Christina Zurbruegg (c) Rita Newman

Die authentische Palette – Christina Zurbrügg im mica-Interview

Die Weltmusikerin, Akkordeonistin und Sängerin Christina Zurbrügg im Interview über ihre Heimat Schweiz, Dürrenmatt und Dialekt-Musik.

Wie würdest Du Deine Musik selbst beschreiben?

Christina Zurbrügg: Gemeinsam mit der Band hab ich mich zu der Bezeichnung “Innovative Weltmusik, Jodeln, Pop, Electronics” durchgerungen. Das aktuelle Programm mit der Band heißt “yodel ´n´ bass” und geht eigentlich in Richtung DJ-Line. Ich spiele auch oft solo oder im Duo, in konzertantem Rahmen.

Und Jazz?

Christina Zurbrügg: Das ist eine Frage, wie weit man den Begriff Jazz überhaupt fasst. Jazz im traditionellen Sinn ist das sicherlich nicht. Wenn man Jazz als Fusion versteht, dann vielleicht schon. Der Saxophonist spielt ja durchaus jazzige Soli. Trotzdem ist das, was wir machen, eher Groove, Musik zum “Shaken”. Zum Teil benutzen wir Samples von alten Shellacs. Ich habe vor ein paar Jahren auch beim Jazzfest Wien gespielt, in der Reihe “European Rising Stars”.

Bist Du hier oder in der Schweiz bekannter?

Christina Zurbrügg: Hier, weil ich hier lebe, wirke und live spiele. Wien ist derzeit mein Hauptwirkungsplatz.

Wann bist Du aus der Schweiz hierher gekommen?

Christina Zurbrügg: Vor 20 Jahren des dramatischen Zentrums, einer experimentellen Schauspielschule, wegen.

Die Musik kam erst später?

Christina Zurbrügg: Nein, Musik war immer mein zentrales Anliegen. In der Art von innovativem Theater, die ich suchte und in Wien fand, wurde immer auch gesungen und musiziert. In der Schweiz hatte ich jetzt in der jüngsten Vergangenheit mit einem aktuellen Projekt, dem Film “bleiben oder gehen” wieder mehr zu tun. Die Doku wird im Verlauf dieses Jahres noch auf ORF und SF/DRS ausgestrahlt. Genauen Sendetermin gibt es allerdings noch keinen. Auf 3Sat ist es schon gelaufen, am 7. Jänner, einen Tag nach Dürrenmatts Geburtstag.
Dazu die Vorgeschichte: Ich bin in Kiental, einem Bergbauerndorf in der Schweiz, geboren. Dort ist Friedrich Dürrenmatt in den 50erJahren immer auf Sommerfrische hin gekommen und hat sich dort unter anderem als Zechkumpan meines Großvaters einen Namen gemacht. Gleichzeitig verbrachte dort auch ein überaus talentierter Hobbyfilmer seine Urlaube. Während der Aufenthalte hat er ganze Filmrollen voll Material gedreht. Offenbar muss er über viel Geld verfügt haben, denn 16mm-Material war damals im Verhältnis noch teurer als heute. Irgendwann ist dieser anonyme Hobbyfilmer dann nach Spanien ausgewandert und schließlich auch dort gestorben. Das gedrehte Material hat seine Frau dem örtlichen Wirt geschenkt. Und dort, in der Wirtsstube hab ich es bei einer der öffentlichen Vorführungen für die Touristen dann auch zum ersten Mal gesehen. Die restliche Geschichte ist schnell erzählt: Wir haben den Film in Wien kopiert und bearbeitet. Da Dürrenmatt nicht nur den “Besuch der alten Dame”, sondern auch noch die Novelle “Mondfinsternis” dort geschrieben hat und sich dieses Stück Literatur direkt auf die dort lebenden Menschen bezieht, haben wir das Filmmaterial mit dazu passenden Textpassagen aus dieser Novelle unterlegt.

Und mit von Dir komponierter Musik.

Christina Zurbrügg: Genau.

Wie haben die Leute vor Ort reagiert?

Christina Zurbrügg: Begeistert. Wir haben eine Wirtshausvorführung organisiert und das ganze Dorf dazu eingeladen. Das Filmteam hat mit den Einheimischen gemeinsam gefeiert.

Was geschah im Anschluss daran?

Christina Zurbrügg: Wir haben Jahre lang probiert, das tolle Material an den Mann zu bringen. Doch erst jetzt, zum 85. Geburtstag Dürrenmatt, haben die maßgeblichen Sender, darunter auch der ORF, Interesse bekundet.

Bekommt man Deine Platten auch in der Schweiz?

Christina Zurbrügg: Ja, die Heeb AG in Chur vertreibt Extraplatte.

Du singst teilweise Schwyzerdütsch. Sollten sich Deine Platten da nicht in der Schweiz besser verkaufen als hier? Oder anders gefragt: Wie nehmen die Österreicher schweizerdeutsche Texte wahr? Ist die Sprache Barriere oder mehr Exotik-Faktor?

Christina Zurbrügg: Eindeutig Exotik-Faktor. Die Leute hier mögen, wie ich singe. Sie empfinden Schweizerdeutsch als charmant und exotisch. Über die Jahre hat sich allerdings auch meine Sichtweise geändert. Da nach den Konzerten immer wieder Leute kamen, die meinten “Ein bisschen was würden wir auch gern verstehen.”, hab ich meine Texte dann doch ins Hochdeutsche übersetzt, was mich Monate gekostet hat. Die Sprache ist schon sehr anders als Hochdeutsch. Jetzt hat man beides: Verständlichkeit und Exotik. Auf eine deutsche Textpassage folgt ein schweizerdeutscher Refrain und umgekehrt.
Es gab schon auch eine Zeit, da war die Schweizer BMG sehr interessiert an mir. Kurz bevor Hubert von Goisern sein Hirtermadl-Nachfolgealbum gemacht hat und man überzeugt davon war, dass der Dialekt-Boom anhält. Dann kam das Album raus und konnte die Erwartungen bei weitem nicht erfüllen, worauf sich die Branche auch von mir wieder abwandte.

Jüngst wurde doch gerade seitens der Majors in Österreich eine Dialekt-Offensive ausgerufen.

Christina Zurbrügg: Ich bin dabei.

Wie empfindest Du eine solche “Offensive”? Als ernst gemeinte langfristige Maßnahme oder als bloßen Verkaufsgag?

Christina Zurbrügg: Die großen Firmen denken nur in Verkaufszahlen. Das hab ich damals ganz klar gemerkt. Da wurde ich in die Schweiz zu konkreten Gesprächen eingeladen und plötzlich wurde alles ad acta gelegt, weil der erwartete Verkaufserfolg für ein anderes vergleichbares Produkt ausblieb.

Was bedeutet Dialekt überhaupt für Dich? Ist Dialekt-Musik authentischer?

Christina Zurbrügg: Mir ist die Ursprache schon abgegangen. Ich habe ja nach meiner Ankunft in Wien Jahre lang nur auf Spanisch gesungen. Flamenco-Jazz mit Texten von Garcia-Lorca. Englisch hab ich eigentlich immer verweigert. Ich wollte nie einsehen, dass ich englisch singen soll, nur weil die halbe Welt englisch spricht. Das war für mich keine Motivation.
Den Urausdruck, der mir gefehlt hat, hab ich im Schweizerdeutschen gefunden. Gewisse Dinge lassen sich für mich nur im Dialekt ausdrücken. Für mich war letztlich aber die Mehrsprachigkeit die wirkliche Lösung.

Wie kommt man zum Jodeln?

Christina Zurbrügg: In dem Bergbauerndorf, aus dem ich komme, ist natürlich viel und oft gejodelt worden. Aber damals hab ich das aufs Tiefste verschmäht. Als Kind empfanden wir das als traditionell, altmodisch und bieder. Da wollten wir alle modern sein. Als ich dann nach Wien in die Schauspielschule kam und mit Volksmusik anfing, haben mich die meisten Leute angeschaut, als käme ich von einem anderen Planeten. Da hatte Volksmusik noch lange nicht den Stellenwert, den sie heute hat. Gespielt hab ich damals vornehmlich Flamenco-Jazz, gejodelt hab ich nur auf Bergtouren, bis mich die Leute angesprochen haben, warum ich das nicht auch auf der Bühne mache und dann hab ich mit gedacht: Na ja, warum eigentlich nicht. Ich hab also in Wien die Jodlerinnen entdeckt. Da komm ich aus dem Berner Oberland und verachte es und dann treff ich Jodlerinnen in Wien. Da hab ich mich natürlich schon gefragt: Was bedeutet das für mein Leben?

Ist es nicht normal, sich im Ausland verstärkt seiner Wurzeln zu besinnen?

Christina Zurbrügg: Ich hab diesen Dokumentarfilm gemacht, und bin sehr intensiv über längeren Zeitraum mit Jodlerinnen zusammen gewesen. Und da bin ich natürlich irgendwann aufgefordert worden: Sing doch selbst mal.

Gab es da keine Berührungsängste?

Christina Zurbrügg: Nein. Anfangs hatte ich natürlich schon Respekt vor Leuten wie der Trude Maly. Aber dann wars sehr schön und ging auch sehr gut.

Du sagtest vorhin, am Stellenwert der Volksmusik hat sich etwas geändert.

Christina Zurbrügg: Da hat sich sehr viel geändert.

Haben die Österreicher nicht immer noch einen sehr distanzierten, um nicht zu sagen eigenartigen Zugang zu ihrer Volksmusik?

Christina Zurbrügg: Ich hab die Volksmusik in Österreich entdeckt, weil ich hier die Lebendigkeit von Musikanten kennen lernen durfte.

Im Bereich Wienerlied?

Christina Zurbrügg: Da speziell, weil ich einen Film darüber gemacht habe. Aber gang allgemein hab hier Musikanten kennen gelernt, die sich einfach hinsetzten und stundenlang spielten. Wer kann das heute noch?

Wo geht man in Wien hin, wenn man das haben will?

Christina Zurbrügg: Das ist sicher schwierig geworden. Früher gab es den “Alten Draher” in Ottakring, wo regelmäßig Sänger auftraten. Das waren richtig gehende Orgien, das gibt es aber heute nicht mehr in dieser Form.

 

Christina Zurbrügg