Lukas Schiemer
Lukas Schiemer

„Der Humor und die Satire eröffnen viele Perspektiven“ – Lukas Schiemer im Porträt

Der Jazzsaxophonist Lukas Schiemer ist ein vielseitiger Musiker, der gerne anpackt und Ideen in die Tat umsetzt. Eine besondere Note erhält seine Musik durch die Lust auf musikalische Theatralik und die Satire. In der von ihm gegründeten Band Barry Good verbindet Lukas Schiemer Jazz mit hippen und zeitgemäßen Elementen. Daneben lässt er seiner Kreativität in der musikalischen Improvisation freien Lauf. In diesem Genre entdeckte er auch das kreative Potenzial, das ihm die Live-Elektronik bietet.

Auch im Purzelbear Swing Club und in der Freejazz-Popmusik-Kapelle Rosi Spezial musiziert Lukas Schiemer. Aktuell widmet er sich im Trio Baldachin gemeinsam mit einer Rhythmikerin und einer Schauspielerin dem experimentellen Theater. Leonie Bruckner und Leni Pöcksteiner haben das Hörspiel „Fünf Mann Menschen“ von Ernst Jandl und Friederike Mayröcker für sich entdeckt und erzählen nun in der Musik Performance „Solange es Kinder gibt“ grotesk, witzig und melancholisch von zentralen Lebensereignissen. Im Gespräch mit Silvia Thurner berichtet Lukas Schiemer von seinen musikalischen Ideen und Bandprojekten sowie Theaterarbeiten und gibt Einblicke in die Übersetzung des Jandl/Mayröcker-Hörspiels in ein Bewegungs- und Musiktheater.

In Ihrer Biografie ist zu lesen, dass Sie von Vielem wenig halten und den Rest großartig finden. Was meinen Sie damit?

Lukas Schiemer: Ich halte viel davon, Dinge einfach zu tun. Wenn ich mir etwas in den Kopf setze oder eine Idee habe, dann finde ich es schön, Projekte ohne Umschweife in Bewegung zu setzen. Was mich wahnsinnig nervt, ist, zu viel um den heißen Brei herum zu reden oder ewig lange nur zu theoretisieren.

Prägende Künstlerpersönlichkeiten

Sie haben in Wien am Konservatorium und an der Musikuniversität studiert. Wer waren Ihre Lehrer?

Lukas Schiemer: Nach dem Bachelorstudium am Konservatorium Wien habe ich Instrumentalpädagogik an der Universität bei Wolfgang Puschnig studiert. Von ihm habe ich viel Spirit mitgenommen. Nach dem Bachelor bin ich zu Klaus Dickbauer und habe dort den Master gemacht. Klaus Dickbauer spielt sehr explosiv, das hat mich ebenfalls sehr beeinflusst. Unter anderem habe ich auch bei Matthias Rüegg und Gerd Hermann Ortler studiert und bei ihnen wichtige Inputs für das Komponieren erhalten.

Theatralik in der Musik

Stimmt der Eindruck, dass Ihnen das theatralische Moment in der Musik sehr wichtig ist?

Lukas Schiemer: Ich denke oft konzeptionell, im Gesamten. So stelle ich mir schon von Anfang an die Situation vor, in welcher Form ein Stück aufgeführt wird. Beim Stück „Spiel uf Zitt“, das ich für den interkulturellen Verein Motif und die Produktion „Playing for Time“ von Arthur Miller geschrieben habe, kommt das zum Beispiel besonders gut zum Ausdruck.

Welche Rolle spielen Satire und Gesellschaftskritik in Ihren Projekten beziehungsweise bei den Bands, in denen Sie mitwirken?

Sowohl Satire als auch Gesellschaftskritik spielen in meinen Arbeiten eine große Rolle. Mir ist Humor sehr wichtig. Ich finde, dass Humor sehr vieles leichter machen kann und uns auch Perspektiven eröffnet, die uns sonst verschlossen bleiben würden, vor allem wenn man mit anderen Menschen kommuniziert. Mich nervt es oft, wenn man sich selbst so ernst nimmt, dass man nicht über sich selbst lachen kann. Ich hatte darüber auch schon einige Diskussionen, weil Mitmusiker Dinge, die ich mache, als unpassend oder gar unprofessionell empfunden haben.

Experimentelle musikalische Ideen

Ist die Live-Elektronik ein integrativer Bestandteil Ihrer Musik?

Lukas Schiemer: Mit Marc Vogel zusammen habe ich in Ermangelung eines Triopartners angefangen, Live.Electronik einzubauen, die es mir erlaubt, spontan und kreativ zu agieren. Die vielen Möglichkeiten inspirieren uns und unsere Musik sehr und sind für meine eher experimentellen Projekte bedeutend.

Sie haben schon bei mehreren musiktheatralischen Produktionen mitgewirkt. Waren das Auftragsarbeiten?

Lukas Schiemer: Ja. „Wast Wohin?“ von Felix Mitterer war eine Auftragsarbeit für die Luisenburger Festspiele 2012, dafür habe ich Streichquartettstücke komponiert. „Platz da!“ ist im Rahmen von Schule macht Musik in Kooperation mit dem Landestheater Vorarlberg 2013 entstanden. Auch die Zusammenarbeit mit dem Kulturverein Motif war eine Auftragsarbeit.

Ein Hörspiel mit Rhythmik und Bewegung neu entdecken

Das aktuelle Projekt „Solange es Kinder gibt“ bezieht sich auf das Hörspiel „Fünf Mann Menschen“ von Ernst Jandl und Friederike Mayröcker aus dem Jahr 1968. Wie sind Sie zu diesem Stück gekommen?

Lukas Schiemer: Die Bewegungspädagogin Leonie Bruckner hat das Stück entdeckt und uns, das Trio Baldachin, zur Zusammenarbeit eingeladen. Dieses Hörspiel ist großartig, so verrückt und gleichzeitig aktuell, obwohl es so alt ist. Die Frage der Individualität steht im Mittelpunkt und die ist zeitlos.

In welcher Form haben Sie das Hörspiel für Ihre Inszenierung adaptiert?

Lukas Schiemer: Leonie Bruckner und die Schauspielerin Leni Pöcksteiner haben das Konzept entworfen. Danach haben wir viel miteinander geprobt, gespielt, Ideen ausgetauscht und geschaut, wo wir uns musikalisch als Trio Baldachin einbringen können. Wir haben nicht sehr viele Textpassagen mit Musik verbunden, denn der Text soll für sich selbst stehen. Quintessenz sind szenische Darstellungen, in denen der Rhythmus und die Bewegung eine große Rolle spielen. Ich habe auch zwei Kompositionen geschrieben. Vor allem das Lied „Koks“ beinhaltet viele Wortspiele und Silbenwiederholungen.

Jugendliche ansprechen

Zu diesem Stück haben Sie auch ein Vermittlungsprojekt für Jugendliche ausgearbeitet. Welche Intentionen stehen dahinter?

Lukas Schiemer: Mit Vermittlungskonzepten kann man ein ganz anderes Interesse befriedigen. So kommen wir an Schüler und junge Leute heran, die wir sonst nicht erreichen. „Solange es Kinder gibt“ spielen wir für und mit Schülern des BORG Lauterach sowie in Zusammenarbeit mit der Offenen Jugendarbeit Rankweil.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Lukas Schiemer: Mit dem Purzelbear Swing Club nehmen wir im April ein neues Album auf und mit Barry Good bin ich im Juni im Studio. Für beide Projekte komponiere ich neue Werke. Ende Februar spiele ich mit Rosi Spezial bei Aufnahmen mit.

Danke für das Gespräch.

Dieses Interview ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft (2/2018) erschienen.

Termin:

Freitag, 2. März 2018, „Solange es Kinder“ gibt nach dem Hörspiel „Fünf Mann Menschen“ von Ernst Jandl und Friedericke Mayröcker
Leni Pöcksteiner & Leonie Bruckner, Tanz und Schauspiel
Trio Baldachin, Lukas Schiemer (Saxophon, Klavier), Niklas Satanik (Hang, Cajon), Benjamin Schiemer (Sitar, E-Gitarre)

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