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„Die Förderung der jungen heimischen Jazzszene ist mir ein großes Anliegen“- ANDREAS FELBER (Ö1) im mica-Interview

Anfang Mai startete Ö1 mit einem neuen Programmschema, das erfreulicherweise dem Jazz mehr Platz und Sendezeit einräumt als bisher. ANDREAS FELBER, der Leiter der Ö1-Jazzredaktion und ein langjähriger Kenner der österreichischen Jazzszene, sprach mit Michael Ternai über die neuen Jazzsendungen, seine Sicht auf die heimische Szene und die Dinge, der ihr fehlen.

Können Sie vielleicht ein wenig über das neue Programmschema erzählen? Wie sieht es mit dem Jazzanteil darin aus?

Andreas Felber: Am 1. Mai ist eine Reform des Programmschemas in Kraft getreten, die einige Änderungen im Programm mit sich bringt. Aus Sicht des Jazz sind diese Veränderungen sehr erfreulich. Es gibt gleich zwei neue Sendungen. Beide am Sonntagabend im Rahmen eines neu geschaffenen Kunstsonntags. Bei diesen Sendungen handelt es sich einerseits um die „Radiosession“. Das ist eine Sendung, in der die beiden Moderatoren Klaus Wienerroither und Helmut Jasbar, die selbst ja als Musiker tätig sind, Musikergäste einladen, mit ihnen sprechen und auch gemeinsam musizieren werden. Andererseits gibt es die „Milestones“, in deren Rahmen der Fokus auf die Jazzgeschichte gerichtet wird. Themen sind Schallplatten und Meilensteine aus hundert Jahren Jazzgeschichte. Dieses Format ist mir besonders wichtig, weil die Jazzsendungen bisher meistens auf Aktuelles ausgerichtet waren und es keinen wirklichen Slot für die Jazzgeschichte gab.

Und die schon bisher laufenden Jazzsendungen wird es auch weiterhin geben.

Andreas Felber: Ja, die laufen weiter.  Und vielleicht sollte man sie auch alle nochmals erwähnen, weil das Jazzprogramm relativ zersplittert ist und nur wenige Leute wirklich einen Überblick haben, welche Jazzsendungen es auf Ö1 überhaupt gibt. Da gibt es die drei Sendungen, für die schon bisher die Jazzredaktion zuständig war: „On Stage“, immer am Montagabend von 19:30 bis 21 Uhr, hier werden Konzertmitschnitte präsentiert, die die Jazzredaktion auf Festivals bzw. in Clubs in ganz Österreich aufnimmt. Dann die „Jazztime“, die einmal im Monat live im Radiocafe an einem Freitagabend stattfindet und in deren Rahmen vor Publikum live musiziert wird: Und schließlich die „Jazznacht“, die immer in der Nacht von Samstag auf Sonntag läuft und in der Regel ab 23.03 Uhr sieben Stunden lang Jazz bietet. Dazu kommen nun die beiden neuen Sendungen „Radiosession“ und „Milestones“, die ebenfalls bei der Jazzredaktion ressortieren. Und außerdem Sendungen, für die andere Producer zuständig sind: Jazz gibt es zum Beispiel jeden Donnerstag um 17.30 Uhr in den „Spielräumen“ und ab und zu auch in „Le week-end“ am Samstag.

Sie sind ja auch für die im Radiocafe stattfindende Konzertreihe „5 Millionen Pesos“ verantwortlich.

Andreas Felber: „5 Millionen Pesos“ habe ich vor einiger Zeit als Reihe für jungen Jazz in und aus Österreich initiiert. Das Konzept sieht vor, dass einmal im Monat ein Konzert im Radiocafe stattfindet, das aufgenommen und in der „Jazznacht“ ausgestrahlt wird. Und die Musikerinnen und Musiker, die gefeatured werden, sind dann auch die Studiogäste in der Sendung. Der Name kommt übrigens von der 5-Millionen-Pesos-Spende Argentiniens an das nach dem Ersten Weltkrieg wirtschaftlich marode Österreich, weshalb 1921 die Argentinierstraße – in der ja das ORF-Funkhaus steht – zu ihrem Namen kam.

Die Förderung der jungen heimischen Jazzszene scheint Ihnen generell ein großes Anliegen zu sein.

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Andreas Felber: Das ist mir tatsächlich ein großes Anliegen. Ich glaube, dass es Teil der natürlichen Verantwortung eines öffentlich-rechtlichen Rundfunksenders ist, die eigene Szene zu beleuchten. Darüber hinaus finde ich, dass sich im Moment in Österreich viele spannende Dinge tun, dass die junge Szene eine sehr interessante und lebhafte ist und sich in ihr sehr viele sehr eigenständige Talente tummeln. Diese zu ermutigen, sie sichtbar zu machen, ihnen eine Bühne zu bieten und ihnen damit vielleicht auch einen Impuls in der Entwicklung zu geben, ist mir wichtig.

Sie sind jetzt schon viele, viele Jahre ein Lautsprecher für die österreichische Jazzszene. Wenn sie zurückblicken, welche Entwicklungen sehen Sie?  Eine Zeit lang schien es – zumindest von außen betrachtet –, als hätte die Szene mit einigen Widrigkeiten zu kämpfen.

Andreas Felber: Zumindest schien um das Jahr 2010 so gewesen zu sein. In dieser Zeit sind viele alte Strukturen weggefallen. Das Vienna Art Orchestra wurde aufgelöst, Magazine wie die Jazzzeit sind eingestellt worden, der Hans Koller Preis wurde leider nicht mehr weitergeführt und auch das Birdland vom Joe Zawinul hat schließen müssen. Diese Strukturen waren wichtig und haben in den frühen Nuller-Jahren für einen – so würde ich sagen – kleinen Jazzboom in Wien gesorgt. Zumindest wurde das von deutschen Medien vielfach so wahrgenommen.

Aber ich würde nicht davon sprechen, dass die Szene dadurch weniger lebendig oder aktiv geworden ist. Auf der anderen Seite hat sich nämlich sehr viel Neues gebildet. Vor allem die jungen Musikerinnen und Musiker sind da in die Bresche gesprungen. Es wurden – beginnend mit der Jazzwerkstatt Wien 2004 – eine Reihe von Kollektiven und Kooperativen gegründet, in denen MusikerInnen auf Eigeninitiative ihre Dinge machen, Konzerte aufstellen, Festivals veranstalten und Platten bei den eigenen Labels rausbringen. Heute gibt es den Verein Freifeld um Alexander Yannilos und Georg Vogel, das Festival hoert hoert, das vom Label Listen Closely um Werner Zangerle veranstaltet wird und gerade erst stattgefunden hat. Es gibt das Label Session Work Records samt eigenem „Session Work Festival“ von Christoph Pepe Auer –  und so weiter. Es tut sich also – obwohl Manches von den alten Strukturen weggefallen sind – sehr viel.

Ich habe vor ein paar Jahren für den Falter einen Artikel darüber geschrieben und ein paar Leute interviewt. Unter diesen war auch Clemens Wenger, der die Entwicklung in der österreichischen Jazzszene in den letzten Jahren mit dem Begriff „Generationswechsel“ wahrscheinlich ganz treffend charakterisiert hat.

„Es gibt viele Leute, die erst in ihren Dreißigern oder Vierzigern den Jazz für sich entdecken.“

Geht man in Wien auf Jazzkonzerte, fällt auf, dass sich im Publikum auch eine wachsende Zahl junger Leute findet. Täuscht dieser Eindruck?

Andreas Felber: Nein, das empfinde ich auch so. Ich stimme auf jeden Fall nicht in das Klagelied ein, das oft gesungen wird, dass der Jazz kein junges Publikum hat. Erstens finde ich, hat der Jazz ein junges Publikum. Ich war erst kürzlich im Porgy & Bess bei einem Konzert von Fabian Rucker und war wirklich erstaunt wie niedrig der Altersdurchschnitt des Publikums dort war.

Ich sehe diese ganze Diskussion aber auch generell nicht so alarmierend, wie es andere tun. Natürlich ist es wichtig junges Publikum zu rekrutieren, ich halte jetzt aber auch nicht allzu viel von einer Fetischisierung des jungen Publikums. Es gibt viele Leute, die erst in ihren Dreißigern oder Vierzigern den Jazz für sich entdecken. Es gibt natürlich Venues, in denen das Klischee des Jazz als alte Männermusik erfüllt wird, aber diese sind in der Minderzahl.

Es hat vielleicht auch damit zu tun, dass viele junge Musikerinnen und Musiker alles andere als puristisch aufwachsen. Viele sind multipel sozialisiert, mit Jazz, Hip Hop, Pop und Rock aufgewachsen und  wollen zwischen den Sphären auch nicht mehr trennen. Entsprechend leichter tun sie sich dann auch, andere Publikumssparten anzusprechen. Sie kennen keine Berührungsängste und das hört man auch in ihrer Musik. Und dieser offene Zugang, dieses Interesse für das Verschiedene überträgt sich letztlich auch auf ihre Community. Man kann heute auf elektronische Musik stehen und auch auf ein Jazzkonzert zu gehen. Das bedeutet keinen Widerspruch mehr. Die Sphären sind einfach durchlässiger geworden.

Die österreichische Jazzszene zeigt sich aktuell enorm vielfältig und lebendig. Kann es sein, dass sich diese Vielfalt aus dem Umstand heraus entwickelt hat, dass Jazz in Österreich medial eher unter ferner lief bzw. kaum Beachtung fand und genau dies dazu führte, dass sich Musikerinnen und Musiker daher jede Freiheit nehmen konnten, genau das zu tun, was sie wollten?

Andreas Felber: Ich kenne diese Theorie. Ich habe vor ein paar Jahren im Profil einen Artikel gelesen, in dem so eine ähnliche Ansicht vertreten wurde. Dort aber in Bezug auf die Singer-Songwriter- und Popszene in Österreich. Dem würde ich in diesen Genres wahrscheinlich auch zustimmen. Bezüglich des Jazz verhält es sich meiner Meinung nach aber etwas anders.  Im Jazz war es immer schon so, dass es ein Leben und Arbeiten im Prekariat war. Daher waren die Erwartungen auch immer andere. Man konnte nicht hoffen, plötzlich von einer Plattenfirma entdeckt zu werden oder Ähnliches. Es mag schon sein, dass in den 1980er Jahren Verträge mit Majorlabels ein wenig häufiger waren, die Regel war das aber mit Sicherheit nicht. Das Leben des Jazzmusikers war immer eines in der Nische. Daher glaube ich, dass diese Theorie auf die Jazzszene nicht in dem Maße zutrifft wie auf die Popszene.

Junge Musikerinnen und Musiker sind heute sehr realistisch bezüglich ihrer Karriereaussichten. Sie wissen, dass sich die großen Zukunftsträume nicht so leicht realisieren lassen und sie die Dinge selbst in die Hand nehmen müssen.  Aber darin unterscheiden sie sich nicht wesentlich von älteren Generationen, die sich ebensowenig um irgendwelche Erwartungshaltungen geschert hat.

„Wobei ich es diesbezüglich überhaupt interessant finde, dass die heimische Szene zu Szenen mancher Nachbarländer sehr wenige Verbindungen aufweist.“

Wie wird die österreichische Szene Ihrer Meinung und Erfahrung nach  international wahrgenommen? Es scheint ja so, als würde sich der Scheinwerfer wieder mehr auf Österreich richten. Man spricht darüber, was hier passiert.

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Andreas Felber: Den Eindruck, dass Wien eine Art Brennpunkt der Jazzszene war, hatte ich in den frühen Nullerjahren stark. Und zu verdanken war das einigen, bereits vorher erwähnten Faktoren. Dem Hans Koller Preis, und hier vor allem der Kategorie des European Jazzprize, der einmal im Jahr die internationale mediale Aufmerksamkeit auf Wien zog. Joe Zawinuls Birdland war natürlich ebenfalls ein wichtiger Faktor. Und auch die Jazzzeit hat einiges ausgemacht.
Heute, würde ich sagen, herrscht in Deutschland auf jeden Fall Bewusstsein und Aufmerksamkeit gegenüber dem, was in der österreichischen Szene passiert. Da gibt es mittlerweile viele Verbindungen und ich kenne auch viele deutsche Journalisten, die interessiert sind und den österreichischen Jazz durchaus mitverfolgen. Auch in Richtung Schweiz, habe ich das Gefühl, passiert Einiges.

Aber in anderen Ländern sehe ich diese Aufmerksamkeit nicht in diesem Maße. Wobei ich es diesbezüglich überhaupt interessant finde, dass die heimische Szene zu Szenen mancher Nachbarländer sehr wenige Verbindungen aufweist. Zum Beispiel zu Italien. Ich hatte vor kurzem den italienischen Bassisten Rosario Bonaccorso, der in Vorarlberg lebt,  in der Jazztime zu Gast und er teilt mit mir diese Meinung. Vielleicht sind es die Sprachen, die Szenen oder einfach die verschiedenen ästhetischen Konzepte, die einen Austausch erschweren. Auf jeden Fall bemerke ich von Seiten der italienischen Szene jetzt kein wahnsinnig großes Interesse gegenüber der österreichischen. Umgekehrt ist es aber auch nicht viel anders.

Was fehlt Ihrer Meinung nach der österreichischen Jazzszene, um die nächste Ebene erreichen zu können? Vielleicht eine erhöhte mediale Aufmerksamkeit oder andere Dinge?

Andreas Felber: Der Wunsch nach stärkerer medialer Aufmerksamkeit ist ein sehr alter, der im Moment wenig realistisch scheint, weil den meisten Medien selbst gerade ein wenig die Luft auszugehen droht, da sie mit sinkenden Einnahmen am Inseratenmarkt zu kämpfen haben.

Ich bin bei Ö1 in der dankbaren Position, da ein wenig gegenzusteuern zu können. Und ich bin nach zwei Jahren als Leiter der Jazzredaktion eigentlich überrascht, wie vieles schon möglich war. Es ist nicht so, dass man hier gegen starre Strukturen ankämpfen muss und es immer heißt, dass – obwohl natürlich auch bei Ö1 eingespart werden muss – es kein Geld gibt. Die Kooperationsbereitschaft seitens der Kolleginnen und Kollegen ist da und das macht viel aus. Wenn man Ideen hat, Vorschläge bringt und natürlich auch ein wenig hartnäckig ist, dann besteht auch Interesse daran, die Dinge zu umzusetzen. Und es war auch schon einiges möglich, wie etwa die Reihe „5 Millionen Pesos“, das „Jazznacht“-Magazin oder auch der Ö1-Jazztag letztes Jahr am 30. April.

Um zur Frage zurück zu kommen: Was in Österreich meiner Meinung nach fehlt, sind – nebst vielem anderem – vor allem drei Dinge. Es gibt in Österreich kein international wirklich anerkanntes Label, das österreichischen Jazz in einem größeren Rahmen promoten könnte. So wie es aktuell zum Beispiel das ungarische Label BMC Records tut, das klassische sowie zeitgenössische Musik und Jazz herausbringt und die Zusammenarbeit von heimischen Musikerinnen und Musikern mit prominenten Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern fördert.  Es hat in Österreich im Laufe der Jahre zwar einige Versuche  – wie etwa Quinton – gegeben, daraus ist aber leider nie etwas geworden.

Was ebenfalls fehlt, ist ein Jazzpreis. Nachdem es den Hans Koller Preis leider nicht mehr gibt, klafft da eine Lücke. Zum Glück gibt es diesbezüglich mittlerweile Bestrebungen, diesen in anderer Form wieder ins Leben zu rufen. Auf Initiative von Harald Huber vom Österreichischen Musikrat hat es zu diesem Thema auch schon Gespräche mit dem Bundeskanzleramt gegeben. Bei einem dieser Treffen war ich auch dabei und was ich gehört habe, war, dass von Seiten des Kanzleramts durchaus der Wille da ist, den Preis wiederzubeleben. Ein solcher Jazzpreis wäre wichtig.

In Zusammenhang damit fehlt in Österreich auch – und das ist der dritte Punkt – so etwas wie eine Interessensvertretung, eine Art Lobby-Organisation für den Jazz. In Deutschland ist die „Union deutscher Jazzmusiker“ vor einigen Jahren wieder zum Leben erwacht, zudem gibt es Strukturen wie die „Bundeskonferenz Jazz“, die sich auf politischer Ebene für die improvisierte Musik einsetzt und etwa die Vergabe eines Spielstättenprogrammpreises erwirkt hat, in dessen Rahmen Jazzclubs gefördert werden. In der Schweiz gibt es das „Schweizer Musik Syndikat“, dass sich u. a. für Mindestgagen für JazzmusikerInnen einsetzt. In Österreich sind ähnliche Versuche bisher im Sand verlaufen. Eine derartige Interessensvertretung wäre von großer Bedeutung, damit die Jazzszene hierzulande mit einer starken, repräsentativen Stimme sprechen kann.

Vielen Dank für das Gespräch.

Michael Ternai

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