Boris Bukowski (c) Peter Korrak

„Der Song ‚Kokain‘ wird heuer vierzig Jahre alt“ – BORIS BUKOWSKI im mica-Interview

Nach WILFRIED und PETER CORNELIUS hat mit BORIS BUKOWSKI heuer ein weiterer aus der Riege der altgedienten österreichischen Musiker ein neues Album veröffentlicht. Im Gespräch mit Jürgen Plank erzählte BORIS BUKOWSKI, wie die Produktion gelaufen ist und warum er den Hit „Kokain“ noch einmal aufgenommen hat.

Wenn Sie an Ihr neues Album „Gibt’s ein Leben vor dem Tod?“ denken, was bereitet Ihnen daran Freude?

Boris Bukowski: Eines der wichtigsten Dinge war, dass ich mir den Luxus des trial and error geleistet habe. Ich habe alles Mögliche versucht und wenn ich das Gefühl gehabt habe, dass dabei nicht das Optimum herausgekommen ist, dann habe ich das weggeworfen.

Was war schwierig bei der Produktion?

Boris Bukowski: Das Schwierigste ist für mich immer das Arrangieren. Ich glaube, dass ich immer wieder ganz gute Songs schreiben kann. Aber ich höre oft, wie internationale Leute toll arrangieren, dann denke ich mir, dass ich besser werden muss.

Wie haben Sie diese Frage gelöst? Haben Sie Produzentinnen und Produzenten hinzugezogen?

Boris Bukowski: Das habe ich auch probiert. Ich habe bei diesem Album geschaut, ob es eine Produzentin bzw. einen Produzenten gibt, die bzw. der das besser umsetzen kann als ich. Ich habe zum Beispiel mit Wolfgang Schlögl gearbeitet. Und das ist toll geworden, weil ich sehe, dass er mit gewissen Dingen irrsinnig fein umgehen kann. Er programmiert etwas und kann mit seinen Geräten und Plug-ins so wunderbar umgehen, dass er einfach neue Sounds erzeugen kann, die man bis jetzt so noch nie gehört hat. Das fand ich großartig, ich habe dann aber auch gesehen, dass ich mich gerne mehr einmischen möchte.

„Denn auch einen „Sledgehammer“-Bass entwirft man nicht in einer halben Stunde.“

Wobei zum Beispiel?

Boris Bukowski (c) Peter Korrak

Boris Bukowski: Seit meinem dritten Album, bei dem ich mit Curt Cress und Tony Levin, dem Bassisten von Peter Gabriel zusammengearbeitet habe, versuche ich, Bässe zu arrangieren, falls dem Tony in der Schnelle nichts Ideales einfallen sollte. Denn auch einen „Sledgehammer“-Bass entwirft man nicht in einer halben Stunde. Wir hatten für das Einspielen der Bässe nur drei Tage Zeit. Die Vorbereitung hat sich total bezahlt gemacht, ich habe ihn mal suchen lassen und dann habe ich ihm meine Basis-Idee gezeigt und die hat er dann wunderbar ausgestaltet. Ich kann das für Bass und Schlagzeug, aber nicht für Melodie-Instrumente. Da bin ich ziemlich auf andere angewiesen. Nachdem ich keine Produzentinnen und Produzenten für das Album gefunden habe, habe ich gewusst, dass ich besser werden muss.

Wie haben Sie sich verbessert?

Boris Bukowski: Ich versuche seither, zu Hause am Computer Bass und Schlagzeug als Vorlage zu entwerfen, damit man zusammen mit der Stimme mal sieht, ob das groovt oder nicht. Mir ist die Botschaft, der Text wichtig, aber die sollte auf keinen Fall langweilig daherkommen.

Das neue Album enthält eine neue Version Ihres Hits „Kokain“. Ein Lied, das Sie seit vielen Jahren begleitet. Warum haben Sie es noch einmal aufgenommen?

Boris Bukowski: Tief im vorigen Jahrtausend, in Graz, war meine Band MAGIC. Mit dem Gitarristen zusammen habe ich diese Nummer geschrieben und die ist uns anscheinend verdammt gut gelungen. Nur hatte das Lied damals – vermutlich wegen des Titels – keinen einzigen Radio-Einsatz. Aber bei allen Konzerten haben die Leute mitgesungen, auch wenn sie das Lied zuvor noch nie gehört haben. Ich habe die Nummer dann zehn Jahre später noch einmal für mein zweites Soloalbum aufgenommen und da ist sie dann im Radio ständig gespielt worden.

Wie alt ist das Lied?

Boris Bukowski: Der Song „Kokain“ wird heuer vierzig Jahre alt. Ich habe mir gedacht, dass es nicht viele Songs gibt, die nach vierzig Jahren noch immer im Radio laufen, und dass uns anscheinend ein zeitloses Stück gelungen ist. Ich dachte auch, dass es spannend wäre, zum Jubiläum eine Version von heute zu versuchen. Ich habe mehrere Anläufe unternommen und dann mit Bernd Heinrauch zusammengearbeitet. Und er hat so eine kühne und frische Version hingekriegt, dass ich mir gedacht habe, dass die aufs Album muss.

Die meisten Texte haben Sie selbst geschrieben. Einmal haben Sie beim Stück „Diese Stadt“ einen Text von jemand anderem, nämlich von Stefan Mott, verwendet. Warum?

Boris Bukowski: Mir hat der Text sehr gut gefallen. Wahrscheinlich kann man ihn auf jede Stadt münzen, auf Wien besonders. Aber ich liebe Wien und für mich ist es nur scheinbar eine Kritik an Wien, sondern eher der Ausdruck einer totalen Einsamkeit und Verzweiflung, bei der man seine isolierte Situation auf seine Umgebung schiebt. Für mich ist das Lied keine Wien-Kritik, denn ich finde, dass Wien eine großartige Stadt ist, an der ich nicht viel auszusetzen habe.

Worin haben Sie sich noch verbessert?

Boris Bukowski: Früher habe ich mich manchmal über mich selbst geärgert, wenn ich eine schwache Zeile geschrieben habe.

Heute streichen Sie auch viel wieder weg.

Boris Bukowski: Irrsinnig viel, ja.

Vielleicht auch beim Lied „Hör“, das ja die Verkürzung auf wenige Worte ist, eigentlich auf einen Satz.

Boris Bukowski: Genau. Daran ist das Lustige, dass der Text mit einem Wort beginnt und es kommt immer ein weiteres Wort dazu und man weiß nicht, was der ganze Satz dann sagen soll. Damit wird die Zuhörerschaft hoffentlich bis zum Schluss in Spannung gehalten.

Was war der Anstoß für „Money“, das Eröffnungsstück des Albums?

Boris Bukowski: Der Anstoß war, dass es kaum etwas gibt, was so viele verschiedene Seiten hat wie Geld. Geld kann das Schlimmste bewirken, aber auch in einer anderen Situation der Heilsbringer sein. Mir ist Geld relativ wurscht. Ich weiß aber, dass es für jemanden, der gar nichts hat, nicht egal ist. Für mich hat Geld nicht viel Gewicht. Aber das kann man dann sagen, wenn man etwas zum Essen hat, einem nicht kalt ist und man ein Dach über dem Kopf hat. Geld kann für das Schlimmste und das Beste stehen.

Gemeinsam mit Thomas Spitzer von der EAV haben Sie das Lied „Im Namen Gottes Amen“ geschrieben. Ist das ein ernstes Lied?

Boris Bukowski: Das Lied ist eine beinharte Religionskritik. Ich glaube nicht an einen Gott, sondern ich bin überzeugt davon, dass nicht Gott die Menschen erschaffen hat, sondern der jeweilige Mensch den ihm am besten erscheinenden Gott. Dementsprechend sind die Götter auf dieser Welt ziemlich verschieden. Manchmal wundert man sich, wie seltsam diese Götterbilder sind, die sich Menschen in der absoluten Panik erschaffen haben. Panik angesichts der Frage, was denn sein wird, wenn sie gestorben sind. Jeder ersehnt sich einen Gott, der ihm beisteht und ihm hilft. Ich wundere mich manchmal, dass es Gott, der das ganze Universum erschaffen hat, wichtig ist, von jedem Insekt auf irgendeinem der Milliarden Planeten Anbetung und Respekt und totale Unterwerfung zu erhoffen. Ich denke mir, dass so ein Arschloch von Gott gar nicht existieren kann. Wenn einer das alles erschaffen hätte, würde er nicht so kleinlich sein und so einen Blödsinn von seinen Geschöpfen einfordern. Da gefällt mir ja unser Gott noch besser.

Ihr Gott.

Boris Bukowski: Unser christlicher Gott [lacht]. Denn Liebe ist okay, das ist wirklich gut.

Boris Bukowski (c) Peter Korrak

„Im schlechtesten Fall ist man schon lange tot, bevor man stirbt.“

Dennoch scheinen Religionen und ganz grundsätzliche Fragen zum Leben ein roter Faden des Albums zu sein. In mehreren Stücken wird Gott thematisiert, Amen kommt als Wort vor und die Frage nach dem nächsten Leben wird aufgeworfen. Warum ziehen sich diese Themen durch das Album?

Boris Bukowski: Ich habe diese Themen aufgeworfen, weil ich mich oft frage, warum sich die Leute fragen, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Warum stellen Sie sich nicht die viel vordergründigere und naheliegendere Frage, ob es ein Leben vor dem Tod gibt? Für mich ist das Leben im besten Fall ein geiles Abenteuer mit tödlichem Ausgang. Vorausgesetzt, man hat den Mut, sich darauf einzulassen. Wenn man den Mut nicht hat, ist das Leben ein Nichts mit tödlichem Ausgang. Sozusagen: Im schlechtesten Fall ist man schon lange tot, bevor man stirbt. Das Leben sollte voller Liebe, Interesse, Spannung sein, und daran muss man jeden Tag arbeiten. Ich bin jetzt 71 Jahre alt und in diesem Alter haben viele das Leben schon hinter sich. Ich könnte auch zu jenen gehören, die schon gestorben sind. Ich habe das Gefühl, dass ich ein tolles, erfülltes Leben gehabt habe. Und wenn es morgen aus sein sollte, müsste ich jetzt schon dafür dankbar sein. Alles, was jetzt kommt, ist eine absolute Draufgabe, für die ich mich nur total bedanken kann. Ich genieße das Leben total, weiß aber auch, dass viele meiner Freunde tot oder krank sind.

Dann hat es gut gepasst, dass die erste Präsentation des Albums im Tanzcafé Jenseits stattgefunden hat.

Boris Bukowski: So ist es. Das war unbedingt notwendig. „Gibt’s ein Leben vor dem Tod?“ muss an der Schwelle zum Jenseits beginnen.

Aber mit Tanz.

Boris Bukowski: Mit Tanz, unbedingt.

Die Frage hat die Gruppe Laibach schon beantwortet, die singt: „Es gibt ein Leben vor dem Tod.“

Boris Bukowski: Es ist wichtiger, die Frage zu stellen als sie zu beantworten. Sie muss täglich neu gestellt werden.

Im Alter von 71 Jahren könnte man sich auch zurücklehnen und auf die erfolgreiche Karriere zurückblicken. Was treibt Sie an?

Boris Bukowski: Für mich ist Musiker der ideale Beruf, es gibt nichts, was ich lieber machen möchte. Es wäre mir fad, wenn ich das nicht mehr machen würde. Ich bin Gott sei Dank total fit, ein bisschen habe ich das von meiner Mutter mitbekommen, die bis zu ihrem 96. Lebensjahr allein daheim gewohnt hat und mit 99,5 Jahren verstorben ist.

Wenn die Gene so gut sind, ist das aktuelle Album der Beginn des Alterswerkes? Oder befinden Sie sich erst in der mittleren Karrierephase?

Boris Bukowski: Ein Freund von mir hat einmal gesagt, dass es eigentlich nur zwei Fossile gibt, die nie altern: Keith Richards und ich.

Wer soll sich Ihr Album anhören, welche Hörerinnen und Hörer wünschen Sie sich?

Boris Bukowski: Ich wünsche mir Hörerinnen und Hörer, die ich bis jetzt nicht hatte und die sich denken: „Was? Von so einem alten Hund? Da brauchen wir gar nicht hineinhören.“

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Jürgen Plank

Boris Bukowski live
02.12.2017 Tischlerei, Melk
15.02.2018 Theatercafe, Graz
16.02.2018 Theatercafe, Graz
17.02.2018 Theatercafe, Graz

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