Astrid Rieder (c) Trans Art

„Die Frage, ob die Interaktion gerade im Kontext des Zeitgenössischen wichtig ist, empfinde ich fast als einschränkend“ – ASTRID RIEDER (TRANS ART) im mica-Interview

Anlässlich der mittlerweile 50. „do trans-Art“ veranstaltet die Initiatorin ASTRID RIEDER unter dem Titel „SUMMIT of trans-Art“ ein zweitägiges Symposium, welches – hochkarätig besetzt – am 13. und 14. August in Salzburg über die Bühne gehen wird. Didi Neidhart sprach mit ASTRID RIEDER über das Konzept „trans-Art“, die Interaktion als Kunstpraxis und die Folgen von Corona.

Wie kam es zur Idee zum Symposium „SUMMIT of trans-Art“?

Astrid Rieder: Seit vielen Jahren beschäftige ich mich neben meiner künstlerischen Tätigkeit mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung der visuellen und akustischen Kunstgenres. Lange schon hatte ich die Idee eines Symposiums oder noch besser eines Studienlehrganges zu „trans-Art“. Als Anlass passend schien mir die 50. Darbietung der monatlich abgehaltenen Serie „do trans-Art“. Karlheinz Essl, den ich seit vielen Jahren kenne, hat mich in der Idee, dieses Symposium zu planen, bestärkt und mir auch die Zusammenarbeit für diese Jubiläumsperformance zugesagt.

Bild Karlheinz Essl
Karlheinz Essl (c) Pepo Schuster

Nach welchen Kriterien wurden die wissenschaftlichen Vorträge und die jeweiligen Referentinnen und Referenten ausgewählt?

Astrid Rieder: Die wissenschaftlichen Vorträge setzen sich aus den einzelnen Elementen der „trans-Art“ zusammen. Die Kolleginnen und Kollegen sind ausgewiesene Expertinnen und Experten in diesen Themen. Neben dem Fokus auf das einzelne Genre werden sie vor allem über die Verbindungen zu anderen Elementen, also wie eben die Struktur von „trans-Art“, sprechen. Ich freue mich sehr, folgende elf Referentinnen und Referenten für den „SUMMIT of trans-Art“ gewonnen zu haben: Patrizia Lobos Santos aus Lissabon, Jürgen Tabor aus Innsbruck, Christian Tschinkel, Christian Ofenbauer, Max Rieder, Peter Kutin, Irene Suchy aus Wien, Sabine Coelsch-Foissner, Wolfgang Richter, Ursula Spannberger, Petra Hinterberger und Alf Altendorf aus Salzburg.

„Mir geht es sehr darum, nicht zu verharren, sondern die oft bereits verkrusteten Abgrenzungen zu durchbrechen.“

Das Programm verspricht Vorträge wie „Abstrakte Zeichnung“ (Wolfgang Richter), „Neue Musik“ (Irene Suchy), „Elektroakustische Musik“ (Christian Tschinkel), „Performance“ (Jürgen Tabor) und „Raum“ (Max Rieder). Kann schon gesagt werden, worum es dabei konkret gehen wird bzw. wie sehr diese Vorträge auch auf das Grundkonzept von „trans-Art“ abgestimmt sind?

Astrid Rieder: Jeder Vortrag dauert dreißig Minuten inklusive Diskussion. Das sollte gut Zeit bieten, spezifische Merkmale des Themas darzustellen. Mir geht es sehr darum, nicht zu verharren, sondern die oft bereits verkrusteten Abgrenzungen zu durchbrechen. Anhand von Beispielen oder Visionen soll der Mehrwert des Dialoges zwischen den Genres herausgearbeitet werden. Dieser mit den spezifischen Ausdrucksformen geführte Dialog ist ein elementarer Bestandteil von „trans-Art“.

In einem weiteren Schwerpunkt soll es um die „Musikalisierung der Künste“ gehen. Hierbei stehen „Ästhetik“ (Peter Kutin), „Video“ (Petra Hinterberger) und „Radio“ (Alf Altendorf) im Mittelpunkt. Wieso „Musikalisierung“? Und nicht etwa „Medialisierung“, wodurch die zeitgenössische Kunst ja auch maßgeblich geprägt ist? Oder ist die „Musikalisierung“ als Transformationsmoment eben jenes trans-Art-Spezifikum, um das es beim Symposium geht?

Bild Christian Ofenbauer
Christian Ofenbauer (c) Trans Art

Astrid Rieder: Bei dem Vortrag von Christian Ofenbauer geht es um die „Musikalisierung der Künste“. Als Musiktheoretiker und Komponist betrachtet er das Thema verständlicherweise aus seiner Perspektive. Letztendlich hat jede Verbindung verschiedener Künste, vor allem wenn sie live und interaktiv passiert, eine gleichwertige Empfindung. Ich unterscheide genau, ob z. B. ein Bild zu einer Musik entsteht oder Musik zu einem Bild komponiert wird. Diese beiden Prozesse erfolgen unidirektional. Der schöpferische Prozess fußt auf einem vorgegebenen Werk. Ganz klar unterscheidet sich hiervon die von mir entwickelte „trans-Art Performance“, in der jede Protagonistin und jeder Protagonist auf Augenhöhe in ihren bzw. seinen jeweiligen Stilmitteln mit der Performancepartnerin und dem Performancepartner wie in einem Dialog kommuniziert.
Dieses Komponieren im Augenblick befreit von der Vorstellung, dass das eine dem anderen folgen muss. Die Themen Video und Radio werden sich mit dem Thema Medialisierung von Kunst befassen. Der Bezug zu meinen „trans-Art Performances“ ergibt sich aus den darüber produzierten Dokumentarvideos und Radiosendungen. Bisher wurde jeder Teil der Serie „do trans-Art“ aufgenommen. Die Tonaufnahme und das Gespräch mit der Performancepartnerin bzw. dem Performancepartner wurden in der von mir seit 2010 gestalteten Radiosendung „Atelier für neue Musik/trans-Art“ integriert und bleiben im Cultural Broadcasting Archive CBA abrufbar. Ich halte es für sehr wichtig, den Stellenwert dieser medialer Arbeiten, die uns ähnlich sind, darzustellen.

Neben den Vorträgen wird es auch eine von den Besucherinnen und Besuchern berührbare Installation, und zwar „A modern Primitiveness“ von Agustin Castilla Avila, sowie eine Videoinstallation von Irene Suchy über „MusicaFemina“ geben. Fungieren diese beiden Installationen dann als quasi Praxisbelege für das in den Vorträgen Verhandelte?

Astrid Rieder: Als Praxisbeleg für „trans-Art“ würde ich die beiden Präsentationen nicht bezeichnen. Vielmehr sollen sie die Möglichkeit eröffnen, einem kunstinteressierten Publikum Aktivitäten der Teilnehmerinnen und Teilnehmern vorzustellen. Das Dokumentarvideo von Irene Suchy zeigt z. B. einen Rundgang durch die von ihr kuratierte und organisierte Ausstellung „MusicaFemina“, welche 2018 in der Pflanzenorangerie im Schloss Schönbrunn zu sehen war. Es ging um Frauenschicksale in der Musik. Mit Mia Zabelka konnte ich eine „trans-Art Performance“ im Rahmen der Finissage durchführen. Der grafische Part der „Composition graphique musicale“ [das ist das Entstehungsprodukt einer „trans-Art Performance“; Anm.] wurde zur Mitfinanzierung der Ausstellung versteigert. Den Zuschlag erhielt Bettina Brand aus Berlin, sie ist Rundfunkautorin, Kulturmanagerin und Geschäftsführerin der „Dwight und Ursula Mamlok-Stiftung“. Die Installation von Agustin Castilla-Avila kann das Publikum berühren und es kann mit ihr spielen. Wie bereits erwähnt, geht es mir auch darum, meinen Kolleginnen und Kollegen eine Plattform zur Präsentation ihrer Kunstaktivitäten zu bieten. Ich bin eine begeisterte Netzwerkerin.

Bild Mia Zabelka & Astrid Rieder
Mia Zabelka & Astrid Rieder (c) Trans Art

„Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass positive Interaktion und konstruktiver Dialog die wesentlichsten Bestandteile einer tragfähigen Gesellschaft sind […]“

Zum Abschluss soll es eine Publikumsperformance geben, wo der musikalische Rahmen von Agustín Castilla-Ávila (Komponist, Gitarrist), Norbert Sprave (Akkordeon), Sebastian Jolles (Cello) und Soojin Lee (Stimme) gesetzt wird. Das Publikum kann daran interaktiv teilnehmen, indem es für eine definierte Zeitdauer den grafischen Teil übernehmen kann. Wie wichtig sind solche Interaktionen gerade im zeitgenössischen Kontext?

Bild Publikumsperformance
Publikumsperformance (c) Trans Art

Astrid Rieder: Diese Publikumsperformance könnte man einen Praxisbeleg nennen. Wenn auch nahezu alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer reichlich Bühnenerfahrung haben, ist das Verlassen des eigenen Kunstgenres für viele eine spannende und positive Erfahrung. Ich hoffe, dass viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Symposiums diese Gelegenheit nutzen werden. Gemeinsam wird sich ein großes Gesamtwerk entwickeln. Die Frage, ob die Interaktion gerade im zeitgenössischen Kontext wichtig ist, empfinde ich fast einschränkend. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass positive Interaktion und konstruktiver Dialog die wesentlichsten Bestandteile einer tragfähigen Gesellschaft sind, somit in allen Lebenslagen große Bedeutung haben. Das Zeitgenössische erleichtert durch seine abstrakten Ausdrucksformen den freiassoziativen Zugang zur individuellen Kunstwahrnehmung. In der „trans-Art“ können wir den Mehrwert der Polyästhetik sowohl als Publikum als auch Performerinnen und Performer erleben.

Nach der Publikumsperformance wird es im „Nachtcafé“ einen gemütlichen Ausklang geben. Gibt es dieses „Nachtcafé“ auch deshalb, weil erfahrungsgemäß bei den meisten Symposien das mitunter Spannendste abseits der Podien zur Sprache kommt?

Astrid Rieder: Diesen Programmpunkt habe ich erst vor Kurzem eingefügt. Als Gastgeberin, Veranstalterin und leidenschaftlich Involvierte bin ich das Programm schon sehr oft durchgegangen. Am Ende vermisste ich die Möglichkeit einer ausklingenden Kommunikation nach so einem überwältigenden Tag.

Symposien haben ja nicht unbedingt eine sofort messbare Nachhaltigkeit wie es etwa Festivals in Bezug auf Nächtigungszahlen etc. haben. Aber was wäre im Idealfall der Effekt solch eines geballten Zusammentreffens von kunsttheoretischen Ansätzen?

Astrid Rieder: Mein geheimer Wunsch wäre, dass dieser Faden aufgegriffen und weiterverfolgt wird. Messbar wären in diesem Bezug Einladungen zu weiteren „trans-Art Performances“ und Vorträgen, Symposien, Lehrgängen, Ausstellungen der gesammelten Werke in einem Museum, in einer Galerie, allgemein reges Interesse an „trans-Art“. Solange ich kann, werde ich mein Engagement für die „trans-Art“ im In- und Ausland fortsetzen.

„Soweit mit Schutzvorkehrungen, vernünftiger Distanz und Hygiene die behördlichen Auflagen die Veranstaltung zulassen, werden wir vollen Einsatz bringen.“

Das Programm und die Termine von „SUMMIT of trans-Art“ wurden Ende 2019, Anfang 2020 konzipiert und fixiert. Dann kam Corona. Wie war es, nicht zu wissen, ob das Ganze überhaupt stattfinden kann? Und wenn ja, in welchem Rahmen?

Bild Sebastian Jolles
Bild (c) Sebastian Jolles

Astrid Rieder: Ein Schreck war es schon. Ich war aber immer und bin auch noch zuversichtlich, dass der Terim für den „SUMMIT of trans-Art“ am 13. und am 14. August 2020 halten wird. Die Referentinnen und Referenten standen schon vor Corona fest. Natürlich wurden auch sie durch die einschränkenden Maßnahmen verunsichert, aber ich habe alle bekräftigt, an dem Plan festzuhalten. Auch habe ich die immer am zweiten Donnerstag im Monat abgehaltene Serie „do trans-Art“ trotz der Krise aufrechterhalten. Über Skype mit Mia Zabelka verbunden, konnte ich im März in meinem Atelier in Wals-Siezenheim die Performance durchführen. Mia war in ihrem Klanghaus in Untergreith in der Südsteiermark, ihre Katze saß während der gesamten Performance immer an ihrer Seite!
Die April-Performance habe ich mit Sebastian Jolles ebenso über Skype gestalten können. Dabei projizierten wir Sebastian mit seinem Cello über Beamer auf die große Zeichenfläche neben meiner papierenen Leinwand. Zum ersten Mal sah ich während der ganzen „trans-Art Performance“ meinem Performancepartner. Denn im üblichen Setting stehe ich mit dem Gesicht zur Zeichenfläche und nehme mit dem Gehör die Musik und den Raumklang auf. Im Mai arbeitete ich mit dem Pianisten Alexei Grots real in meinem Atelier zusammen. Das Publikum konnte noch nicht anwesend sein, die Darbietung wurde über Facebook live gestreamt. Im Juni war es dann so weit: Der Wiener Cellist Sebastian Jolles war mit der Bahn nach Wals angereist und eine nette Runde hatte sich im Publikum zusammengefunden, darunter zwei Cellistinnen.

Gibt es jetzt spezielle Auflagen oder hängen die von den kommenden Entwicklungen ab?

Astrid Rieder: Mit einer guten Portion Zweckoptimismus glaube ich, dass es keine relevante zweite Welle der Corona-Pandemie geben wird. Bis jetzt laufen die Vorbereitungen gut. Während der Einschränkungen habe ich überlegt, wie man das Symposium trotzdem abhalten könnte. Ich dachte über einen Live-Stream nach, dann wieder über ein Privatissimum, wie ich es bereits im Vorjahr als Teilnehmerin in Portugal erleben konnte. Dann dachte ich über die Räumlichkeiten nach und so entstand die Idee, das Mittagessen im Erdgeschoss abzuhalten, wo mehr Platz ist und die beiden Präsentationen auch während dieser Zeit gut gezeigt werden können. Soweit mit Schutzvorkehrungen, vernünftiger Distanz und Hygiene die behördlichen Auflagen die Veranstaltung zulassen, werden wir vollen Einsatz bringen.

Wie finanziert sich das Symposium?

Astrid Rieder: Grundsätzlich trage ich persönlich den Finanzierungsaufwand. Es freut mich, dass sich teilweise Unterstützungen durch die Kulturabteilungen von Stadt und Land Salzburg, durch die Babywunsch-Klinik Dr. Zajc in Wals-Siezenheim, durch das Tourismusbüro Wals-Siezenheim und die Sparkasse Salzburg zugesagt bekommen habe.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Didi Neidhart

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Symposium: SUMMIT of trans-Art
Don, 13.08. – Fre, 14.08.2020
jeweils ab 18:00 Uhr
Atelier Astrid Rieder
A-5072 Wals-Siezenheim/Salzburg
Bundesstraße 37, Top 6
https://www.astrid-rieder.com/
Um Anmeldung wird erbeten!