Witwer (c) Archiv Band

„Die Texte sind entweder schnulzig oder todessehnsüchtig“ – WITWER im mica-Interview

Am Anfang war WITWER das Singer-Songwriter-Projekt von PASCAL HONISCH – inzwischen ist dieses zu einer fünfköpfigen Band herangewachsen. Vor Kurzem haben WITWER ihre Debüt-CD „Fluss“ (Strizzico) in Wien präsentiert. Jürgen Plank sprach mit der Band über Fehlfarben, Todessehnsucht und einen Film über die Deutsche Demokratische Republik.

Ihr Bandname ist ungewöhnlich, gibt es eine Geschichte dahinter?

Pascal Honisch: Die Geschichte ist relativ unspannend. Ich habe bei einer großen österreichischen Tageszeitung mit dem Bassisten von Kreisky gearbeitet und war damals großer Kreisky-Fan. Und er hat mir erzählt, dass sie einen Namen wollten, der gut klingt. Ich wollte etwas Österreichisch-trauriges, das diesen knallharten Österreicher repräsentiert, also einerseits zynisch und lebensbejahend, andererseits extrem traurig und lebensverneinend, und so habe ich mir gedacht, dass das ein guter Name ist.

Wie sind die Reaktionen auf den Namen?

Stefan Franaszek: Als ich meinen Freundinnen und Freunden erzählt habe, dass ich bei Witwer spiele, haben die gleich eine Metalcore-Band vor dem geistigen Auge gehabt und nicht an Indie-Folk gedacht. Es ist auch ein optisch interessanter Name, mit den beiden Ws.

Schwingt da noch mehr mit, eine Art Todessehnsucht? Oder spielen Sie damit?

Pascal Honisch: Der Name war ein reiner Marketing-Gag, der total aufgegangen ist. Der Name passt schon, auch wenn wir jetzt ganz andere Musik als am Anfang machen.

Welche Entwicklung haben Sie musikalisch genommen?

Marcus Krausgruber: Witwer hat ja als Soloprojekt von Pascal begonnen, als Liedermacherprojekt. Er hat dann schrittweise Freunde, mit denen er schon zuvor Musik gemacht hatte, hinzugeholt. Zur Entwicklung würde ich sagen, dass wir immer besser im Arrangieren geworden sind. Da haben wir uns am Anfang nicht so viel zugetraut, mittlerweile, würde ich sagen, trauen wir uns mehr zu und vielleicht kommt noch ein bisschen mehr Pathos durch die größere Instrumentierung dazu.

Simon Brenner: Unsere Musik ist auf jeden Fall komplexer geworden, inzwischen haben wir auch schon C-Teile in unseren Liedern. Es ist jetzt sicher musikalisch interessanter, früher gab es nur Gitarre und Gesang mit ein wenigen Ergänzungen. Mittlerweile bringt sich die ganze Band beim Arrangieren ein.

Auf Ihrer Debüt-CD ist ein Stück namens „Fluss“ drauf und so heißt auch das Album. Schwingt da die Mörder-Ballade – oder die Selbstmörder-Ballade – mit? Vielleicht springt die Figur im Lied auch selbst in den Fluss? Was steckt dahinter?

Pascal Honisch: Das Lied ist an einen Film angelehnt. Es gibt zwei Lieder am Album, bei denen das so ist. In diesem Fall ist es der Film „Führer Ex“, in dem es um zwei Jugendliche in der DDR geht. Sie sind zwischen den Ideologien gefangen: Bin ich Sozialist oder Nazi? An diesen polarisierenden Ideologien zerbricht im Film die Freundschaft.

Bei Ihrem Lied „Zeit“ habe ich ein Riff aus „Bésame mucho“ herausgehört. War das Absicht?

Stefan Franaszek: Das ist mir noch nicht aufgefallen. Ich habe mir viele Spielweisen von anderen Liedern abgeschaut, aber bei „Zeit“ habe ich nicht an „Bésame mucho“ gedacht. Die Geigenmelodie gab es schon von einer Geigerin und ich habe sie in sehr ähnlicher Form übernommen.

„Was man anders nicht verarbeiten kann, muss man aufschreiben“

Wie entstehen Ihre Texte? Haben sie einen wahren Hintergrund? Ein Lied von Ihnen heißt zum Beispiel „Votiv“ und bezieht sich auf ein gleichnamiges Kaffeehaus in Wien.

Pascal Honisch: Das hat einen wahren Hintergrund, die meisten Texte entstehen aus Weltschmerz heraus, das hört man auch. Deswegen sind die Lieder teils pathetisch und sehr schnulzig. Die Lieder sind entweder schnulzig oder todessehnsüchtig, das sind die zwei Extreme, mit denen wir liebäugeln. Was man anders nicht verarbeiten kann, muss man aufschreiben.

Die Lieder tragen Einworttitel: „Fluss“, „Zeit“, „Jahr“, „Blumen“ usw. Erzählen diese Titel noch eine eigene Geschichte?

Pascal Honisch: Ich finde, das bietet mehr Interpretationsspielraum für die Leute, die die Titel lesen und die Musik hören.

Marcus Krausgruber: Das hat sich so ergeben, wir haben längere Titel zum Teil verkürzt und dadurch vereinheitlicht.

Also doch ein Konzept.

Marcus Krausgruber: Ein Konzept, ja.


In einem Lied heißt es: „Ich höre die Fehlfarben.“ Inwiefern trifft das tatsächlich zu?

Pascal Honisch: Das ist imaginiert. Die Band habe ich damals schon gehört, aber nicht inflationär. Das hat sich im Text schön gereimt und war ein Ausdruck dafür, dass hier zwei verschiedene Meinungen aufeinander treffen: Du hörst Ö3 und ich höre die Fehlfarben. Das ist schon eine Aussage.

Das trennt sehr.

Pascal Honisch: Das trennt schon ziemlich, ja.

„In meinem Spiel haben mich hauptsächlich klassische Komponisten beeinflusst.“

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Was sind noch Einflüsse für Sie? Etwa für Ihr Geigenspiel, Stefan?

Stefan Franaszek: Ich habe ja eine klassische Musikausbildung gehabt und habe mich erst mit Mitte zwanzig der Popmusik oder der Improvisation zur Popmusik zugewandt. Deswegen würde ich sagen: In meinem Spiel haben mich hauptsächlich klassische Komponisten beeinflusst. Allerdings auch Coldplay und Muse.

Kombinieren Sie im Rahmen von Witwer diese Einflüsse?

Stefan Franaszek: Ja, natürlich, das macht das Ganze umso interessanter.

Marcus und Simon, was bringen Sie bei Witwer ein?

Marcus Krausgruber: Meine Herangehensweise an das Schlagzeugspiel ist, dem Song dienlich zu sein. Ich spiele in unterschiedlichen Bands sehr unterschiedliche Stile. Geprägt haben mich Schlagzeuger wie Dave Grohl von Nirvana und Steve Shelley von Sonic Youth. Wenn wir sagen, dass wir Noise Folk spielen, dann hat das auch ein bisschen damit zu tun, dass ich versuche, diesen Sonic-Youth-Einfluss in die Band zu bringen. Beim Stück „Fluss“ ist am Schluss ein Noise-Teil und dabei habe ich an Sonic Youth gedacht.

Simon Brenner: Ich bin am ehesten von Psychedelic Rock inspiriert, so etwas wie Pink Floyd. Früher habe ich viel Metal gehört, das merkt man vielleicht an manchen Stellen.

War es von Anfang an klar, wie Ihre Musik klingen soll?

Pascal Honisch: Wie die Musik klingen soll, ist ein konstantes Streiten. Auch manchmal wegen Textzeilen.

Über Ihre Musik wurde von Ernst Molden sinngemäß gesagt, dass man solche Musik man öfter hören will. Wie gehen Sie mit solch einem Lob um?

Simon Brenner: Das ist schön. Man könnte uns zum Beispiel auf FM4 spielen, dann würde man uns öfter hören.

Stefan Franaszek: Das Lob hat sich auf unsere Single „Paris“ bezogen, die eigentlich untypisch ist. Wenn man also von uns mehr aus dieser Ecke hören will, ist man an der falschen Stelle.

Dann muss man Jacques Brel hören.

Pascal Honisch: Es gibt von uns ein Cover eines Jacques-Brel-Liedes, von „Amsterdam“. Das haben wir in Noise Folk übersetzt. Wir spielen es seit zwei Jahren fast bei jedem Konzert.

Außerdem klingt bei Ihren Texten ab und an Gesellschaftskritik durch.

Stefan Franaszek: Folk ist ja stark mit dem Protestlied verwoben, deswegen ist dieser Zusammenhang beinahe unausweichlich.

Marcus Krausgruber: Wir machen uns schon öfter Gedanken darüber, was in der Welt falsch läuft. Das schimmert eher so im Hintergrund durch und ist nicht explizit da.

Im Stück „Jahr“ heißt es zum Beispiel: „Lebe dein Leben, sonst lebt es dich.“ Wie soll das rezipiert werden?

Pascal Honisch: Das Lied hat genau diesen Textbaustein am Ende noch hinzubekommen, um dem Text noch mehr Aussagekraft zu geben. Das ist schon eine Gesellschaftskritik.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Jürgen Plank

Termin:
17. Januar 2019, Chelsea, Wien

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