In spieltechnischer Hinsicht waren kaum Grenzen gesetzt, denn Alexander Swete spielte den Gitarrenpart. „Es geht auch ins Perkussive“, gibt Michael Floredo einen Einblick. „Auf der Gitarre gibt es immens schöne Klangfarben, mit denen man die Höhen und die Bässe sehr gut auslasten kann. Wenn die Bratsche mit den Doppelgriffen und zudem die Flötenstimme erklingen, meint man fast ein Kammerorchester zu hören.“

Musik und Umweltschutz

Schon in mehreren Werken hat Michael Floredo mit künstlerischen Mitteln auf den Umweltschutz verwiesen, unter anderem im Werk „Padre nuestro“, das Bischof Erwin Kräutler gewidmet ist. In die Komposition „Flügelschlag“ ist der berühmte Satz der Cree-Indianer mit inbegriffen: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“

Das Denken in Kreisläufen und Zyklen sowie das Nachdenken über die immer größeren Zerstörungen dieser natürlichen Zyklen liegen auch dem Klavierlied „La noche cíclica“ nach einem Gedicht des spanischen Autors Jorge Luis Borges zugrunde. Das zwanzig-minütige Werk ist im vergangenen Jahr für die Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager entstanden.

Corona und eine dringliche Klarstellung

Corona mit all seinen Auswirkungen auf künstlerisch tätige Menschen ging auch an Michael Floredo nicht spurlos vorbei. Er erzählt, dass zwar Aufführungen, unter anderem im Künstlerhaus Salzburg, abgesagt werden mussten, er aber auf eine durchaus produktive Zeit zurückblicke. Endlich müsse aber ein dringend notwendiges Umdenken stattfinden. Zum einen sieht der an Philosophie und Grundlagenwissenschaften wie der Quantenphysik interessierte Künstler die Coronapandemie in einem engen Zusammenhang mit der „Entehrung der Tierwelt, vor allem der Wildtiere, die von je her als heilig gelten“ sowie der Flora und Fauna. Mit Flora seien auch die Mikroorganismen gemeint und diese Viren stünden an einem „Übergang von der Physik zur Biologie. Aus der Quantenphysik weiß man, dass die ein ganz anderes Leben führen“, so Floredo.

Weiters verbindet der 53-Jährige mit der derzeitigen Krise auch die Hoffnung auf eine für ihn dringliche Klarstellung seitens der Kulturpolitik. „In der Politik sollte ganz klar gesagt werden, wer zu den Kunst- und Kulturschaffenden gezählt wird“, betont Michael Floredo. Er möchte, dass viel mehr zwischen reproduzierenden und produzierenden Künstlern unterschieden wird. Seiner Meinung nach hätten die Dirigentinnen und Dirigenten ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts mehr oder weniger den Komponierenden den Rang abgelaufen, mit dem Resultat, dass stets derselbe Kanon an tradierten Werken auf den Konzertbühnen zu hören sei, während neue Musik im Konzertsaal im Grunde genommen nicht stattfinde. Die Aufführungen neuer Werke und die Wiedergabe tradierter Kompositionen stünden in einem großen Missverhältnis. Der Komponist ist davon überzeugt, dass die klassische neue Musik viele innovative Möglichkeiten eröffnet und ein Bindeglied für die Naturwissenschaften sein kann.

Groß angelegte Symphonien

Michael Floredo hat bereits große Symphonien komponiert, vor allem mit seiner dritten für drei Organisten an einer Orgel hat er standing Ovations erhalten. Das Werk wurde an der Brucknerorgel der Stiftsbasilika in St. Florian uraufgeführt. Nach der Darbietung in der Kathedrale St. Gallen schrieb Fritz Jurmann in den Vorarlberger Nachrichten: „Ein wahrlich unerhörtes Klangereignis, mit dem der Komponist Michael Floredo eingefahrene Hörgewohnheiten in der europäischen Orgelmusik gesprengt hat.“

Zum Stift St. Florian hat der Komponist seit dem Beginn seiner kompositorischen Tätigkeit ein Naheverhältnis. Bereits zahlreiche Werke wurden dort erstmals aufgeführt. Seit Jahren arbeitet der in Altach wohnende Komponist bereits an seiner vierten Symphonie für Orchester, Chor, Orgel, Klavier, Mezzosopran, großes Schlagwerk und E-Bass. Eigentlich war die Uraufführung dieses Mammutwerkes für das Jahr 2021 geplant, sie musste nun aber verschoben werden und wird zur Eröffnung der Bruckner Tage 2022 stattfinden. Mit der mehr als einstündigen, fünf-sätzigen Symphonie hätte das Jubiläum „950 Jahre Augustiner Chorherren“ und das 125. Todesjahr von Anton Bruckner gefeiert werden sollen. Inhaltlich bezieht sich Floredos vierte Symphonie auf die „Geheime Offenbarung des Johannes“, die Apokalypse. Der mit vielfältigen Zahlensymbolen versehene Text bildet auch deshalb eine ideale Grundlage, weil Michel Floredo musikalische Zusammenhänge gerne anhand von symbolträchtigen Zahlenverhältnissen deutet.

Als nächstes bietet ein Auftrag des österreichischen Ensembles  Gelegenheit, die Erkenntnisse des Gitarrentrios für Quintettbesetzung weiter zu entwickeln.

Silvia Thurner

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft im Mai 2021 erschienen.

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Links:
Michael Floredo (Musikdokumentation Vorarlberg)
Michael Floredo (music austria Datenbank)