Die Überflüssigen. Eine Operngroteske von Alexander Kukelka (c) Barbara Palffy
Die Überflüssigen. Eine Operngroteske von Alexander Kukelka (c) Barbara Palffy

Die Überflüssigen. Eine Operngroteske von Alexander Kukelka

„Die Überflüssigen“ ist eine Operngroteske über die Hölle des Gleichen, den Terror des „Like“, die Diktatur der Transparenz, die trügerische Freiheit des Individuums als unterworfenes Subjekt in einer Gesellschaft der freiwilligen Selbst-Entblößung, Selbst-Ausbeutung und letztendlichen Ausmusterung. Uraufführung am 8. Jänner 2019 im Theater Nestroyhof Hamakom.

Vom gut geschmierten Getriebe der postmodernen Leistungsgesellschaft ausgemustert, im tückischen Treibsand eines smarten Gefällt-mir-Kapitalismus zwischen Selbst-optimierung und Burn-Out steckengeblieben, landet ein bunt zusammengewürfelter Haufen von Individuen auf einer der zahlreichen spätkapitalistischen Müllhalden im Nirgendwo.

Nachdem sich die vier Protagonisten vom ersten Schock erholt und den Dreck aus den Designerklamotten gekratzt haben, fallen sie zunehmend zurück in ihre alten Verhaltensmuster. Man gibt sich der „Illusion der Freiheit“ hin und spielt weiter „Gesellschaft“. Doch ohne funktionierenden „mobilen Einkaufs-Assistenten“, „Smart Watch“ und Ladegerät ist man schlichtweg aufgeschmissen. Vor allem aber hat man die Rechnung ohne den geheimnisvollen Hüter des Mülls gemacht. Sehr bald muss man erkennen, dass keine der bislang bewährten Strategien mehr greift, das Spiel ab sofort eigenen Regeln gehorcht und man in der Falle sitzt – in der Falle der totalen Konformität.

Zur Operngroteske „Die Überflüssigen“

Die jüngste Musiktheater-Produktion von Neues Wiener MusikTheater in Kooperation mit Theater Nestroyhof Hamakom stellt den Menschen selbst in den Mittelpunkt der von ihm verursachten gesellschaftlichen Verwerfungen. Dieser Topos der solcherart Aus-dem-System-Gefallenen, mit all ihren Wünschen, Hoffnungen, Träumen und Ängsten, bildet das Basis-Sujet für die Operngroteske „Die Überflüssigen“.

In ihrer musikalischen, aber auch dramatischen Ästhetik ist diese Produktion die konsequente Weiterführung des von Alexander Kukelka 1999 etablierten Autoren-Musiktheaters eigener Prägung. Mit „chet – ein jazzmusiktheater”, seinem fulminanten Einstieg in die Musiktheaterszene, folgten mit „Nestroy 2001“, „Bill oder Die Aspekte der Armut“, „Die Reise nach Alt-Mamajestie“, „4 Gossip Operas“, „Donnas Traum“ und zuletzt „Rudi langt’s“ weitere vielbeachtete Projekte in dieser besonderen Handschrift.

Mit den drei letztgenannten Musiktheaterprojekten bildet die Operngroteske „Die Überflüssigen“ den Abschluss einer Quadrologie, die auf musikdramatische Weise die Gesellschaftsordnung nach dem Digital Turn untersucht.

Zur Komposition

Die Komposition der Operngroteske reflektiert in ihrer eigenwilligen „Abschiedsdramaturgie“ auf musikalisch-gestische Weise sehr unterschiedliche Ebenen und Aspekte des Stoffes:
Dem äußeren Vorgang der Geschichte entsprechend, landet das anfänglich entworfene kompositorische Material, wie seine Protagonisten, zunächst auf der sprichwörtlichen „Müllhalde“, um dann in eklektischer Manier wieder zu neuen, grotesk verzogenen Formen überraschender Funktionalität verbaut zu werden.

Die Komposition der Operngroteske „Die Überflüssigen“ führt hinter ihrer Fassade aber noch ein weiteres Eigenleben, „behindert“ sie doch, wie ein ungebetener Gast, die Protagonisten anfänglich mehr als sie diese unterstützt und „hängt“ stellenweise über der Szenerie wie dunkle Gewitterwolken über dem „Floß der Medusa“.

Der abrupt einsetzenden Schockstarre über den soeben erfahrenen Bruch mit allen bisher gewohnten existenziellen Normen, folgt nach einer Phase trügerischer Normalität das trotzige Gefühl des „Nicht-wahrhaben-Wollens“, in welches sich alsbald aber so etwas wie aufkeimende Euphorie einschleicht.

Der auch sprachlich im Libretto des Komponisten angelegten schrittweisen Deformierung der Gesellschaft der „Überflüssigen“, entspricht die sukzessive Isolierung des thematischen Materials: Immer wieder bäumt sich der Chor der empörten Protagonisten gegen den erbarmungslos vorgezeichneten Weg der Dekonstruktion bzw. den Zustand des „Ausgestoßen-Seins“ auf und verfällt, dabei immer hektischer skandierend, zunehmend in düstere Ostinati und hysterisch-kreischende Koloraturen. Aus den letzten noch verbliebenen musikalischen Fragmenten „recyceln“ sich immer wieder eruptionsartig lyrische Episoden tönender „Rettungsringe“, die aber trotz aller expressiver Qualität keinen Ausweg zeigen. Als im erschöpfenden Kampf um den Müll schließlich jeder Widerstand erlahmt, gerät auch die musikalische Entwicklung zum Stillstand. Erst jetzt gewahrt man leise, aber bestimmt die Stimme des Hüters des Mülls, der nun einen ganz eigenen Ton anstimmt …

Mit:
Ewelina Jurga (Sopran / ein aufstrebendes Schlagersternchen)
Eva Maria Neubauer (Sopran / eine hochangesehene Society-Lady)
Rupert Bergmann (Bass-Bariton / der Hüter des Mülls)
Emil Kohlmayr (Tenor / ein unverbesserlicher Idealist und Lebenskünstler)
Dieter Kschwendt-Michel (Bariton / CEO eines multinationalen Konzerns)

Komposition, Buch, Regie, musikalische Leitung: Alexander Kukelka
Bühne, Kostüm: Maria Theresia Bartl
Dramaturgie: Kathrin Kukelka-Lebisch
Regieassistenz: Marie Martial Pfefferle
Assistenz Bühne, Kostüm: Anna Salobir
Hospitanz: Michaela Jaros
Licht: Florian Mayerhofer / Theater Nestroyhof Hamakom

Instrumentalensemble:
Flöte, Horn, Violine, Viola, Violoncello, Schlagwerk / Perkussion, Klavier

„Die Überflüssigen“ ist nach „4 Gossip Operas“ (2010), „Donnas Traum“ (2012) und „Rudi langt´s“ (2018) der vierte Teil einer Opern-Quadrologie des Autoren-Musiktheaters von Alexander Kukelka. „Die Überflüssigen“ ist ein Auftragswerk von Neues Wiener MusikTheater und wurde jeweils durch eine Jahresförderung und einen Kompositionsauftrag 2018 der Stadt Wien Kultur und eine Produktionsförderung und eine Kompositionsförderung 2018 des BKA-Bundeskanzleramtes unterstützt.

Neues Wiener MusikTheater wurde im Mai 1999 vom Komponisten, Librettisten und Regisseur Alexander Kukelka und der Theaterwissenschafterin, Dramaturgin und Regieassistentin Kathrin Kukelka-Lebisch gegründet. Die Gruppe konzentriert sich ausschließlich auf die eigenschöpferische Verwirklichung von Musiktheater-Projekten: von der Idee des Stoffes bis zu dessen Umsetzung. Neues Wiener MusikTheater ist Mitglied im Netzwerk der 13 Freien Musiktheater Wien.

Informationen:
Termine: 8. – 15. Jänner 2019 (Beginn 20.00 Uhr, Dauer ca. 90 Minuten)
Ort: Theater Nestroyhof Hamakom, Nestroyplatz 1, 1020 Wien
Tickets: T: +43 1 8900314, ticket@hamakom.at

Links:
Neues Wiener MusikTheater
Theater Nestroyhof Hamakom