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Katie Kern (c) Katie Kern

„Der Bezug zu alten Stilen und Roots-Musik ist ebenso wichtig wie Innovation und Kreativität“ – KATIE KERN im mica-Interview

Die Gitarristin KATIE KERN hat im Rahmen einer Interrail-Reise im Jahr 1992 begonnen, Gitarre zu spielen. Seit 1998 gibt sie Konzerte – unter anderem als Mitglied der Band des österreichischen Jazz-Trompeters Oscar Klein. Seitdem ist sie als Gitarristin, Songschreiberin und Sängerin mit Formationen wie THE ROCKINGBIRDS unterwegs. Ihr neues Album „It is gonna work out“ hat KATIE KERN in Wien und in Nashville aufgenommen. Das Interview führte Jürgen Plank.

Welche Musikrichtungen interessieren Sie?

Katie Kern: Angefangen habe ich mit Blues, aber ich bin sehr schnell auf Countrymusik gekommen. Vor allem auf die traditionelle Countrymusik, die gefällt mir sehr gut. Sie entspricht auch der Musik, mit der ich aufwachsen bin: Klassik und echte Volksmusik. Und ich liebe Jazz, Django Reinhardt war eine große Inspiration für mich. Songwriting interessiert mich in allen Varianten, weil es für mich das Kreativste ist, was Menschen machen können: einen Song zu schreiben.

Worauf beziehen Sie sich mit dem Begriff „traditionelle Countrymusik“?

Katie Kern: Traditionelle Countrymusik fängt an bei Jimmy Rodgers, Hank Williams und Doc Watson und geht weiter bei den Folk-Artists, die diese Musik aus dem musikalischen Volksgut Amerikas mitbegründet haben. Ich habe zum Beispiel eine CD über Virginia, auf der sind nur Lieder aus Virginia drauf. Da gibt es nur Songs über Überflutungen, über Kriege – Alltagsmusik eigentlich. Mich hat immer interessiert, wie Leute ihren Alltag über die Musik beschreiben. Und mich interessieren natürlich die tollen Gitarristen, wie Albert Lee und Danny Gatton, aber auch moderne Gitarristen wie Vince Gill und Brent Mason.

Warum interessiert Sie als Gitarristin diese Musikrichtung?

Katie Kern: Ich finde Countrymusik enorm interessant, weil man alles einbauen kann, von Blues über Jazz und bis hin zur Klassik. Alles ist möglich.

Sie spielen Americana, einen Hybrid aus Richtungen wie Country, Folk, Bluegrass und Blues. Warum ist es heute möglich, auch in Europa Americana zu spielen, ohne den passenden geografischen Hintergrund zu haben?

Katie Kern: Ich denke, es hat in Amerika begonnen, weil es dort eine sehr aktive Musikszene gab und gibt. So eine internationale Entwicklung ist etwas, wohin sich die Musik automatisch entwickeln muss, da die Welt immer kleiner wird. Stile, die man gut kennt, funktionieren auch, wenn man sie geschmackvoll miteinander mischt. Man kann bei uns zum Bespiel als Innovation amerikanische Musik mit Dialekttexten spielen oder man kann afrikanische Musik verwenden. Der Bezug zu alten Stilen, zu Roots-Musik und traditioneller Musik ist ebenso wichtig wie Innovation und Kreativität. Ein Stil darf kein Eisenpanzer, kein Gefängnis sein. Es muss für die Künstlerin beziehungsweise den Künstler immer möglich sein zu sagen: „Ich liebe zwar Beispiel Bluegrass-Musik, habe aber noch nie Baumwolle gepflückt. Das sind keine Texte, die für mich wichtig sind. Ich schreibe daher meine eigene Musik, beziehe mich dabei aber auf alte Stilmittel, weil sie funktionieren und ein gutes Transportmittel sind.“

„Ich habe 2008 jeden Tag auf der Straße gespielt […]“

Sie waren bereits mehrmals in Nashville. Wie war dort der Kontakt zu lokalen Musikerinnen und Musikern?

Katie Kern: Im Jahr 2008 wollte ich unbedingt nach Nashville gehen. Seitdem war ich jedes Jahr drei Monate dort. Ich habe 2008 jeden Tag auf der Straße gespielt, wir hatten ungefähr 40 Grad und ich habe bis zu sieben Stunden lang gespielt. Auf der Straße zu spielen nennt man dort „outside“. Dadurch habe ich enorm viele Leute kennengelernt und bin „inside“ gekommen, in die Clubs. So habe ich mich mit Musikerinnen und Musikern angefreundet. Inzwischen ist es wie eine Familie, wenn ich dorthin komme.

Ist es in den USA auch zu Zusammenarbeiten gekommen?

Katie Kern: Ja, es ist immer wieder zu Aufnahmen gekommen, vor allem mit Bob Saporiti, der früher bei einem Major-Label war. Jetzt schreibt er Songs und hat mich immer wieder für Gitarrenaufnahmen ins Studio geholt. Ich habe in Nashville bei Mike Fried die Gitarren für mein Album aufgenommen. Diese Zusammenarbeiten waren immer sehr fruchtbar, weil ich dabei sehr viel gelernt habe. Die Leute sind sehr relaxed, es gibt in den USA überhaupt keinen Stress: Man macht, was man kann, und es funktioniert oder es funktioniert nicht, aber in meinem Fall hat es immer funktioniert.

Wie haben Sie den Zusammenhalt innerhalb der Musikszene in Nashville erlebt?

Katie Kern: Was mir gut gefällt und was für mich sehr anziehend ist, ist, dass die Musikerinnen und Musiker, die für die Touristinnen und Touristen spielen, alle zusammenhalten, weil es dort sehr hart ist. Die Musiker spielen 4-Stunden-Schichten durch, ohne Pausen – teilweise bis zu zweimal am Tag. Sie verdienen dabei fast nichts. Wenn man aber eine gute Musikerin beziehungsweise ein guter Musiker und auch ein freundlicher Mensch ist, dann wird man in die Familie aufgenommen. Das Unehrenhafteste in Nashville ist, über eine andere Musikerin beziehungsweise einen anderen Musiker zu lästern. Auch wenn die beziehungsweise der noch so zickig oder ungut ist. Man tut das einfach nicht. Das hat mir sehr gut gefallen und das stärkt den Zusammenhalt.

„Ich bin auch deswegen nach Nashville gegangen, weil ich dort das Gefühl hatte, mich freier entfalten zu können.“

Wie fällt dann der Vergleich mit der Szene in Österreich aus?

Katie Kern: Ich habe einen einzigartigen Blickwinkel, weil ich eine weibliche elektrische Gitarristin bin. Diese Kombination ist auch in Nashville ganz selten und gibt es in Österreich fast gar nicht. Ich bin auch deswegen nach Nashville gegangen, weil ich dort das Gefühl hatte, mich freier entfalten zu können. In Nashville erkennen sie sehr schnell, was man gut kann, und das hat mein Selbstbewusstsein enorm gestärkt. Jetzt gibt es aber auch in Österreich eine ganz tolle, junge Szene, in der man sich gegenseitig unterstützt und in der ich mich genauso gut aufgehoben fühle wie in Nashville.



Wie läuft die Musikindustrie in Nashville?

Katie Kern: Ganz wichtig ist das so genannte „Pitching“. Es gibt Labels und Verlage, die sich nur darauf beschränken, Lieder zu produzieren, die dann schon bekannten Künstlerinnen und Künstlern angeboten werden. Auch die Major-Labels in Nashville nehmen selten neue Künstlerinnen und Künstler unter Vertrag, weil sie sich lieber auf Leute verlassen, die schon Millionenerfolge gemacht haben. Dadurch haben sich diese „Publishing Companies“ entwickelt, die aus jemandem bestehen, der für die Werbung und die Promotion zu ständig ist, aus Grafikerinnen und Grafikern sowie Songwriterinnen und Songwritern, die im Akkord Lieder komponieren. Nicht nach Inspiration, sondern von 08:00 bis 17:00 Uhr.

Haben Sie Zugang zu so einem Songwriting-Büro gehabt?

Katie Kern: Ja, einmal hatte ich Zutritt, aber sobald du ein Wort sagst, wenn ein Song geschrieben wird, wirst du sofort hinausgeworfen. Denn in dem Moment, wo du auch nur im Raum bist, wenn ein Song geschrieben wird, musst du als Koautorin beziehungsweise Koautor angeführt werden. Die Leute, die dort schreiben, setzen sich zwar in Gruppen zusammen, aber sie achten darauf, dass sie privat bleiben.

„Ein übergeordnetes Ziel ist, eine positive Message in die Welt zu setzen.“

Was möchten Sie mit Ihrer neuen CD erreichen, wie geht es weiter?

Katie Kern: Mein persönliches Ziel ist, weiterhin von der Musik leben zu können. Ein übergeordnetes Ziel ist, eine positive Message in die Welt zu setzen. Und für Amerika wäre mein Ziel, öfter drüben sein zu können, ohne Einschränkungen durch Aufenthaltsgenehmigungen, und so eine Art Botschafterin zwischen der Szene hier und der Szene dort zu sein. Ich finde, dass es viel mehr Vernetzungen und mehr Zusammenarbeit braucht.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Jürgen Plank

Fotos: Archiv Katie Kern (Denise Fussell)

Live: CD-Präsentation am Donnerstag, dem 3. März 2016, im Wiener Local um 20:30 Uhr