„DIE STIMME IST DAS ÄLTESTE INSTRUMENT DER WELT“ – ULTIMA RADIO im mica-Interview

Die Grazer Nachwuchshoffnung ULTIMA RADIO hat soeben ihr Debüt „A Thousand Shapes“ über das Wiener Label „Panta R&E“ veröffentlicht. Es handelt sich um Stoner Rock mit Pop-Appeal. Über den vielfältigen Rock-Sound des Quintetts, die Stimme als ältestes Instrument der Welt, Blasmusik vs. Funk und die Zusammenarbeit in der Produktion sprach Sebastian J. Götzendorfer mit dem Sänger ZDRAVKO KONRAD und dem Produzenten des Albums GEORG GABLER.

Im Sound von Ultima Radio finden sich unterschiedliche Einflüsse wieder. Wie würden Sie Ihre Musik selbst beschreiben und verorten?

Zdravko Konrad: Mittlerweile … Rock. Ursprünglich war es Stoner Rock, was auch unsere Basis bleiben soll. Mittlerweile kann man es jedenfalls auch Crossover nennen. Mit diesem Begriff hatte ich zwar anfangs Probleme, aber ich sehe ihn nicht mehr als das Genre, das er bezeichnet, sondern ich nehme ihn beim Namen: Wir sind ein Mix aus unterschiedlichen Stilen. Wie gesagt, in erster Linie ist es einfach Rock. Eine überhebliche Geschichte von uns ist es auch, es „Ultima Rock“ zu nennen. Es hat doch jede Band den Wunsch, ein eigenes Genre zu begründen.

Es ist auf jeden Fall eine sehr riffbasierte Musik. Neben den regelrechten Riffsalven kommen aber auch gewisse Funk-Einflüsse nicht zu kurz. Die Betonung liegt des Öfteren am Groove und in rhythmischen Verspieltheiten.

Zdravko Konrad: Da sind wir dann auch genau beim Crossover. Das ist einem unserer Gitarristen, dem Julian Jauk, geschuldet. Er hatte gleichzeitig eine gewisse Produzentenrolle inne: Er hat alle Gitarren und Bässe in seinem Studio „Grelle Musik“ in Graz aufgenommen. Er ist da der Mastermind. Er ist eher der Funk-Gitarrist und auch der mit den harten Riffs und den stählernen Sachen, während der andere Gitarrist eher der melancholische Post-Rock-Typ ist. Wir versuchen das dann auszubalancieren, um ein gutes Gleichgewicht zu finden.

Wie entsteht denn dann ein Ultima-Radio-Song? Die Single „Sheela“ etwa ist zu Beginn regelrecht poppig, hat aber gegen Ende viele progressiv anmutende Breaks eingebaut.

Zdravko Konrad: Jedenfalls nicht aus dem Jammen. Wir haben einen fixen Workflow: Einer von uns hat eine Idee, die er einbringt und zu der er schon eine ungefähre Vorstellung hat, und gemeinsam arbeiten wir daran weiter. So war das auch bei „Sheela“, der poppige Teil war zuerst da und alles andere haben wir dann gemeinsam überlegt. Andere Menschen, andere Einflüsse.

(c) Ultima Radio

„Amerikanerinnen und Amerikaner wachsen einfach mit dieser Musik auf – so wie wir mit Blasmusik.“

Da wir nun schon viel über den Sound der Band gesprochen haben: Was hat Sie, Herr Gabler, daran gereizt, die Produktion des Albums „A Thousand Shapes“ zu übernehmen?

Georg Gabler: Es soll hier jetzt kein Bauchpinseln dem Nachbarn gegenüber sein, aber das Erste, das mir aufgefallen ist, war die Stimme. Der bereits angesprochene Funk liegt auch ganz einfach und natürlich im Sound amerikanischer Vorbilder: Die Amis funken einfach, seien es jetzt Kyuss, Queens of the Stone Age oder die Red Hot Chili Peppers. Amerikanerinnen und Amerikaner wachsen einfach mit dieser Musik auf – so wie wir mit Blasmusik. Es ist eigentlich ein Wunder, dass junge Musiker aus Österreich zu dieser Musik finden und sie so authentisch darbieten können. Deshalb hat’s mich im Großen und Ganzen einfach begeistert. Was mich zusätzlich immer interessiert, ist die Frage, welche Geschichten die Musik erzählen soll. Und Zdravko, der für die Texte und Geschichten zuständig ist, hat meiner Meinung nach ein Universum erschlossen, das in sich schlüssig ist und auch gut zur Musik passt und von einer eigenständigen Stimme vorgetragen wird. 

In meiner Rezension habe ich auch geschrieben, dass die Stimme sicher das Alleinstellungsmerkmal der Band ist. Wie genau war da zum Beispiel die Zusammenarbeit von Ihnen beiden?  

Georg Gabler: Unser erstes Meeting war sehr lustig, denn wir sahen uns über einen Bildschirm, über so ein modernes Medium wie Skype. Zdravko hat sich, glaube ich, gedacht: „Was will der eigentlich von mir?“ Weil ich eben die ganze Zeit nur von den „Geschichten“ gesprochen habe. Wir haben aber denn schnell zusammengefunden, als ich die Band in Graz im Proberaum besucht habe. Meine Aufgabe war es eigentlich, mich um die Realisierung der Inhalte der Nummern und der Bilder dazu zu kümmern, weshalb genau wir beide viel miteinander gearbeitet haben. Der Co-Produzent Julian Jauk war eben für die Gitarren zuständig und hatte schon eine sehr genaue Vorstellung vom Sound.

Zdravko Konrad: Einige Herangehensweisen waren wirklich sehr hilfreich. Etwa, dass es bei manchen Songs den Anschein hatte, dass die Musik nicht mit den Texten konform geht. Also zum Beispiel ein trauriger Text bei einer Up-Tempo-Stelle. Mittlerweile denken das unsere Gitarristen beim Schreiben neuer Songs schon mit und arbeiten noch mehr mit mir und meinen Wörtern und Assoziationen zusammen.

Auffällig ist auch der vielfältige Einsatz von Effekten auf der Stimme.

Zdravko Konrad: Ich selbst komme aus der Singer-Songwriter-Ecke. Für mich war Ultima Radio ursprünglich eine Möglichkeit, vermehrt mit meiner Stimme zu experimentieren. Das war also von Anfang an eine Idee von mir. Mein Setting an Effekten ist mit der Zeit immer größer geworden und auch meine Verwendung davon ist immer intuitiver geworden.

„Die Stimme ist das älteste Instrument auf der Welt.“

Die Stimme ist dadurch womöglich im Vergleich zu anderen Bands auch noch mehr wie ein zusätzliches Instrument.  

Zdravko Konrad: Ja, ganz genau. Die Stimme ist das älteste Instrument auf der Welt.

Georg Gabler: Gemeinsam mit den Knochen [lacht]. Aber um hier noch einzuhaken: Gerade wenn eine wall of sound in einem Song dasteht, ist es für Sängerinnen und Sänger oft sehr schwierig, sich durchzusetzen. Die Effektierung der Stimme ist da ein neuer Trend, der sich immer mehr durchsetzt, um gegenzusteuern. Früher brauchte man dafür live ja eigene Technikerinnen und Techniker. Heute kann jeder selbst sein Multi-Effekt-Gerät bedienen. Letzten Endes ist auf der Bühne der erste Eindruck einer Band immer noch der Sänger – und da ist das Arbeiten mit Effekten sehr effektiv, um auch noch ein kleines Wortspiel einzubauen. Dieser Teil der Zusammenarbeit war jedenfalls auch besonders interessant.

Letztlich kann sich der Mensch mit einer Stimme wohl einfach schneller identifizieren, weil zumindest unter der Dusche alle singen können. Mit den vielen Knöpfen etwa an einem Synthesizer können nicht alle erfolgreich umgehen. 

Zdravko Konrad: Mit der Stimme kommunizieren wir ganz einfach auch und können uns anderen mitteilen.

Georg Gabler: Oft ist das aber wiederum auch verhängnisvoll. Da man eben Worte spricht, kann man wiederum auf diese festgenagelt werden.

Apropos Texte: Am auffälligsten diesbezüglich ist auf „A Thousand Shapes“ sicher der Song „Plea“. Aufgrund des sehr eigenwilligen Songwritings ist hier der Text auch sehr im Vordergrund. Was ist die Aussage dahinter?

Zdravko Konrad: Es ist meine eigene Wahrnehmung von der derzeitigen gesellschaftlichen Situation. Es ist zwar abgedroschen, aber wir befinden uns in einer Zeit, in der die globale Gesellschaft sehr fragil ist und am seidenen Faden hängt. Ich versuche einfach, diesbezüglich etwas Dampf abzulassen. Ich versuche auch Texte zu schreiben, die die Zuhörerschaft auch auf sich selbst umlegen kann, und das ist mir hier, denke ich, ganz gut gelungen.

Bild (c) Ultima Radio

Verstehen Sie sich also als Band mit einem gewissen politischen Anspruch?  

Zdravko Konrad: Ohne jetzt Partei ergreifen zu wollen, aber ja, auf jeden Fall.

Georg Gabler: Das war auch etwas, was mir sofort aufgefallen ist. Die Texte haben alle eine gesellschaftsbeobachtende bis -kritische Ader. 

Zdravko Konrad: Meiner Meinung nach ist das auch wichtig. Ich bin kein Fan davon, einen Text zu singen, der nicht zumindest versucht, einen gewissen Tiefgang zu haben.

Georg Gabler: Es geht jedenfalls nicht um Beziehungen [lacht].

Zdravko Konrad: Und wenn, dann auf einer politischen Ebene [lacht].

Zum Abschluss: Was sind die Ziele von Ultima Radio jetzt, nachdem „A Thousand Shapes“ veröffentlicht wurde?

Zdravko Konrad: Als Nächstes haben wir im Herbst einige Konzerte am Start. Das wollen wir auch im Frühjahr und insbesondere auf den Festivals so fortführen. Dann kommt natürlich irgendwann das zweite Album an die Reihe.

„Ich sehe mich als Produzent auch immer als Anwalt der Zuhörerinnen und Zuhörer.“

War die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und der Band fruchtbar genug, um sie beim nächsten Album fortzusetzen?

Zdravko Konrad: Es war auf jeden Fall eine super Zusammenarbeit. Insbesondere zwischen mir und dem Georg, was die Texte und die Expressivität im Vortrag anbelangt. Er hat mir die nötige Würze gegeben. Die Aussagekraft der Texte ist wirklich enorm gestiegen.

Georg Gabler: Durchaus. Ich sehe mich als Produzent auch immer als Anwalt der Zuhörerinnen und Zuhörer. Ich habe in meiner Zeit als Austro-Pop-Musiker schon vor 100.000 Leuten gespielt [z. B. Keyboarder bei Reinhard Fendrich; Anm.] und habe deshalb ein bisschen Ahnung davon, wofür das Publikum dankbar ist. Und Ultima Radio ist deshalb eine gute Band, weil sie sich nicht nur um die ausgefeilte Instrumentierung kümmert, sondern auch einen gewissen Pop-Appeal hat, was die Band für breitere Schichten sehr interessant macht.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Sebastian J. Götzendorfer

Ultima Radio live
21. Oktober 2017: Komma, Wörgl
26. Oktober 2017: Wild Rover, Aachen (Deutschland)
28. Oktober 2017: Vetternwirtschaft, Rosenheim (Deutschland
17. November 2017: Jellyfish Music Bar, Innsbruck
24. November 2017: Szene, Wien, fuzzfest Vienna

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