Bild Humming Room, Elisabeth Harnik, Jamilla Balint, Milena Stavric
Humming Room; Milena Stavric, Jamilla Balint, Elisabeth Harnik (c) Isabella Klebinger

„DER SCHLÜSSEL IST DAS HIN-HÖREN“– JAMILLA BALINT, ELISABETH HARNIK, MILENA STAVRIC (HUMMING ROOM) IM MICA-INTERVIEW

Die erste Arbeit im öffentlichen Raum der Komponistin ELISABETH HARNIK hatte ihren Ausgangspunkt in einem imposanten Hörerlebnis. Zusammen mit der Akustikerin JAMILLA BALINT und der Architektin MILENA STAVRIC hat die gebürtige Grazerin in einer temporären Installation für die Öffentlichkeit ihre Naturerfahrung klangräumlich nachempfunden. Im Grazer Augarten-Park ist derzeit das summende Klangkunstprojekt „Humming Room“ als Programmpunkt des Kulturjahres2020 erlebbar – gehostet vom Museum der Wahrnehmung. Im Interview, das direkt in der summenden Installation stattgefunden hat, erklären die drei Projektpartnerinnen wie es zur Zusammenarbeit kam, wie die Arbeit am Projekt trotz Pandemie doch noch Fahrt aufgenommen hat und wie das Museum der Wahrnehmung im Rahmen des Projektes um einen kleinen Klangerfahrungsraum, den Humming Booth, erweitert wurde. 

Wir haben uns hier zur Gesprächsrunde inmitten der Klanginstallation Humming Room versammelt, umgeben von Bienensummen inmitten des Augarten-Parks. Elisabeth Harnik, wie kam es zu dieser Arbeit und ist Humming Room dein erstes Projekt im öffentlichen Raum?

Elisabeth Harnik: Es ist meine erste Arbeit im öffentlichen Raum, aber nicht meine erste Installationsarbeit. Sozusagen ein künstlerischer Ausflug in ein anderes Format. Hauptsächlich bin ich als Komponistin und Improvisationsmusikerin tätig. Die Grundidee geht auf eine tiefgreifende Hörerfahrung zurück, und ich fand es schön, sie in einer Installation nachzuzeichnen. 

Diese Hörerfahrung liegt also schon länger zurück?

Elisabeth Harnik: Sie liegt schon länger zurück und ich habe sie immer im Hinterkopf behalten und mir gedacht: „Wie werde ich das jemals realisieren?“ Mir war von Anfang an klar, dass diese Vision interdisziplinär umgesetzt werden muss und dies mit hohen Kosten verbunden sein würde. 

Woran lag das, dass dieses Erlebnis so lange evident war, so lange im Bewusstsein geblieben ist? 

Elisabeth Harnik: Das alte Steinhausdorf Tržić (Anm.: in Kroatien) hat diese bestimmte Aura verlassener Orte. Ich muss da immer an Wim Wenders denken, der so schön vom Ortssinn spricht, als „eine verloren gehende Fähigkeit unserer Sinne, auf Orte achten zu können.“ An solchen Orten ist man achtsamer, von der Wahrnehmung her anders ausgerichtet, und in diesem Moment meines Hörerlebnisses sind damals viele günstige Aspekte zusammengekommen: die Luftverhältnisse haben gepasst und es war zu einem Zeitpunkt, als der Efeu geblüht hat – denn ohne die Efeublüten wäre es ein stiller Raum gewesen. Ich war auch heuer wieder dort – diesmal etwas früher im Jahr – und da waren keine Honig-Bienen, weil der Efeu noch nicht geblüht hat.

Gab es einen Vorbezug zur Biene oder ist sie erst durch dieses Natur-Erlebnis interessant geworden?

Bild Humming Room
Humming Room (c) Isabella Klebinger

Elisabeth Harnik: Dieser Klang hat mich angelockt! Die Steinmauern haben das Summen der Bienen, die sich an den Efeu-Blüten gelabt haben dermaßen verstärkt und so gut transportiert, dass ich ihn aus großer Entfernung auf dem Wanderweg wahrnehmen konnte. Die Stimmung in diesem verlassenen Dorf hat mich an die Atmosphäre auf Friedhöfen erinnert. Dort ist man ja auch aufmerksamer und stiller. Ich hatte dort das Gefühl, dass die Zeitschichten sich vermischen. Alles überlagert sich: Spuren einer Zeit, als noch Menschen an diesem Ort gelebt haben. Im Jetzt holt sich die Natur diesen Ort zurück. Efeu ist nicht zufällig häufig auf Friedhöfen zu finden, er muss erst alt werden, bevor er erblüht. Efeu liebt Mauern und blüht ganz spät im Jahr und ist deshalb gut für bestäubende Insekten, die sonst nur mehr wenige blühende Futterpflanzen zu dieser Jahreszeit vorfinden.

Jamilla und Milena, wie sehen eure Vorerfahrungen mit dem Bestäuber Biene aus? 

Jamilla Balint: Eine Freundin von mir hat Bienenstöcke. Ich bekam dann auch einen Imker*innenanzug von ihr und habe ihr bei der Arbeit zugesehen und den Bienen bei der Arbeit gelauscht. Ich bin in eine reichhaltige Klangwelt eingetaucht. Bei ihr in Graz-Mariagrün haben wir auch die Aufnahmen gemacht, die wir hier hören. Ein Mikrofon direkt im Bienenstock zu platzieren und mitzuverfolgen, was dort passiert und wie sich der Klang über die Zeit hinweg verändert war eine spannende Erfahrung. Ich habe das Mikrofon auch über Nacht im Bienenstock gelassen.

Beim gemeinsamen Reinhören haben Elisabeth und ich die Vielfalt des Bienen-Rauschens entdeckt. Wahrnehmen und Hören ist ja oft Interpretationssache und wir haben wahrscheinlich alle eine ganz spezifische Klangvorstellung, wenn wir an Bienen denken. Wenn man nicht weiß, dass dieses Audiomaterial Bienensummen ist, könnte man es auch für Meeresrauschen halten. Im Bienenstock selber herrscht meist ein gleichbleibendes Brummen. Sobald die Arbeiten im Bienenstock allerdings erledigt sind, senkt sich der Pegel, den die Tiere erzeugen und es entsteht ein kleines, warmes, einhüllendes Rauschen.

Milena Stavric: Ich hatte gar keinen direkten Bezug zu Bienen vor dem Projekt. Ich wurde erst durch Elisabeth und Jamilla dafür sensibilisiert. Ich versuchte zunächst, diese für mich neue Welt von einer sehr technischen Seite her zu entdecken. Nun habe ich auch den Anspruch, anders zu hören. Ich habe sozusagen meinen Hörsinn neu entdeckt und versuche seither, selbst bei einem Rauschen genau hinzuhören und es bewusster wahrzunehmen. 

ES SPIEGELT AUF DER VISUELLEN EBENE WIDER, WAS BEIM HÖREN PASSIERT.“

Wie hat sich die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen euch ergeben? 

Elisabeth Harnik: Ich habe den Call des Grazer Kulturjahres 2020 gelesen. Die Frist war schon fast zu Ende und ich habe dann wirklich intensiv überlegt, wen ich ansprechen könnte. Ich wusste, ich brauche jemanden für die akustische Umsetzung und für die Architektur der Installation. Bei diesem Projekt hat sich vieles gefügt. Eine Bekannte, die an der TU arbeitet, hat mir Jamilla Balint und Milena Stavric als Team weiterempfohlen, da die beiden schon lange zusammenarbeiten und akustische Wände entwerfen. Und so habe ich sie dann schließlich angesprochen und gefragt, ob sie Interesse hätten!

Das Zusammendenken von Akustik und Architektur ist heute ja leider noch immer nicht selbstverständlich. Welche Ebenen spielen denn bei der architektonischen Umsetzung bei diesem Projekt eine Rolle? 

Elisabeth Harnik: Meine Vision war eine wabenförmige Struktur und Wände, die sich bewegen. Auf welche Art dies realisierbar werden kann, wusste ich jedoch nicht. 

Milena Stavric: Wir haben uns zusammengesetzt und ich habe sofort Skizzen gemacht. Ich hatte gleich ein Bild im Kopf und wusste, wie das aussehen kann. 

Bild (c) Eva Fürstner

Jamilla Balint: Elisabeth hat uns diese Geschichte erzählt und Milena hatte ein paar Tage später diese Visualisierung, auch schon in dieser Mehrschichtigkeit. Parametrische Architektur ist ihr Spezialgebiet. Ich habe dann sofort wieder einen Input für die Positionierung der Lautsprecher bekommen.

Elisabeth Harnik: Es spiegelt auf der visuellen Ebene wider, was beim Hören passiert. Egal von welcher Seite man hinsieht, man hat immer andere Ausschnitte und Einblicke, die Konfiguration stellt sich so immer anders dar. Das akustische Prinzip wurde so ins Architektonische übertragen.

Die Sensibilität und Offenheit in der Wahrnehmung und in der Deutung werden also auf gewisse Weise in der Architektur durch diese Vielschichtigkeit gespiegelt.

Elisabeth Harnik: Die charakteristische Wabenform und das Bienensummen sind sehr niederschwellige Impulse. Die Installation spricht jeden, egal ob alt oder jung, an. Ich bin beim Streichen der Wände mit Leinöl fast nicht fertig geworden, weil mich so oft unterschiedlichste Menschen während der Arbeit angesprochen haben!

Um noch näher auf die Architektur einzugehen – was hat es mit der sogenannten „Choreografie des Hörens“ auf sich; und der damit einhergehenden Dynamik der Hörwände?

Milena Stavric: Wir haben versucht, einen “Simplicity in Complexity”-Ansatz mit sechs Wandmodulen umzusetzen. Die Komplexität ergibt sich durch die verschiedenen Stellungen dieser Wände. Rein mathematisch gibt es bestimmte konfigurative Möglichkeiten. Aber mit einer Komponistin im Team geht man natürlich viel bewusster, nicht rein ingenieursmässig mit dem Rhythmus dieser Elemente um. 

Eine Umlegung von kompositorischer Logik auf die architektonische Umsetzung?

Milena Stavric: Als Elisabeth mein Model gesehen hat, konnte sie gar nicht mehr aufhören, die Kombinationen durchzuspielen. Sie hat ganz andere, nicht rein funktionelle Aspekte erkannt. Ich wollte eine Holzbauweise, es sollte wirklich vor allem Naturmaterial verwendet werden. Nachhaltigkeit war natürlich für uns ein wichtiges Thema. 

Wieviele Kombinationen habt ihr jetzt ausgewählt? 

Elisabeth Harnik: Es gibt sechs Phasen, die Wechsel sind alle zwei Wochen. Diesen Prozess herauszudestillieren war langwierig. Ich habe darauf geachtet, dass sich die Wand-Konstellation bei den Neupositionierungen nicht komplett verändert. Das Außen und das Innen werden immer wieder neu in Beziehung gesetzt. Ich habe hör-choreografisch gedacht, es gab für mich eine Bewegungs- und Hörlogik. So lösen sich die beiden Klangsphären der Bienen immer wieder anders ineinander auf, es bilden sich Trennwände und Hör-Nischen. Außen hört man die Aufnahmen von den Fluglöchern und innen die Aufnahmen vom Inneren des Bienenstocks.

Bild Humming Room
Humming Room (c) Isabella Klebinger

Wie sind die Lautsprecher in der Klanginstallation positioniert? Ich finde es interessant, dass man sie nicht so leicht orten kann?  

Jamilla Balint: Die erste Idee war, den Sound aus den Wänden kommen zu lassen. Aber Wetterfestigkeit, möglicher Vandalismus und Stromversorgung haben für ein subtiles Tönen von unten gesprochen. Es gibt sechs Lautsprecher, jeweils drei innen und drei außen. Bei den Lautsprechern außen, die das Bienenloch akustisch abbilden, hört man auch einzelne Bienen vorbeifliegen. Im Inneren hört man die Geräusche, die Bienen beim Honigmachen erzeugen.

Eine spezifische Frage zum Klang in einem Bienenstock: Jamilla, du hast erzählt, dass du auch über Nacht Aufzeichnungen gemacht hast. Wie wurde das Material für diese Installation aufbereitet?

Jamilla Balint: In unserem Fall sind es einfach die puren Sound-Aufnahmen von Bienen, ohne jegliche Bearbeitung. Die Aktivitäten sind stark wetterabhängig, zu Mittag sind sie aktiver. Bei Regen sind sie anscheinend “grantig” und erzeugen einen anderen Klang. Wir haben Aufnahmen von verschiedenen Bienenstöcken verwendet. Bei jedem der Lautsprecher hört man alternierend einen anderen Bienenstock. Das störgeräuschbereinigte Aufnahmematerial nach ein paar Stunden immer wieder geloopt abgespielt.

Bienen wachen ja mit dem Sonnenaufgang auf und gehen mit dem Sonnenuntergang wieder schlafen. Beim Klang für die Installation sind wir durch den Lärmschutz begrenzt. Die Klanginstallation durfte das Umgebungsgeräusch für die Anrainer*innen nicht lauter machen. In der Früh um 7 Uhr wird das Summen langsam eingefadet, um 9 Uhr wachen die Bienen dann sozusagen auf. Um 20h beginnen wir wieder auszufaden und um 22 Uhr, der gesetzlichen Nachtruhe, gehen sie sozusagen schlafen.  

Jamilla, wie kann man sich die Aufnahmen praktisch vorstellen? Hast du einfach ein Mikrofon in den Bienenstock hineingehängt? 

Jamilla Balint: Für Bienen ist ganz wichtig, dass keine Stromquellen in der Nähe sind. Elektro-magnetische Wellen verstören Bienen, bei Sendemasten oder Hochspannungsleitungen können sie sich nicht mehr orientieren. Ein nicht-invasives Vorgehen war daher wichtig. Denn bei einer Bedrohung stürzen sich Bienen auf diesen Störfaktor und verkleben das Objekt. Das hätte mit meinem Mikrofon auch passieren können. Es wäre dann innerhalb von Stunden zugeklebt worden. Ich habe mich daher für ein ganz kleines Elektret-Mikrofon entschieden, das ich in einen Lockenwickler gesteckt habe. Dieser Lockenwickler hat die Bienen nicht gestört, weil er sie an die Käfige für die Königinnen erinnert. Beim Heranzüchten von Königinnen werden die Eier isoliert und in diese kleinen Käfige hineingeben. Wenn man sie etwas mit Wachs verklebt, werden sie nicht als Fremdkörper wahrgenommen. Nur manchmal hat man bei meinen Lockenwicklern gehört, wie die Bienen an dem Lockenwickler kratzen. Ich fand diese Sounds aber gut und habe sie verwendet.

Bild (c) Eva Fürstner

„BIENENSUMMEN HAT MIT SICHERHEIT EINEN THERAPEUTISCHEN EFFEKT“

Die Honig-Biene ist ja in gewisser Weise Sympathieträger und Symbol für ökologisch-gesellschaftspolitische Fragen. Hat das Projekt eine intendiert bewusstseinsbildende oder politische Dimension in dieser Hinsicht?

Elisabeth Harnik: Bestimmt, aber sicher nicht mit dem Zeigefinger, sondern eher subtil im Sinne der Hebung des Bewusstseins für die Beziehung zwischen Mensch und Honigbiene, Mensch und Insekten. Der Schlüssel ist das Hin-hören. Das aktive Zu-hören, diese Wahrnehmungsvertiefung kann eine Verbundenheit, einen Bezug herstellen. 

Es gibt diesen Spruch von Konrad Lorenz: “Man liebt nur was man kennt, man schützt nur, was man liebt.”

Elisabeth Harnik: Ich finde die Niederschwelligkeit und das inklusive Potential des Projektes so wichtig. Heute hat zum Beispiel eine Parkraum-Wächterin kurz innegehalten und „aufgehorcht“ in ihrem Arbeitsalltag. Sie ist dann ziemlich lange in der Installation geblieben und hat auch Fotos gemacht. Oder ich erinnere mich an zwei alte Damen, eine der beiden hat sich sofort intuitiv hingelegt. Milena hat das Podest der Klanginstallation ja so konstruiert, dass man hier gut verweilen und auch sitzen kann. 

Gibt es Forschungen darüber, wie sich das Summen von Bienen auf den Menschen psychosomatisch auswirkt? 

Elisabeth Harnik: Bienensummen hat mit Sicherheit einen therapeutischen Effekt. Nachdem ich selbst einen ganzkörperlich-positiven Effekt wahrnehmen konnte, wollte ich das auch für andere erlebbar machen. Gerade in unserer aktuellen Ausnahmesituation (Anm. Pandemie) braucht es Möglichkeiten, wieder seine Sinne zu spüren – sich selbst zu spüren, um die Balance und die eigene innere Festigkeit wiederzuerlangen. Deshalb haben wir von Anfang an versucht, dieses Projekt trotz der schwierigen Umstände zu realisieren.

Kann man generell von einer Renaissance des öffentlichen Raumes im Zuge der Pandemie sprechen? Was ist denn das Besondere für Euch am Arbeiten im öffentlichen Raum? 

Bild Humming Room
Humming Room (c) Isabella Klebinger

Jamilla Balint: Dass sich Klang im öffentlichen Raum so natürlich einfügt ist nicht selbstverständlich. Lärmbelästigung und Lärmemissionen sind in Städten ja ein ganz großes Thema. Grundsätzlich stellt es eine Herausforderung dar, eine weitere Klangkomponente in einen Ruhebereich wie eben diesen Park hineinzubringen. Ein Teil meiner Überlegungen war, hier keine Tonalität einzubringen, da sie ein Faktor gewesen wäre, der sich abhebt, weil man etwas damit assoziiert. Am Park geht auch eine recht laute Straße vorbei, aber das blendet man durch die Gleichförmigkeit aus. Hier einen Wohlklang zu integrieren ist gar nicht so einfach. Was empfindet man als schönen Wohlklang? Man könnte ja auch sagen, wir haben dem Park ein Rauschen hinzugefügt. Dadurch, dass dieses Geräusch so konstant ist, fügt es sich aber gut ein. Denn wir tendieren dazu, gleichbleibende Geräusche mit der Zeit auszublenden. Die Wahrnehmung funktioniert im Prinzip so: zuerst hören wir hin, und sobald wir uns sicher sein können, dass von den Geräuschen keine Gefahr ausgeht, nehmen wir sie nicht mehr so intensiv wahr und können die Sound-Kulisse ausblenden.

Elisabeth Harnik: Wir haben anfangs überlegt, wie wir mit den Feldaufnahmen umgehen, inwieweit sie dokumentarische und künstlerische Ansprüche erfüllen, inwieweit wir eingreifen und Bearbeitungen vornehmen wollen. Aber die Komposition passiert ja im Akt des Hörens der Rezipient*innen selbst. Natürlich auch durch die unmittelbare Umgebung, die Tageszeit, dadurch, wie eine Person gestimmt ist, und auch durch den jeweiligen Wetterzustand. Bei Regen beispielsweise wird die Klanginstallation lauter wahrgenommen, das hat mich selbst sehr überrascht! 

Milena Stavric: Eine Herausforderung im öffentlichen Raum ist natürlich, dass man stabile bauliche Strukturen eschaffen muss, die auch Umnutzungen standhalten. Die Herausforderung war das richtige Maß zu finden und bei den Kosten im Rahmen zu bleiben, da diese Installation ja temporär ist und nicht hundert Jahre hier stehen wird. Mir war auch wichtig, dass das Fundament unsichtbar bleibt und auch das Gras darunter nicht zerstört wird. Die Platten müssen so stabil sein, dass auch Kinder, die da raufklettern würden, sie nicht umwerfen.

Elisabeth Harnik: Wir haben uns auch Sorgen wegen möglichem Vandalismus gemacht. Jamilla und Milena sind wirklich totale Problem-Löserinnen.

Milena Stavric: Ich kenne das Wort Problem gar nicht – es sind höchstens Herausforderungen für mich. Alles andere wäre ja langweilig. 

Elisabeth Harnik: Wir wollten die Klanginstallation ursprünglich schon im Mai aufstellen. Das ging natürlich nicht. Es ist ja alles an Genehmigungen geknüpft. 

Milena Stavric: Ich habe gesagt, wir machen einfach weiter. Ich komme aus Serbien und habe einen Krieg erlebt … 

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Elisabeth Harnik: Da wurde mir auch wieder bewusst, was für ein Privileg es ist, zu einer Generation zu gehören, die bislang keinen Krieg, keine größeren Krisen erlebt hat. Unsere Devise war dann, einfach weiter zu tun und nicht in eine Starre zu verfallen. 

Milena Stavric: Die Projektidee kam eigentlich genau zum richtigen Zeitpunkt. Es war klar: Viele Leute bleiben im Sommer in Graz und werden die Parks und Öffentlichen Räume aufsuchen. Wir sollten wirklich gerade jetzt hier etwas machen, es ist ein idealer Zeitpunkt, um die Leute zur Ruhe zu bringen.

Elisabeth Harnik: Der therapeutische Aspekt rückt durch diese Umstände noch mehr in den Vordergrund. Die ursprüngliche Hörerfahrung war zu einer Zeit, in der ich mich sehr intensiv mit Pauline Oliveros beschäftigt habe. Mein Hören war in der Zeit sicher sensibilisiert durch meine Deep Listening-Ausbildung (Anm.: Am Center for Deep Listening, Rensselaer in Troy, New York). Ich war schon sehr stark in dieser vertieften Hörwahrnehmung. Im Rahmen dieser Ausbildung habe ich ein Hörtagebuch geführt und hatte das erste Mal die Vision vom Humming Room.

„ZU-HÖREN IST NICHTS PASSIVES – IM GEGENTEIL: MAN GEHT EINE VERBINDUNG EIN.“

Die Wahrnehmung an sich ist ein tragender Aspekt der Installation. Magst du uns kurz etwas über diesen Deep Listening Ansatz sagen?

Elisabeth Harnik: Pauline Oliveros hat immer viele Impulsfragen und Leitsätze zum Thema Hören formuliert. Ein Satz, der mir heute noch im Ohr ist: “Listen to your listening.” Oder auch: “Remember to remember to listen”. Im Englischen wird ja zwischen “hearing” und “listening” unterschieden. Eine Übersetzung ins Deutsche ist im Vergleich dazu immer ein bisschen tapsig. Auch die Unterscheidungen zwischen hören und zu-hören oder hin-hören entsprechen dem nicht ganz. Zu-hören ist nichts Passives – im Gegenteil: man geht eine Verbindung ein. Jeder Mensch hat eine eigene Art des Hörens und wir können voneinander lernen, wenn wir uns gegenseitig über unsere Hörerfahrungen austauschen. Es geht auch um ein Full Body Listening. Man hört ja nicht nur mit den Ohren, sondern auch über die Haut und über die Knochen. Es gibt so viele Arten des Hörens und Arten von Hörprozessen. Und es ist so einzigartig, wie jede Person hört.

Jamilla Balint: Ein Hörabdruck ist absolut individuell, denn der Aufbau jedes Ohres ist in seiner Ausprägung verschieden. Man kann das mit dem Fingerabdruck eines Menschen vergleichen.

Milena Stavric: Dieser Park ist auch sehr multikulturell. Auf einzelnen Waben der Installation kann man in vielen verschiedenen Sprachen die Frage: “Hörst Du schon?” lesen.

Elisabeth Harnik: Exemplarisch haben wir zehn Sprachen ausgewählt, zu denen wir einen Bezug haben. Auf Slowenisch gibt es zum Beispiel eine Übersetzung im Dialekt meiner Mutter, die wiederum im Deutschen so viel wie “Fühlst Du schon?” bedeutet. Das finde ich spannend!

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„ES GEHT MIR DARUM, DARAUF AUFMERKSAM ZU MACHEN, WIE DAS EIGENE HÖREN ERLEBT WIRD.“

Wirken sich diese Überlegungen auch auf die performative Bespielung durch Konzerte aus? Am 16. September wird hier deine Klangperformance “Feed the Bees” mit Oboe und Hümmelchen uraufgeführt. 

Elisabeth Harnik: Die Komposition ist eine Übertragung der Choreografie auf klanglicher Ebene. Sie zeichnet die Phasen der Wabenstruktur bis zum Zeitpunkt der Aufführung nach und ist zugleich eine Vorschau auf die noch folgenden Phasen. 

In Form einer grafischen Partitur? 

Elisabeth Harnik: Nein, in Form eines strukturellen Prinzips. Die Oboistin spielt beispielsweise rotierend innerhalb der Installation und ändert ihr Klangmaterial mit der Spielrichtung, je nach Wandkonstellation. Der Dudelsackspieler spielt aus einer Fernposition und wird sich mit einem Drone-Klang allmählich annähern. Die Instrumentalklänge werden sich auf verschiedene Arten mit dem Bienensummen überlagern. Es ist eine Wahrnehmungskomposition. Es geht mir darum, darauf aufmerksam zu machen, wie das eigene Hören erlebt wird. 

Warum hast Du gerade diese beiden Instrumente ausgewählt?

Elisabeth Harnik: Es war für mich klar, dass es tragbare Instrumente sein müssen, weil sich die Musiker*innen bewegen werden. Und sie sollten einen Bezug zu Bienen oder ihren Produkten haben. Tatsächlich habe ich einen Bezug zu Bienenwachs beim Rohrbau von Doppelrohrblatt-Instrumenten gefunden. Der Bindfaden, mit dem das Rohr an die Hülse gebunden wird, wird vorher mit Bienenwachs befettet, um die Elastizität und die Reißfestigkeit zu erhöhen. Außerdem verschließt das Wachs die feinen Spalten, die beim Binden entstehen. Das Hümmelchen ist wie die Oboe ein Doppelrohrblatt-Instrument und ist zum ersten Mal in der Renaissance in Erscheinung getreten. Eine Deutung des Wortes „Hümmelchen“ verweist auf die Verkleinerungsform von „Hummel“, da eine Klangkomponente des Instruments an das Fluggeräusch der Hummel erinnert. Wolfgang Menzel beschreibt in seinem Buch „Mythologische Forschungen und Sammlungen“ von 1842 sogar die sogenannten Dudelsack-Bienen des „neuen Continents“, welche große dudelsackförmige Nester an die Äste der Bäume kleben.

Bild Humming Room; Elisabeth Harnik, Jamilla Balint, Milena Stavric
Humming Room; Milena Stavric, Jamilla Balint, Elisabeth Harnik (c) Isabella Klebinger

Apropos Nester: ein Nebenprojekt des Humming Room macht das Museum der Wahrnehmung um ein Wahrnehmungswerkzeug reicher. Was hat es mit dem nestartigen Humming Booth auf sich?

Jamilla Balint: Diese Summ-Koje ist eher ein Zufall, Milena hat sie aus schall-schluckenden Reststücken konstruiert. Da uns die Leiterin vom Museum der Wahrnehmung schon einmal angesprochen hat, ob wir nicht einmal eine akustische Installation machen möchten, haben wir jetzt die Gelegenheit dazu ergriffen und dieses Objekt, den Humming Booth, umgesetzt. Er ist nun längerfristig Teil der Museumsausstattung. Ich habe bereits psycho-akustische Phänomene für zukünftige Ausstellungskontexte ausprobiert. Zum Beispiel ein Geräusch, bei dem man glaubt, dass es frequenzmäßig ständig steigt oder fällt. Es gäbe viele weitere akustische Phänomen, die sich gut integrieren lassen würden.

Milena Stavric: Die immer wiederkehrende 6er-Form des Projektes hat mich dazu inspiriert. Diese Kopf-Kuppel symbolisiert für mich auch eine Art Schutzzone. Man braucht ja einfach Rückzugs-Räume, das hat auch die Pandemie gezeigt.

Jamilla Balint: Wenn man den Kopf in den Humming Booth reinsteckt, kann man sich kurz nicht orientieren, da innen die Reflexionen fehlen. Manche Menschen empfinden das auch als unangenehm, den Leuten wird teilweise schwindelig. Wir nehmen ja unbewusst durch Reflexionen wahr, in welchen Räumen wir uns befinden. Und wenn der Klang nicht zum Raum passt, ist das ganz eigenartig. Der Museumsraum ist akustisch sehr von Hall geprägt. Diesen Kontrast haben wir im Museum herausgearbeitet. Kinder fangen manchmal ganz laut an zu schreien, wenn sie wieder aus dem Humming Booth treten, weil sie sich plötzlich so laut hören …

Abschließend, gibt es Ideen zur Nachnutzung der Wandelemente des Humming Room? 

Elisabeth Harnik: Wir wollen einzelne Waben der Wandelemente langfristig in Insektenhotels überführen. Auch die Idee, dass man die Wände als Rankhilfen für Efeu verwendet, gibt es. Wir sind für Vorschläge offen.

Milena Stavric: Uns ist wichtig, dass die Konstruktion im Sinne der Nachhaltigkeit in gute Hände kommt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Isabella Klebinger und Michael Franz Woels

 

Links:
Elisabeth Harnik / Humming Room
Elisabeth Harnik (mica-Datenbank)
Museum der Wahrnehmung MUWA
Graz Kulturjahr 2020