Tina Heine (c) Steven Haberland

„Die Szene musste ich erstmal suchen”– TINA HEINE (JAZZ & THE CITY) im mica-Interview

Auch heuer steht die Salzburger Altstadt wieder ganz im Zeichen nationaler und internationaler Jazz-Acts der Extraklasse. So wird es zwischen dem 17. und dem 21. Oktober 2018 über 100 Konzerte an mehr als 50 Spielorten geben, die sich sowohl an Jazzfans wie solche, die es noch werden wollen, wenden. Didi Neidhart sprach mit der seit 2016 verantwortlichen Leiterin TINA HEINE.

Als Nachfolgerin von Gerhard Eder, dem 2015 verstorbenen Mitbegründer und künstlerischen Leiter von Jazz & The City, kuratieren Sie als Intendantin nun seit 2016 das Festival. Zuvor haben Sie u. a. in Hamburg mit dem Festival Elbjazz eines der größten Jazzfestivals der Welt mitbegründet. Wie war das, als Sie von Hamburg kommend erstmals auf die Salzburger Jazzszene gestoßen sind?

Tina Heine: Ein bisschen war es so wie in Hamburg zur Zeit der Gründung von Elbjazz: Die Szene musste ich erst mal suchen – sie springt einem ja nicht ins Gesicht! Nachdem ich jetzt schon eine Weile hier bin, ist das Jazzit mittlerweile Kooperationspartner beim Festival und ich kenne einige der Salzburger Musikerinnen und Musiker sowie Akteurinnen und Akteure. Zudem freue ich mich, dass es Leute aus dieser Stadt, die ja keinen Jazzstudiengang anbietet, doch in die internationale Szene geschafft haben, wie zum Beispiel Elias Stemeseder. Nimmt man das Land Salzburg haben wir natürlich mit dem Jazzfestival Saalfelden noch ein weiteres international wichtiges Festival gleich in der Nachbarschaft. So gesehen kann man schon sagen, dass auch Salzburg ein Hotspot ist.

„Ich muss keine programmatischen Kompromisse machen.”

Ein Festival wie Jazz & The City richtet sich im Prinzip ja nicht nur an Jazz-Fans, sondern auch an „Laufkundschaft“. Spiegelt sich diese Art Spagat, falls es solch einen überhaupt gibt, auch in der Programmierung wider?

Tina Heine: Überhaupt nicht! Ich muss keine programmatischen Kompromisse machen. Die Freiheit, keine Tickets verkaufen zu müssen und ein aufgeschlossenes und vielfältiges Publikum bespielen zu dürfen, ist herausragend. Ich kann die aktuelle europäische und internationale Szene präsentieren, ohne über Kassenschlager und große Namen nachdenken zu müssen, die man eh allerorts sieht. Das macht das Festival so spannend.

Ein Kennzeichen des Festivals sind seine mittlerweile über 50 Spielorte. Wie finden Sie solche Orte und was müssen diese haben, um für Jazz & The City interessant zu sein?

Tina Heine: Es ist eine Mischung, die sich daraus ergibt, was schon da war, als ich kam, und was ich beim Durchstreifen der Stadt neu entdeckte und was durch konkrete Anfragen von Unternehmerinnen und Unternehmern, die passende Räume für Musik anbieten und gerne mit dabei sein möchten, hinzukommt. Mir ist die Vielfalt der Architekturen, der Konzertsituationen und der Kapazitäten wichtig. So kann ich die Vielfalt der Musik widerspiegeln und nach dem passenden Raum für die passende Musik suchen – oder auch andersrum! Mich freut es besonders, wenn ich auch für die Salzburgerinnen und Salzburger neue Räume aufspüren darf, die sie noch nie – oder schon lange nicht mehr – erlebt haben.

Wie gelingt es, große Stars, wie heuer etwa Ralph Towner, der am 19. Oktober 2018 im Arthotel Blaue Gans auftritt, für so einen Auftritt zu gewinnen?

Tina Heine: Der Umweg zu Ralph Towner war der, dass ich ihn gar nicht aktiv gewinnen wollte – wie gesagt, treibt mich nicht die Suche nach den großen Namen an. Das Pablo Held Trio wollte ihn gern mitbringen. So kamen wir zusammen und natürlich konnte ich es mir nicht nehmen lassen, ihn auch noch solo zu verpflichten.

Mit den Jazzfest Saalfelden und dem Jazzit gibt es in Salzburg auch noch zwei andere überregional bekannte Player in Sachen Jazz. Wie sehen Sie in diesem Kontext die Position von Jazz & The City?

Tina Heine: Es ist für mich wichtig, dass wir alle miteinander und nicht gegeneinander arbeiten!

Tina Heine (c) Raimund Fritsche

Dazu muss man in einen Dialog kommen. In vielen Szenen gibt es den Kampf um die schmalen Fördertöpfe, um die Gunst der Medien und des Publikums. Aber meine Erfahrung aus Hamburg, wo ich anfangs mit viel Gegenwind leben musste und erst nach einiger Zeit sogar eine Art Plattform der Akteurinnen und Akteure mit ins Leben gerufen habe, sehe ich auch hier, dass wir uns gegenseitig brauchen: die Clubs und die Schulen als ganzjährig aktiv mit vornehmlich Wirkung in die Stadt (auch wenn das Jazzit über die Grenzen bekannt ist).

Ich sehe auch das Take The A-Train als wichtigen Motor für die Elisabeth-Vorstadt, zudem fungieren die beiden großen Jazz-Festivals auch als Leuchttürme mit nationaler und internationaler Strahlkraft und als Impulsgeber für die Szenen.

„Es ist für mich wichtig, dass wir alle miteinander und nicht gegeneinander arbeiten!”

Was hat sich seit 2016 für Sie in Sachen Jazz in Salzburg bzw. bei Jazz & The City verändert?

Tina Heine: Noch nicht genug! Ich würde mir noch mehr ganzjährige Sichtbarkeit und Spielorte wünschen, an denen man zeitgenössischen Jazz hören kann. Zudem wünsche mir einen Jazzstudiengang am Mozarteum und noch einen großen Sponsor für das Festival! Ich freue mich aber, dass wir seit 2016 deutlich mehr Interaktionen und Kooperationen mit der hiesigen Kulturszene haben, auch quer durch die anderen Disziplinen.

Inwieweit kann so ein Festival auch inspirierend für die lokale Szene sein?

Tina Heine: So ein Festival in der eigenen Stadt gibt der lokalen Szene Selbstbewusstsein, bietet einen Austausch mit internationalen Künstlerinnen und Künstlern und die Chance, immer wieder neues Publikum für diese Musik zu begeistern.

Wir alle lernen immer wieder voneinander – so ein Festival ist ein Schmelztiegel unterschiedlichster Szenen und Ideen. Bei unserem Workshop-Projekt „Out Of The Box“ bringen wir zudem noch Künstlerinnen und Künstler, Stadtplanerinnen und Stadtplaner, Architektinnen und Architekten sowie und Schauspielerinnen und Schauspieler mit interessierten Akteurinnen und Akteuren zusammen und setzen uns auch insbesondere mit dem öffentlichen Raum und dem Thema „Improvisation und Stadt“ auseinander.

Wenn man 2018 von Jazz spricht, kann durchaus von einer Repolitisierung gesprochen werden. Angefangen von Acts wie Kamasi Washington bis hin zu explizit politischen Auftritten – u. a. auch beim heurigen Jazzfestival in Saalfelden – scheint sich Jazz dadurch auch wieder zu aktualisieren. Was bedeutet in diesem Zusammenhang Jazz für Sie?

Tina Heine: Für mich sind von Jazzmusik, Improvisation und Gesellschaft schon immer untrennbar verbunden, was übrigens einer der Gründe ist, warum ich mich zu dieser Musik hingezogen fühle und warum ich glaube, dass eigentlich jede Stadt ein Jazzfestival gebrauchen könnte.

Die Tatsache, dass sich Jazzmusikerinnen und -musiker immer wieder für Minderheiten eingesetzt haben und politisch für Weltoffenheit und Toleranz plädieren, kommt aus der Geschichte dieser Musik, in der die Musikerinnen und Musiker zwar auf die Bühnen der Clubs durften, aber als Besucherinnen und Besucher keinen Zutritt hatten, wenn sie nicht die „richtige“ Hautfarbe hatten.

Es ist gut und wichtig, dass unter anderem dieses Thema immer wieder an die Oberfläche kommt, denn wir haben es noch nicht überwunden und stehen auch in Österreich wieder vor großen Herausforderungen, was unsere Gesellschaft angeht. Dass wir uns in dem europäischen Netzwerk mit über 120 Veranstalterinnen und Veranstaltern auch für Genderbalance, Interkulturalität und soziale Integration einsetzen, ist nur ein Merkmal davon. Wir müssen dem Rechtsruck und der Abschottung klare Alternativen präsentieren.

„FÜR MICH SIND VON JAZZMUSIK, IMPROVISATION UND GESELLSCHAFT (…) UNTRENNBAR VERBUNDEN””

Jazz & The City hat auch heuer wieder ein reichhaltiges gemischtes Programm. Was sind Ihre persönlichen Tipps für noch Unentschlossene?

Tina Heine: Das ist immer so eine Sache mit den Tipps, aber auf jeden Fall sollte man schauen, dass man am Donnerstag bei unserem Projekt Trondheim Jazz Orchestra dabei ist, welches eigens für das Festival entsteht und hier drei Tage geprobt wird. Auch empfehle ich allen unser kleines feines Rahmenprogramm mit Stadtrundgängen am Freitag und Samstag sowie schönen Galerieveranstaltungen und dem Tag der offenen Tür im Künstlerhaus. Zudem sollte man auf keinen Fall Konzerte hören, ohne sich in unseren teilnehmenden Gastronomiebetrieben mit dem passenden Kaltgetränk zu versorgen. Am Sonntag gehen wir alle zum Abschluss in den Mirabellgarten – dort wird man manche Festivalkünstlerinnen und -künstler treffen können, die man zuvor auf den Bühnen erlebt hat.

Gibt es schon Pläne für 2019?

Tina Heine: Für unser 20-Jahr-Jubiläum? Na ja, erst mal ein paar Tage Urlaub ohne Computer und Telefon.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Didi Neidhart

Austrian Music Export unterstützt und betreut internationale PromoterInnen im Rahmen von Jazz & The City. In Kooperation mit dem Festival wurden sechs MultiplikatorInnen eingeladen, die österreichischen Bands live zu sehen und ihnen in weiteren Meetings kennenzulernen. Die geladenen Gäste waren BMC / Budapest (HU), Jazzfestival Berlin (GER), Jazzfestival Münster (GER), Feel.Jazz Hamburg (GER), All About Jazz (NL), Jazzfestival Manchester (UK)

Jazz & The City, 17.–21. Oktober 2018, Salzburg, Line-up:
Donny McCaslin | Trondheim Jazz Orchestra | Alabaster dePlume |Papanosh | Miller‘s Tale | Naissam Jalal |Pablo Held Trio feat. Ralph Towner | Hearth | Apres Nous Le Deluge| Black Flower | Fellow Creatures | Volker Gotze| Leila Martial| Anne Paceo | Month Of Sundays | Markus Stockhausen & Florian Weber | Phronesis | Jeff Taylor | Kompost 3 | Thomas der Pourquery Supersonic | Werkha | Yellow Bird | Lukas Kranzelbinder & Gregory Dargent | Mozarteum Marching Band | Tamar Halperin |Kit Downes | Almuth Kuhne | Lucia Cadotsch | Makiko Hirabayashi Trio | Edi Nulz |The Great Harry Hillman | Streifenjunko | Edward Perraud Synaesthetic Trip | Tobias Ott & Ramesh Shotam | Sofia Jernberg | Marilyn Mazur Spirit Cave |Ian Shaw & Liane Carroll |Ed Motta | Libertango | Golnar & Mahan | Herve Samb | NES | Pascal Schumacher | Alfred Vogel | Exit Universe | Makaya McCraven & Ben LaMar Gay | u. a.

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