„Die Stimme […] ist ein biologisches Instrument.“ – Nava Hemyari im mica-Interview.

Mit 18 Jahren zog NAVA HEMYARI für das Kompositionsstudium nach Wien. Knapp zehn Jahre später hat sie eine umfangreiche Werkliste aufgebaut, schreibt Libretti und Drehbücher und wurde von ihren Kolleginnen als Vokalistin entdeckt. In ihren Arbeiten wechselt NAVA HEMYARI zwischen Abstraktem und Konkretem. Sie schätzt die Präzession der Sprache, gleichzeitig sucht sie immer nach einem Twist, der die Handlung ins Surreale kippt. An der Musik schätzt sie das Spekulative. Für das mica-Interview sprach NAVA HEMYARI mit Ruth Ranacher über schräge Konzepte, verrückte Frauen und den Dialog als Musik.  

Im Rahmen des Austrian Music Theater Day am 16.6.2021 präsentiert Nava Hemyari ihre Kammeroper „Taxidermic“ für zwei Personen vor einem Fachpublikum (online, via Zoom). Darin bietet sich eine Figur der anderen als Objekt an, um nach ihrem Tod ausgestopft zu werden. Ein Weg um ewig Weiterzuleben?

Du hast von 2012-2017 Komposition an der mdw studiert, wurdest an der Filmakademie aufgenommen und studierst seit kurzem Digitale Kunst an der Universität für Angewandte Kunst Wien. Inwiefern beeinflusst das Ausdrucksmedium Film bzw. das Bewegtbild deine Musik?

Nava Hemyari: Musik ist so abstrakt, dass sie nicht auf etwas Konkretes abzielt. Ein bildliches Medium kann einem dabei helfen, etwas Bestimmtes auszudrücken. Als ich erstmals „Lohengrin“ von Sciarrino bei den Osterfestspielen in Salzburg gesehen habe, war ich wirklich fasziniert von dem Ineinandergreifen von Bild, Musik und Sprache. Hier spürte ich erstmals, dass diese verschiedenen Ebenen wirklich eine interessante Kraft zusammen entwickeln können. In meinen Arbeiten möchte ich die Elemente aber immer etwas unklar halten denn Musikvideos zu produzieren nicht mein Ziel. So konkret möchte ich auch im Musiktheater nicht werden.

Bei der Oper kommt, neben Musik und Bühnenbild, wie schon erwähnt das Libretto hinzu. Der Text ist ja auch etwas Eigenständiges.

Nava Hemyari: Ja, und mit der Sprache kann man wirklich konkret werden. Wenn ich einen Ton höre, kann dieser viele Assoziationen hervorrufen. Sehe ich das Abbild eines Baumes, kann ich diesen mit Natur, Holz, etc. assoziieren. Verwendet man hingegen das Wort „Baum“, ist die Bedeutung klar. Trotzdem kann ich mit Wörtern seltsame Situationen kreieren und ungewöhnliche Settings schaffen, wenn ich die reale Welt konzeptuell verlasse und behaupte der Himmel sei grün. Die Dinge werden auf diese Weise zwar konkret benannt, die Situation ist aber eine abstrakte. Es ist bisschen so als ob man eine realistische Zeichnung anfertigen würde, aber mit einem schrägen Konzept dahinter. Der Surrealist Salvador Dalí hat beispielseiweise so gearbeitet.

Die Sprache hat insgesamt einen großen Stellenwert in deiner Arbeit. Einige deiner Werke sind als Dialoge aufgesetzt, wie beispielsweise „Fetto“ – ein Zwiegespräch zwischen einem Ungeborenen im Mutterleib und seiner Mutter. Gilt dir der Dialog schon als Musik?

Nava Hemyari: In meinen Arbeiten möchte ich entweder sehr nahe oder sehr weit weg von der Bedeutungsebene sein. Eines meiner Stücke trägt den Titel „Allgemeines Verwaltungsrecht“ und das ist ausschließlich abstrakt. Es ist rein akustisch, es gibt keine Geschichte hinter dem Stück oder stellt sonst irgendeinen Zusammenhang her. Bei „Fetto“ habe ich hingegen versucht mit Symbolen zu arbeiten. Das Stück beginnt mit pulsierenden Schlägen auf das Cello, die den Herzschlag des Babys symbolisieren. Der Text ist formal ganz klar gebaut, auch damit man ihn gut versteht. Emotionen, die der Text nicht transportieren kann, habe ich in die Musik genommen. So arbeiten die zwei Ebenen zusammen, Rationales und Emotionales wird verschränkt.

Du bist Teheran geboren, lebst seit vielen Jahren in Wien. In „Fetto“ performst du auf Italienisch. Welche Sprache ist dein bevorzugtes Ausdrucksmedium? 

Nava Hemyari: Für die Musik verwende ich lieber Sprachen die ich nicht verstehe, denn es geht mir hier um die klangliche Qualität. Eines meiner Stücke, „Mario“, habe ich auf Spanisch verfasst, denn mit hat diese zentrale Phrase „Mario, a donde?“ so gut gefallen. Auch die Optik des Wortes spielt eine Rolle, manchmal gefallen mir einzelne Buchstaben. Ich habe auch Werke geschrieben, die Isländische Titel haben. In meinen Drehbüchern verwende ich Englisch, das fast wie meine Muttersprache ist. Wenn wir von Film sprechen, ist der Output dann auf Deutsch.

„Konzeptuell setze ich mich schon länger intensiv mit einsamen Menschen auseinander.“

Das ist auch ein Transformationsprozess. Deine Mini-Oper „Taxidermic“, in der ein Tierpräperator eine tragende Rolle spielt, hat wörtlich genommen einen Plot, der unter die Haut geht. Was war der Zündstoff für diese Idee?

Nava Hemyari: Konzeptuell setze ich mich schon länger intensiv mit einsamen Menschen auseinander. Die Idee zu „Taxidermic“ rührt von der Einsamkeit her, die so stark werden kann, dass man sogar vergisst, dass man körperliche Berührung braucht. Die beiden Charaktere in meiner Oper befinden sich auf unterschiedlichen Stufen der Einsamkeit: Sie, das Mädchen, spürt noch dass sie Berührung braucht. Er, der Tierpräperator, hat es hingegen schon völlig vergessen. Er ist Körpern gegenüber wie blind, ein abgestumpftes Wesen, das nichts wahrnimmt von seiner Umgebung. Durch die Begegnung mit dem Mädchen, das dann auch versucht ihm nahe zu kommen, wird er aber daran erinnert, dass es Berührungen gibt. Plötzlich bemerkt er wieder, wie sehr er diese vermisst. Das Stück habe ich vor Beginn der Corona-Pandemie geschrieben, plötzlich wurde das Thema sehr relevant. Ich habe gemerkt, wie viel Angst man plötzlich davor haben kann andere Menschen anzufassen. Auch dass man vergisst, wie es ist einander anzufassen. Wenn ich jetzt Filme sehe, in denen sich Menschen umarmen, bekommen ich Stress.

Da hat sich etwas in unserer Wahrnehmung verschoben. Gehen wir noch etwas näher auf die Handlung ein. Das Mädchen bietet sich dem Tierpräperator als Objekt an, der Mann prüft ihren Körper. Ruft diese Rollenverteilung nicht Assoziationen an #metoo hervor? Spielst du damit bewusst?

Bild Nava Hemyari
Nava Hemyari (c) Hessam Samavatian

Nava Hemyari: Nein, denn die Rollenverteilung könnte auch umgekehrt sein. Für mich verhandelt „Taxidermic“ das Thema der menschlichen Berührung. Die Figuren in der Geschichte lassen sich nicht mit realen Personen vergleichen. Das Mädchen bietet dem Tierpräperator aktiv seinen Körper an, denn es will nach seinem Tod ausgestopft werden. Um ihn zu überzeugten, bietet es ihm verschiedene Posen an. In dieser Szene ist es notwendig dass sich die beiden ganz intensiv berühren, eben um die passende Pose zu finden. Wenn er beispielsweise ihre Beine berührt und sie auseinander streicht, ist das sehr erotisch. Dabei ist der Tierpräperator aber gegenüber dem Körper des Mädchens blind. Für ihn ist das Mädchen nur Objekt, er sieht es mit denselben Augen an wie er seine ausgestopfte Tiere ansieht. Das zeigt, dass kein konventionell gezeichneter Mann ist, der eine Frau als Sexobjekt sieht.

Wie erlebst du die Debatte um #metoo persönlich?

Nava Hemyari: Letztens wurde ein iranischer Musiker von mehreren Frauen angeklagt. Mein Bild von ihm hat sich dadurch verschoben. Zuerst dachte ich: Das kann doch nicht sein! – und das bringt mich in ein Dilemma. Natürlich muss man die Opfer ernst nehmen. Gleichzeitig erfahren die Täter Konsequenzen, die weitere Menschen, die um sie herum arbeiten, auch betreffen. Darüber wird oft nicht gesprochen. Als Beobachterin kann ich das nicht beurteilen. Ich kann keine eindeutige Position dazu beziehen.

Gerade in der Kunst stellt sich dann die Frage, ob man das Kunstwerk von seinem Urheber trennen kann.

Nava Hemyari: Genau! Oft hat sich meine Haltung gegenüber Künstlern gewandelt, die ich zuerst bewundert habe. Aber die Kunst möchte ich bei mir behalten.

Zurück zu „Taxidermic“: Die Musik deiner Kammeroper ist für zwei Violinen, Viola und Sopran geschrieben. Was für Stimmungen oder Leitmotive schweben dir vor?

Nava Hemyari: Die Musik ist für zwei Violinen, Viola, und zudem ich mit Stimme und Live-Elektronik. Das ist eine ungewöhnlich hohe Besetzung, die wir aber oft verwenden. Wir, damit ist das Ensemble punctum collective gemeint, mit dem ich auch für den Podcast zusammenarbeite. Die Oper wird daher klanglich sehr fragil und sehr hoch von den Frequenzen her, während es zugleich eine sehr ruhige, rauschende Stimmung gibt. Die Instrumentierung habe ich so ausgewählt um genau diesen hohen und intimen Charakter des Stückes zu unterstützen. Dazu zählen auch die Instrumente, die zugespielt werden. Das Stück beginnt mit einem pulsartigen Klopfen auf der Pauke und kleine geräuschhafte Flötenklänge. Ich wollte absichtlich kein Orchester, denn sonst würde die Oper zu komplex werden. Außerdem unterstützt eine kleine Besetzung die Fragilität.

„Oftmals empfinde ich den Einsatz von Stimme als ein Highlight in der Besetzung, denn man nimmt sie sofort wahr.“

Du experimentierst seit 2015 mit deiner Stimme, bei „Fetto“ arbeitest du auch mit Obertönen. Was fasziniert dich, die Stimme in der Musik einzusetzen?  

Nava Hemyari: Die Stimme gehört immer zu einer Person, sie ist ein biologisches Instrument. Ich mag diese Direktheit, denn es ist kein zusätzliches Instrument zwischen dem Menschen und dem Klang selbst. Oftmals empfinde ich den Einsatz von Stimme als ein Highlight in der Besetzung, denn man nimmt sie sofort wahr. Nachdem ich selbst immer schon gesungen habe, wollte ich etwas damit machen. Auf mein erstes Stück für Geige und sehr hohen Sopran, „Squeek“, bekam ich sehr gutes Feedback von Kolleginnen und wurde motiviert weitere Stücke für Stimme zu schreiben. Ganz hohe, spitze Töne gefallen mir besonders gut.
In fast all meinen Stücken versucht eine verrückte Frau ihre Ideen auszudrücken. Bei „Sussane“ zählt eine Frau, die sich gerade für eine Party fertig macht, alles was sie sieht auf. Während Sussane sich also herrichtet, hört sie Vogelstimmen und die verschiedenen Geräusche der Stadt, wie ein Auto etc. und sie ahmt sie alle nach. All diese Klänge und Geräusche sagen ihr: „Du bist noch nicht bereit für die Party“. Auch diese Phrase wiederholt Sussane ständig. Die Wendung der Geschichte ist, dass es angeblich gar keine Party gibt. Dann wäre sie eine verrückte Frau, die Klänge macht. Das ist die Geschichte.

Dazu hast du eine ganze Serie geschrieben, NAMES, richtig? 

Nava Hemyari: Ich mag die Idee der Serien für meine Stücke, auch da sie dadurch eine gewisse Ordnung bekommen. Ein weiteres Stück aus der Serie NAMES ist „Margaret – for Tape“. Das Stück ist eine Tonaufnahme und sie beginnt so: Hello, I am Margaret. As you all know I am a piece. I will age for four minutes. Der Figur ist also bewusst, dass sie ein Stück ist. Inhaltlich geht es darum dass sie spricht und nach vier Minuten stirbt, weil das Stück zu Ende ist. Manche Stücke sind auch rein instrumental, wie beispielsweise „Richard“ für Gitarre solo.

Eines deiner Stücke, für die du größere Aufmerksamkeit bekommen hast, war „erarsore“, das aus einem Call-for-Scores hervorgegangen ist und im Rahmen von Wien Modern 2020 uraufgeführt wurde.

Nava Hemyari: Karlheinz Essl stellte uns Studierende im Rahmen seiner Lehrveranstaltung „Elektroakustische Komposition“ dem Organisten Wolfgang Kogert vor und wir konnten Stücke für Orgel und Elektronik schreiben. Daraus resultierten für mich einige Zusammenarbeiten mit Kogert, der mich auch auf den Call zu „Orgel Modern“ aufmerksam gemacht hat. Klaus Lang, Carola Bauckholt, die beide in der Jury saßen, interessieren mich als Komponistinnen bzw. Komponisten sehr und so habe ich „earsore“ eingereicht. Die Idee dazu war etwas Störendes für Orgel zu machen. Bei „earsore“ arbeite ich mit sehr hohen Frequenzen. Wenn man die Akkorde länger hält, schwingen sie im Kirchenraum und verschmelzen sodass sie für das menschliche Gehör nicht mehr auseinander zu dividieren sind. Die Raumakustik hat darauf wirklich einen interessanten Einfluss. Die Schwingungen reiben aneinander, es klingt im Kirchenraum so, als ob etwas hinauf und dann wieder hinunter geht. Es war phantastisch in der Kirche zu arbeiten.

Du gestaltest den Podcast punctum in conversation. Seit wann gibt es den Podcast und wen möchtest du damit erreichen.

Nava Hemyari: Mit dem Podcast habe ich zu Beginn der Pandemie, als sämtliche Konzerte abgesagt wurden, als Ausgleich begonnen. Mir gefiel es, entgegen der Streaming-Kultur, etwas Bleibendes zu machen. Darin frage ich meine Gäste immer, ob es ein Stück gibt das eine besondere Bedeutung für sie hat, und dann reden wir über das Stück. Ich interessiere mich dafür, wie sie komponieren und wie sie überhaupt zu zeitgenössischer Musik gekommen sind. Daraus entstehen die weiteren Fragen. In der ersten Folge von punctum in conversation war Karlheinz Essl zu Gast. Selbst bin ich überrascht, wie unterschiedlich Menschen sein können. Die Fragen wiederholen sich teilweise und ich ging ursprünglich davon aus, dass es für die Zuhörerinnen langweilig werden könnte. Dadurch dass jede Komponistin, jeder Komponist, einen anderen Zugang hat, ist es alles andere als das. Diese enorme Bandbreit der Künstlerinnen und Künstlern ist wirklich interessant zu beobachten.

Zum Abschluss des Interviews stelle ich dann noch eine klassische Frage: Wie bist du zur zeitgenössischen Musik gekommen?

Nava Hemyari: Durch die mdw. Zeitgenössische Musik war mir vorher so gut wie nicht bekannt und wenn, mochte ich sie nicht. Durch den Vorbereitungslehrgang für Komposition habe aber ich mehr gehört, und schließlich verstanden, warum wir heute diese Art von Musik haben. Warum wir nicht mehr in dieser klassischen Unterscheidung von Dur und Moll denken und mit den damit verbundenen Emotionen arbeiten. Ich habe verstanden warum jetzt diese zeitgenössische, nicht definierte Branche in der Musik existiert. Und dann konnte ich mich darüber ausdrücken.

Was war auf diesem Erkenntnisweg hilfreich?

Nava Hemyari: Viel zu hören, viel mit zeitgenössischer Musik in Berührung zu sein und viele Begegnungen mit der Kunst zu haben. Professor Herbert Lauermann, der uns dabei begleitet hat, war phantastisch! Er war hat uns ermutigt unsere Persönlichkeit zu behalten und uns aber zugleich gleich neuen Möglichkeiten gegenüber zu öffnen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Ruth Ranacher

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Termine:
11.6. Brick 5 – Turnhalle
21.6. punctum collective – Konzilsgedächtniskirche
2.7. LUX BRUMALIS Ensemble – Konzilsgedächtniskirche

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Links:
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