Fijuka (c) Matthias Hombauer

Die weibliche Handschrift in der österreichischen Musik

Wir haben den 8. März, den internationalen Frauentag. Ein guter Anlass, um einmal ausführlich das Tun der weiblichen Musikschaffenden in Österreich herauszustreichen. Hier ein kleiner Überblick und kleines Namedropping, die zeigen sollen, was mittlerweile viele zwar wissen, aber manche offenbar noch nicht wirklich wahrhaben wollen: Ohne das außergewöhnlich kreative Schaffen, das selbstbewusste Auftreten und den Erfolg heimischer Musikerinnen, Künstlerinnen und Komponistinnen sähe es in der österreichischen Musiklandschaft nicht halb so vielfältig und qualitativ hochwertig aus, wie es der Fall ist. Die im folgenden Artikel angeführten Künstlerinnen hat musicaustria.at in der Vergangenheit bereits mehrfach ausführlich gefeatured, mit Interviews, Porträts und Reviews. Wie bunt, lebendig, vielseitig und grandios die weibliche Musikszene ist, soll die folgende Zusammenfassung zeigen. Diese Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, aber lädt jede/n LeserIn ein, in das weibliche Repertoire des österreichischen Musikschaffens einzutauchen.  

Der Blick quer durch alle unterschiedlichen Genres verrät, dass es hierzulande schon lange nicht mehr nur allein die männliche Zunft ist, die den musikalischen Ton angibt. Vor allem die Frauen – ob nun als Musikerinnen oder Komponistinnen, als Vokalistinnen oder Performerinnen – tragen in allen Bereichen zur großen musikalischen Vielfalt und hohen Qualität bei. Mehr noch, sie sind zu wahren Trendsetterinnen aufgestiegen, die auch außerhalb ihrer Heimat längst Aufmerksamkeit erregen und die vielen spannenden Sounds ins Ausland tragen.

Electric Indigo (c) Markus Gradwohl

Natürlich gab es auch schon in der Vergangenheit diejenigen Künstlerinnen, die Erfolge feierten, einen großen Publikumszuspruch bekamen und sich pionierhaft als Szenegrößen etablierten. Man denke nur etwa an eine Electric Indigo, die als DJ und Labelbetreiberin (female:pressure) in den 1990er-Jahren zu einer Zeit durchstartete, als Techno noch eine als reine Männerbastion galt. Oder an eine Soap&Skin, eine Liedermacherin der jüngeren Vergangenheit, die noch viel, viel früher als Bands wie Wanda und Bilderbuch international die Konzertsäle ausverkauft und den Feuilleton beschäftigt hat.

Nicht vergessen darf man Clara Luzia, die seit mehr als einer Dekade als Liedermacherin und Labelbetreiberin (Assinella Records) unbeirrt ihren eigenen Weg beschreitet und zum Vorbild vieler anderer junger österreichischer Songwriterinnen geworden ist. Spricht man über die international erfolgreichen österreichischen Popkünstlerinnen der beginnenden 2000er-Jahre, kommt man auch nicht an der Sängerin Christina Stürmer vorbei, die sich als Zweitplatzierte einer Castingshow binnen kürzester Zeit in die Herzen des deutschsprachigen Publikums sang.

In der Neuen Musik war und ist es eine Olga Neuwirth, die ihre Kompositionen weltweit von den renommiertesten Klangkörpern in den bedeutendsten Konzertsälen der Welt zur Aufführung bringen ließ und es immer noch tut. Was wäre der österreichische Pop im Dialekt ohne eine Birgit Denk, die, als niemand mehr etwas vom Austropop hören wollte, unbeirrt genau dessen Tradition weiterverfolgte und damit zu dessen Wiederauferstehung beitrug?

Pop und Rock – überall führend mit dabei

Waren es vor gar noch gar nicht allzu langer Zeit vorwiegend Einzelkämpferinnen, die mit ihrem Schaffen die österreichischen Musik bereicherten, sind es heute viele, die den verschiedenen Szenen ihren Stempel aufdrücken. Egal ob nun im Pop, im Rock oder in der Elektronik, im Jazz oder in der Weltmusik, in der Neuen Musik oder den vielen Nischen: Die weibliche Handschrift ist unübersehbar.

Schmieds Puls (c) Astrid Knie

Die österreichische Popszene zeigt sich heute lebendiger und vielfältiger denn je. Man spricht auch über eine Mira Lu Kovacs, die sich mit ihrer Band Schmieds Puls nach zwei herausragenden und hochgelobten Veröffentlichungen in den letzten zwei, drei Jahren auch international einen Namen machen konnte. Oder über eine Medina Rekic, die als die Hälfte der Rockband White Miles mittlerweile konzerttechnisch die ganze Welt bereist. Als Teil der Formation HVOB in der internationalen elektronischen Clubszene für Aufsehen sorgt Anna Müller. In der Aufzählung von allerorts Staub aufwirbelnden Acts aus Österreich auf keinen Fall fehlen darf das Pop-Duo Fijuka mit den beiden Chefprotagonistinnen Ankathie Koi und Judith Filimónova, die nun auch als Solokünstlerinnen in Erscheinung treten. Zu größerer und ebenfalls über die heimischen Grenzen hinausreichender Bekanntheit gelangten Sophie Lindinger mit Leyya und Giovanna Fartacek mit Mynth. Den unangepassten und etwas anderen Popentwurf pflegt nicht ohne Erfolg die Wiener Musikerin und diesjährige Popfestkuratorin Ana Threat. Mittlerweile über den Status von Zukunftshoffnungen weit hinausgewachsen sind die Musikerinnen Avec, Mavi Phoenix, Soia und Yasmo, die inzwischen nicht nur der Hörerschaft von FM4 ein Begriff sein dürften.

Die Liste lässt sich mit Namen wie Gustav, Lylit, Mimu Herz, Mary Broadcast, Kidcat Lo-Fi, Zoe, Mika Vember, Clara Moto, Agnes Milewski, Irmie Vesselsky, Susana Sawoff & Resisters, Bella Wagner, Clara Blume, Barbara Wiesinger und Laura Pudelek (beide DAWA), Meena Cryle, Fräulein Hona, Lucia Lena, Eloui, Paenda und vielen anderen bis Vorarlberg und wieder zurück nach Wien fortführen.

Der Jazz schon lange keine Männerdomäne

Julia Siedl (c) Marko Mestrovic

Aber nicht nur im Pop hat sich in Bezug auf die weibliche Führungskraft einiges getan. Auch im Jazz sind Frauen längst aus dem Schatten ihrer Musikerkollegen herausgetreten. War bis vor einigen Jahren – mit ganz wenigen Ausnahmen – der Part als Sidewoman in einer Formation noch das höchste der Gefühle, haben sich Frauen mittlerweile als Bandleaderinnen mehr als erfolgreich etabliert. Die Pianistin Julia Siedl etwa gilt eigentlich lange Zeit schon als eine echte Könnerin an den schwarzen und weißen Tasten, sie veredelt mit ihrem feinfühligen und impulsiven Spiel die Musik zahlreicher Bands und Ensembles. Mit dem nach ihr benannten Trio hat sich die gebürtige Niederösterreicherin nun endgültig an der Spitze der heimischen Szene etabliert. Ebenso wenig kommt man heute – spricht man über den österreichischen Jazz – an der Erwähnung des Namens Gina Schwarz vorbei. Bei der ebenfalls aus Niederösterreich stammenden Bassistin verhielt es sich ähnlich wie bei Julia Siedl. Lange Zeit als Sidewoman sehr gefragt, gelang es ihr, mit ihren eigenen Projekten selbst ins Rampenlicht zu rücken.

Eine Musikerin, die ihre herausragende musikalische Eigenständigkeit und Qualität schon früh unter Beweis stellen konnte und mit ihren Projekten und Veröffentlichungen immer wieder für Staunen sorgt, ist die Saxofonistin Viola Falb. Ebenfalls schon im jungen Alter zu einem nicht mehr wegzudenkenden Fixstern am österreichischen Jazzhimmel geworden ist die mittlerweile vielfach ausgezeichnete Salzburger Pianistin, Sängerin und Komponistin Angela Tröndle, die vor allem mit ihren Formationen MOSAIK und The little Band from Gingerland sowie jüngst im Duo mit Pippo Corvino das Publikum zu begeistern wusste.

chuffDRONE (c) Karl-Heinz Nenning

Mit seinem mehr als interessanten Sound immer mehr ins Rampenlicht rückt im Moment das fünfköpfige Jazzkollektiv chuffDrone mit den sehr umtriebigen und in vielen anderen Projekten involvierten jungen Musikerinnen Chrissi Pfeifer, Lisa Hofmaninger, Judith Ferstl und Judith Schwarz und dem Pianisten Hubert Gredler.

Den Klang des freien Spiels und musikalischen Experiments seit vielen Jahren von Österreich in die weite Welt hinaus trägt die Violinistin und Elektronikern Mia Zabelka. Eine Musikerin, für die stilistische Grenzziehungen ebenfalls keine Bedeutung haben und die sich in den unterschiedlichsten musikalischen Umgebungen – vom Pop über Jazz bis hin zur Experimentalmusik – bestens aufgehoben fühlt, ist die aus Slowenien stammende und seit vielen Jahren in Wien lebende Maja Osojnik. Einen anderen Weg geht Marina Zettl. Die Sängerin aus der Steiermark hat nach Jahren im Jazz den Swing der alten Schule für sich entdeckt und gelangt mit ihrer Band Marina & The Kats nun zu immer größerer Bekanntheit. Die Vokalkunst im musikalisch freien Raum auf unnachahmliche Art zelebrieren unter anderem Agnes Heginger und Agnes Hvizdalek.

Auch hier lässt sich die Aufzählung noch weiterführen: Stephie Hacker, HANS (Anna Anderluh, Helgard Saminger), Verena Zeiner, Özlem Bulut, Möström (Susanna Gartmayer, Elise Mory, Tamara Wilhelm), Judith Unterpertinger, Ingrid Schmoliner, Lia Pale, Anna Lang, Edith Lettner, Asja Valcic, Irene Kepl, Maria Gstättner, Clementine Gasser und viele mehr.

Der vielfÄltige weibliche Weltmusiksound

Bild Alma
ALMA (c) Daliah Spiegel

Wie in allen Genres reüssieren Frauen natürlich auch in der Weltmusik mehr als nur erfolgreich. Zu internationalen Ehren gelangte die Gruppe ALMA – Julia und Marlene Lacherstorfer, Evelyn Mair, Marie-Theres Stickler, Matteo Haitzmann (vier Musikerinnen und ein Musiker) –, die mit ihrer neuen Volksmusik mittlerweile im gesamten deutschsprachigen Raum und über diesen hinaus die Konzerthäuser füllt und gerade erst im Rahmen des Rudolstadt-Festivals mit dem Sonderpreis des deutschen Weltmusikpreises RUTH ausgezeichnet wurde.
Die wohl meistbeschäftigte Künstlerin der heimischen Szene ist Jelena Popržan, die mit dem Duo Catch-Pop String-Strong mit Rina Kaçinari an ihrer Seite, mit der Band Madame Baheux (gemeinsam mit Ljubinka Jokić, Lina Neuner und Maria Petrova) und ihren vielen anderen Projekten scheinbar unentwegt unterwegs zu sein scheint.

Tini Trampler (c) Rafaela Pröll

Ihren ganz eigenen Klang zwischen dem globalen Sound, dem Pop und dem Chanson hat die Wiener Sängerin Tini Trampler (The Playbackdolls, Das Dreckige Orchester) für sich entwickelt. Den alpinen Klang kunstvoll mit dem urbanen kreuzt die Sängerin und Violinistin Maria Craffonara mit ihrer Gruppe Donauwellenreiter. Auf spannende und mitreißende Weise die Brücke von der Tradition zur Moderne, von der Volkmusik hin zu anderen Stilen spannt dagegen Angelika Steinbach-Ditsch mit ihrer Formation DieSteinbach. Aufregend ist auch der Zugang der beiden aus dem Iran stammenden Künstlerinnen Mona Matbou Riahi (u. a. Narrante) und Golnar Shahyar (Sormeh, Sehrang), die in ihren diversen Projekten die Tore zur persischen Musiktradition in stilistisch vielfältigster Weise aufstoßen. Mit einem leidenschaftlichen und explosiven Mix aus weltmusikalischen Traditionen, alpiner Volksmusik, Klezmer und Jazz beglücken Franziska Hatz und ihr Großmütterchen Hatz Salon Orkestar das Publikum.

Frauen in der Neuen Musik

Auch in der Neuen Musik lässt sich ein stark steigender Anteil weiblicher Komponisten feststellen. Während in der mica-Datenbank bei den über 50-Jährigen 9,3 Prozent weiblich sind, sind es bei den unter 50-jährigen schon 28,6 Prozent. Der Anteil der weiblichen Kompositionsstudierenden liegt im Mittel seit 2000 bei 36.3 % und schwankte zwischen 23.3 % (2014) und 47.9 % (2009). Die abnehmende männliche Dominanz im Kompositionsbereich wird auch durch eine Reihe von international bekannten, exzellenten österreichischen Komponistinnen reflektiert. Die folgende Auflistung erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit oder Repräsentativität:

Olga Neuwirth (c) Harald Hoffmann

Olga Neuwirths Werke wurden allein 2015 unter anderem in Los Angeles, New York, London, Paris, Donaueschingen und Tokio aufgeführt. Ihre Musiktheater-Projekte Opern Bählamms Fest, Lost Highway, THE OUTCAST, American Lulu und Kloing! and A songplay in 9 fits (Hommage à Klaus Nomi) wurden in Paris, Wien und Graz (ur-)aufgeführt. Ihr Schaffen entzieht sich dem Versuch, es kurz und prägnant zusammenzufassen. Herausragend sind ein Naheverhältnis zum Film, zum Surrealen, zu Klaus Nomi und ein humorvoller Zugang zur ernsten Musik. Eva Reiter reüssiert als Komponistin und Interpretin. Sie spielte und wurde gespielt in Stuttgart, Antwerpen, Brüssel, Berlin, Lille und vielen anderen Städten. Sie experimentiert im klanglichen Grenzbereich zwischen elektronischer Musik und extended techniques. Manuela Kerers Werke wurden zum Beispiel in Rom, New York, Hamburg und München aufgeführt. Um das Publikum mit dem Ungewohnten vertraut zu machen, kombiniert sie es gerne mit dem Bekannten, um von da aus in unbekanntere Gefilde zu führen. Joanna Wozny wurde in Witten, Warschau, Berlin, Köln, Stuttgart und anderen Städten gespielt. Aus rein musikalischen Überlegungen schafft Wozny stringente Werke, die oft von fein ziselierten Tönen an der Schwelle der Hörbarkeit geprägt sind, aber eine geballte, wenn auch durch die „Unmöglichkeit der Realisierung“ gebundene Energie entwickeln.

Es zeigt sich, dass sich der Anteil an (erfolgreich) komponierenden Frauen stark geändert hat. In der Lehre lässt sich dieser Trend leider nur bedingt feststellen. Weder an der Kunstuniversität Graz noch am Mozarteum unterrichten Professorinnen oder Dozentinnen Komposition. An der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien sind immerhin zwei der zwölf ProfessorInnen am „Institut für Komposition, Elektroaktustik und TonmeisterInnen-Ausbildung“ weiblich: Gesine Schröder lehrt seit 2012 Musiktheorie und Iris Ter Schiphorst seit 2015 Komposition.

Nicht vergessen werden sollten auch Kyoko Abe, Angélica Castelló, Se-Lien  Chuang, Karen de Pastel, Johanna Doderer, Gabi Drab, Viola Falb, Elisabeth Flunger, Tamara Friebel, Maria Gstättner, Elisabeth Harnik, Dorrit Maria Hanke, Qin Huang, Sonja Huber, Mirela Ivičevič, Katharina Klement, Wen Liu, I-Tsen Lu, Veronika Mayer, Manuela Meier, Maja Osojnik, Pia Palme, Julia Purgina, Elisabeth Schimana, Christine Schörkhuber, Ana Szilágyi, Judith Unterpertinger, Nancy van de Vate, Judit Varga, Manon-Liu Winter, Joanna Wozny, Mia Zabelka, Hui Ye, Simone Zaunmair und Ming Wang.

Michael Ternai/Philip Röggla