DRANBLEIBEN, DISKUTIEREN, NACH WEGEN SUCHEN – DAS KLANGFORUM WIEN UND DIE GEMEINWOHLÖKONOMIE. PETER WOLF IM MICA-INTERVIEW

2016 wurde Christian Felbers alternatives Wirtschaftsmodell der Gemeinwohl-Ökonomie aus einem österreichischen AHS-Schulbuch gestrichen. Wohl mit ein Grund dafür, dass der Intendant des KLANGFORUM WIEN Sven Hartberger im Projekt „Happiness Machine“ das Thema Gemeinwohl aufgreift. Michael Franz Woels sprach Anfang des Jahres mit dem Dramaturgen dieser aktuellen KLANGFORUM WIEN-Produktion PETER WOLF, die nun von einem 3-Stunden- zu einem 24-Stunden-Veranstaltungsmarathon erweitert wurde.

Das Klangforum Wien performt in Kürze „The Happiness Machine. 3 Stunden Glück mit dem Klangforum Wien“. Programmatisches Leitmotiv ist die Vision einer Gemeinwohl-Ökonomie mit ihren Grundwerten Vertrauen, Wertschätzung, Kooperation, Solidarität und Teilen …

Peter Wolf: Die Arbeiten zu „Happiness Machine“ beschäftigen sich assoziativ mit unserem Wirtschaftsraum. Als Sven Hartberger auf Jacqueline Kornmüller und mich mit dem Thema der Gemeinwohl-Ökonomie zugegangen ist, haben wir zuerst total zurückgescheut. Aber dann haben wir uns doch herangetraut. Jacqueline Kornmüller und ich haben uns in den letzten zehn Jahren, die wir zusammengearbeitet haben, stark mit politischen Themen infiziert.

„DAS GIBT DEM ASSOZIATIONSMATERIAL EINE GRÖSSERE TIEFE.“

Können Sie kurz auf den titelgebenden Kurz-Film „The Happiness Machine“ der bildenden Künstlerin Ana Nedeljković und der Komponistin Hanna Hartman eingehen?

Peter Wolf: Das Klangforum Wien beschäftigt sich schon seit einiger Zeit damit, mit Zeichentrick-Filmerinnen zu arbeiten; und Komponistinnen, die mit diesen Zeichnerinnen etwas entwickeln. So haben je eine Komponistin und eine Filmemacherin einen Animationsfilm zum Thema Gemeinwohl-Ökonomie geschaffen. Einer dieser Filme bringt es auf den Punkt, dass wir letztlich einfach glücklich sein wollen. In der „Happiness Machine“ dieses Filmes sind lauter Wesen, die irrsinnig arbeiten und glücklich sein wollen, aber das Glück fließt aus ihnen raus. Eine wunderschöne, einfache Metapher. Wir arbeiten einfach alle viel zu viel und das Glück fließt dabei aus uns raus – die Energie geht in die Firma, den Maximierungswahn.

Ich finde den Moment spannend, wo eine Künstlerin sich traut, ganz konkret in ein Thema „hinein zu fassen“ – sich damit zu beschäftigen, ob man nicht aus der Haltung der Künstlerin heraus ein anderes Wirtschaftssystem vorschlagen kann. Wie weit tritt man aus dem künstlerischen Raum heraus und schüttelt die Frage in einer bewegenden Versuchsanordnung? Inwieweit haben wir da überhaupt Einfluss und inwieweit wollen wir Einfluss nehmen? Wir haben uns dann gefragt, wie wir es schaffen, diese Auftragswerke, diese Assoziationen noch konkreter zu bekommen. Die MusikerInnen treten aus ihrer Musikformation heraus und erzählen von sich. Das gibt dem Assoziationsmaterial eine größere Tiefe und hilft den Menschen, die zuschauen, sich zurechtzufinden.

Wie sind Sie zu dieser Arbeitsweise gekommen?

Peter Wolf: 2005 hat Jacqueline Kornmüller am Hamburger Schauspielhaus einen Auftrag von der Körber-Stiftung bekommen, um etwas über das Alter zu erzählen. Da hat sie zu mir gesagt: Weißt du was ich mache? Ich setze eine Annonce in das Hamburger Abendblatt: „Wer über 65 möchte auf dem Hamburger Schauspielhaus auftreten. Man muss nichts können.“ 1.000 Menschen haben sich gemeldet. Im Schauspielhaus sind sie verrückt geworden, die Telefone sind heiß gelaufen. Wir haben mit diesen 1.000 Menschen auf der Probebühne gesprochen und 30 Menschen ausgewählt. Die Geschichten wurden alle aufgenommen und als Erzählungen zu einem Stück montiert. So haben wir damals die Arbeitsweise des dokumentarischen Theaters für uns erfunden.

 

„DAS SIND UNTERSCHIEDLICHE TEMPERATUREN“

Diese Vorgehensweise wurde dann auch in Wien wiederholt?

Peter Wolf: In Wien haben wir diesen Vorgang im Volkstheater in einem Abend zum Thema Flucht und Migration mit der Ute Bock wiederholt. Das war noch vor der sogenannten „Flüchtlingskrise“. Durch Zufall sind wir neben die Ute Bock in die Große Sperlgasse gezogen. Wir haben dann ein Jahr lang dort Postdienst gemacht, um die Materie und die Leute, die auf der Flucht waren, kennenzulernen. Wir haben mit ihnen geredet und aus diesen Interviews „einen Abend gebaut“. Dieses System hat gut funktioniert, weil Interviews, wenn sie richtig geführt sind, sehr viel von einem einzelnen Menschen herausbekommen und das auch in der Dramaturgie und Verdichtung allgemeingültig werden kann. Der Philosoph Franz Schuh würde sagen: Das Gleichnis subsumiert die Einzelfälle unter sich.

Und so arbeiten wir nun seit ein paar Wochen mit dem Klangforum Wien im Rahmen der Trickfilme, der Kompositionen und „des sprechenden Ensembles“. Jacqueline Kornmüller, die das inszeniert, theatralisiert das auch. Das ist für uns auch ein Experiment: eine Verbindung zu schaffen zwischen unterschiedlichen Kunstrichtungen wie Trickfilmen und theatralischen Monologen. Das sind unterschiedliche Temperaturen.

Wie sah denn der Arbeitsprozess zwischen den Trickfilm-Macherinnen und den Komponistinnen aus?

Filmstill "Lickalike" (c) Rebecca Bloecher & Eva Reiter
Filmstill “Lickalike” (c) Rebecca Bloecher & Eva Reiter

Peter Wolf: Sie haben sich bei einem Initialworkshop in Wien kennengelernt. Die Frauen sind ja aus elf verschiedenen Ländern und arbeiten über Distanz miteinander. Tricky Women, das Animationsfilmfestival für Frauen in Wien, hat mittels eines Calls zehn Künstlerinnen ausgesucht, wie auch das Klangforum Wien zehn Komponistinnen aus unterschiedlichen Ecken – zum Beispiel die Pionierin der Clubmusik Electric Indigo, oder ganz in der Neuen Musik Verortete wie Eva Reiter, Iris ter Schiphorst und Misato Mocizuki. Es konnte aus einem Pool von 16 Instrumenten ausgewählt werden, die für die Umsetzung dieser Kompositionen zur Verfügung standen. Iris ter Schiphorst hat das zum Beispiel voll ausgeschöpft, Hanna Hartmann wiederum mit Björn Wilker nur Perkussion in ihrem Stück eingesetzt.
Manchmal stehen sich auch Haltungen gegenüber. Das ist ja keine Filmmusik, die die Komponistinnen machen. Das ist nicht dienend, sondern sie waren gleichwertige Partner. Auch die Themenfindung wurde gemeinsam betrieben, die Auswahl der Technik und die Dauer der Beiträge. Das dauerte über ein Jahr.
Wir versuchen das Ganze nun noch weiter zu konkretisieren. Mit dem Klangforum Wien haben wir die Chance, ein Projekt über Jahre weiterzuentwickeln und so zu experimentieren. Es geht in verschiedene Städte: Bei der Uraufführung Anfang Februar in Stuttgart wird es die Live-Version geben, bei dem das Klangforum Wien zu den Kurzfilmen spielen wird. Diese wird dann Anfang März auch im Wiener Konzerthaus zu hören und zu sehen sein. Beim Tricky Women Filmfestival 2019 wird die Kinofassung Premiere haben. Im Herbst wird es dann auch eine 24-Stunden-Veranstaltung von „The Happiness Machine“ geben, die im Theater an der Wien startet und am nächsten Tag im Konzerthaus endet. Es ist der Versuch, das Thema des Gemeinwohls noch weiter zu verbreiten. Und warum Sven Hartberger das auch initiiert hat: Es geht ihm ja darum, herauszufinden, was im Klangkörper Klangforum Wien alles drinsteckt.

„NEUE MUSIK IST AUCH DER VERSUCH, NEU HINZUHÖREN.“

Wie sieht die Auseinandersetzung mit den Prinzipien der Gemeinwohl-Ökonomie aus, auch auf persönlicher Ebene?

Filmstill "Suggestion of-least resistance" (c) Michelle Kranot & Iris ter Schiphorst
Filmstill “Suggestion of-least resistance” (c) Michelle Kranot & Iris ter Schiphorst

Peter Wolf: Ich wehre mich dagegen zu denken, man könnte die Umverteilung mit einem Schnipp erledigen. Wir können nicht irgendeine Perspektive in Form packen, und behaupten, das muss die Gesellschaft fressen. Es ist für mich ein Lernprozess und geht nicht von heute auf morgen. Gut finde ich an der Gemeinwohl-Ökonomie, dass sie ein offenes System und ein Diskussionsbeitrag ist. So wie die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens. Wir müssen dranbleiben, diskutieren, nach Wegen suchen. Im Sozial- und Umweltausschuss der EU ist tatsächlich mit großer Mehrheit beschlossen worden, dass das Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie in die Handels- und Wirtschaftsprinzipien der EU sowie der Nationalstaaten eingearbeitet wird. Auf oberster Ebene ist die Gemeinwohl-Ökonomie als gutes Prinzip also anerkannt worden. Aufgrund von politischer Lobby-Arbeit wird die Thematik aber aus österreichischen Unterrichtsmaterialien dann wieder entfernt. Das ist eigentlich nur schwer zu schlucken, dass man jungen Menschen nur das auf Expansion ausgelegte, finanzkapitalistische Wirtschaftssystem nahebringt. Es gibt und gab ja einfach in verschiedenen Kulturen unterschiedlichste Formen des Warenverkehrs, des Tauschens, des Handelns. Unser Wirtschaftssystem darf einfach nicht zulassen, dass man sozusagen bei jedem siebten Kaffeeschluck – jede siebte Bohne kommt von einem Hamburger Kaffeekonzern, der Land-Grabbing in Afrika betreibt – an durch Guerilla-Truppen vertriebene Dörfer in Afrika denken muss. Man muss Firmen dafür steuerlich bestrafen.

Kurz noch ein paar Gedanken zum Begriff „Neue Musik“ bitte …

Peter Wolf: Neue Musik ist für mich auch der Versuch, neu hinzuhören. Bei Neuer Musik musst du dich anstrengen, da musst du ein bisschen Substanz von dir aufwenden. Ich höre jetzt auch viel Neue Musik. Vor unserem Gespräch habe ich Morton Feldman gehört und ein bisschen Kronos Quartett. Ich versuche mich in die Welt des Klangforum Wien einzuhören – in die vielen Stilrichtungen von Neuer Musik. Es gibt unterschiedliche Generationen im Klangforum Wien, der junge Musiker Mikael Rudolfsson findet den Begriff Neue Musik zum Beispiel ganz schrecklich. Er sagt lieber „Musik unserer Zeit“. Das Klangforum Wien hat in den letzten Jahren „Festliche Tage alter Musik“ veranstaltet. Und was war Alte Musik für das Klangforum Wien? Es waren Stücke aus dem Beginn der Neuen Musik, die zum Teil schon über hundert Jahre alt sind und damals noch Skandale verursachten.

Welche weiteren Kurzfilm-Geschichten des Abends „Happiness Machine“ würden Sie abschließend noch exemplarisch erwähnen?

Filmstill "Die Flunder" (c) Elizabeth Hobbs & Carola Bauckholt
Filmstill “Die Flunder” (c) Elizabeth Hobbs & Carola Bauckholt

Peter Wolf: Die Interpretation des Grimm-Märchens „Der Fischer und seine Frau“ von der Künstlerin Elizabeth Hobbs und der Komponistin Carola Bauckholt. Sie wird am Anfang des Abends stehen und ist eine sehr schöne Metapher für die Absurdität des Immer-noch-Mehr. Eine weitere sehr komplexe Geschichte wird anhand von „Music Box“ von der Zeichnerin Joanna Kozuch und der Komponistin Ying Wang erzählt. Es können Artisten aus Papierschnitzel in der Music Box ausgewählt werden, um sie wie im Zirkus zu einer Pyramide aufzustellen. Einem Artisten krankt plötzlich der Arm und für die Filmemacherin gibt es nun drei Möglichkeiten: Entweder man wechselt diesen Papierschnitzel aus. Dann könnte man als zweite Möglichkeit auch die ganze Artistengruppe austauschen. Oder aber man nimmt als dritte Möglichkeit den, der den kranken Arm hat und setzt ihn ganz oben hin, wo er den kranken Arm nicht braucht. Das finde ich sehr berührend. Wir haben immer die Wahl. Jeder hat einen Platz, eine Rolle, etwas anzubieten und ist kein Störfaktor, wenn er vermeintlich Erfordertes nicht leisten kann.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Franz Woels

„The Happiness Machine. 3 Stunden Glück mit dem Klangforum Wien“

Klangforum Wien
Musikalische Leitung: Konstantia Gourzi
Inszenierung: Jacqueline Kornmüller
Dramaturgie: Peter Wolf

Termine:
Happiness Machine. 24 Stunden Glück mit dem Klangforum Wien
Freitag, 25. Oktober 2019, 18.30 Uhr bis Samstag, 26. Oktober 2019, 18.30 Uhr
Theater an der Wien, Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste Wien, Gartenbaukino, Wiener Konzerthaus

Links:
Klangforum Wien