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Die letzten zehn Jahre – was hat sich getan?

Eine Dekade geht zu Ende. Wir nehmen den Abschluss dieses Jahrzehnts zum Anlass, österreichische Musikschaffende*, Musikmanager*innen, Promoter*innen und Festivalbetreiber*innen nach ihren persönlichen Highlights der letzten zehn Jahre zu fragen und auch, wie sich die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit verändert haben.

HANNES TSCHÜRTZ (Ink Music)

Hannes Tschürtz (c) Elisabeth Anna

Was waren deine persönlichen Highlights der letzten zehn Jahre? (z.B. Konzerte, Releases, Tourneen, Begegnung mit Fans, spezielle Projekte)

Es sind letztlich die Momente, in denen sehr viel zusammenkommt und am richtigen Punkt ist. Und wenn ich das auf den unternehmerischen Kontext beschränken darf, gab es da glücklicherweise sehr viele solche, in denen einem das Gefühl überkommt, man ist jetzt Teil einer bleibenden Geschichte. Bilderbuchs erstes Arena Open Air war zweifellos so etwas. Das Ensemble-Konzert von Farewell Dear Ghost am Acoustic Lakeside 2018 war so etwas. Das Garish-Konzert im Innsbrucker Weekender, das eines der letzten überhaupt dort war. Yasmo’s Auftritt mit der Klangkantine und einem riesigen Frauenchor am Amadeus. Das allererste C’est la Mü Festival in der Cselley Mühle… die Liste ist zum Glück lang!

Haben die Digitalisierung und das damit einhergehende veränderte Hörverhalten Einfluss auf deine Produktion?

Natürlich hat das einen Einfluss – ob wir das wollen oder nicht. Wir halten das Albumformat mit Begeisterung hoch, aber die Art und Weise, wie es gedacht, produziert und vermarktet wird, hat sich verändert.

Vor welchen Herausforderungen stehst du als MusikschaffendeR/ -produzent*in heute im Gegensatz zu früher? Lässt sich das benennen?

Die Ökonomie des Geschäfts war und ist die größte Herausforderung – sprich: Es sich leisten zu können, das zu tun, was man tut. Mit der Marktentwicklung wird das nicht einfacher: Alles wird internationaler, globaler; damit auch der Druck, die Erwartungshaltung und die Notwendigkeiten, hinaus zu gehen höher. Das kostet wieder mehr Geld und Zeit und steigert das Risiko. Es wird nicht einfacher.

Kannst du uns drei Releases heimischer Acts nennen, die dich in den letzten zehn Jahren besonders beeinflusst haben?

Oh, nur drei?
Ohne „Schick Schock” von Bilderbuch (Maschin Records, 2015) wäre die österreichische Musiklandschaft nicht die, die sie heute ist.
Ohne „Wenn dir das meine Liebe nicht beweist” von Garish (Schoenwetter ‎Schallplatten, 2010) mit all seinen zeitlosen Klassikern wäre es für die Band und das Unternehmen wohl in eine andere Richtung gegangen.
Ohne „Sauna” (Leyya, Las Vegas Records, 2018) wären viele Fenster und Türen nicht aufgegangen und wir wären alle um einige Abenteuer ärmer.

Rückblickend hat aber so eine immense Dichte an hochklassigen Produktionen gegeben – solche, an denen wir als Betrieb irgendwie beteiligt waren und auch weit darüber hinaus – dass es ohne Zweifel vor zehn Jahren niemand für möglich gehalten hätte.

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JULIA LACHERSTORFER (Alma, Ramsch & Rosen)

Julia Lacherstorfer (c) Julia Geiter

Was waren deine persönlichen Highlights der letzten zehn Jahre? (z.B. Konzerte, Releases, Tourneen, Begegnung mit Fans, spezielle Projekte)

Am aufwendigsten, intensivsten, aber auch beglückendsten war sicher unsere jüngste Produktion „Cherubim“.
Meine speziellsten Konzert-Erlebnisse mit ALMA waren in den letzten Jahren:
Eröffnung der Wiener Festwochen 2018
Eröffnung wellenklænge Lunz am See 2018
„Cherubim“ Premiere im Wiener Musikverein 2019
Oft sind es aber auch kleine Momente, in denen man spürt, dass man in Resonanz geht mit dem Ort und dem Publikum. Bei den wellenklængen in Lunz am See habe ich dieses Gefühl ganz stark, sowohl als Ausführende als auch als Zuhörende.
Sehr aufregend und berührend war für mich auch ein kleines „Stubenkonzert“ mit Live-Aufnahme mit meinem Soloprojekt Spinnerin. Da fühle ich mich einfach sehr nackt und verletzlich, und es war sehr speziell und besonders schön, für wenige Nachbar*innen und Familie zu spielen.

Haben die Digitalisierung und das damit einhergehende veränderte Hörverhalten Einfluss auf deine Produktion?

Eigentlich nicht so stark. Es hat Einfluss auf mein eigenes Hörverhalten, aber nicht so stark auf meine Produktion von Tonträgern, da unsere Zuhörer*innen nach wie vor überraschend viele CDs kaufen.

Vor welchen Herausforderungen stehst du als MusikschaffendeR/ -produzent*in heute im Gegensatz zu früher? Lässt sich das benennen?

Mein eigener Anspruch hat sich erhöht, das ist die größte Herausforderung.

Kannst du uns drei Releases heimischer Acts nennen, die dich in den letzten zehn Jahren besonders beeinflusst haben? 

  1. Schmieds Puls – „Play Dead” (JazzWerkstatt Records) / Lotus Records, 2013)
  2. Strottern & JazzWerkstatt – „Elegant” (JazzWerkstatt Records, 2009)
  3. Soap&Skin – „From Gas to solid” (Play It Again Sam / Rough Trade, 2018)

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WALTER GRÖBCHEN (Monkey Music)

Bild (c) Walter Gröbchen

Was waren deine persönlichen Highlights der letzten zehn Jahre? (z.B. Konzerte, Releases, Tourneen, Begegnung mit Fans, spezielle Projekte)

Die Wiederbelebung des „Schallter“-Labels, das ja schon in den 80er Jahren ein wichtiges, geschmacks- und treffsicheres Biotop war. Mit diesem Abenteuerspielplatz haben wir uns legér vom Modediktat der FM4-Hypemaschinerie losgesagt und machen vorrangig, was uns Spaß macht. Etwa Neuauflagen von historischen Schätzen – von Hansi Lang bis Drahdiwaberl, von Werner Pirchner, Sigi Maron und Karl Ratzer bis Rosachrom. In Zukunft gern auch grenzüberschreitend – gerade verhandle ich eine Live-Edition des legendären Fehlfarben-Albums „Monarchie & Alltag“. Dazu kommen aber auch bemerkenswerte neue Produktionen (z.B. von Sir Tralala oder Das Trojanische Pferd), Compilations, Vinyl-Spezialeditionen (z.B. eine opulente Attersee-Box), limitierte Singles für Sammler und und und. Dass wir dazu parallel einen „Schallter“-Plattenladen gestartet haben, macht die Sache noch runder.

Haben die Digitalisierung und das damit einhergehende veränderte Hörverhalten Einfluss auf deine Produktion?

Nicht in dem Ausmaß, wie ich es erwartet hätte. Wir produzieren letztlich – mit wenigen Ausnahmen – Musik für Erwachsene, die noch das Album-Format und physische Tonträger schätzen. Die Digitalisierung, deren Fragwürdigkeiten mittlerweile die Verheißungen übertreffen, zieht einen ökonomischen Rahmen hoch, der alles gleichschaltet und formatiert – vom Produkt über dessen Promotion und Vertrieb bis hin zur Rezeption. Das große Streaming-Shangri-La? Ich finde das eigentlich enorm langweilig.

Vor welchen Herausforderungen stehst du als MusikschaffendeR/ -produzent*in heute im Gegensatz zu früher? Lässt sich das benennen?

Die Umbrüche der nächsten Jahre werden gewaltige sein. Vordergründig wird alles immer einfacher – von der Produktion im Wohnzimmer bis zum Musikvertrieb per Mausklick -, hinter den Kulissen wird alles immer komplexer, bürokratischer und unüberschaubarer. Die Zukunft gehört dem individuellen Künstler, der irgendwo auf diesem Planeten den Laptop aufklappt. Copyrights sind klar den Copyright-Inhabern zuzuordnen. „Middle Men“ fallen weg, Urheberrechtsgesellschaften erweitern ihr Aufgabengebiet und bieten z.B. Digitalvertrieb (Beispiel: GEMA), Booking & Live-Business sind mittlerweile fest in der Hand von internationalen Konzernen, die Major Companies werden sich entweder neu erfinden müssen (Beispiel: BMG) oder massiv in Gerichtsprozesse um die Gültigkeit alter Vertragsmodelle im neuen Business-Kontext (Stichwort: Erlösanteile bei Digitalvertrieb) hineingezogen werden. Indie-Labels sind und bleiben sentimentale Relikte, Liebhaber-Biotope und Kleinfamilien-Ersatz. Blockchain-Technologie, Smart Contracts und Big Data werden zu Alltagsphänomenen. Auch die Versuche, mit gesetzlichen Rahmenbedingungen – EU-Copyrightrichtlinien, Urhebervertragsrecht usw. – die Realität in den Griff zu bekommen, werden nicht abnehmen. Mal schau’n, wie das funktioniert.

Kannst du uns drei Releases heimischer Acts nennen, die dich in den letzten zehn Jahren besonders beeinflusst haben?

Da ist einerseits das „Neuer Austropop“-Triptychon Wanda/Der Nino aus Wien/Voodoo Jürgens – alles Acts, die Manager Stefan Redelsteiner in furioser Weise hochgejazzt hat. Hut ab! Dass er dabei label- und managementtechnisch auch wieder Federn lassen musste, scheint ihn nicht weiter zu bekümmern. Dieser Aufsteh’n & Weitermachen-Reflex ist ein lokales Phänomen. Mir fällt da auch Hannes Tschürtz (Ink Music) ein, der Bilderbuch, Ja Panik und Cari Cari verloren hat, aber trotzdem unbeirrt Kurs hält. Er hat mit Mira Lu Kovacs einen neuen Star im Management-Portfolio, der in Acts wie 5K HD – deren Debutalbum ich grandios finde – oder My Ugly Clementine erstrahlt. Generell sind es wohl Releases all der genannten Acts, die das Jahrzehnt geprägt haben. Weniger subjektiv, sondern durchaus objektiv betrachtet haben wir Ernst Molden zum Durchbruch verholfen – ihm fehlt nur mehr die Aufmerksamkeit von Ö3 & Co., um zum Volksheiligen zu werden. Das Album „Ho Rugg“ (Monkey Music) mit Willi Resetarits, Walther Soyka und Hannes Wirth, 2013 erschienen, ist mein persönliches Highlight des Jahrzehnts.

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STEFAN REDELSTEINER (Musikmanager)

Bild Stefan Redelsteiner
Stefan Redelsteiner (c) redelsteiner

Was waren deine persönlichen Highlights der letzten zehn Jahre? (z.B. Konzerte, Releases, Tourneen, Begegnung mit Fans, spezielle Projekte)

Meine goldenen Schallplatten, meine platinernen Schallplatten und meine doppelplatinernen Schallplatten.

Haben die Digitalisierung und das damit einhergehende veränderte Hörverhalten Einfluss auf deine Produktion?

Nicht wirklich; ich versuche mein eigenes Handeln möglichst wenig von äußeren Umständen abhängig zu machen.

Vor welchen Herausforderungen stehst du als MusikschaffendeR/ -produzent*in heute im Gegensatz zu früher? Lässt sich das benennen?

Immer dasselbe; gute, unverwechselbare Acts finden und sie danach zum Schotter zu führen.

Kannst du uns drei Releases heimischer Acts nennen, die dich in den letzten zehn Jahren besonders beeinflusst haben?

  1. Der Nino aus Wien – „Down in Albern” (Problembär Records , 2010)
  2. Wanda – „Amore” (Wandamusik / Rough Trade, 2014)
  3. Nockalm Quintett – „Zieh dich an und geh” (Koch Music, 2011)

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UTE PINTER (open music)

Ute Pinter (c) Matthias Wagner

Was waren deine persönlichen Highlights der letzten zehn Jahre? (z.B. Konzerte, Releases, Tourneen, Begegnung mit Fans, spezielle Projekte)?

Um ehrlich zu sein: Es waren erfreulicherweise viel zu viele, um sie hier anzuführen …

Haben die Digitalisierung und das damit einhergehende veränderte Hörverhalten Einfluss auf deine Produktion?

Ja, ich setze weiterhin auf die Kraft der Unmittelbarkeit von Live-Konzerten!

Vor welchen Herausforderungen stehst du als MusikschaffendeR/ -produzent*in heute im Gegensatz zu früher? Lässt sich das benennen?

Pseudo“komplexität“ in der Aufgabenfülle.

Kannst du uns drei Releases/Projekte heimischer Acts nennen, die dich in den letzten zehn Jahren besonders beeinflusst haben?

Siehe Frage 1

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HERWIG BAUER (poolbar-Festival)

Herwig Bauer (c) Matthias Rhomberg

Was waren deine persönlichen Highlights der letzten zehn Jahre? (z.B. Konzerte, Releases, Tourneen, Begegnung mit Fans, spezielle Projekte)

  1. Beim poolbar-Festival 2018 ein Abend mit einer extra für das poolbar-Festival zum 25-Jahr-Jubiläum komponierten Pergolesi-Stabat-Mater-Version von Gerald Futscher, inszeniert als „Neue Musik“ mit Aquarien im pool gemeinsam mit dem Ensemble Plus und einem Chor- und Performance-Team aus SchülerInnen des benachbarten BORG. Es war zum Weinen schön. Und danach: Die Eels in der brechend vollen Halle.
  2. Der Auftritt von Voodoo Jürgens beim Amadeus 2018, davor und danach: Glamour und Bombast, verzweifeltes Ringen um Aufmerksamkeit. Nur beim Voodoo-Auftritt: Ein echter Mensch. Und Ruhe.
  3. Die Ausstellung/Inszenierung von Ragnar Kjartansson in der TBA21 im Wiener Augarten. Sehr berührend.

Haben die Digitalisierung und das damit einhergehende veränderte Hörverhalten Einfluss auf deine Produktion?

Wenn man als „Produktion“ das poolbar-Festival betrachtet: ja, massiv. Die Beziehung zwischen Musikern und Publikum wird schnelllebiger und oberflächlicher. Das Musikangebot ist derart riesig und leicht zugänglich, dass immer weniger Fans sich wirklich in die Tiefen der Kunst eines Musikers eingraben. Es wird von Hit zu Hit geswitcht. Wir versuchen dem etwas gegenzusteuern, versuchen nicht unbedingt Trends hinterherzurennen, sondern wir versuchen Programm zu machen, das niemanden vor Ort kalt lässt. Übrigens auch mit ausgesucht guten Vorbands. Und gut gestaltetem Ambiente sowieso – das ist ja unser Supertrumpf.

Vor welchen Herausforderungen stehst du als MusikschaffendeR/ -produzent*in heute im Gegensatz zu früher? Lässt sich das benennen?

Vielleicht hat es einfach mit der Professionalisierung des poolbar-Festivals zu tun, aber ich habe doch sehr stark den Eindruck, dass die „Musikszene“ immer mehr zum „Musikbusiness“ wird. Während vor 20 Jahren Vieles bescheidener, undefinierter, menschlicher war, wird heute oft alles Geld und Karriere untergeordnet. Ich weine nicht der „guten, alten Zeit“ nach, denn bis zu einem gewissen Grad war diese Entwicklung, speziell in Österreich, überfällig. Und die richtig guten Bands aus Österreich verbiegen sich ja künstlerisch nicht sonderlich deswegen, sondern bleiben trotzdem sehr „eigenartig“, aber sie sind eben professioneller, zielstrebiger – und dadurch auch international besser konkurrenzfähig. Aber generell schrauben sich die (erwarteten) Honorar teilweise in groteske Höhen. Speziell Londoner Booking Agenturen neigen dazu, wenn eine junge Band in 3 Dorf-Pubs ausverkauft war und im NME gelobt wurde, zig-Tausende zu fordern. Die Herausforderung besteht also vielleicht verstärkt darin, immer dreistere Marketingschmähs und richtig gute Musik zu unterscheiden. Denn Live gibt´s dann nichts mehr zu mogeln.

Kannst du uns drei Releases heimischer Acts nennen, die dich in den letzten zehn Jahren besonders beeinflusst haben?

  1. Naked Lunch: Schon bei „Songs for the Exhausted” (Motor / Universal, 2004) dachte ich mir: Wow – wenn Radiohead so was machen, würde es die ganze Welt hören. Bei This Atom Heart of Ours (2007) ebenso. Für mich eine Art Wegbereiter der aktuellen Welle richtig guter Österreichischer Musik. Damals war das Label „Österreichische Musik“ leider noch eher Nach- als Vorteil. Naked Lunch haben wesentlich mitgeholfen, dass sich das geändert hat.
  2. Leyya: „Spanish Disco Deluxe“ (LasVegas Records, 2016).
  3. Farewell Dear Ghost: „We Were Wild Once“ (Ink Music, 2015). Perfekter Song. Habe ich vermutlich öfter gehört als jeden anderen in meinem Leben – weil unser inzwischen 8 Jahre alter Sohn ihn liebt und zeitweise Tag und Nacht gehört hat.
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SABINE KRONOWETTER (Promoterin)

Bild (c) Sabine Kronowetter

Was waren deine persönlichen Highlights der letzten zehn Jahre? (z.B. Konzerte, Releases, Tourneen, Begegnung mit Fans, spezielle Projekte)

Ich möchte an dieser Stelle nicht von bestimmten einzelnen Momenten sprechen, sondern von einem generellen Phänomen, das unsere gesamte Musikbranche verändert hat: Die Zunahme und die wiedergewonnene Bedeutung der Marke „Music Made in Austria“. Das hat sich in den letzten 10 Jahren massiv geändert/verbessert. Waren anfangs noch vereinzelt Bands am Kämpfen, – und hatten es bei Gott nicht einfach – kann man jetzt aus einem riesigen See fischen, in dem jeder seinen Platz gefunden hat. Das Potential war natürlich früher schon da, aber es hat vor circa 10 Jahren regelrecht eine Explosion an kreativen Bands und MusikerInnen gegeben. Dadurch haben die heimischen Medien & Veranstalter den Fokus auch wieder anders gelegt, die heimische Musik hat wieder an Bedeutung gewonnen, und die Musikschaffenden sind untereinander stärker zusammengewachsen. Wir haben eine große Vielfalt, auf die wir stolz sein können. DAS ist für mich DAS Highlight der letzten 10 Jahre!

Haben die Digitalisierung und das damit einhergehende veränderte Hörverhalten Einfluss auf deine Produktion?

Auf jeden Fall hat das Hörverhalten Einfluss auf meine Arbeit. Es geht alles viel rasanter, die Menschen kommen mit neuer Musik unkomplizierter und viel schneller in Berührung. Da muss man natürlich auch selbst in allem sehr flink sein. Ich sehe das grundsätzlich sehr positiv, aber das hat auch seine Tücken… siehe nächste Frage

Vor welchen Herausforderungen stehst du als MusikschaffendeR/ -produzent*in heute im Gegensatz zu früher? Lässt sich das benennen?

Wir können heutzutage aus dem Vollen schöpfen. Es ist viel einfacher Musik zu produzieren und zu veröffentlichen. Unzählige neue Bands/Projekte entstehen. Da wird es für den Konsumenten (und auch f. Veranstalter und Medienpartner) umso schwieriger zu filtern. Tonnen von Streams & Downloads. Wie soll man da schnell die richtige Auswahl finden? Labels und auch PR-Leute sind umso mehr gefordert. Aber auch die Musiker: Individualität ist gefragter und wichtiger denn je.

Kannst du uns drei Releases heimischer Acts nennen, die dich in den letzten zehn Jahren besonders beeinflusst haben?

  1. Soap & Skin – „Lovetune for Vacuum” (PIAS, 2009)
  2. Fennesz – „Bécs” (Editions Mego, 2014)
  3. Garish – „Trumpf” (Schoenwetter Schallplatten, 2014)

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PETER ROM (Musiker, Jazzwerkstatt Wien)

Peter Rom (c) Rania Moslam

Was waren deine persönlichen Highlights der letzten zehn Jahre? (z.B. Konzerte, Releases, Tourneen, Begegnung mit Fans, spezielle Projekte)

2014: “We Share a Decade” Gemeinsames Konzert von JazzWerkstatt Wien und Affine Records (Dorian Concept, Cid Rim, Wandl) im Brut in Wien.
2016: Rom Schaerer Eberle beim Inntöne Festival
2019: Synesthetic4 “Pickedem” CD-Präsentation im Wiener Konzerthaus

Haben die Digitalisierung und das damit einhergehende veränderte Hörverhalten Einfluss auf deine Produktion? 

Die Digitalisierung hat großen Einfluss auf den Aufnahmeprozess: man kann viel mehr zuhause vorbereiten und bearbeiten, auswählen etc. als früher.
Verändert hat sich auch, dass mittlerweile fast bei jeder Produktion ein Video, mitgeplant wird. In der Summe ist die Arbeit dadurch eher mehr geworden, aber man hat als Musiker mehr Einfluss auf alle Aspekte der Produktion.
Das veränderte Hörverhalten fließt bei mir eher unterbewusst ein…

Vor welchen Herausforderungen stehst du als MusikschaffendeR/ -produzent*in heute im Gegensatz zu früher? Lässt sich das benennen?

Nach den technischen Entwicklungen der letzten Jahre gibt es (zumindest als gefühlte Realität) für jede(n) einzelne(n) die Möglichkeit, das musikalische Produkt, die Kunst, und sei es ein Nischenprodukt, am Markt zu platzieren. Im “demokratischen” Youtube Prinzip bringen mehr Klicks mehr Relevanz.
Eine Herausforderung ist es möglicherweise, bewusst mit dem Unterschied zwischen “Werken” wo es zum Beispiel um künstlerische und emotionale Tiefe geht und Marketing, wo es um schnelles Aufmerksamkeit-Generieren und Kaufaufforderung geht, umzugehen.

Kannst du uns drei Releases heimischer Acts nennen, die dich in den letzten zehn Jahren besonders beeinflusst haben? 

  1. Flower – „Flower” (Freifeld Tonträger, 2010)
  2. KoenigLeopold – „Eure Armut kotzt mich an” (JazzWerkstatt Records, 2013)
  3. Monophobe & Karma Art – „Gumm EP” (Prrrrrrr Records, 2017)

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KERSTIN BREYER, Lelo BROSSMANN (Wohnzimmer Records)

Kerstin Breyer (c) Wohnzimmer Promotion

Was waren deine persönlichen Highlights der letzten zehn Jahre? (z.B. Konzerte, Releases, Tourneen, Begegnung mit Fans, spezielle Projekte)

Unser persönliches Highlight heuer war die Teilnahme vom PAENDA am Eurovision Song Contest. Gewonnen haben wir zwar nix, aber für uns zählte ohnehin der olympische Gedanke: die Möglichkeit dort vor Ort dabei zu sein und dieses Spektakel mal „von innen“ zu erleben, war ein spannendes Erlebnis.

Haben die Digitalisierung und das damit einhergehende veränderte Hörverhalten Einfluss auf deine Produktion?

Die Verkaufszahlen im physikalischen Vertrieb sinken stetig, deshalb produzieren wir großteils kleinere Auflagen, an der Herangehensweise hat sich aber nichts geändert. Für uns ist nach wie vor das Album als Gesamtpaket zentrales Produkt und wir denken auch sowohl planungs- als auch promotiontechnisch nach wie vor in Albenzyklen.

Vor welchen Herausforderungen stehst du als MusikschaffendeR/ -produzent*in heute im Gegensatz zu früher? Lässt sich das benennen?

Lelo Brossmann (c) Wohnzimmer Promotion

Im Social Media-Zeitalter geht es kaum noch, ohne dass sich Künstler selbst vermarkten. Jeden Tag fünf Instagram-Stories zu posten, ist nicht jedermanns Sache, aber zumindest eine gewisse Aktivität und Präsenz abseits von Konzertbühnen und Interviews schadet sicher nicht.

Kannst du uns drei Releases heimischer Acts nennen, die dich in den letzten zehn Jahren besonders beeinflusst haben?

„Schick Schock“ von Bilderbuch (Maschin Records, 2015) und „Amore“ von Wanda (Wandamusik / Rough Trade, 2014) sind sicher die zwei essenziellsten Alben der letzten Jahre, weil sie Österreich wieder auf die Pop-Landkarte katapultiert haben.

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WOLFGANG MÖSTL (Mile Me Deaf, Melt downer)

Wolfgang Möstl (c) Tanja Möstl

Was waren deine persönlichen Highlights der letzten zehn Jahre? (z.B. Konzerte, Releases, Tourneen, Begegnung mit Fans, spezielle Projekte)

Ich hab letztens nachgezählt und seit 2010 stehe ich bei 76 musikalischen Veröffentlichungen in den Credits. Da sind alleine bei den Releases schon unzählige Highlights dabei. Eigentlich waren die letzten zehn Jahre für mich ein einziges Musik-Highlight. Ich hab das Jahrzehnt mit einem Umzug nach Wien begonnen, was an sich schon sehr super war, hab zusätzlich so viele neue super Menschen hier kennengelernt, die mein Leben positiv prägten und prägen. Ich durfte hunderte Konzerte in Europa und den USA spielen und traf unendlich viele freundliche Menschen. Es gab einige großartige kreative Projekte bei denen ich mitwirkte und ich konnte am laufenden Band meine comfort zone verlassen. Alles in allem haben mir die Zehner Jahre sehr viel gegeben, wofür ich dankbar bin, Das war einfach mein Jahrzehnt. (lacht)

Haben die Digitalisierung und das damit einhergehende veränderte Hörverhalten Einfluss auf deine Produktion?

Bei meiner eigenen Musik haben sich dadurch auf jeden Fall die Einflüsse potenziert. Nicht dass ich nicht 1999 auch schon mp3s gesaugt hätte, aber in den letzten Jahren hab ich so viel altes und neues obskures Zeug kennen- und lieben gelernt. Einerseits war es bis vor kurzem sehr schwer, an bestimmte Sachen ranzukommen, und andererseits gibt es einfach sooo viele gute Acts, die ihr Zeug auf Bandcamp etc. stellen. Das fließt nun alles irgendwie in mein kreatives Schaffen. Waren es früher eine Handvoll Bands und Platten, die ein Album beeinflusst hatten, ist es jetzt ein ganzer digitaler Megastore.

Vor welchen Herausforderungen stehst du als MusikschaffendeR/ -produzent*in heute im Gegensatz zu früher? Lässt sich das benennen?

Einerseits ist es natürlich schwieriger, sich bei den unzähligen Releases, die jeden Tag herauskommen, irgendwie Gehör zu verschaffen. Andererseits gibt es aber für jede Nische eine digitale Infrastruktur und Hörer*innenschaft. Für mich war früher die Frage nach dem eigenen Genre die Hölle, was sich geändert hat. Inzwischen ist es für mich relativ wichtig zu wissen, wo die jeweilige Musik funktionieren und angenommen werden könnte.

Kannst du uns drei Releases heimischer Acts nennen, die dich in den letzten zehn Jahren besonders beeinflusst haben?

Von folgenden drei Releases habe ich unter anderem immer wieder Ideen geborgt – Danke, Bussi.

    1. Leyya – „Sauna” (Las Vegas Records, 2018))
    2. Eternias – „Sould Out” (Seayou Records, 2012)
    3. The Gitarren der Liebe – „How i failed to trick my destiny” (Numavi Records‎, 2016)

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SUSANNE KIRCHMAYR (ELECTRIC INDIGO)

Electric Indigo (c) Bernd Preiml

Was waren deine persönlichen Highlights der letzten zehn Jahre? (z.B. Konzerte, Releases, Tourneen, Begegnung mit Fans, spezielle Projekte)

Diverse Projekte mit Pia Palme seit 2007
outstanding artist award Musik 2012
Uraufführung „Chiffres” bei Wien Modern 2012
Erster female:pressure FACTS Survey 2013 und dessen Folgen
Debutalbumrelease auf Imbalance Computer Music 2018
DJ Set beim Freedom Festival Medellín 2019
Mexiko/Honduras-Tournee mit resom 2019

Haben die Digitalisierung und das damit einhergehende veränderte Hörverhalten Einfluss auf deine Produktion?

Das Hörverhalten nicht, aber die immer leistungsfähigeren Computer definitiv ja. Meine Art Musik zu machen hat sich in den letzten 10 Jahren vollkommen in den digitalen Bereich verschoben.

Vor welchen Herausforderungen stehst du als MusikschaffendeR/ -produzent*in heute im Gegensatz zu früher? Lässt sich das benennen?

An Negativem fällt mir zuallererst das ein: Es ist ganz schön anstrengend, sich pflichtbewusst den eigenen Social Media-Profilen zu widmen und dort so zu agieren, wie es heißt, dass man sollte. Ich kann das nur ignorieren und versuchen authentisch zu bleiben. Zu Letzerem gehört, eben oft keine Lust aufs Posten zu haben…
Ansonsten finde ich, dass die Szene interessanter, vielfältiger und zugänglicher geworden ist und sich unter der Voraussetzung, dass man als Musiker*in auftreten und reisen kann und will (dazu gehören Privilegien wie der richtige Reispass, z. B.), vieles zum Positiven verändert hat. Das kann ich natürlich auch deshalb locker sagen, weil ich auch zuvor kein wesentliches Einkommen aus Musikproduktion hatte. De facto ist das gestiegen, was mit meiner künstlerischen Entwicklung zusammenhängt.

Kannst du uns drei Releases heimischer Acts nennen, die dich in den letzten zehn Jahren besonders beeinflusst haben?

  1. Chra – „Empty Airport” (Editions Mego , 2015)
  2. Ventil – „Ventil” (Ventil records, 2015)
  3. Katharina Ernst – „Extrametric” (Ventil Records, 2018)
  4. Fennesz – „Agora” (Touch, 2019)
  5. Pita – „Get In” (Editions Mego, 2016)

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OLIVER JOHNSON (DORIAN CONCEPT)

Dorian Concept (c) Jakob Gsöllpointner

Was waren deine persönlichen Highlights der letzten zehn Jahre? (z.B. Konzerte, Releases, Tourneen, Begegnung mit Fans, spezielle Projekte)

Dass ich keine Kompromisse eingehen musste und das machen konnte, was ich wollte. Hoffentlich auch zehn weitere Jahre!

Haben die Digitalisierung und das damit einhergehende veränderte Hörverhalten Einfluss auf deine Produktion?

Ich glaube nicht – und es würde meiner Musik auch nicht gut tun. Ich denke, dass ich in solchen Fällen immer eher Auswege suche, statt mich mit Gewohnheiten zu beschäftigen.

Vor welchen Herausforderungen stehst du als MusikschaffendeR/ -produzent*in heute im Gegensatz zu früher? Lässt sich das benennen?

Ich denke die größte Herausforderung ist weiterhin die, mich selbst in meinem Schaffensprozess zu überraschen.
Ansonsten, ja – es machen jetzt einfach viel mehr Menschen elektronische Musik. Das “Durchkommen” wird vielleicht ein wenig schwieriger.
Aber andererseits gibt es, finde ich, auch mehr Platz zum “Anders-sein”.

Kannst du uns drei Releases heimischer Acts nennen, die dich in den letzten zehn Jahren besonders beeinflusst haben?

Fällt mir jetzt spontan schwer, aber ich finde, das was rund um die JazzWerkstatt Wien passiert sehr inspirierend.

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BERNHARD FLEISCHMANN

Bernhard Fleischmann (c) Walter Mussil

Was waren deine persönlichen Highlights der letzten zehn Jahre? (z.B. Konzerte, Releases, Tourneen, Begegnung mit Fans, spezielle Projekte)

Highlights hat es zum Glück viele gegeben.
Konzerte waren da zum Beispiel: Endlich LCD Soundsystem beim Primavera Festival zu sehen – hab mich da eine Stunde vor Konzertbeginn zur Bühne gestellt, um das bei dieser Riesenbühne ganz vorne mitzuerleben – Viel Gänsehaut hatte ich da . . . beim gleichen Festival hab ich auch Brian Wilson gesehen – auch da viel Gänsehaut.
Ich erinnere mich auch sehr intensiv an ein Überraschungskonzert beim Donaufestival im Kesselhaus Kino vor einigen Jahren – Peter Kutin hat dort mit einem Projekt gespielt – das hat mich ziemlich begeistert. Das erste Caribou Konzert in der Arena vor einigen Jahren war auch ein ziemliches Highlight für mich – die Konzerte von der Band danach waren dann weit weniger mitreißend für mich – da war mir alles zu ausgecheckt und die in der Arena so tollen „freien“ und rhythmisch wilderen Passagen waren nur noch in homöopathischen Dosen vorhanden (für mich).
Als Festival hat mir die „Alien Disko“ in den letzten 4 Jahren am meisten tolle musikalische Überraschungen geboten – ich kenn kein anderes Festival, das einen derart spannenden Bogen zwischen stillem Songwriting und ekstatischem Jazz bis hin zu Punk und Elektronik spannt – es gab keine Ausgabe, bei der ich nicht zumindest zwei totale „WOW“ Erlebnisse hatte, einfach DAS Festival von Musikfans für Musikfans über Genregrenzen hinweg.
Als Musiker war sicher das gemeinsame Konzert mit Daniel Johnston in der Arena ein absolutes Highlight – Danke nochmal Andi Dvorak fürs Backingband zusammenstellen!
Der Filmpreis für die Musik zu „L´Animale” war natürlich auch schön, wobei die Arbeit an der Musik mit dem gesamten Team mindestens genauso fein war.
Als b. fleischmann war der Release der etwas langwierigen und nicht immer leichten Arbeit an „Stop Making Fans“ schon besonders, und auch da habe ich das Glück mit Gloria Amesbauer, Markus Schneider und Valentin Duit mit besonderen Menschen Musik machen zu dürfen.
Sonst ist eigentlich jedes Projekt an dem ich arbeite immer ein Highlight, nachdem ich versuche, nur noch zu Dingen zuzusagen, bei denen ich das Gefühl habe, das es ein solches werden könnte.
Die Arbeit mit Jochen Irmler im Faust Studio Scheer für Villalog war extrem super!
UND: die Signale Festivals mitzuorganisieren und zu sehen, dass es auch viele junge Menschen gibt, denen andere Menschen nicht egal sind . . .

Haben die Digitalisierung und das damit einhergehende veränderte Hörverhalten Einfluss auf deine Produktion?

Nein – da arbeite ich immer noch wie vor 25 Jahren. Ich versuche, beim Arbeiten an einem Album eine Geschichte zu erzählen und denke dabei immer im Album-Format. Tendenziell sind meine Stücke und meine Alben immer zu lange – zumindest habe ich oft das Feedback bekommen – „Sorry zu lange fürs Radio” . . . „Sorry, das sind zu viele Stücke für ein Album – bitte kürzen.” Wobei ich persönlich die langen Stücke immer noch sehr sehr gern habe – ich denke auch nicht, dass ich jetzt damit beginnen werde, jedes Album doppelt zu veröffentlichen (1x mit Vocals, 1x instrumental), wie es jetzt anscheinend gemacht wird, um lange Playlists zu haben – ein Stück hat für mich entweder Gesang oder nicht.

Vor welchen Herausforderungen stehst du als MusikschaffendeR/ -produzent*in heute im Gegensatz zu früher? Lässt sich das benennen?

Es ist schon so, dass ich mittlerweile mehr mit dem Kopf arbeite als vor 20 Jahren – in dem Sinne: „Wiederhole ich mich?“ – „Das hatte ich doch schon mal“ . . .
bzw. dauert es länger, bis ich mir sicher bin, dass mir etwas, das ich geschrieben oder aufgenommen habe auch wirklich taugt. Man könnte es so sagen: wenn man schon viele Geschichten erzählt hat, hat man weniger Figuren für neue Geschichten zur Auswahl . . .
Gleichzeitig wird es nicht leichter, Konzerte zu bekommen, zum einen, weil b. oder b.and fleischmann nicht mehr der allerneueste „heiße Scheiß“ ist – zum anderen, weil es soviel gute, spannende neue Acts gibt bei denen sich Veranstalter*innen sicherer sein können, die Location voll zu bekommen. Es versuchen natürlich auch mehr Bands, live zu spielen, nachdem die Einnahmen über Tonträger meistens die Produktion bei weitem nicht decken und daher die Releases oft teure Visitenkarten sind, um auf Festivals o.ä. zu spielen.
Aber insgesamt kann ich mich zum Glück nicht beschweren und will auch gar nicht sudern – ich hab das Glück, dass meine Musik Menschen am Theater und im Film mögen und somit komme ich dort zu spannenden Projekten und wir haben im letzten Jahr als b.and fleischmann eigentlich mehr gespielt als ich anfänglich erwartet habe – was mich sehr sehr freut!

Kannst du uns drei Releases heimischer Acts nennen, die dich in den letzten zehn Jahren besonders beeinflusst haben?

Eigentlich nicht. Zum einen weil ich die meiste Musik, die mich beeinflusst bzw. beeinflusst hat, in den Jahren davor gehört oder kennengelernt habe.
Es ist schon so, dass mich in den letzten Jahren halt weniger Musik dermaßen überrascht hat, wie in meinen 20er Jahren.
Weiters tue ich mir schwer, Musik geographisch und zeitlich einordnen zu wollen. Und zum anderen möchte ich hier nicht Antworten geben, um jemanden eine Freude zu machen oder um zu gefallen . . . daher leider nein – ABER
Großartige Konzerte mit dazugehörenden Platten habe ich von:
The Boiler
Andreas Spechtl
Markus Schneider
gehört.

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HERBERT MOLIN (veranstalter)

Herbert Molin (c) Molin
Herbert Molin (c) Molin

Was waren deine persönlichen Highlights der letzten zehn Jahre? (z.B. Konzerte, Releases, Tourneen, Begegnung mit Fans, spezielle Projekte)

Lingua Ignota, Author & Punisher, Odes (Ted Milton), Street Sects, Matt Elliott – von den Sachen, die ich selber veranstaltet hab.

Haben die Digitalisierung und das damit einhergehende veränderte Hörverhalten Einfluss auf deine Produktion?

Eigentlich weniger, man muss sich nur an andere Informationsquellen gewöhnen, aber das ist ja schon länger so.

Vor welchen Herausforderungen stehst du als MusikschaffendeR/ -produzent*in heute im Gegensatz zu früher? Lässt sich das benennen?

Nachdem ich ja weder Produzent noch Musiker bin, kann ich die Frage nicht wirklich beantworten…. Nur soviel: durch die unheimliche Menge an Veranstaltungen in Wien wird es schwieriger, sich mit Nischenveranstaltungen halbwegs durchzusetzen, auch in den sozialen Medien und den Medien überhaupt.

Kannst du uns drei Releases heimischer Acts nennen, die dich in den letzten zehn Jahren besonders beeinflusst haben?

The Boiler – „Body=Death” (Cut Surface, 2018)
Lady Lynch – „Lady Lynch” (Cut Surface, 2018)
Schrecken & Bernhard Bauch – „Schrecken & Bernhard Bauch” (Ventil Records, 2018)

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Alfred Pranzl (SKUG)

Was waren deine persönlichen Highlights der letzten zehn Jahre? (z.B. Konzerte, Releases, Tourneen, Begegnung mit Fans, spezielle Projekte)

Ich will das nicht unbedingt an Einzelbeispielen aufdröseln. In den Zehnerjahren gab es m. E. keine neu entstandene internationale Rockband, die Stadien füllen konnte. Rock ist tot, und feiert im kleineren Format doch nach wie vor fröhliche Urständ’. Um große heimische Maßstäbe anzulegen: Festzumachen an Wanda oder den musikalisch weitaus ergiebigeren funky Bilderbuch. Oder die wildwuchernde, im weitesten Sinne das Wiener Lied wiederbelebende Szene mit Voodoo Jürgens als Speerspitze. Hip-Hop und elektronische Musikformen haben Rock abgelöst und natürlich zählen nicht frauenverachtende Rapper zu meinen Favoriten, sondern etwa Kendrick Lamar, der mit „To Pimp a Butterfly“ das epochale Album des Jahrzehnts abgeliefert hat. Wider Rassismus, tief wurzelnd in Black American Music. Indietronica ist passé, die Zukunft gehört Conceptronica oder Post-Dubstep-Acts – empfohlen sei etwa die Rückschau auf Burials Jahrzehntwerk »Tunes 2011 to 2019« (Hyperdub). Darüber hinaus gehört die Zukunft selbstbewussten Frauen*, nicht zuletzt dank DIY und erschwinglichem Zugang zu Elektronik. So produzierte Jlin aus Gary, Indiana, 2017 mit „Black Origami“ die futuristisch-fantastische Blaupause des Abstract Footwork oder ist Holly Herndon jene Vorzeigemusikerin, die KI für fantastische chorale Popwerke nutzt. Nicht zu vergessen Planningtorock, die*der sich am Genderthema bravourös abarbeitet. Und neuerdings dringt das Gender-fluide sogar in die Wiener Staatsoper vor. Im Dezember 2019 eroberte Olga Neuwirth mit der grandiosen Oper „Orlando“ die letzte Männerbastion. Mit androgynen Kostümen, Elektronik und doch auch: Orchester. Analoge und elektronische Instrumente verschmelzen zu einem androgynen Hybriden …

Haben die Digitalisierung und das damit einhergehende veränderte Hörverhalten Einfluss auf deine Produktion?

Als Herausgeber von skug, dem Magazin für Musikkultur (skug feiert 2020 übrigens 30 Jahre seines Bestehens) bzw. der Online-Plattform skug.at nehme ich die Digitalisierung in vielerlei Facetten wahr. Für Jugendliche ist es selbstverständlich geworden, nicht mehr auf altbewährte Tonträger zurückzugreifen. Allgemein verschiebt sich alles mehr Richtung Bildkonsum mit Sound als Beigabe. skug aber ist Soundqualität ebenso wichtig wie das Analysieren von Musik, Kultur und Politik in ausführlichen Texten. skug setzt Kontrapunkte gegen eine zunehmende Boulevardisierung, die sensations- und somit profitgierig faktenbasierten Journalismus ständig unterläuft. Long reads gegen verkürzende Verdummung, um das Dilemma auf den Punkt zu bringen. Dass sich die Mehrheit von Musikfans lieber online informiert, hat skug das Erscheinen in haptischer Form gekostet. Das ist überwunden.

Vor welchen Herausforderungen stehst du als MusikschaffendeR/ -produzent*in heute im Gegensatz zu früher? Lässt sich das benennen?

Die Herausforderungen für skug sind enorm. Wir kümmern uns neben dem Mainstream in allen Schattierungen (von der famosen Beyoncé bis zum fatalen Gabalier) sehr gern um Künstler*innen aus periphereren Szenen. Manchmal hat man dabei das Gefühl, dass man eher für die*den Künstler*in schreibt, die*der den Artikel oder die Rezension als Referenz herzeigen kann, weil sonst kaum jemand über sie*ihn schreibt. skug präsent zu halten, wird eine ewige Herausforderung bleiben. Wir verbreiten unsere Inhalte mittlerweile dank wichtiger Mitarbeiter*innen, denen an dieser Stelle gedankt sei, auf Facebook, Instagram und Twitter. Um auch in der realen Musikwelt präsent zu sein, haben wir den Salon skug 2018 wieder ins Leben gerufen. Am 19. Dezember 2019 ist Salon skug Jahreskehraus im Spitzer beim Odeon Theater, mit Lesungen und einem Konzert von Der singende Bronco. Und am 18. Jänner 2020 steigt die 30 Jahre skug Geburtstagsfeier mit Felix Kubin und Mitra Mitra im Fluc.

Kannst du uns drei Releases heimischer Acts nennen, die dich in den letzten zehn Jahren besonders beeinflusst haben?

Weil ihnen die Zukunft gehören sollte: Monobrother hat heuer mit „Solodarität“ ein großartiges Album mit sozialpolitischer Thematik vorgelegt. Die Clubs Gürtel Squad oder Femme DMC garantieren Acts mit Lyrics abseits von Gewaltverherrlichung oder nationalem und Antifrauenchauvinismus. Besonders großartig sind die Rapper*innen aus den migrantischen Szenen. Etwa EsRAP, das Geschwisterpaar Esra und Enes Özmen, Ebow oder Yasmo und die Klangkantine usw. Ebenso phänomenal sind Avantgarde-Musikerinnen wie die international agierende Mia Zabelka, Alicia Edelweiss, Anna Anderluh, Lissie Rettenwander etc. oder etwa Soap & Skin an der Schnittstelle Avantgarde/Pop. Hier die Auswahl der drei Alben:

EsRAP – „Tschuschistan” (Springstoff, 2019)
Medusa’s Bed – „Lydia Lunch/Zahra Mani/Mia Zabelka: »s/t«” (Monotype/Cargo Records, 2013)
Soap & Skin – „From Gas to Solid / You Are My Friend” (Solfo/PIAS/Hoanzl, 2018)