„DIE MESSAGE IST SCHON ÜBER DIE EIGENE PERSÖNLICHKEIT HINAUSGEDACHT […]“ – DESERT MAY BLOOM IM MICA-INTERVIEW

Ein Sound des Rock, der ohne jede Anlehnung an aktuelle Trends vor allem mit einem hohen Grad an Authentizität zu punkten weiß und alle Qualitätsstandards in packender und wunderbar eigenständiger Weise erfüllt. Die italienisch-marokkanisch-österreichische Band DESERT MAY BLOOM zeigt sich auf seinem Debüt „Mother“ eine Liebe zur musikalischen Vielfalt und Verspieltheit, die man heutzutage immer weniger präsentiert bekommt. Im Interview mit Michael Ternai erzählten MORITZ GAMPER (Gitarre, Gesang), SIMON MAYRL (Bass, Synthesizer, Posaune) und FLORIAN GRAF (Keyboards) von der ungewöhnlichen Bandfindung, der noch nicht abgeschlossenen Suche nach dem richtigen Sound und dem südländischen Einfluss auf die Musik.

Ihr habt eine interessante Gründungsgeschichte: Ihr stammt aus unterschiedlichen Ländern, habt euch auf Reisen fern der Heimat kennengelernt, seid nach Wien gekommen, habt beschlossen, eine Band zu gründen.

Moritz Gamper: Eine unserer Gemeinsamkeiten ist, dass wir in der Vergangenheit unabhängig voneinander sehr viel gereist sind. Vor allem in Südamerika. Dort habe ich auch Solen [Benabadji; Anm.] kennengelernt. Das war eine recht abenteuerliche Zeit. Solen ist dann ein paar Monate vor der Pandemie nach Wien gezogen, um von hier aus seine Musikkarriere ein wenig voranzutreiben. Und klarerweise hat er gleich auch bei uns angedockt. Simon ist wie ich auch ein Südtiroler, wobei wir uns lustigerweise erst hier in Wien kennengelernt haben. Auch er war davor in Südamerika unterwegs. Wir beide haben die Band quasi gegründet, Solen ist dann zu uns gestoßen. Während der Pandemie sind dann noch Florian und Julian [Ritzlmayr, Schlagzeug; Anm.] dazugekommen.

Wenn man sich euer Album anhört, fällt auf, dass ihr musikalisch sehr vielfältig an die Sache herangegangen seid. Die Songs klingen recht unterschiedlich. Wie sah eure musikalische Idee aus? War die schon zu Beginn da?

Moritz Gamper: Um ehrlich zu sein,eigentlich nicht.

Simon Mayrl: Ich denke, wie ein Song am Ende klingt, hat auch viel damit zu tun, in welcher Phase oder in welcher Zeit er entsteht. Wir hören ja alle viel Musik. Und einmal ist es die und ein anderes Mal eine andere. Das beeinflusst uns schon. So gesehen ist es auch kein Wunder, dass unsere poppigen Nummern in einer Phase entstanden sind, in der wir viel Pop gehört haben, und die rockigen in einer, in der bei uns viel Rock lief. Dazu kommt auch, dass wir Spaß daran haben, viele Dinge auszuprobieren. Da schränken wir uns in keiner Weise ein. Wir lassen viel zu. Das mag auch der Grund dafür sein, dass unsere Songs so unterschiedlich sind.

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Moritz Gamper: Ergänzend möchte ich noch dazusagen, dass wir seit 2020 in der jetzigen Konstellation spielen, viele Songs aber aus der Zeit davor stammen. Daher haben Florian und Julian auch noch eher weniger Anteil daran, wie die Songs klingen. Das wird bei einem nächsten Album mit Sicherheit anders sein. Ich denke, dass wir uns in Sachen Sound ständig weiterentwickeln und sich so die Richtung auch etwas vom Rockigen hin zu etwas mehr Tribal und etwas mehr Rhythmischem verschieben wird. Vielleicht wird es auch etwas psychedelischer als noch auf diesem Album. Wir wissen jetzt, glaube ich, schon mehr, was wir machen und in welche Richtung wir gehen wollen. „Mother“ war ein Selbstfindungsprozess, was man schon ein wenig hört.

„WIR HABEN EINFACH DIE AMBITION, IMMER BESSER ZU WERDEN.“

Aber ich denke, ihr seid schon sehr zufrieden mit diesem Debüt, oder?

Simon Mayrl: Natürlich sind wir sehr froh, dass wir es veröffentlicht und jetzt etwas in der Hand haben. Und wir haben ein paar echt coole Nummern dabei. Aber wir haben auch gesehen, was gut funktioniert und was wir verbessern können. Wir haben einfach die Ambition, immer besser zu werden. So gesehen haben wir einen echt guten Start hingelegt. Wir wollen uns aber immer weiterentwickeln.
Was wir sehen, ist, dass sich unsere Liveshows doch noch von unserem Album unterscheiden. Live bekommen wir die Songs richtig gut rüber. Wenn ich mir das Album anhöre und betrachte, wie wir live sind, habe ich das Gefühl, dass wir bei einem Konzert zeigen können, was wir wirklich sind. Das Album steht eher ein wenig dafür, was wir waren.

Moritz Gamper: Als wir begonnen haben, an unserem Album zu arbeiten, waren wir ja noch nicht einmal vollzählig. Außerdem hatten wir auch lange nicht vor, ein Album zu machen. Wir wollten erst einmal eine Single nach der anderen rausbringen. Dann hatten wir aber doch irgendwann einmal genug Songs zusammen, sodass wir uns entschieden, doch eines zu machen, weil es schon immer ein großer Traum von uns war, ein Album veröffentlichen zu können. Und, bitte nicht falsch verstehen, ich stehe voll hinter unserem Album, ich finde, dass wir eine super Arbeit abgeliefert haben, und es gefällt mir wirklich gut. Allerdings denke ich mir, dass es in Zukunft vielleicht nicht so optimal ist, wenn wir immer versuchen, alles zu machen. Stattdessen, denke ich, werden wir uns in Zukunft eher für eine Richtung entscheiden, die vor allem live funktioniert, weil wir uns erster Linie schon als Liveband sehen. Man muss auch dazusagen, dass wir uns ja mitten in der Pandemie gegründet haben und eigentlich kaum live spielen konnten. Konzerte hätten uns die Möglichkeit gegeben auszutesten, was live mehr und was weniger gut funktioniert. So gesehen ist das Album selber ein wenig zum Test geworden.

Was alle Songs zusammenhält, ist diese doch immer leicht positive Grundstimmung, die sie transportieren, obwohl die Texte schon auch nachdenklich sind und manche Melodien zum leicht Melancholischen tendieren. 

Moritz Gamper: Ist das so? Vielleicht sind wir ja betriebsblind, dass uns das nicht mehr auffällt.

Florian Graf: Bei „On a High“ kann ich es mir definitiv vorstellen, dass wir das rüberbringen. Vielleicht auch bei „Prince Cloud“. Aber bei „Luxury Life“ oder „The Lion‘s Roar“ hätte ich das jetzt nicht so gesehen.

Was ich damit gemeint habe, ist, dass „Mother“ kein stimmungsschweres Album ist und …

Moritz Gamper: … auch Optimismus durchklingt. Ich glaube, dass das Schwere auch nicht in unserem Naturell liegt. Es gibt ja sehr viel Musik, die das hat und die mir auch sehr gut gefällt, nur habe ich nicht das Gefühl, dass ich so eine machen könnte.

Simon Mayrl: Wir sind nicht die melancholischen Typen, sondern eigentlich das Gegenteil. Vielleicht sind die südländischen Einflüsse, die wir mitgekriegt haben, der Grund dafür.

Moritz Gamper: Solen hat in diesem Sinne ja noch einen draufgesetzt. Ich glaube, der kann gar kein trauriges Lied machen [lacht].

Bild Desert May Bloom
Desert May Bloom (c) Luise Reichert

Florian, du bist während der Pandemie in die Band eingestiegen. Wie hast du das erlebt? Die Songs waren zu diesem Zeitpunkt bereits fertig, denke ich.

Florian Graf: Es war schon etwas eigenartig, so mitten in der Pandemie zur Band zu stoßen. Vieles passierte über Online-Meetings, persönliche Treffen gab es eher weniger. Aber ich denke, wir haben die etwas schwierige Situation dennoch gut gemeistert. Auf jeden Fall haben wir das Beste daraus gemacht. Bezüglich der Songs: Die grundlegenden Strukturen waren schon da, das stimmt, aber ich denke, dass sich an den Songs dann doch noch einiges geändert hat. Manche Albumversionen klingen schon ziemlich anders als die, die da waren, als ich eingestiegen bin.

Wie war es für euch als Band, die gerade am Durchstarten ist, durch die Pandemie plötzlich so gebremst zu werden?

Moritz Gamper: Wir haben 2017 eigentlich als stinknormale Studentenband begonnen. 2020 wollten wir dann eigentlich dazu nutzen, richtig Gas zu geben. Diese Entscheidung haben wir 2019 kurz vor dem Ausbruch der Pandemie getroffen. Wir waren alle mit unseren Studien fertig und waren wirklich bereit loszulegen. Und was dann gekommen ist, ist ja bekannt. Und es ist irgendwie komisch, denn das Leben einer*eines Musikerin*Musikers, die*der tagaus, tagein mit Musik beschäftigt ist, kannten wir ja nicht. So gesehen fehlen mir irgendwie die Vergleichswerte. Ich kann nicht sagen, wie sehr die Pandemie uns tatsächlich in unserem Tun eingeschränkt hat. An den Songs gearbeitet haben wir ja weiterhin.

Simon Mayrl: Die Situation war für uns – wie für viele andere auch – unklar. Wann darf man sich wo zu wievielt treffen? Wie kann man an den Songs denn jetzt weiterschreiben? Irgendwann haben wir begonnen, uns gegenseitig die Files zuzusenden, und so hat es dann eigentlich ganz gut funktioniert. Mit dieser Situation haben wir irgendwie alle gelernt zu leben. Was dagegen nicht so angenehm war, war, dass vielleicht nur zwanzig Leute in den Saal durften, wenn wir schon einmal Konzerte spielen konnten. Da kam klarerweise keine Verbindung zum Publikum zustande.

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„WIR SIND TATSÄCHLICH EINE DEMOKRATISCHE BAND.“

Bei fünf so verschiedenen Charakteren, wie ihr es seid, wie sieht da eigentlich der Songwritingprozess aus? Wer behält das letzte Wort?

Moritz Gamper: Eigentlich der, der seine Meinung durchsetzt. Wenn ich zum Beispiel meine, dass etwas das absolut Richtige für uns ist, dann versuche ich, das auch durchzusetzen. Bin ich mir aber unsicher und jemand anderer aus der Band hat eine starke Meinung, dann bin ich froh, dass dieser die Führung übernimmt. Wenn es wirklich hart auf hart geht, machen wir eine demokratische Entscheidung und derjenige, der seine Idee umgesetzt haben will, muss sich eine Mehrheit in der Band suchen.

Simon Mayrl: Wir sind tatsächlich eine demokratische Band. Wir treffen manche Entscheidungen wirklich nach diesem Prinzip. Wenn jemand wirklich etwas umsetzen will, muss er sich eine Mehrheit suchen. Wie in der Politik.

Euer Debüt trägt den Titel „Mother“. Was wollt ihr damit sagen?

Moritz Gamper: Das Wichtigste an einem Albumtitel ist, dass er einen besonderen Klang hat und etwas transportiert. „Mother“ steht für uns für den Anfang, für den Beginn von etwas, für unser erstes Album. Und dafür steht die Mutter als Symbol. Außerdem wollten wir das Debüt auch unseren Müttern widmen.

Simon Mayrl: Weil sie unsere ersten und größten Fans waren und uns immer unterstützt und gefördert haben. Ich lernte als Kind Posaune und hatte wirklich nicht immer Lust zu üben. Da hat mich meine Mama immer wieder angetrieben. Es wird einem oft erst als Erwachsener wirklich bewusst, wie wichtig das im Endeffekt ist. Umso mehr, als mir jetzt klar ist, wie farblos mein Leben ohne Musik wäre.

Moritz Gamper: Meine Mama hat mir einmal aus dem Nichts heraus eine Gitarre gekauft, ohne dass ich spielen konnte. Aber ab dem Tag ist es bei mir mit dem Gitarrespielen und der Musik wirklich losgegangen. Es ist zu meinem Thema Nummer eins geworden. Wenn sie das nicht getan hätte, wäre alles nicht so passiert. Daher haben unsere Mütter maßgeblichen Anteil an diesem Album.

Was sind eigentlich die Themen eurer Songs? Sind es persönliche Dinge?

Moritz Gamper: Persönlich sind die Texte eigentlich nicht wirklich, sie sind eher gesellschaftskritisch. Die Message ist schon über die eigene Persönlichkeit hinausgedacht, so als Auftrag, dass man Sachen in Gang setzt. Das ist uns schon etwas Wichtiges. Es geht uns nicht darum, den eigenen Herzschmerz zu besingen, wobei das natürlich auch seine Berechtigung hat und solche Themen auch viele ansprechen. Eine wichtige Message muss bei uns aber schon drinnen sein.

Jetzt ist das Album erschienen und es steht euer Releasekonzert an. Wie geht es jetzt weiter? Steht eine Tour auf dem Programm?

Florian Graf: Eine konkrete Tour steht zurzeit noch nicht auf dem Programm. Aber wir arbeiten mit Nachdruck daran, dass wir eine realisieren können. Und ich denke, dass unsere Zusammenarbeit mit „Rola Music“ da sicher hilfreich sein wird. Der Plan ist, dass wir für Februar 2023 eine Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz aufstellen. Schön wäre es auch, wenn unsere Südtiroler in der Gruppe ihre Connections spielen ließen und uns nach Italien bringen könnten.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

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Desert May Bloom – Albumrelease Show
04.06.2022 Studio Molière, Wien
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