Bild Douglas Linton & the Plan Bs
Douglas Linton & the Plan Bs (c) Johannes Wahl

„Die Bühne ist unser natürlicher Lebensraum” – DOUGLAS LINTON & THE PLAN BS im mica-Interview

Der Singer-Songwriter DOUGLAS LINTON stammt ursprünglich aus Austin, Texas, und lebt seit einigen Jahren in Wien. Hier betreibt er die Band DOUGLAS LINTON & THE PLAN BS. Im Gespräch mit Jürgen Plank erzählten DOUGLAS LINTON und sein Bandkollege ALEX GANTZ, inwiefern sie Wien wie Nashville erleben, wie sie die bühnenfreie Corona-Zeit nutzen und welche Hoffnung sie in ihr demnächst erscheinendes Debütalbum „Gloryland“ (Lindo Records) setzen. 

Euer Debütalbum eröffnet mit einem Gospelsong, auf den ein Bluesstück folgt. Inwiefern gibt dieser Beginn die Richtung für das Album vor, nämlich diverse Americana-Spielarten zu deklinieren?

Alex Gantz: In der Art geht es auch munter weiter, darauf folgt eine Southern-Soul-Ballade, ein Jump Blues, eine Rumba usw.. Wir lieben musikalische Vielfalt, möchten aber auch, dass unsere Identität durchscheint und eine persönliche Handschrift sichtbar wird. Vielleicht orientieren wir uns da ein wenig am sehr individuellen Crossover jener Leute, die ab den späten 1960er-Jahren von Los Angeles aus begonnen haben, die musikalische Landkarte des Südens der USA zu erkunden, also zum Beispiel Ry Cooder, Little Feat und Taj Mahal.

Douglas Linton: Gospel wird mit den Angelegenheiten in Verbindung gebracht, die im Himmel so vor sich gehen, während der Blues von unserem Leben hier auf der Erde erzählt. Wir wollten also gleich von Beginn an deutlich machen, was dieses Album inhaltlich versucht, nämlich die Sehnsucht nach Spirituellem mit dem Verlangen nach ziemlich weltlichen Dingen unter einen Hut zu bringen. Darüber hinaus lässt einen die Musik wissen, dass man dabei ist, auf eine Reise zu gehen, und sich besser anschnallt.

Die Americana-Szene ist in Österreich eher klein und ein Nischenprogramm. Wie erlebt ihr die Szene?

Douglas Linton: Für mich ist Wien wie Nashville, nur halt für klassische Musik. Es gibt hier einige äußerst talentierte Leute, die die Seele amerikanischer Musik tief verinnerlicht haben, was mich sehr dazu angeregt hat, ein kreativer Teil dieser kleinen Gemeinschaft sein zu wollen. Das Album ist all diesen Menschen gewidmet, und natürlich auch jenen, die die Auftrittsmöglichkeiten für uns schaffen. Diese Musik scheint hier ein wenig unter dem Radar zu existieren, was schade ist, weil es viele Leute gibt, die wirklich gehört werden sollten.

Alex Gantz: Hier gibt es viele Bands aus diesem Genre, die seit vielen Jahren hervorragende Musik machen, etwa Son Of The Velvet Rat, die Lost Compadres und The Ghost And The Machine, um nur ein paar wenige zu nennen. Unser Freund, der Veranstalter Othmar Loschy, hat vor einigen Jahren ein äußerst gelungenes Wiener Americana-Festival auf die Beine gestellt. Es wäre sehr wünschenswert, wenn es so etwas in ähnlicher Form wieder gäbe.

Bild Douglas Linton & the Plan Bs
Douglas Linton & the Plan Bs (c) Johannes Wahl

„Ich habe immer die Songs anderer Leute gespielt und erst in den letzten zehn Jahren meine eigenen Lieder geschrieben.” 

Douglas, du stammst aus Texas. Hast du in den USA auch schon Musik gemacht und wie sind die Unterschiede diesbezüglich zwischen hier und dort?

Douglas Linton: Ich habe immer die Songs anderer Leute gespielt und erst in den letzten zehn Jahren meine eigenen Lieder geschrieben. Erst als ich diese Lieder zusammenhatte, wollte ich auf die Bühne, weil ich keinen großen Sinn darin gesehen habe, dem Publikum Geschichten zu erzählen, die andere Leute geschrieben haben. Als das passiert ist – und es kam alles auf einmal –, war ich bereit.

Gerade deine Heimatstadt Austin ist für ihre Live-Szene bekannt. In Wien gibt es – außerhalb von Corona-Zeiten – jeden Tag vielleicht zehn bis zwanzig Konzerte zur Auswahl. Sind es in Austin dann hundert pro Tag, oder wie kann man sich das vorstellen?

Douglas Linton: Als ich ein Kind war, ist meine Familie oft umgezogen, etwa alle fünf Jahre, und diese Tradition habe ich dann fortgesetzt, bis ich nach Wien kam. Davor habe ich am längsten in Austin gelebt, damals noch eine kleine Universitätsstadt, die sich im Sommer geleert hat, wenn die Studierenden und die Regierungsbeamten auf Urlaub waren. Es gab Musik an jeder Straßenecke, man konnte an jedem Tag der Woche ohne irgendeinen Plan ausgehen und trotzdem über etwas musikalisch Unglaubliches stolpern. Ich habe tatsächlich erst später realisiert, dass das nicht der Normalzustand in jeder Stadt ist.

Alex Gantz: Viele Leute assoziieren Austin zuallererst mit Blues und Venues wie dem Antone’s und dem Continental Club, aber die Szene dort war immer unglaublich vielfältig, wenn man z. B. an Namen wie Guy Clark, Joe Ely, Doug Sahm und Robert Earl Keen denkt. Aus Austin kommen viele sehr unterschiedliche Einflüsse für unsere Musik.

„Wenn man möchte, könnte man New Orleans als den kulturellen Mittelpunkt unserer Musik sehen.” 

Texas grenzt an Mexiko und der Süden der USA ist durch Lateinamerika ebenso geprägt wie durch afrikanische und europäische Einflüsse. Auf eurer Single „Since You’ve Been Gone“ verschmelzt ihr Akkordeon, eine bluesige Slide-Gitarre und karibische Rhythmen.

Alex Gantz: Wenn man möchte, könnte man New Orleans als den kulturellen Mittelpunkt unserer Musik sehen. Und der Rhythm & Blues dieser Stadt hat ganz deutlich karibische Wurzeln. Wir lieben es, uns diesen Traditionen auf eine eher undogmatische, aber respektvolle Art anzunähern.

Albumcover Gloryland
Albumcover “Gloryland”

Douglas Linton: Der Reichtum amerikanischer Musik kommt daher, dass die USA immer ein Sammelbecken für Kulturen aus allen Ecken der Welt waren. Ob die Menschen freiwillig oder unfreiwillig ihre Heimat verlassen haben, sie haben die Zutaten zu diesem musikalischen Gumbo mitgebracht. Es gibt einfach unendlich viele Inspirationsquellen.

Eines eurer Lieder heißt „Drinks on Black Monday“ und passt insofern zur aktuellen Corona-Situation, als es von einem Börsencrash handelt. Das ist ein ungewöhnliches Thema für einen Song, wie kam es dazu?

Douglas Linton: „Black Monday“ bezieht sich auf den Crash im Jahr 1987, mit dem bis vor wenigen Wochen größten Tagesverlust in der Geschichte der Wall Street. Wie kann man darüber keinen Song schreiben? Ich habe versucht einzufangen, wie es sich angefühlt haben muss, mitten im Geschehen zu sein. Für die Platte hat der Stoff fast den Effekt eines filmischen Schwenks.

Worum geht es in „Insomnia“? Beschreibt bitte den Hintergrund zu diesem Lied.

Douglas Linton: Alex hat die Musik geschrieben und kam auch gleich mit dem Vorschlag zum Titel. Ich habe dann über die vielen Songs über Leute nachgedacht, die verlassen wurden und nachts von ihrer verflossenen Liebe träumen. Das ist für sich genommen schon ziemlich traurig, aber stell dir einmal vor, du leidest in so einer Situation unter Schlaflosigkeit das gibt dem Thema den Status einer Tragödie. Der Refrain räumt mir außerdem die Chance ein, mich als Fado-Sänger zu versuchen. 

Ihr habt weite Teile des Albums live aufgenommen, inwiefern war euch das wichtig?

Alex Gantz: Die Platten, die wir lieben, leben von der Interaktion der Musiker und atmen die Atmosphäre des Raumes, in dem sie aufgenommen wurden. Wenn es so etwas wie perfekte Songs gibt, dann zeigt sich ihre Qualität oft auch gerade in ihren kleinen, nicht perfekten Details. Wir haben einen großen Raum gesucht, um dort sämtliche Basic-Tracks gemeinsam aufzunehmen, und sind glücklicherweise in der Wiener Sargfabrik fündig geworden, die sich als idealer Ort herausgestellt hat. Genau dort wird am 30. Oktober auch unser Präsentationskonzert stattfinden.

Das Titelstück „Gloryland“ ist ein Traditional. Was wisst ihr über dieses Stück?

Douglas Linton: Es gibt mehr als einen Song mit diesem Titel. Die Version, für die wir uns entschieden haben, wurde von der Marshall Family und Ralph Stanley gespielt. In der zweiten Strophe habe ich den Text verändert, sodass sie weniger vom Tod handelt und mehr den überschwänglichen Geist William Blakes atmet. Von dem Song geht eine sehr friedvolle, metaphysische Stimmung aus, auch etwas sehr Menschliches. Und ich denke, davon sind auch die Band und unsere Musik getragen, es ist also ein guter Einstieg ins Album.

Das Video zu „Train to Jordan“ habt ihr am Brunnenmarkt in Wien gedreht. Was war die Idee dahinter?

Douglas Linton: Ich wohne gleich ein paar Straßen weiter, der Markt ist also in meiner Nachbarschaft. Gedreht haben wir an der Ecke zur Grundsteingasse, wo ich früher einige Auftritte im Rahmen von Kunstfestivals hatte. Eine magische Straßenkreuzung, eine von denen, die man vielleicht nur in Ottakring findet. Andererseits: If I lived up the street from Atlantis, I would film a video there too.

Ein Debütalbum ist ein besonderer Moment für jede Band. Was hofft ihr, mit dem Album zu erreichen?

Alex Gantz: Es gibt in Österreich eine große Zahl an Leuten, die sich für handgemachte amerikanische Roots-Musik interessieren. Es wäre schön, wenn wir über den Umweg des Albums einige dieser Musikliebhaberinnen und Musikliebhaber zu unseren Konzerten locken könnten. Die Bühne ist unser natürlicher Lebensraum, live erzeugen wir eine ganz spezielle Energie und Dynamik.

Aktuell ist die Live-Szene abgesagt, ihr habt eure CD-Präsentation bereits verschoben. Wie ist die aktuelle Corona-Situation für euch? Was bedeutet das für weitere Termine?

Alex Gantz: Die Konzertabsagen empfinden wir natürlich als schlimm, andererseits bleibt uns in diesen Tagen aber auch viel Zeit, um uns zu Hause unseren Instrumenten zu widmen, Songs zu schreiben und an Arrangements zu arbeiten. Wir versuchen, das Beste daraus zu machen und kreativ zu bleiben.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Jürgen Plank

Links:
Douglas Linton & the Plan Bs
Lindo Records