
Anspruch des Ensembles um den in Kroatien geborenen Österreichers Slavko Ninić ist nicht etwa, das Wienerlied weiterzuentwickeln, es zu parodieren oder noch nicht einmal „nur“ den oft als Sinn zitierten Spaß des Publikums und der PerformerInnen zu bedienen. „Ich glaube, Musik bewirkt, dass Menschen sich näher kommen und Freunde werden können, das ist genug“ (S.N.) zeugt von einer schönen Attitude des Mutes zur Unbescheidenheit, oder einfach dem Gespür für eine tausende Jahre alte Wahrheit. Wichtig ist dem Gründervater der Kapelle, dass die Essenz von Liedern erhalten bleibt, vor allem wenn man sie neu gewandet, und nicht oberflächlich „irgendetwas“, Hauptsache „Crossover“, hernötigt. Mit dem richtigen Gefühl dafür und Können, so meint er ungefähr, ist alles erlaubt. Das Ergebnis spricht sowieso immer für sich. Wahre KünstlerInnen qualifizieren sich durch ihre hingebungsvolle Verpflichtung an die Musik mit dem besten, das sie können.
Auf dem brandneuen Tonträger mit noch nie auf „Platte“ erschienenen Stücken (bis auf zwei) darf man sich durch einen bunten Sprachenstrauß hören (Romanes, Ungarisch, Kroatisch, Deutsch, Griechisch) mit übersetzt so klangvoll beschriebene Inhalten wie: „Die Herbstblätter sind fort. Sie kommen wieder, Du nie mehr“, dem „Wiesmather Watschentanz“ (besonders lustig) oder „Mustafa ist ein griechisch-arabischer Don Giovanni“ und ähnlichen Vergnüglichkeiten. Da kommt Freude auf!

Die Wiener Tschuschenkapelle hat sich im Laufe der Zeit öfter besetzungstechnisch verändert und immer durch große MusikerInnenpersönlichkeiten an den Instrumenten zusätzlich punkten können. Momentan besteht sie aus Maria Petrova am Schlagwerk, Mitke Šarlandžiev an Akkordeon und Gesang, Jovan Trbica am Kontrabass, Hidan Mamudov an der Klarinette, Aleksandar Stojć an Gitarre und Gesang bzw. dem schon erwähnten Gitarristen und Sänger Slavko Ninić, allesamt jung, schön, käuflich, sagenhaft und Experten im Feiern. Letzterer ist Gründer und Kopf der zum Beruf(ungs)leben gewordenen Idee des spontanen Aufspielens von traditionellen Liedern, die „man“ von früher kannte, mit denen manch fleißige/r GastarbeiterIn sich das Zuhause zum Daheim verschönert hat. Nicht zuletzt durch den Brückenschlag des Musizierens/Singens und die damit gefundenen neuen Freunde. Vielfalt wird auch mit dem neuen Album zum Programm erhoben, die „Nummer ans“ hat immer recht (Falco) – auch auf dem Gebiet des in Wien beheimateten Balkanliedes.
Schön, dass Österreich so viel Entfaltung bietet, dass einem beim Zuhören das Herz flattert. So wünscht es sich die Partie von sich und den Zuhörern. Mir gefällts. (Alexandra Leitner)
Foto: Michael Winkelmann