„DIE ZUSAMMENARBEIT WAR SUPER UND EXTREM RÜCKSICHTSVOLL“ – FABIAN UNGER (DER TRAURIGE GÄRTNER) UND SIGRID HORN IM MICA-INTERVIEW

FABIAN UNGER aka DER TRAURIGE GÄRTNER und SIGRID HORN haben eben miteinander das Lied „Ned echt“ veröffentlicht, das Stalking, sexualisierte Übergriffe und Gewalt an Frauen thematisiert. Denn der Hintergrund dazu ist klar: in den letzten Jahren gab es auch in Österreich immer wieder Morde an Frauen, die im engsten Familienumfeld passiert sind. Im Gespräch mit Jürgen Plank erzählen die beiden, warum Künstler auch gesellschaftliche Verantwortung haben und warum es klappt kreativ-ernsthaft und humorvoll zu sein.

Fabian, wie war für dich die Zusammenarbeit mit Sigrid, was begeistert dich an ihrer Arbeit?

Fabian Unger: Prinzipiell gleich vorweg: Sigrid ist großartig! Die Zusammenarbeit ist sehr intensiv geworden. Dieses Liedprojekt hat mit einem Traum von mir begonnen, in dem ich einer Dame nahe war und das hat sich vertraut angefühlt. Ich bin aufgewacht und war wieder in der Realität und habe begonnen eine Strophe zu singen. Als ich überlegt habe, wer das Lied mit mir singen könnte, ist mir sofort Sigrid eingefallen. Ich habe sie gefragt, ob sie darauf Bock hätte und sie hat mir sofort übers Handy eine Strophe zurückgeschickt. Für mich war das ein Liebeslied, aber Sigrid hat das anders interpretiert und dadurch ist etwas sehr Spannendes passiert: Popmusik zeigt ja oft nur eine Seite einer Situation. Hier haben wir aber einen Track, der zwei Seiten darstellt.

Was ist in diesem Fall die andere Seite?

Fabian Unger: Dass die Frau sich belästigt fühlt. Dass das nicht auf Gegenseitigkeit beruht. Das hat einen Twist hineingebracht, an den ich zunächst gar nicht gedacht hätte. und es ist ein schönes Musikstück geworden.

Sigrid, wie war die Zusammenarbeit für dich und warum warst du sofort dabei?

Sigrid Horn: Ich habe schon länger beobachtet, was Fabian macht und habe das immer total cool gefunden. Auch sein Engagement für Fridays For Future. Obwohl seine Musik ganz anders ist als meine, ist das Musik, die ich mag und die mir Spaß macht. Das ist einfach ein anderer Zugang zu politischer Musik. So habe ich ihn eh schon länger am Schirm gehabt und mich gefreut, als seine Anfrage gekommen ist. Die Zusammenarbeit war super und extrem rücksichtsvoll. Wir sind sehr viel aufeinander eingegangen und haben uns oft abgesprochen und das war ein schöner Prozess. Auch beim Video-Dreh haben alle gut aufeinander geschaut. Das ist beim Musikmachen immer wichtig und gerade beim Thema dieses Liedes, zu dem ich mit ein paar persönlichen Rucksäcken komme, war das umso besser zu merken, dass ich da gut aufgehoben bin.

Du hast Fabian, wie er erzählt hat, sofort eine Strophe als Rückmeldung geschickt. Wie hat sich das ergeben?

Sigrid Horn: Ich habe die Strophe gehört und habe mir sofort gedacht: es wäre wichtig, diese Antwort zu geben. Ich habe nicht damit gerechnet, dass Fabian das auch gleich so wahrnimmt, sondern das viel zu arg findet. Er hat es zugelassen, den Scheinwerfer um 180 Grad zu drehen und die andere Seite zu zeigen. Meine Seite.

Inhaltlich geht es um das Thema Respekt, um die Verletzung von Grenzen, um Stalking als Überbegriff und das Lied zeigt das Thema aus zwei Perspektiven. Warum war das ein Thema für euch? 

Fabian Unger: Grund für Gewalt an Frauen ist oft toxische Maskulinität. Das Sinnbild für mich war James Bond, der alle Damen bekommt und „Nein“ ist überhaupt keine Option. Es wird auch über Filme etc. transportiert, dass ein „Nein“ erst recht ein Grund ist, um Liebe zu kämpfen. Und es ist kein Thema, ein „Nein“ zu akzeptieren. Diese Grenzen muss man als Mann aber einhalten: Ein „Nein“ ist ein „Nein“ und wenn das nicht eingehalten wird, muss es auch Konsequenzen haben – so wie das im Video angedeutet wird.

Sigrid Horn: Es schwingt auch noch hinein, wie in Medien über Frauenmorde berichtet wird. Da wird dann zum Beispiel von einem Beziehungsdrama gesprochen, es kommt zu haarsträubenden Verharmlosungen. Ein Mord an einer Frau ist auch als solcher zu bezeichnen, als Femizid. Und wir reden oft nicht darüber, von wem diese Gewalt eigentlich ausgeht. Gewalt an Frauen ist aber meist Männergewalt, das sollten wir auch benennen. Das Patriarchat, ein verzerrtes toxisches Männlichkeitsbild und Besitzdenken geben übergriffigen Männern das Gefühl, dass sie ein Recht auf Frauen und ihre Körper haben. Dass sie ein Recht haben, diese mit Gewalt zu kontrollieren. Wichtig ist zu erkennen, dass das ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, das wir nur miteinander lösen können.

Gerade in den letzten Jahren hat sich auch in Österreich die Lage zugespitzt und es gab mehrere Ermordungen von Frauen. Habt ihr dazu recherchiert? 

Bild Sigrid Horn
Sigrid Horn (c) Magdalena Blaszczuk

Sigrid Horn: Ich glaube, da haben wir beide einen unterschiedlichen Zugang. Für mich ist das Thema ohnehin immer präsent. Wir haben viel miteinander reflektiert, haben stundenlang telefoniert. Jedes Mal sind uns neue Beispiele eingefallen, wo in unserer Erziehung, unserer Sozialisation, in der Popkultur und den Medien toxische Männlichkeit reproduziert und gefördert wird und Gewalt an Frauen verharmlost wird. Es ist einfach allgegenwärtig. Bei uns beiden hat das viel ausgelöst und bewegt. Für Fabi waren da, glaube, ich auch ein paar Eye-Opener dabei und ich konnte in dem Prozess etwas von meinem angehäuften Gewicht abschütteln. Seitdem ich politisch aktiv bin, beschäftigt mich das Thema, meine eigenen Erfahrungen haben mich zusätzlich politisiert. Eine von fünf Frauen ist in ihrem Leben von Gewalt betroffen, das muss sich ändern. Im vergangenen Jahr haben sich Übergriffe und Femizide gehäuft, der Lockdown hat die Situation noch verschärft. Frauen sind zu Hause mit den Tätern eingesperrt und können nicht mal eine Hotline anrufen. Ich hoffe, dass wir mit diesem Lied einen Beitrag dazu leisten können, das Thema stärker ins Bewusstsein zu rücken.

Kann Popmusik jedes Thema transportieren oder gibt es irgendwo doch Grenzen und man muss eine Nichtregierungsorganisation gründen oder einen politischen Essay schreiben? 

Fabian Unger: Es wäre wünschenswert, wenn öfters solche Lieder passieren würden. Es ist total wichtig über solche Themen zu reden und die Kunst muss hier genauso wie beim Klima-Thema in die Verantwortung gezogen werden. Das beginnt bei der Musik und geht bei Interviews weiter, die man führt. Ich bin immer ein Fan von Künstlerinnen und Künstlern, die nicht nur ein Produkt verkaufen, sondern die tatsächlich etwas zu sagen haben.

Sigrid Horn: Ich bin voll bei dir. Diejenigen, die sagen, sie machen unpolitische Kunst, reproduzieren den Status Quo. Das ist auch ein politisches Statement.

„Man muss sich nicht in jedem Track total politisch äußern“

Fabian Unger: Dazu noch eine Ergänzung: Man muss sich nicht in jedem Track total politisch äußern. Bei meinem Kunstprojekt ist es so, dass ich an einem Tag über die Ananas singe und am nächsten Tag kommt das Lied mit Sigrid heraus, das viel tiefer geht. Das ist Kunst. Es muss nicht jedes Lied sehr tief gehen, aber es wäre schon wünschenswert, auch mehr zu kommunizieren als zum Beispiel die Ananas.

Liegen die nächsten Themen schon parat? Fridays For Future ist als Stichwort schon gefallen und du, Sigrid, hast bereits den Protestsongcontest gewonnen. 

Fabian Unger: Es gibt schon ein Mini-Album von mir zu Fridays For Future, das ist im Jahr 2019 herausgekommen. Das sind fette Techno-Nummern, die ich mit den Fridays For Future-Sprüchen kombiniert habe. Das hat bei den weltweiten Klimastreiks eine schöne Dynamik angenommen, weil alle dazu singen. Letzten Freitag war wieder ein weltweiter Klimastreik und da war der Ring in Wien komplett autofrei und ich habe nach über einem Jahr Pause wieder ein wenig Musik machen dürfen. Das war ein wunderschöner Nachmittag ohne Autos, da denkt man sich: das könnte doch auch eine Realität sein, dass im ersten Bezirk ohne Autos gegessen und getanzt wird. Natürlich mache ich in Richtung Fridays For Future weiter und da wird es immer wieder Lieder geben. Aktuell ist da für mich das Thema Recycling, ich habe überlegt, dazu ein Lied zu machen. Als nächstes Lied wird wieder etwas gaga-mäßiges kommen müssen. Den Ernst mal kurz herausnehmen und komplett kreativ auszucken. Etwas zum Springen und Lachen.

Das Video zu „Ned echt“ ist wie ein Kurzfilm inszeniert. Wie aufwändig waren die Dreharbeiten?

Fabian Unger: Ja, das war aufwändig. Die Grundidee war eben diese James Bond-Geschichte, das Sinnbild für toxische Maskulinität. Wir haben vier Tage gedreht, auch am Traunsee. Ich mache alle Videos in kleinen Teams, mein Bruder war dabei und beim Drehen in der Sargfabrik war auch mein Vater dabei. Und ich habe Unterstützung von Matthias Mayr gehabt, der auch bei meinen Videos zu „Hitzewelle“ und „Acid im Salat“ dabei war. Dieses Mal war es aufwändiger, weil das Video cineastisch sein sollte.

Sigrid, du hast vorhin von eigenen Rucksäcken in Bezug auf „Ned echt“ gesprochen. Wie ist das gemeint? 

Sigrid Horn: Wie gesagt: eine von fünf Frauen ist statistisch gesehen von Gewalt betroffen. Wenn du mit zehn Frauen in einem Raum bist, haben zwei Erfahrungen wie im Video gemacht und sagen: ja, genau, ich kenne solche Typen. Dieses Bewusstsein haben ganz viele Frauen, wir wissen das untereinander und ich kenne meine Freundinnen, die genau wie ich diese Gewalterfahrungen in ihrem Leben haben. Interessant ist immer die andere Perspektive: keiner meiner männlichen Freunde kennt Täter, aber die muss es ja auch geben. Das sind normale Menschen, das ist nicht nur der Typ, der in einer dunklen Gasse jemandem auflauert. Die Präsenz im Alltag wird immer unterschätzt. Es braucht hier noch viel mehr Bewusstseinsbildung.

In der Gesetzgebung hat sich zum Glück etwas geändert. Vor einigen Jahren war es sogar noch so, dass man bei Vergewaltigung noch nachweisen hat müssen, dass man sich körperlich zur Wehr gesetzt hat. Erst seit 2016 gilt auch vor dem Gesetz ein „Nein“ als ein „Nein“.

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

 

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Links:
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Der Traurige Gärtner
Autonome Österreichische Frauenhäuser