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Foto: Michel Löwenherz, Copyright: Gerhard Gruber

„Der Musiker ist beim Stummfilm nicht der wichtigste Teil“ – GERHARD GRUBER im mica-Interview

GERHARD GRUBER ist seit 1988 Stummfilmbegleiter am Klavier. Sein spezieller Zugang ist die Improvisation, die er als direkten und immer neuen Dialog mit dem Geschehen auf der Leinwand versteht. In unzähligen Aufführungen hat er seither national und international um die 550 Filme begleitet, die GERHARD GRUBER unter anderen nach Los Angeles, Mexiko, Mumbai, Hamburg oder Wien führten. In Österreich gilt der gebürtige Mühlviertler als wichtigster Vertreter seines Metiers. Im Interview mit Julia Philomena spricht der Pianist von dem Freiheitsgefühl auf der Leinwand, der Gefahr der Eitelkeit und dem Kino, das nicht in Vergessenheit geraten darf.

Sie sind auf Jazz-Improvisation spezialisiert und gehören heute zu den einflussreichsten, aktiven Musikern, die Stummfilme musikalisch begleiten. Was war ursprünglich ihr Zugang zur Musik?

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Foto: Elisabeth Dworschak, Copyright: Gerhard Gruber

Gerhard Gruber: Ich erinnere mich, dass ich schon mit sechs Jahren in der Wiese gesessen bin und auf der Ziehharmonika improvisiert habe, lange bevor ich überhaupt wusste, dass Noten existieren. Das freie Spielen, die impulsive Herangehensweise an die Musik waren immer wesentlich für mich. Wahrscheinlich ist es deswegen nur logisch gewesen, dass ich mich später auch der Jazzmusik gewidmet habe. Dem Klavier habe ich mich eigentlich, speziell als Berufsmusiker, relativ spät verschrieben, nämlich erst mit 12 Jahren. Ich bin auf ein Internat gegangen, hatte wenig Klavierunterricht, nur eine halbe Stunde die Woche, war aber besessen von der Musik.

Wie haben Sie den Stummfilm für sich entdeckt?

Gerhard Gruber: Für mich waren Stummfilme und Musik lange Zeit getrennt voneinander. Erst 1988 hatte ich im Alter von 37 Jahren meine erste Aufführung in Linz als Stummfilmpianist für Chaplin-Filme. Ich bin damals sofort in diese neue Welt hineingefallen, habe Feuer gefangen, meine Ohren waren knallrot. Ich kann mich gut erinnern. Damals habe ich meine Leidenschaft entdeckt.

„Ich habe die Stunden bis zu den Film-Abenden gezählt.“

Welchen Stellenwert hatte der Film in Ihrer Internatszeit? Gab es ein prägendes Filmerlebnis?

Gerhard Gruber: Prägend war in meiner Internatszeit vor allem die Empfindung, dass die Leinwand ein Fenster in die Freiheit ist.  Das kann man wahrscheinlich nur verstehen, wenn man selbst in den 1960er Jahren im Internat gewesen ist.  Eingesperrt in einer Eliteschule, gemeinsam mit den Professoren. Wenn ich abends auf das Klo gegangen bin, konnte es sein, dass mein Englisch Lehrer neben mir steht. Sehr unangenehm. Das Privatleben hatte immer Einfluss auf das Schulleben und umgekehrt. Ich habe mich sehr gefangen gefühlt, Freiheit kannte ich nur in meinen Gedanken und auf der Leinwand. Einmal in der Monat wurde im Internat ein Film gezeigt, von Buster Keaton oder Chaplin zum Beispiel. Das waren Filme, in denen es eigentlich um die Verlierer ging, um heimatlose Träumer, die durch rebellisches, unangepasstes Verhalten überlebt haben und erst dadurch zu Gewinnern geworden sind. Das hat mich sehr berührt. Ich habe die Stunden bis zu den Film-Abenden gezählt.

Ist der gesellschaftspolitische Aspekt des Kinos für Sie ein wesentlicher?

Gerhard Gruber: Ein vermittelter Freiheits-Gedanke wird mich im Film immer besonders ansprechen und packen, das mit Sicherheit.  Aber grundsätzlich finde ich es nicht falsch, Filme zu zeigen, denen ich inhaltlich kritisch gegenüber stehe. Weil diese Filme Teil der Geschichte sind und ich als Pianist der Gegenwart die Möglichkeit habe, auf Inhalte zu reagieren. Ich kann die Bedeutung lenken, die Bildebene musikalisch kommentieren und ich muss sagen, es gibt leider wirklich erschreckend viele Stummfilme, die in puncto Rassismus besonders schlimm sind.

Sie haben auf der ganzen Welt gespielt. Inwiefern unterscheidet sich das jeweilige Publikum? Die Aufmerksamkeit? Die Wertschätzung und Hingabe?

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Foto: Elisabeth Dworschak, Copyright: Gerhard Gruber

Gerhard Gruber: Das Schöne ist, wir sind alle wirklich total gleich. Auch die Reaktionen sind sehr ähnlich. In Österreich ist der Stummfilm leider generell nicht mehr sehr en vogue, in Deutschland zum Beispiel oder in Italien gibt es eigene Stummfilm-Festivals. Im Vergleich dazu sieht es in Österreich dürftiger aus. Auch als ich in China gespielt habe, war ich sehr überrascht, wie jung das Publikum gewesen ist. Ich hätte in Peking, aber auch in Shanghai – dort waren etwa 1000 Leute – nicht damit gerechnet, dass sich die junge Generation offensichtlich so stark für den Stummfilm begeistert. Junge Leute seien müde von den Blockbustern, wurde mit dort gesagt, und hätten das Bedürfnis nach Reduziertheit. Ich glaube nicht, dass die chinesische Jugend mit dieser Ansicht damit alleine ist. Gäbe es in Österreich mehr Aufmerksamkeit, würde man Stummfilme, vielleicht generell alte Filme stärker bewerben. Dann wäre mit Sicherheit auch das Interesse größer.

„Der Musiker steht mit dem Film nicht in einer Konkurrenz, ganz im Gegenteil, wir sind befreundet.“

In einem Interview meinten Sie: „Jenseits dieser Betrachtungen würde ich sagen, dass für einen jungen Musiker, der sich der Stummfilmmusik nähert, eines sehr wichtig wäre: sich selber zu vergessen. Das heißt, die akademischen Regeln und die Pflichten der klassischen Komposition zu vergessen, um klanglichen Wegen zu folgen, die vom Fluss der Bilder hervorgerufen werden. Und hauptsächlich wird man das eigene Ego vergessen müssen.“

Gerhard Gruber: Ein Stummfilmmusiker spielt kein Konzert, das ist ein wichtiger Ausgangspunkt. Der Musiker ist beim Stummfilm nicht der wichtigste Teil. In diesem Sinne ist die Reduktion ein wichtiger Punkt. Das Ablegen der Eitelkeit. Auch ich habe am Beginn meiner Karriere viel zu viel gespielt. Der Musiker steht mit dem Film nicht in einer Konkurrenz, ganz im Gegenteil, wir sind befreundet. Das sind zwei Ebenen und die dritte ist das Publikum. Und das Publikum ist sogar besonders wichtig für mich, weil ich mein Spiel natürlich teilweise bewusst oder auch unbewusst an Reaktionen anpasse. Es würde deswegen auch keinen Sinn machen, mich auf die Filme vorzubreiten. Wichtig ist, dass man nicht der Beste oder die Beste sein möchte – mit der Einstellung spielt man besonders schlecht. Desto unbefangener der Zugang, desto besser das Ergebnis. Ich muss konzentriert, aufmerksam, neugierig und wahnsinnig schnell sein. Der Geist muss schnell sein, das ist der Schlüssel zu einer gelungenen Improvisation.

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Foto: Elisabeth Dworschak, Copyright: Gerhard Gruber

„Es ist manchmal traurig zu beobachten, dass meine Arbeit vor allem in Österreich den Wert verliert.“

Ilse Aichinger hat über Sie einen Text geschrieben „Er improvisiert auf dem Klavier zu Stummfilmen, in dem Dreieck, in dem auch ich mich oft bewege: zwischen Metro-Kino, Breitenseer Lichtspielen und Filmmuseum – nicht Bermuda, aber doch der sicherste Ort, um zu verschwinden.“  Wie lange spielen Sie schon in Wien, wie haben sich diese orte im Laufe der Zeit für Sie verändert?

Gerhard Gruber: Seit 31 Jahren arbeite ich jetzt als Stummfilmmusiker und natürlich hat sich vieles verändert. Ich mache heute nicht mehr alles, vor allem nicht zu jedem Preis. Es ist manchmal traurig zu beobachten, dass meine Arbeit vor allem in Österreich den Wert verliert.  Zu den Breitenseer Lichtspielen zum Beispiel habe ich wirklich eine sehr besondere Verbindung und ich würde mir wünschen, dass dieses Kino nicht in Vergessenheit gerät. Das Kino liegt direkt an der U3, das Argument, es sei so weit draußen, stimmt einfach nicht.

Stichwort Vergessenheit: Sie widmen ihrer Kunst der cinematographischen Vergangenheit. Wie stehen Sie zum Tonfilm? Gab es die Angeboten, Filmmusik für neue Werke zu komponieren?

Gerhard Gruber: Für mich sind Stummfilm und Tonfilm komplett voneinander getrennt. Das sind unterschiedliche Medien für mich. Beim Stummfilm sagt man, die Musik darf nicht auffallen, nicht störend sein. Umgekehrt schaue ich mir selbst am liebsten Filme an, von denen ich weiß, dass ein guter Komponist für die Musik verantwortlich war. 2008 habe ich selber tatsächlich Filmmusik komponiert, für den österreichischen Stummfilm „Cafe Elektrik“.  Aber auch in dem Fall habe ich improvisiert. Die Improvisation ist und bleibt der schönste Aspekt für mich, denn sie bedeutet Offenheit und Kreativität. Die wahrscheinlich schönsten Herangehensweisen an Musik, aber auch ans Leben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Julia Philomena

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