Bild Bernhard Schnur
Bernhard Schnur (c) Elvira Faltermeier

„Die Beatles sind für mich einfach unschlagbar“ – BERNHARD SCHNUR im mica-Interview

Ganz früher war SNAKKERDU DENSK – seit rund 10 Jahren gibt es BERNHARD SCHNUR und Band. Im April 2018 legt Schnur ein neues Album vor: „Atom“. Im Interview mit Jürgen Plank erzählt er, warum ein 30 Jahre alter Kassettenrecorder wichtig für seinen Arbeitsprozess ist und warum er bei einem Tourkonzert in Hamburg Austern schlürfen musste.

Stimmt es, dass Sie sich bei der aktuellen Platte zum ersten Mal selbst aufgenommen haben und warum heißt die Platte „Atom“?

Bernhard Schnur: Ja, ich habe vor rund einem Jahr mit Homerecording angefangen. Und ab zirka Ende März 2017 war ich dann auch in einem Studio. Im Sommer 2017 gab es dann erste Coverideen und ich habe beschlossen, dass die Platte „Atom“ heißen soll. Es gibt auf der Platte das Lied „L’Atome“ und ich habe mir gedacht, dass das eigentlich ein schönes Wort ist. Ich wollte nicht einen Songtitel als Plattentitel nehmen und so heißt die Platte „Atom“.

Wieso singen Sie das Lied „L’Atome“ in französischer Sprache?

Bernhard Schnur: Ich kann nicht Französisch, aber dieser Song hat das einfach verlangt. Meistens ist es eh Englisch, aber manchmal ist es einfach so, dass Lieder nach anderen Sprachen verlangen. Ich konnten nur die Worte verwenden, die ich gekannt habe, wie „la mer“ oder „la nuit“.

Auf der neuen Platte wird viel Wert auf Melodien gelegt. Wie finden Sie Melodien für ein Lied?

Albumcover Atom
Albumcover “Atom”

Bernhard Schnur: Der Idealfall ist so, dass ich aufstehe und zu meinem Diwan gehe, die Gitarre nehme und in diesem Halbschlaf-Zustand dahin spiele. Dazu singe ich etwas. Und schon seit Jahrzehnten habe ich neben dem Diwan einen alten Kassettenrecorder stehen und damit nehme ich dann einige Takte als Skizze auf. Vielleicht jede vierzigste Idee ist so gut, dass ich weiter an ihr arbeite. Um diese Idee herum, baue ich dann einen Song.

Wie viele Kassetten haben Sie schon mit Ideen gefüllt und liegen die alle noch zu Hause?

Bernhard Schnur: Die habe ich wirklich alle noch, das geht nun schon seit über 20 Jahren so. Das war zu Snakkerdu Densk-Zeiten schon das gleiche Prinzip. Sogar derselbe Kassettenrecorder mit Doppelkassettendeck, der funktioniert noch immer. Den habe ich mir 1988 gekauft, als ich nach Wien gekommen bin. Fünf oder sechs Kassetten mit 90 Minuten Spieldauer werden es schon sein.

Überspielen Sie alte Ideen auf diesen Kassetten auch?

Bernhard Schnur: Nein. Für die neue Platte habe ich zum Beispiel eine Idee verwendet, die fünf Jahre alt ist, das war für das Lied „Verita“. Die Skizzen auf den Kassetten sind ein Fundus, auf den ich zurückgreife, wenn mir nichts Neues einfällt.

Welche Unterschiede haben sich bei den Liedern im Vergleich zur letzten Platte durch das Homerecording ergeben?

Bernhard Schnur: Mein Nachbar hat mir einen Laptop und ein Mischpult und alle nötigen Geräte zur Verfügung gestellt. Bei der Platte „Yol“ bin ich einfach ins Studio gegangen und habe sie aufgenommen. Die Arrangements, die ich mir zu den Liedern vorgestellt habe, wurden bei „Yol“ umgesetzt und gleich genommen.

„Bei diesem Album wollte ich die Arrangements bis ins letzte Detail durchprobieren“

Und bei „Atom“?

Bild Bernhard Schnur
Bernhard Schnur (c) Elvira Faltermeier

Bernhard Schnur: Bei diesem Album wollte ich die Arrangements bis ins letzte Detail durchprobieren. Ich wollte ausprobieren, ob es nicht auch noch andere Möglichkeiten gibt, das war, glaube ich, ganz wichtig. Das unterscheidet die beiden Platten: jetzt sind die Arrangements genauer, mehr auf den Punkt gekommen, weil ich sie eben alle zu Hause ausprobiert habe.

Sind Sie mit der aktuellen Platte somit mehr zufrieden als mit den Veröffentlichungen davor?

Bernhard Schnur: Ich bin mit diesem Album schon sehr zufrieden. Mit „Yol“ war ich auch zufrieden, es war das Beste, was ich machen konnte. Jetzt habe ich meine Möglichkeiten ausgeweitet und habe auch zum Beispiel mehr darauf geachtet, dass Höhen, Mitten und Tiefen jeweils gut zu hören sind.

Zum Lied „Breathe“ gibt es ein Video, in dem man Sie auf Tour in Berlin und in Hamburg sieht. Wie kam das Video zustande?

Bernhard Schnur: Das Video haben wir vor zwei Jahren gedreht, bei meiner ersten Deutschland-Tour. Da war mein Nachbar Tom Riedl mit der großen Kamera dabei und hat bei diesen neun Konzerten gedreht. Das Material ist dann Herumgelegen und ich habe jemanden von OKTO gebeten, mir ein Video zu diesem Lied aus diesem Material zu schneiden. Am 5. April im Fluc werde ich ein neues Video von Ahmet Aksu zum Lied „Danser Danser Danser“ präsentieren.

„Es tut meiner Psyche gut, dass ich auf der Bühne mal herumspringen und herumschreien kann und scheinbar auch witzig bin“

Sind Sie – wie Wilfried über sich selbst gesagt hat – ein ‚Live-Viech’?

Bernhard Schnur: Ich glaube, dass ich sonst eher ein ruhiger, introvertierter Typ bin. Auf der Bühne kommt meine andere Seite zum Vorschein, das tut mir wirklich wohl. Es tut meiner Psyche gut, dass ich auf der Bühne mal herumspringen und herumschreien kann und scheinbar auch witzig bin. Ich kann das sehr genießen und es wird mir schon unterstellt, dass ich ein Bühnen-Viech wäre. Bei Michael Jackson war das auch so, er war ein eher gehemmter Typ: auf der Bühne hat er sein anderes Ich zeigen können. Das tut sehr wohl, das kann ich nur jedem empfehlen.

Auf dem Album „Atom“ gibt es auch Bläsersätze zu hören. Wer hat diese beigesteuert?

Bernhard Schnur: Christoph Cech ist der Freund einer alten Freundin von mir aus dem Mühlviertel. Er ist einer der beiden Bandleader der Big Band Nouvelle Cuisine. Während eines Konzertes von Nouvelle Cuisine hatte ich die Idee einen solchen Sound hinzu zu fügen. Das war dann ein Freundschaftsdienst und an der Bruckner-Uni in Linz haben dann Studentinnen und Studenten die Arrangements eingespielt. Da war ich dabei.

Wie wird die Live-Umsetzung des Albums passieren? Es geht ja auch wieder nach Deutschland.

Bernhard Schnur: Deutschland ist natürlich nur solo möglich, in einer völlig reduzierten Form. Bandkonzerte gibt es nur in Wien und in Gutau. Dann geht es solo weiter nach Deutschland, in der linken Hand die Gitarre und über der rechten Schulter die Reisetasche. Mit rund 30 Kilogramm Marschgepäck fahre ich mit dem Zug ein paar Tausend Kilometer durch Deutschland. Das wäre mit Band finanziell absolut sinnlos.

Gibt es da ein besonderes Tour-Erlebnis?

Bernhard Schnur: Die letzte Tour war im November 2017 zu Ende und das Abschlusskonzert war in Hamburg in einer winzigen Fischbude an der Reeperbahn. Die war vielleicht 10 Quadratmeter groß. Um drei Uhr in der Früh hat der Wirt dann zu mir gesagt: „Eh Mann, du hast jetzt 5 Stunden lang gespielt.“ Da habe ich auch einige Beatles-Lieder gespielt, es gab einige Schnäpse für alle. Um drei Uhr in der Früh hat der Wirt eine große Kiste Austern geholt und ich musste auf der Bühne eine große Auster schlürfen. Die hat mir die Kraft für zwei Abschiedslieder gegeben. Das war ein völlig absurder Abend, aber herzlich und mitten im Trubel der Reeperbahn!

Welche Bands haben Sie in Ihrem Musikerleben begleitet?

Bernhard Schnur: Es begleitet mich seit meinem elften Lebensjahr eine Band, an der ich mich nicht satthören kann und das sind überraschenderweise die Beatles. Da gibt es ein Wohlempfinden, weil sie mich an meine Kindheit erinnern. Ich genieße ihre Vielfalt in den Liedern und das hat mich wirklich sehr beeinflusst. Wir haben ja schon bei Snakkerdu Densk verschiedene Stile verwendet. Beim „Weißen Album“ der Beatles wird das auf die Spitze getrieben, jeder Song mit minimalen Arrangements, dann wieder mit Geigen. Die Beatles hatten ohnehin drei bis vier Komponisten in der Band. Die Beatles sind für mich einfach unschlagbar.

Wer hat Sie noch beeinflusst?

Bernhard Schnur: Glen Hansard habe ich vor rund 15 Jahren kennen gelernt und er war ausschlaggebend dafür, dass ich mich getraut habe, solo zu spielen. Davor war Snakkerdu Densk mein Medium. Dann hat sich die Band aufgelöst und ich bin in der Luft gehangen. Ich habe Glen Hansard und Mic Christopher kennen gelernt und gesehen, dass man als Solo-Musiker das Publikum nicht langweilen muss. Das war mein Problem mit den meisten Singer-Songwritern. Bei den beiden habe ich gesehen, dass man auch solo mit sehr vielen Varianten spielen kann. Bei Hansard habe ich auch das Selbstvertrauen gelernt, sich gerade hin zu stellen und das habe ich mit dem mir eigenen Wahnsinn kombiniert.

Weitere Einflüsse?

Bernhard Schnur: Ich verehre Helge Schneider sehr. Er ist auch eine Live-Person, man muss ihn live erleben, um zu sehen, was er kann. Es war ein Vergnügen ihm im Februar dabei zu zusehen, wie er sich auf der Bühne wohl fühlt. Ich kann das nachvollziehen: ich kenne diese Momente auch, in denen man die Bühne einfach beherrscht. Glen Hansard und Helge Schneider haben mich in Bezug auf die Bühnenpräsenz beeinflusst.

Herzlichen Dank für das Interview. 

Jürgen Plank

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