Maxim Seloujanov

„Die Psychologie des Publikums verstehen“ – Maxim Seloujanov im mica-Porträt

Der 1967 in Moskau geborene Maxim Seloujanov saß in den Neunzigerjahren in den Klassen Boguslaw Schaeffers, war beeindruckt von Denken und Werk des Polen und schickte sich an, eine Interpretation dessen zu wagen. „Neue Musik braucht Erfindungsreichtum, Disziplin und reife Ästhetik“, so Boguslaw Schaeffer. Der 2019 verstorbene Komponist und Musikwissenschaftler erkannte in Neuer Musik ein Geheimnis, das man nicht verstehen müsse, um es zu spüren. Und reichte dieses Gespür als Professor am Mozarteum in Salzburg weiter. 

Heute genießt Maxim Seloujanov als Komponist und bildender Künstler internationale Bekanntheit. Für seine audiovisuelle Arbeit „Infiorata“ erhielt Seloujanov im vergangenen Jahr den JukeBoxx NewMusic Award. Er komponiert für die Bayerische Staatsoper und den Südwestrundfunk, leitet in Wien den Verein Orchesterwelt und hat den Österreichischen Komponistinnenpreis initiiert.

Seloujanov, der das feine Arbeiten mit den Händen bevorzugt, komponiert nicht am Computer, sondern „mithilfe eines Computers.“ Komponieren sei Handwerk, schließlich beeinflusse das Notensetzen am Computer die Denk- und Formwahrnehmungsweisen. „Es ist ein anderes Verfahren, nicht immer eine Zeitersparnis.“ Allein im Bedienen einer Computermaus sehe er für Komponisten Probleme. Er schreibe zwar viel mit der Hand und habe davon häufig Schreibkrämpfe bekommen – „aber der Computer ist für das Klavierspiel fatal.“ Außerdem gebe es kein Computer-Instrument, das menschliche Gefühle wahrnehmen und übertragen kann. „Dafür benötigt es das professionelle Handwerk und das Wissen des Komponisten“, so Seloujanov. Man müsse sowohl die Psychologie des Publikums als auch jene des Interpreten verstehen. „Es gibt kein Instrument, das Gefühle verpacken und an die Zuhörer disponieren kann.“

„ERST AUS DER ENTFERNUNG ENTSTEHT DAS GANZE BILD“

Auf der Suche nach dem Psychologischen stößt Seloujanov auf das Verborgene der Musik und will es sichtbar machen. „Ich bin sehr bildbezogen, sehe Musik mehr als ich sie höre.“ Musik werde mit dem Körper gemacht. „Jedes Instrument beruht auf Körpereinsatz – und jede Bewegung hat ihre Reflexion in der Musik.“ Deshalb sei die visuelle Präsenz für die Gestaltung der musikalischen Form wichtig, so Seloujanov. Das 2019 mit dem JukeBoxx NewMusic Award ausgezeichnete Video „Infiorata“ zeigt Blumenwiesen und rotierende Windräder, die wie Zahnstocher aus der Landschaft ragen, während Geigen im Hintergrund agieren und einen akustischen Weg der Transparenz offenbaren. Schnitte verschieben die Ebene der Realität, Striche verblassen. Die Natur verschwindet, plastische Zeichnungen entstehen. „Meine Zeichnungen kann man als grafische Musikpartituren erfassen und ohne Probleme in grafische Musikwerke umwandeln“, so Seloujanov. Das Zeichnen und Musizieren seien somatische Vorgänge, die analog zueinanderstehen. Kinästhetische Wahrnehmung als primäre Wahrnehmung – nicht nur für klassisch ausgebildete Musikerinnen und Musiker.

Mit „Infiorata“ spielt Seloujanov auf eine italienische Tradition an. In den Straßen der Region Castelli Romani werden um Fronleichnam kirchliche Motive aus Blüten gelegt. „Die Technik zur Legung eines Blumenteppichs hat Parallelen mit dem Vorgang des Notensetzens.“ Aus der Nähe sei nur ein Durcheinander zu erkennen. „Erst aus der Entfernung entsteht das ganze Bild.“ Deshalb widme sich das videopoetische Werk den Themen Umwelttransformation, Dasein und Gender in der Musik. Es stelle eine abstrakte Anspielung, die Konzeption des katholischen Sakraments als Wechselbeziehung zwischen erkennbaren und nicht erkennbaren Realitäten dar. „Durch die alltäglichen Versuche der Menschen, die Umwelt zu erneuern, werden Instabilität und Unvollkommenheit in sie eingebracht. Dabei entstehen Welten, die durch die Position der Betrachtenden voneinander abgegrenzt werden.“ Schließlich schaffe eine mittelbare Beobachtung der Umwelt eine Relation zwischen Pseudorealität und Pseudovirtualität. Jede Erneuerung, so Seloujanov, sorge für eine Umweltentropie. „Nach Werner Heisenberg sollen wir beachten, dass die Umwelt, die wir beobachten und vervollkommnen wollen, nicht die eigentliche Umwelt ist. Sie entsteht durch unsere Fragestellung.“ Die Position der betrachtenden Person rücke in den Mittelpunkt.

„NACH BEETHOVEN WURDE KEINE SINFONIE MEHR GESCHRIEBEN“

Durch die Reflexion der eigenen Position entstehe eine Präsenz, die Seloujanov in kommenden Arbeiten weiter vertiefen möchte. Musikvideos seien genauso in Planung wie eine verstärkte Auseinandersetzung mit videopoetischen Arbeiten und die Erkundung der elektronisch-visuellen Schnittstelle. Derzeit arbeite Seloujanov an einer interaktiven multimedialen Kadenz zu Beethovens 1. Klavierkonzert. Die Arbeit entsteht für die Pianistin Lisa Smirnova, die gemeinsam mit ihrem New Classic Ensemble Wien die Eröffnung der Konzerthalle in Siegburg gestalten wird. Im gleichen Konzertkontext wird „Hase auf dem Mond“, ein neues Werk von Seloujanov, uraufgeführt. Zusätzlich stehen die Entwicklung eines musiktheatralischen Werkes, ein Orchesterwerk und eine Video-Oper auf dem Programm des Künstlers, der sich vor allem von Alter Musik inspirieren lässt.

Beethoven, Bach oder Barockmusik werfen für ihn keine Fragen mehr auf – „außer interpretatorische.“ Denn: „Nach Beethoven wurde keine Sinfonie mehr geschrieben, sondern nur sinfonische Musik. Und nach Bach wurde kein Musiksystem mehr postuliert, das länger gelebt hat als eine Komponistengeneration.“ Bach habe ein musikalisches Denksystem aufgestellt und an Gott adressiert. „Beethoven hat diesem System eine Form gegeben und seine Musik für die kommenden Generationen erschaffen“, so Seloujanov. Das Bach’sche System mit Beethoven’scher Form sei im 20. Jahrhundert ausgereizt worden. Sogar Schostakowitsch soll gesagt haben, dass es in der Musikgeschichte nur zwei Komponisten gegeben haben soll – Bach und Beethoven. „Heute“, so Seloujanov, „schreiben Komponisten und Komponistinnen nur für den Musikbetrieb.“

Im österreichischen Musikbetrieb ist Seloujanov inzwischen selbst stark verankert. Als Obmann der Orchesterwelt vermittelt er seit 2018 zwischen Komponist*innen, Interpret*innen und kulturpolitischen Institutionen. Ihm ist wichtig, dass Künstler*innen und Komponist*innen selbst entscheiden, welche Werke sie schreiben oder spielen; dass sie die Einflüsse von Kurator*innen und der Kulturpolitik zwar wahrnehmen, aber Entscheidungsmacht haben. Emanzipatorische Prinzipien, die sich in der künstlerischen Ausrichtung wie auch in der politischen Arbeit als Obmann der Orchesterwelt niederschlagen. Er initiierte den Österreichischen Komponistinnenpreis und begründete die Reihe Stars von Morgen im Ersten Bezirk. Eine Initiative, um Studierenden der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien mit Konzertfach Klavier die Möglichkeit zu geben, Werke lebender österreichischer Komponist*innen ins Konzertprogramm und damit ins internationale Repertoire zu integrieren.

Text: Christoph Benkeser

Interview: Michael Franz Woels

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